Dienstag

Ich müsste unbedingt mit einem neuen Roman beginnen, aber weil sich die bereits erschienenen so gut verkaufen, zögere ich vor dem Moment zurück, der mich wieder für Jahre an ein Manuskript binden wird, der mich darin verschwinden lassen wird, der mich anketten wird, sodass meine Frau mich nur zu Gesicht bekommt, wenn sie meinen Kopf vom Bildschirm wegreißt und mir Brei in den Mund stopft.

Bin ich erst am Romanschreiben, bin ich für die Welt nicht mehr zu gebrauchen, ich werde zu einem abwesenden Etwas, das keuchend und knurrend ganz in dem Geschehen, das beschrieben und durchlitten werden muss, verschwindet, bis kaum noch etwas von mir übrig ist, bis Suchtrupps zusammengestellt werden müssen, mit Fackeln, die das Arbeitszimmer Meter für Meter abschreiten, weil sie wissen, dass ich irgendwo in der Tiefe dieses Gebiets verschollen bin. Das Romanschreiben ist etwas, das mich auffrisst, zunächst knabbert es am linken, dann am rechten Ohr, es beißt ein Stück Backe aus meinem Gesicht, von der mein Lektor sagt, man solle sie Wange nennen, aber nein, ich bleibe bei der Backe, denn fehlt sie erst, ist es einem einerlei, dass es zu Verwechslungen des Lesers mit der Arschbacke kommen könnte.

Da ich um die Nöte dessen weiß, der sich an ein Romanprojekt setzt, zögere ich den Moment heraus, der mich abermals für siebzehn bis achtzehn Jahre der Familie entreißen wird. Die Kunst des Romanschreibens ist die Kunst des dauerhaften Tauchens, man muss den Mut haben, die Luft anzuhalten, um in die Tiefe zu steigen, nicht für ein oder zwei Minuten, sondern eventuell für ein ganzes Jahrzehnt oder länger.

Meine Frau schläft noch. Ich denke über die Geschichte nach, die ich gestern schrieb und die sich um ein Schaf dreht, das gern Tänzer in einer Disco werden will, das aber an den Türstehern scheitert, die es wegen seiner fehlenden Schuhe und Beziehungen nicht einlassen wollen, sodass es schließlich einen eigenen Club eröffnet, der so erfolgreich wird, dass alle anderen schließen müssen. Ein Hohelied auf die Selbstständigkeit und auf den Kapitalismus, und gerade deshalb so revolutionär. Truman Capote hätte seinen Spaß daran gehabt. Wir saßen oft in New York herum und ich sagte: „Truman, ich habe da diese Idee für eine Schafstory.“ Truman nickte, er bat mich, sie unbedingt aufzuschreiben, aber ich zögerte es Jahr für Jahr hinaus. Nun ist er tot und kann sie nicht mehr lesen.

Manchmal widert einen das Leben, dieses hinausgezögerte Sterben, an.

Guten Morgen, Welt!

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