Sonntag

Meine literarische Laufbahn fing, glaube ich, so genau weiß ich das ja nicht, weil die Erinnerung so ein Ding ist, bei dem man aufpassen muss, an was sie einen erinnern lässt, die Erinnerung, die sich beständig neu bearbeitet, die Film und Cutter und Regisseur in einer Person ist, also nicht in einer Person, sondern in einem Zustand, sie fing also, um auf den Anfang zurückzukommen, mit fünf oder drei Jahren an.

Ich schrieb damals eine Menge Texte mit Kreide auf die Straße, riesige Gedichte, lange Monstergedichte, die sich durch die Straßen der ganzen Stadt zogen, also von Fulda, denn hier bin ich geboren, und hier werde ich wohl auch sterben, auch wenn ich zwischenzeitlich schon in ganz anderen Städten wie Berlin, Mailand, Alaska, Mars-City, Köln usw. war. Die Literaturkritik, die sich gerade mit den neusten Texten, die auf der Straße und an Häuserwänden entstanden, zu beschäftigen begann, schickte ihre besten Leute, um sich anzusehen, was ich da in schweißtreibender Arbeit auf die Straßen gemalt bzw. geschrieben hatte, wie dieses Langgedicht, das später Eingang in „Gedichte des ausgehenden 20. Jahrhunderts“ fand, und über das sich Sigrid Löffler und Marcel Reich-Ranicki in ihrer Sendung „Die Wahrheit über dich, mich und die deutsche Literatur“ in die Haare bekamen, bis sie, Höhepunkt der Peinlichkeiten, vor den Kameras lagen, direkt vor ihnen auf dem Boden und sich bissen und an den Haaren zogen, dass es eine wahre Freude für jeden literaturbegeisterten jungen Mann und jede literaturliebende junge Frau war, die an diesem Abend das Glück hatten, vor dem Fernseher zu sitzen. Sie wollten sich gar nicht, und mein Vater, der sich während der Sendung ein Marmeladenbrot schmierte, mit Erdbeer- oder Nussmarmelade, quittierte es mit einem seligen Lächeln, einkriegen; sie schrien sich an, dass man sich für sie schämte, weil Frau Löffler behauptete, mein Gedicht sei kein Gedicht, weil ein Gedicht dicht sein müsse, es müsse die Worte auf engstem Raum unterbringen, sodass sie bald platzen, weil sie keine Luft bekommen und ihre innersten Geheimnisse verraten, die sie sozusagen mit Schnappatmung dem Leser vor die Füße husten, während Reich-Ranicki auf Uwe Johnson und auf Thomas Mann hinwies, und darauf, dass die nie Straßengedichte geschrieben hätten, und dass die schon gewusst hatten, warum sie nur Weltliteratur fabriziert hätten. Einig waren sich die beiden Kontrahenten darin, dass meine Straßengedichte, vor allem dieses eine große Straßengedicht mit dem Titel „Achim ist doof“ keine Literatur sei, obwohl ich rückblickend behaupten würde, dass meine einmalige Karriere in diesen Tagen ihren Anfang nahm, auch wenn das heute – vor allem für meine Biografen Böhmer und Hagewald – kaum noch recherchierbar ist, weil alle, die dabei waren, sich entweder nicht mehr daran erinnern wollen oder erklären, da hätte auf den Straßen nie etwas gestanden, und wenn ich es dennoch behaupte, müsse es daran liegen, dass mir der Ruhm und der Rum zu Kopf gestiegen seien.

Wie auch immer … Damals begann sie, meine unverzeihliche Laufbahn, die mich in den letzten Jahren an die Spitze der Bestsellerlisten geführt hat.

Unglaublich – aber wahr!

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