Samstag

Regen fällt! Er zieht über die Stadt. Ein dunkler Vorhang, den man vor die Sonne gezogen hat. Als wolle jemand das Zimmer verdunkeln, in dem wir leben. Wir ziehen uns in unsere Spielzeughäuser zurück und lauschen den Schlägen eines verrückten Bongospielers, der jedes Taktgefühl vermissen lässt, bis wir hören, dass es Nadeln sind, kleine Nähnadeln, die dazu eingesetzt werden, unser Nervenkostüm aufzutrennen, statt es zu vernähen.

Draußen wieder, ich habe es mir gedacht, der Regenläufer. Kennen Sie den? Der Regenläufer trägt ein dunkles Cape, das ihn von oben bis unten verhüllt, und nun läuft er, diese unausgefüllte Sprechblase, die Gehwege auf und ab, als gelte es, die Möglichkeiten, die die verlassenen Straßen und Bürgersteige ihm bieten, nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Mal alles mit dem Fuß berühren, und tatsächlich stürmt er in den Vorgarten gegenüber, um den Baum wie ein Hund auf der Jagd zu umrunden. Ich denke schon, gleich wird er sein Bein heben, aber das lässt er dann doch, weil er, ein besorgter Blick zum Himmel bleicht sein Gesicht, weiterhetzen muss.

Ja! Dies ist sein Sommer, der Sommer des Regenläufers, der die Stadt erobert, wenn sie von aller Welt verlassen wurde. Alle sitzen hinter den Scheiben und lauschen, warten darauf, dass die Angriffswellen nachlassen, horchen auf die Nachrichten, die ihnen versprechen, dass das Wetter in einigen Tagen besser wird, als ob das Wetter ein schuldig gewordener Jugendlicher wäre, dem man nicht abspricht, den Weg in die Gesellschaft zurückzufinden.

Nur den Regenläufer stört nichts, jeder Tropfen ist Balsam auf seiner Seele. So muss man es sehen. Und schon biegt er um die nächste Ecke und entschwindet meinem Blick. Der Regen lässt nach. Er muss sich beeilen. Nicht mehr lange und die Leute werden die Gegend zurückverlangen, während er hinter seinem Fenster sitzt und die anderen beobachtet, wie sie in ihren Shorts und T-Shirts lachen und rennen, während er seine Narben im Gesicht wie eine dreidimensionale Landkarte liest, während er darauf hofft, dass der Regen bald wieder einsetzen wird, weil er raus will, raus in die Parks und auf die Bolzplätze, um herauszufinden, wie man sich als einer fühlt, dessen Gesicht nicht bei einem Firmenbrand entstellt wurde.

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