Freitag II

Mein Vater, ich weiß nicht, ob ich schon darüber berichtet habe, war ein berühmter Busfahrer. Mit einer Dauerkarte ausgerüstet, zog er allmorgendlich aus dem Haus. Er stapfte, vornübergebeugt, den Hügel zur Bushaltestelle hinauf, sein Butterbrot in einer Ledertasche, die er unter den Arm geklemmt hatte. Bei Wind und Regen sah man ihn warten. Inmitten von Trauben aus Schulkindern, die ihn grölend umlagerten, die ihn menschlich einrahmten, meinen schweigsamen Vater, der sich auf seinen Stammplatz im Bus setzte und sich zum Zentralen Omnibusbahnhof bringen ließ, wo er in eine andere Nummer einstieg, die 4 oder die 7. Welche es am Ende war, überließ er seinem Herzen, das ihn im Alter von 63 in Bulgarien im Stich ließ, vielleicht, weil er es zu oft hatte sprechen lassen und es vom vielen Diskutieren mit der Welt müde geworden war.

„Dein Vater“, pflegten die Leute zu mir zu sagen, „ist einer der besten Busfahrer, die diese Stadt jemals hatte. Er versieht seinen Dienst ernsthaft. Das kann man nicht von allen sagen.“

Und so gondelte er durch die Straßenkanäle der Stadt und besah sich alles ganz genau. Indem er es sah, lebte es in seinem Bewusstsein. Alles griff er mit seinen Augen auf: Frauen, die mit Tüten bepackt, kleine Kinder an der verbliebenen linken oder rechten Handfläche, nach Hause wackelten, Betrunkene, die sich mathematische Formeln notierten, von denen sie behaupteten, sie würden den Beweis für die Existenz Gottes erbringen, einsame Gestrandete, die unter einem Baum in die Ferne blickten, hin zum Horizont, der nie das erbrachte, was sie sich erträumten. Mein Vater packte sie in seine Hirntasche und führte sie heim zu uns, nicht um darüber zu berichten, denn das wäre einem Verrat an all den Menschen, die sich seinem Blick aussetzten, gleichgekommen, sondern um sie in seine Träume mit hinein zu nehmen, wo er sie wiederkäute, wieder und wieder, bis er sie „von was auch immer“ erlöste. So zumindest bilde ich es mir ein.

Er war ein komischer, tragischer Mann, der sich in seiner Kunst ein Zuhause geschaffen hatte.

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