Glusemarkt und Reibefleiß

Eine kindische Geschichte ohne Punkt und später noch ohne Komma, dafür mit einer Zeichnung von Daniela Kulot

Der Punkt, so erfährt Viktor, als er an diesem Morgen aufsteht und sich die Augen reibt, ist entkommen, er hat sich aus dem Sprachuniversum geschlichen, er ist einfach abgehauen, entschwunden, vielleicht ist er aber auch entführt worden, sagt Viktors Vater und streicht sich mit seiner rechten Hand über die Glatze, nachdenklich, weil ihm seine Haare ja auch entführt wurden, allerdings ohne dass sich jemals Entführer gemeldet hätten, sodass er seit dem Tag dieses schäbigen Verbrechens ohne Haare durch den Alltag schreiten muss, so wie es nun die Menschen tun sollen, alle Menschen, die doch bis zu diesem Tag mit dem Punkt lebten, die es gewöhnt waren, einen Punkt zu machen, einen zu setzen, wo fortan Kommas wie Stolpersteine hängen sollen, einmal ganz abgesehen von der Erschöpfung, denkt der haarlose Papa, die Erschöpfung, die die Menschen dahinraffen wird, weil keiner mehr einen Punkt macht, weil jeder den Satz, den er begonnen hat weiter- und weiterführt, bis er irgendwann vor lauter Erschöpfung aus den Schuhen kippen wird, ja, flüstert der Papa der Mama ins Ohr, die Menschen werden den Verstand verlieren, sagt er zur Mama, die auf ihren Sohn einspricht, weil sie keinen Punkt setzen kann, weil sie ihren Satz nicht beenden kann, bis ihr einfällt, wie man sich retten kann, nämlich indem man den Satz einfach ins Leere laufen lässt, bis sie sich erinnert, dass ein Satz, der ins Leere läuft, mit drei Punkten dorthin springt, es ist also unmöglich, sie ist gefangen im Reich eines einzelnen unendlichen Satzes, es ist grauenvoll, es wird nicht enden, sie sieht ihren Sohn an, der sie anblickt, der ein Wort mit den Lippen formen will, aber nein, schreit die Mutter und patscht ihre Hand auf seinen Mund, damit er nichts sagt, denn wenn er spricht, dann ist er verloren, so endgültig verloren wie sie alle, die sich zu einem ersten Wort hatten hinreißen lassen, zu einem ersten Wort, sagt sie soeben zu ihrem Sohn, und dann spricht sie von seiner Kindheit und seiner Vor-Kindheit, sie erzählt von den Großeltern, sie sucht nach Klebeband und versiegelt damit den Mund des Jungen, um ihn so nach unten zu führen, in die Küche, wo sie und der Vater auf ihr Kind einsprechen, mit einer Unmenge von Wörtern, bis ihnen die Wörter ausgehen und sie anfangen, neue Wörter zu erfinden, Wörter wie Glusemarkt und Reibefleiß, denn ihr Leben, denn unser Leben, rufen sie gleichzeitig, muss ja weitergehen, und jetzt iss deinen Teller leer, schreien sie, mit Schweiß auf der Stirn, mit Flusen auf der Zunge, die sich in den nächsten Wochen lösen werden, Viktor sieht es vor sich, sie werden aus dem Mund fallen, ihre Zungen werden in der Wohnung liegen, und alle werden ein Fest feiern, weil Ruhe eingekehrt sein wird, man wird sich in die Arme nehmen und die Stille genießen, die Abwesenheit von Worten, denn Reden ist Silber, aber Schweigen ist Gold, sagt der Vater und wedelt aufgeregt mit den Armen, während die Mutter sich plötzlich verschluckt, um dann weiterzureden diesmal ganz ohne Punkt und Komma das kann doch nicht sein sagt sie sie schnattert aufgeregt wie eine Gans kann nicht sein wo ist denn das Komma sie beginnt es zu suchen sie und der Vater aber sie finden es nicht ihr könnt es euch wohl denken

 

kulot1

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