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Funkenmariechen des Todes

Das Jahr, in dem ich das Gewehr meines Vaters war

Ich hatte ja wieder einmal einen Auftrag zu erledigen. Aber darüber berichte ich erst im nächsten Kapitel.

Hier will ich von meinem Vater erzählen. Hochgewachsen. Ein Turm von einem Mann. In seinen Haaren nisteten seltene Vögel. Er spießte die Wolken mit einzelnen, abstehenden Haaren auf. Es kam auch mal vor, dass er eine Passagiermaschine durchbohrte.

Das Haar riss den Boden auf und schob sich oben wieder heraus. Druckabfall. Geschrei. Und das nur wegen eines einzelnen Haars. Kinder, die sich an dem Haar festhielten. Dachten, es wäre ein Baum. Und während man stirbt, kann man klettern. Die Kinder dachten nicht ans Sterben. Ans Verrecken noch weniger. Auch nicht ans Abnibbeln. Die sahen den Baum und wollten sehen, wer schneller hochkam. Die Erwachsenen zerrten an ihren kleinen schreienden Bälgern, schrien, sie sollten sich zusammenreißen, es werde schon alles gut ausgehen, man werde zwar zerschellen und verbluten, man werde tausend Tode sterben, aber das sei ja kein Grund, so ein Geschrei zu veranstalten.

Die Flieger rasten meinem Vater massenhaft in die von Haarwachs verklebten Haare, so dass man schon bald die Flugrouten änderte, man flog nicht länger über unser Heimatdorf.

 

Ein Schütze war er, mein Vater. Er trug ein Gewehr im Arm. Er schaukelte es wie ein Baby, sprach auf es ein, fütterte es mit Kugeln, ließ es sich erbrechen. Sein Babygewehr wurde auf alles gefeuert, was als „bewegliches Ziel“ auszumachen war. Er schoss auf die Autos der Nachbarn, auf die Nachbarn.

Ein Mörder war er nicht. Er liebte halt den Schussapparat, er liebte das Spannen, Zielen und Feuern.

Er fuhr ja oft mit mir in den Wald hinaus. Wir kletterten auf einen Baum und saßen dort, angespannt und kauten Kaugummi oder einen Müsliriegel.

„Irgendwas wird schon kommen“, sagte mein Vater, „was wir töten können. Ein Elch, ein Wildschwein, ein Nachbar. Ich leg mit meinem Gewehr an und schieß es über den Haufen. Man kann das gar nicht glauben. So ein Wunder.“ Er strahlte mich an. „Hier drückst du, und dort vorne fällt etwas wie ein nasser Sack um. Na, wenn das nicht toll ist. Willst du es denn einmal halten, mein kleines Baby?“

Ich nickte und er überreicht mir seine Todesfernbedienung, er legte sie samtweich in meine buttrigen Hände, und es war mir, als würden das Gewehr und ich verschmelzen. Es drückte sich tief in meine Handfläche, bis man den Kolben gar nicht mehr sehen konnte, weil er zu einem Teil der Hand geworden war. „Du bist ein wahrer Gewehrmann“, sagte mein Vater.

Wenn nichts vorüber kam, wenn sich kein Reh verlief, schossen wir Äste von den Bäumen, Vater ließ sie mit seiner Todesfernbedienung fallen, er schnitt sie aus der Ferne ab. Wenn es jemals ein Wunder gab, dann in Form eines solchen Gewehrs.

Im Schützenverein war er auch, keine Frage. Schützenkönig! Darum verhafteten sie ihn auch trotz der vielen Opfer nicht. Ein König ist König. Der ist unangreifbar. Unverhaftbar. Wir residierten in einem großen weißen Haus, das mein Vater schwarz hochgezogen hatte, in zahllosen Nächten, in dunklen Regennächten, weil er an den Tagen arbeiten musste. Er war bei der Polizei. Gut so. Die kam nie auf den Gedanken, dass man  bei uns in Dosenfeld einmal recherchieren müsste. Wegen meines Vaters! Wer so einen guten Kommissar im Dorf hat, der muss sich nicht fürchten, argumentierte das Polizeipräsidium.

 

Und doch gab es ein Jahr, in dem alles anders war. Mein Vater hatte sein Gewehr verlegt. Oder es war gestohlen worden. Er schwitzte, die Angst um seine Kleine, um seine Geliebte, machte ihn kirre. Er flehte alle an, sie mögen sein Gewehr suchen. Sie mögen es ihm bringen. Ohne seine Fangschüsse würde er sterben, erklärte der Vater. Er ließ die Mutter eine Pressekonferenz abhalten. Von überall aus dem Dorf kamen sie und lauschten der Mutter, die mit zitternder Stimme verlas, was der Vater in der Nacht diktiert hatte. Er drohte dem Dorf. Sollte sein Gewehr nicht auftauchen, würde er das Dorf dem Erdboden gleichmachen. Er würde alles tun, was ihm just in dieser Sekunde der Aufregung nicht einfiel, aber tun, so viel sei sicher, tun würde er es.

Das Gewehr blieb fort. Die ersten Wochen musste mein Vater das Bett hüten. Er trieb seine Traumschafe über die Bettdecke und zählte sie. Stets war da eins, was nicht da war. Es war hinter dem Kissen, am Fußende. Das Leben als Traumschäfer war der reinste Stress.

Nach und nach beruhigte er sich. Die Zeit begann, da er mich umhertrug.

„Komm!“, sagte er. „Ich habe kein Gewehr mehr, drum nehm ich dich.“

Vater befestigte einen Gurt an mir und schob ihn über die Schulter. Da hing ich. Kopfüber. Das Blut schoss mir in den Kopf. Vater zielte mit mir meist auf alte Frauen. Er hielt ihnen meinen Lauf vor das Gesicht und drückte ab. Ich feuerte Speichelkugeln.

Nahezu ein Jahr war ich das Gewehr meines Vaters. Eine wilde und verrückte Zeit, an die ich mich noch heute gern zurück erinnere.

Hörte mein Vater nachts ein Geräusch, griff er nach mir und suchte das Haus ab. Er flüsterte: „Die wissen nicht, dass ich einen Sohn habe. Die armen Irren!“

Er nahm mich auf die Jagd mit, fuhr mit mir nach Schottland in einen Park, der für Jäger war. Wir wohnten dort und schossen beinahe einen Elch. Meine Speichelkugeln hätten ihn verletzen können, wären wir näher an ihn herangekommen.

 

Und dann plötzlich, ohne Vorwarnung, war sein Gewehr zurück. Es glich einem Wunder. Von einem Tag auf den anderen lag es auf den Stufen vor unserem Haus.

„Papa!“, schrie die Mama.

Vater schnappte nach mir, der ich allezeit griffbreit in seiner Nähe stand oder lag. Er stürmte zur Tür hin. Einbrecher? Wo? Bei dem Geschrei musste ein Verbrechen geschehen sein.

„Dein Gewehr“, sagte die Mutter.

Vater erstarrte. Er ließ mich fallen. Wie ein Baum sein Obst. Wie ein Bauer die heiße Kartoffel. Wie die Wolken den Regen.

Vater bückte sich und hob seinen Schatz auf. Keine Fragen! Keine Vorhaltungen! Nichts! Das Gewehr, so dachte Vater wohl, muss schon seine Gründe gehabt haben, auf Wanderschaft gegangen zu sein.

Nie sprach er darüber. Er holte es heim, stellte mich in mein Kinderzimmer zurück und sah mich nicht mehr. Ich verschwand aus seinem Leben. Einfach so!

„Du hättest halt ein Gewehr werden sollen“, sagte meine Mutter und strich über mein Haar. Sie blickte angewidert in ihre Hände, die wie Specksteine glänzten. „Wasch dir wieder mal die Haare.“

Bis heute erinnere ich mich mit einem wohligen Gefühl an die Tage, an denen ich das Gewehr meines Vaters sein durfte. Sie spuken durch meinen Kopf. Sie erzählen mir davon, wie es hätte sein können, wäre ich ein Gewehr.

Traurig wuchs ich in Dosenfeld heran. Ich war eine Zimmerpflanze, die kaum Wasser brauchte. Ich saß hinter meinen Büchern und lernte. Sehnsüchtig blickte ich oft aus dem Fenster. Mein Blick verlor sich in der Ferne. Im Geäst. Im Wald. In der Vergangenheit.

Oft schloss ich die Augen und sah alles ganz klar vor mir. Mein Vater, der etwas gehört hatte, oben auf dem Hochsitz, und der nach mir griff und anlegte und forderte: „Spuck!“

3 Antworten auf „Das Jahr, in dem ich das Gewehr meines Vaters war“

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