Mit ‘wetter’ getaggte Artikel

Montag

22. April 2013

Letzte Meldung. Vorerst!

Ein Wetter. Zugegeben. (Morgen wird vermutlich auch wieder eins sein.) Da sitz ich jetzt hier auf meinem Schreibtischstuhl, den Sie von dort, wo Sie sich befinden, vermutlich nicht sehen können, und bin mit meinem Müdigkeitsdasein beschäftigt, mit einer ganz besonderen Form der abwesenden Anwesenheit also, die meiner Umwelt vortäuscht, ich sei noch da, wo ich doch längst gedanklich am Meeresgrund des Selbst ruhe. Ich bin quasi abgetaucht. Ausgewandert. Ich hab mich abgesetzt! Postkarte nicht ausgeschlossen.

Die Gegend

15. April 2013

Das kann ja mal vorkommen! Oder? Hey, Sie da – ich hab Sie was gefragt? Sie haben das nicht gelesen? Da fangen wir eben gleich noch mal von vorne an, Sie Plage! Das kann ja mal vorkommen, h-a-b-e ich geschrieben. Haben Sie es jetzt? Gut! Dann kann ich weitermachen. Nur, besser geht es mir durch Ihre Aufmerksamkeit auch nicht. Weil, deshalb schreibe ich Ihnen ja heute! Weil es mir nicht gut geht!

Das kommt heutzutage vor, habe ich gelesen. Eine gewisse Traurigkeit hat sich der Menschheit bemächtigt. Und bei mir hat sie ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden. Dabei ist ja alles prima! Das Wetter! Hervorragend! Da müsste man eigentlich singen. Und ich? Nix da! Ich sitz da und schau traurig in die Gegend rein. Und juckt die Gegend das? Weit gefehlt. Die Gegend liegt da und ist. Dasein, nennt sich das. Ist da und liegt rum, als ob nichts wäre. Eine ganz oberflächliche Gegend, da werden Sie mir recht geben. Mit so einer Gegend kann man keinen Friedenspreis gewinnen. Einen Krieg auch nicht. Die ist so gut wie … Die … Man könnt sie abschaffen, die Gegend, das würd ihr selbst nicht mal auffallen, so desinteressiert wie die tut.

Da kann es einem ja nicht gut gehen, wenn man in so einer Gegend wohnt, die so wie diese Gegend ist. Jetzt bekommen Sie allmählich eine Ahnung, warum es mir so schlecht geht. Umziehen würde auch nichts helfen, weil die Gegend überall ist. Also die Gegend im Allgemeinen, auch wenn sie woanders anders aussieht wie die Gegend hier. Aber Gegend bleibt Gegend. Das weiß doch ein jeder, der schon mal blöd in die Gegend gestarrt hat. So eine Gegend, die sieht dich an, als ob du nicht da wärst. Die schaut glatt durch dich hindurch. Als ob du auch eine Gegend wärst. Keine Ahnung hat die von einem Menschen.

Ich hab die Schnauze voll. Ich lass mich doch von der Gegend nicht länger ärgern. Ich werd sie ignorieren. Werd mich zurückziehen, hier herein in mein Wohnzimmer. Soll sie doch draußen bleiben und verrotten, die Gegend. Mich juckt das nicht.

In meinem Wohnzimmer wird es mir schon besser gehen. Das Wohnzimmer, das ist eine Art Urlaub von der Gegend. Da kann die Seele aufatmen. Mal in den Fernseher gucken und sehen, was in anderen Gegenden der Welt so los ist. Nur Krieg. Nur Elend! Zugegeben, da kommt man rasch an den Punkt, so schlecht ist meine Gegend gar nicht. Und dann geht es einem auch schon wieder besser. Da kann man auch wieder vor die Tür. Am nächsten Tag. Oder so! Rausgehen! Und die Gegend genießen!

Montag

4. März 2013

Das ist mal ein Wetter. Der Schnee wehrt sich noch. Reste von ihm. Kadaver.

Verrotte doch, dachte ich und bat die Sonne noch ungnädiger zuzuschlagen. Sie wollte ja, aber feige Schneekrumen zogen sich behände unter den Schatten eines Baumes zurück. So nicht! Ich schaufelte den Unhold auf die Straße, diesen Vampirabschaum. Da lag er und schrie. Ahhhh! Um ihm keine Chance zu geben, rammte ich ihm noch einen Pfahl ins Schneeherz. Der zerbarst. Schlechtes Material, nicht für Straßen gemacht, dachte ich.

Ich machte die Nachbarschaft auf den Schnee, der sich verstecken wollte, aufmerksam. Sie gaben mir recht. Wir gründeten sofort eine Bürgerwehr. Hier wird ab sofort gehängt, wer nach Frost aussieht.

So nicht

10. Februar 2013

Ein blauer Himmel, der kann einen recht überraschen, vor allem, wenn es ihn seit Wochen nicht mehr in die Gegend, die man bewohnt, verschlagen hat. Da streckt man seinen Kopf zum Fenster hinaus und stößt ihn sich beim Reinziehen, weil das Denkoberhaupt erschrocken ist. Mit so einem Blau hat die Gehirnstube nicht gerechnet, im Gegenteil, sie hat sich längst auf Jahre voller Betrübnis und Bitterkeit eingestellt. Abgefunden hatte sich das Bedenkinstrumentarium mit dem Unvermeidlichen, als sich plötzlich aus heiterem Himmel sozusagen eine andere Wetterlage bietet. Mit so etwas muss ein Kopf erst zurechtkommen. Und wenn sich aus Osten das nächste Tief ankündigt, ist man froh, weil sich damit eine gewisse Stabilität der bekannten Verhältnisse wieder einstellen wird. Das Unbekannte, auch wenn es nur ein wolkenfreier Seelenspielplatz ist, kann einem eine gewisse Angst in die Glieder schießen lassen. Der Regen, so redet man es sich ein, wird die knirschenden Knochen von dem unangenehmen Gefühl reinwaschen.

Schönes Wetter, schön und gut, aber bitte sehr nicht in dieser Geschwindigkeit, der Mann dieser Zeilen ist schließlich nicht mehr der Jüngste.

Zwischennotiz

16. Januar 2013

Wenn man erst an seinem Schreibtisch sitzt, ist alles zu spät. Jetzt will etwas geschrieben werden, auch wenn es lieber ungeschrieben bliebe. Sitzt im Kopf und will nicht vor die Tür. Bei dem Wetter kein Wunder.

Vielleicht den einen oder anderen Aphorismus zimmern. Ein Spruch, der den Leser zum Mitdenken auffordert. Da wird er dankbar sein, der Leser. Oder eben auch nicht.

Ist ja heutzutage so eine Sache mit den Lesern, die inzwischen aus allen Bildungsschichten kommen dürfen. Das hat man nun davon, nicht mehr nur in Latein zu schreiben und zu predigen. Dessen ich überhaupt nicht mächtig bin. Muss man ja nicht zugeben. Und Asterix habe ich gelesen, bin also nicht ganz unbeleckt. Immer mal etwas erwähnen, was offene Münder hinterlässt. Das erhöht die Distanz zwischen mir und dem Leser. In beide Richtungen – klar.

Die Frau und die Tochter waren bzw. sind beim Zahnarzt, beim Kieferorthopäden, soll das Kind doch Gitterstäbe vor die Zähne bekommen, damit sie lernen, wie man sich in einem Kindermund zu benehmen hat. Mit Gewalt wird den Zähnen beigebracht, was es heißt, ein vollwertiges Mitglied der Kauleiste zu werden. Keine Ausbrecher erlaubt.

Frau rief eben an, dass sie jetzt nach Hause fahren. Alles sei erledigt. Nur ich sitze noch vor meiner Aufgabe, etwas Sinnvolles – die Gesellschaft bereicherndes – zu ersinnen. Die Idee des Aphorismus ist noch nicht aufgegeben, etwas in der Art wie: Volksgesundheit ist das, was mich krank macht.

 

Der Briefwechsel von Jochen Mersmann mit Heiner Lampert (2)

8. Januar 2013

Lieber Heiner,

hier die gewünschten Wörter aus meinem Roman: es, weiter, Wille, Samstag, Menstruation, Hochhaus. Wähl einen anderen Titel für dein Stück. So wird das mit Peymann nie was. Wetter immer noch beschissen.

Jochen

 

Lieber Jochen,

danke für die Wörter. Wir haben sie unseren Bekannten Winfried und Herta Müller gezeigt. Ich glaube, dass sie neidisch darauf waren. Winfried wollte gar nicht glauben, dass es deine Worte wären. Er sei sich gewiss, sie so oder so ähnlich schon einmal gelesen zu haben. Ich konterte mit einem Lachen und dem Hinweis, dass dies gänzlich unmöglich sei. Hier auf dem Land leben eben recht einfältige Menschen.

Peymann hat auf meinen letzten Brief wieder nicht reagiert. Ich denke nicht, dass ich meine Stücke noch von ihm inszenieren lassen möchte.

Die örtliche Theatergruppe zeigt übrigens Interesse an “Der lange wirre Weg, den ich an einem 8. Dezember verließ”. Ich meine mich erinnern zu können, dir daraus vorgelesen zu haben.

Richter plant ein weiteres Treffen der Gruppe 47. Sollten wir wider Erwarten nicht eingeladen werden, muss ich dieses andauernde Desinteresse als Neid werten.

Schade, dass du nur Karten schreibst. Der Schinken war wohl aufgebraucht?

Dein Heiner


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