Mit ‘schnee’ getaggte Artikel

Wertlos

21. Januar 2013

Heute ist alles anders. Der Schnee ist nichts mehr wert. Inflation. Jeder hat Massen davon, selbst im Vorgarten liegt er herum.

Früher haben wir drei Schneebälle gegen sechs Erbsen getauscht. Die Nachbarn hatten nie Schnee. Aber wir. Vater hat ihn in seinen Kühlschrank geschaufelt. Irgendwann genügte nicht einmal mehr die Schaufel. Mit einem Bagger brachte er die Ernte ein. Schneestürme wurden in alles gestopft, was zur Hand war. Einkaufsbeutel von Aldi. Leinensäckchen. Kühltaschen. Und die Jungen aus dem Viertel standen vor unserem Zaun und staunten sich ihre Seelen aus den Leibern. Alle Beschwerden bei ihren Eltern brachten nichts. Sie bildeten eine Schlange, um uns ihre Erbsen zu bringen, bis wir sie nicht mehr nur verschießen konnten, sondern auch Mutter gaben, damit sie einen Eintopf aus ihnen kochte.

Vorbei die Zeiten. Heute ist jeder ein Schneebesitzer. Die weiße Pracht fällt jedem vor die Füße, du musst dich nur bücken und sie von der Straße lesen. Millionäre, wohin das Auge blickt.

Selbst die Armen handeln mit Schnee, sodass er keinen Wert für niemand mehr hat. Die Stadt wirft Salz auf ihn, damit er sich auflöst, damit die Zeiten der Inflation ein Ende finden, damit endlich wieder Schneebälle gegen Erbsen getauscht werden können. Ich denke nicht, dass es noch mal so wird, wie es einst war. Vorbei ist vorbei.

Nebelnotiz

15. Dezember 2012

Die Karottensuppe, die A mir eingebrockt hat, wurde von mir ausgelöffelt, während mein Rücken sich über meiner Last bog. Ich laufe wie ein alter Mann, dem das Ist an Jahren das Gehen als Bürde auferlegt, die er nicht mehr tragen kann. Wie ein vom Schnee beladener Ast fühlt sich mein Rückgrat an. Es würde mich nicht wundern, wenn es in den nächsten Stunden mit einem  Knacken bricht und fällt.

Der Regen, der den Schnee abgelöst hat, läuft zur Höchstform auf. Ein durchtrainierter Kerl, der sich nicht lumpen lassen will. Er weicht alles ein, als würde der Sturmschleudergang erst noch folgen. Ein Waschmaschinentag.

A duscht. Sie steht unter ihrem künstlichen Regen, der wie ein Segen aus dem Duschkopfhimmel schwebt. Das Badezimmer ist von einem Nebel verschluckt worden, der an das künstliche Gebräu aus einem Sherlock-Holmes-Film erinnert. Rufe von Hafenarbeitern könnte man hören, würde man Ohren dafür haben. Auch ein Stock, der das Kopfsteinpflaster von den Straßen reißen möchte.

Ein Tag wie eine offene Wunde. Rot und glänzend, und wunderschön.

Der Nachmittag, den ich nicht bei Kaffee und Kuchen verbrachte

9. Dezember 2012

Ein geplanter Besuch hat nicht stattgefunden. Er ist abgesagt worden. Verschoben. Auf nächste Woche. Ins nächste Wochenende hinein.

Stürme tobten. Schnee fiel. Nicht wenig. Eher viel. Ganze Lastwagenladungen fielen. Ach, was sage ich da. Ganze Planeten aus Schnee fielen auf uns. Begruben uns. Wir konnten uns gar nicht mehr finden. Gruben ein Loch durch die Wohnung. Schossen einen Schneehasen. Wurden blind. Befreiten uns durch eine spontane Wunderheilung. Schlugen Löcher ins Eis. Hätten beinahe gebadet, wenn es nicht so kalt gewesen wäre. Arschkalt. Schlimmer war es. Arschwegfrierendkalt. Dabei hätten wir längst bei Kaffee und Kuchen in M sitzen müssen. Aber auch dort, wir konnten es kaum fassen: Schnee. Schnee, wohin das Auge blickte. Auf den Sesseln, auf dem Klodeckel. Schnee im Mund. Das Sprechen wurde zur Qual. Trotzdem, man ist ja auch Tourist, einige Fotos gemacht. Das muss festgehalten werden. Sonst glaubt es uns niemand. Man wird uns den Eisbär nicht abnehmen, den ich in einem Zweikampf tötete. Anschließend weidete ich ihn aus. Stellte sein Fell bei ebay ein. Entrüstete Mails folgten auf dem Fuß. Was für ein Nachmittag. Wir hätten ausgehen sollen. Dann wären uns die Überlebenskämpfe in den eigenen vier Wänden erspart geblieben.

Die Verwendung des Schweizer Käses in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

9. Dezember 2012

Das überfällt dich. Plötzlich. Du kannst es ja gar nicht aufhalten. Es tritt aus dem Regen oder dem Schnee mit einer geladenen Waffe vor dich. Hände hoch! Rühr dich nicht! Es drängt dich in deine Wohnung. In dein Haus, wenn du eins hast. Hier in der Gegend gibt es viele Leute (man muss sie Leute nennen, weil sie sich selbst Leute nennen, sie nennen sich nie Menschen), die ein Eigenheim besitzen. Es sind große Eigenheime, deren Schatten einen verschlucken können. Monatelang kann man in so einem Schatten laufen, aber man findet nicht mehr raus. Man fragt sich, ob es so etwas wie eine Sonne überhaupt noch gibt.

Ich schweife ab.

Es ging um das, was dich überfällt, wenn du gerade gut drauf bist. Das Schreiben läuft. Du bist wie eine Maschine. Jeder Buchstabe, jeder Satz sitzt. Alle sind sie Treffer in deinem eigenen Körper. Du bist schon ganz hohl davon. Durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Das würdest du nie schreiben, weil sich das nicht gehört. Das Bild mit dem Schweizer Käse konnte man schon öfter lesen. Den Lesern muss von diesem abgegriffenen Bild schon ganz schlecht sein. Sie können es nicht mehr sehen. Keine brennenden Horizonte. Und keine Schweizer Käse.

Der Überfall dient nur dazu, dich am Schreiben zu hindern. Es ist eine Schreibkrise, die da mit einer Strumpfmaske vor dir steht.

Stell dich nicht so an, würde sie am liebsten sagen. Ich bin doch keine Staatskrise. Auch keine Ehekrise. Oder eine Arbeitsmarktkrise. Ich bin nur eine einfache Schreibkrise.

Du kannst sie nicht gebrauchen, das willst du ihr klar machen, während sie dich an den Stuhl fesselt. Sie knebelt dich nicht, weil du von ihr erzählen sollst. Aber mit Schreiben ist nichts.

Und dann sitzt sie auf deinem Schreibtisch und beobachtet dich.

Wie überlistet man sie? Wie brät man ihr eins über und kommt sauber aus der Sache raus? Du müsstest sie später auch verschwinden lassen. Du könntest ihren Körper zerlegen. Mit einer Säge? Du hast doch überhaupt keine.

Was für ein schäbiges Arschloch, denkst du. Stürmt hier rein, so kurz vor dem Weltuntergang und bedroht mich und zwingt mich, nichts über sie oder den Weltuntergang zu schreiben.

Während sich die Krise in der Küche einen Salat und später noch einen Drink zubereitet, durchdenkst du die Angelegenheit wieder und wieder, bis dir schließlich die rettende Idee kommt.

Du beugst dich mit der Nase über die Tastatur (wie konnte diese dämliche Krise dich nur direkt vor deinem Schreibtisch absetzen) und tippst mit der Nasenspitze die ersten Worte einer neuen Erzählung, bis dir einfällt, dass du überhaupt keine Zeit zu verlieren hast. Es muss schneller gehen. Muss eine Notiz werden, die du in deinem Blog sofort veröffentlichen kannst.

Und während deine Nase große Weltliteratur hackt, krümmt sich die Krise bereits auf dem Küchenboden. So wird es was. So kriegst du sie klein.

Sie röchelt. Du hebst den Kopf und liest leise: “Das überfällt dich. Plötzlich. Du kannst es ja gar nicht aufhalten. Es tritt aus dem Regen oder dem Schnee mit einer geladenen Waffe vor dich. Hände hoch! Rühr dich nicht! Es drängt dich in deine Wohnung.”

Wort für Wort stirbt die Krise ein wenig mehr. Sie ist schon ganz hohl, sie sieht – um es wieder mal einzubauen – bereits wie ein Schweizer Käse aus.

 


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