Die kalten Finger des Herrn Tod

“Schreib dir das hinter die Ohren, Arkadi: Das Leben ist eine Faust voll Schnee. Wenn du denkst, du hast ihn sicher in deine Tasche gepackt, kommt der Sommer, du vergisst den Schnee, du unterhältst dich über die Tanzabende in Moskau, und ehe du dich versiehst, hast du den Schnee aus deinem Gedächtnis gestrichen, bis du eines Tages in deine Tasche greifst. Igitt, denkst du, das ist ja ganz feucht. Ist mir der Wodka ausgelaufen? Du engagierst eine Detektei, bis du dich an den Schnee erinnerst, den du vor drei, vier Wintern dort verstautest und der längst verdunstet sein müsste. Ja, aber warum ist er denn nicht verdunstet?, fragst du dich und philosophierst bei einer Flasche Wodka darüber, die du mit einer hässlichen Alten in einer Bretterbude trinkst, die wie das Haus deiner Eltern aussieht. Ja, so ist das Leben, mein Junge!”

Aus “Die kalten Finger des Herrn Tod”, Tagebücher des Dimitri Verscenko

Sonntag

Über Nacht fiel Schnee, ganz gegen meinen Rat. Wintersport ist ja nichts für mich, höchstens er findet erst gar nicht statt. Dann mache ich auch mit. Kopfschmerzen plagen mich. Eine Packung Zigaretten und eine Flasche Wein haben bisher noch jeden Schmerz gelindert. Verliere Brusthaare! Das Ende?

Abends: Unordentlich geruht, was schwerer ist, als es sich anhört. Man muss sich zerknautschen können. Sich zerwühlen. Sich ins Chaos liegen. Nach dem Mittagsschlaf mit Erstaunen das Verstreichen der Zeit registriert. Jetzt Abendrücken, mein Begriff dafür, wenn der Abend näher rückt. Wir sind des Todes!

Superziegelhütergedicht

Ziegelhüter (Gedichte über Traumjobs I)

Ich liebe meinen Job
als Ziegelhüter.
Die Dinger liegen eh nur rum.
Faul wie ich.
Wir sind füreinander
bestimmt.

Später am Abend: Auf dem Dachboden Geräusche, wie sie nur ein Motter verursachen kann. Laut meiner Frau gibt es die gar. Lachhaft. Wurde von einem aufgezogen. Muss mehr Frostschutzmittel trinken, um hier nicht verrückt zu werden.

Dienstag

Ich bin ja etwas in Eile heute Morgen. Gestern bin ich übriges mit Müdigkeit ins Bett. Elisabeth Müdigkeit ist eine ferne Bekannte aus meinen Kindertagen. Sie kam mich schon damals besuchen, um sich mit mir ins Bett zu legen. Sie las mir Geschichten vor, mit ihrer tiefen Brummbärstimme, so wie sie es auch gestern Abend tat. Geschichten über Weihnachten ohne Schnee. Sie las mir das Gedicht mit Wasser vor. Als Kind habe ich in die Hände geklatscht, bis sie schmerzten und man den Doktor rufen musste.

“Das Kind darf nicht mehr klatschen”, erklärte der Doktor meinen Eltern und Elisabeth Müdigkeit. “Binden sie ihm die Hände zusammen und stopfen sie ihm das Maul, damit er keine Zugabe einfordern kann.”

Das waren bittere Tage, die mein Schreiben entscheidend prägten. Ich musste lernen, wollte ich nachts heimlich eine Geschichte verfassen, den Stift in mein rechtes Auge zu klemmen, um ihn mit dem Lid zu halten und zu führen.

Guten Morgen, Welt!

Kein Schnee

Am Weihnachtsmorgen
rennen alle Kinder
an die Fenster:
Kein Schnee!
schreien sie entzückt
und ziehen ihre Gummistiefel
an, um ein Wasserhaus zu
bauen,
und einen Wassermann.
Später rodeln sie
mit ihren Gummireifen
den glitschigen Hügel
hinab.
Weihnachten ohne Wasser,
sagen sie,
das wäre nichts gewesen.

Superschneegedichte

Schneeflocken (Eine Klage)

Heute Morgen
gab es
schon wieder
Schneeflocken.
Ich vertrag die nicht.
Da komme ich
den ganzen Tag
wieder vom Klo
nicht runter.

Schneefall

Von weit und fern
kommen sie und
bewundern unseren
Schneefall.
Das sei der höchste
weltweit.
Unglaublich, dass ich
ausgerechnet hier
geboren wurde.

Schnee treiben

Manchmal trieben
wir den Schnee
hoch bis nach Oslo,
wo er sich erschöpft
unter seine Schneedecke
zurückzog
und von Schneeweißchen
träumte.

Der Schnee schmilzt (Ratschlaggedicht)

Der Schnee schmilzt,
ruft das Kind
entsetzt seinen Vater
an,
der ihm rät,
schneller zu lecken.

In den Schneewehen (Ein rätselhaftes Gedicht)

Sie lag
schreiend
in den
Schneewehen.
Diabolisch grinsend
beugte sich der Arzt
über sie
und forderte:
Pressen!
Verwundert
gehorchte sie.

Kein Schnee

Am Weihnachtsmorgen
rennen alle Kinder
an die Fenster:
Kein Schnee!
schreien sie entzückt
und ziehen ihre Gummistiefel
an, um ein Wasserhaus zu
bauen,
und einen Wassermann.
Später rodeln sie
mit ihren Gummireifen
den glitschigen Hügel
hinab.
Weihnachten ohne Wasser,
sagen sie,
das wäre nichts gewesen.

Freitag

Schnee ist gefallen. Tonnenweise. Alles ist ganz weiß. So überaus weiß. Ich halte diese Weisheit nicht aus. Sie macht mich ganz kirre im Kopf. Ich würde am liebsten hinaus, um das Weiß anzumalen. Rot und grün. Orange. Das ist eine Farbe. Aber Weiß? Weiß ist die Abwesenheit, die Reinheit, die Jungfräulichkeit, die geschändet werden muss. Rasch ein paar Tassen Kaffee und dann raus in die Wildnis. Mit dem Gewehr auf Waschbeckenjagd. Die sollen wieder unterwegs sein. Eisverkäufer und Waschbecken. Ich werde den Wald durchstreifen, werde die Süße von Süßigkeiten im Mund haben, denn nie gehe ich auf die Jagd, ohne zuvor mein Leckermäulchen versorgt zu haben. Leise stapfe ich durch den frisch gefallenen Schnee, ich wühle seine Oberfläche auf, hinterlasse meine Fußspuren darin, um die eine oder andere Spur eines Waschbeckens aufzufinden. Waschbecken sind hinterhältig und gemein. Überfallen sie dich in der Nacht, stülpen sie ihr Becken über deinen Kopf und waschen dich, bis du tot umfällst. Noch schlimmer sind die Eisverkäufer. Sie laden dich zu Erdbeer- oder Schokoeis ein, und ehe du dich versiehst, liegst du mit Magenschmerzen in ihren Eisfächern.

Oh, meine lieben Freunde, wo immer ihr heute Morgen sein werdet, achtet auf euch.

Guten Morgen, Welt!

Waschbecken

Es war einmal
ein Waschbecken,
das wuchs ohne Hahn auf,
sodass es jeden Morgen
verschlief.

Mittwoch

Ich wuchs am kältesten Fleck Osthessens auf. Oft war es so kalt, dass wir an den Möbeln, die aus Schnee waren, festfroren. Wir hatten das Material für unser Haus aus einem nahen Eisbruch geschlagen. Wir fuhren mit unserem Familienhundeschlitten hin, samt Anhänger, den wir beluden. Den Anhänger hatten wir in der Nähe einer Kreuzung aufgegabelt. Er wäre ein Anhänger der Werke meines Vaters, erklärte er. Das verwunderte uns, weil mein Vater weder schrieb noch malte. Er stellte nichts her, was irgendwen hätte verzaubern können. Und trotzdem gab es diesen Anhänger, der meinem Vater fortan nicht mehr von der Seite wich. Es gebe noch mehr wie ihn, sagte er. Sie hätten nicht hierher gefunden. Vielleicht seien sie auch erfroren. Immerhin befände man sich ja am kältesten Fleck Osthessens. Mein Vater nickte und brach sich mit seinem Taschentuch ein Stück Eis von der Nase.

Wir Kinder liebten die Schneeballschlachten. Wir traten gegen die aus Unterdorf an. Es ging heiß her. Niemand gab auf. So kam es, dass wir oft bis zu vier Wochen von zu Hause fort waren. Wir luden unsere Rücksäcke mit Schneebällen voll und zogen zu einem vorher ausgemachten Treffpunkt, der gleichzeitig der Ort der kommenden Schlacht sein sollte.

Mein Bruder Erwin (Name geändert) war ein großer Schneeballkünstler. Niemand konnte die Schneebälle so treten wie er. Stille legte sich über die Eisflächen, wenn er Anlauf nahm, um einen Schneeball im Netz zu versenken. Das Netz hing im Wasser eines Sees. Wir hatten ein Loch ins Wasser geschlagen, damit Erwin den Ball ins Netz katapultieren konnte. Alles sehr kompliziert. Später brach sich Erwin den linken Fuß und musste eine Saison aussetzen. Das beendete seine Karriere als Schneeballspieler. Wir anderen machten noch eine Weile weiter, bis wir das Interesse am Schnee verloren. Wir zogen uns nach Südhessen zurück. Dort gab es Palmen und Strände. Mädchen in Bikinis. Das alles lag uns mehr.

Wir gründeten eine Rettungsschwimmervereinigung, die wir “Söhne Hasselhoffs” nannten. Wir sahen uns alle Folgen von “Baywatch” an. Wir folgten voller Begeisterung den Brüsten von Pamela Anderson, die sich bei jedem Schritt hoben und senkten. Sie waren wie zwei Wellen, Zwillingswellen, die uns zu verschlingen drohten.

Dazu später mehr.

Guten Morgen, Welt!

Samstag

Der Winter kommt auf uns zu. Ich kann seine Anwesenheit bereits riechen. Er stinkt nach Schnee. Der Geruch von Schnee ist kaum auszuhalten. Deshalb leben auch kaum Menschen am Nordpol. Der Mief. Er brachte sie ihm um den Verstand, und die wenigen, die blieben, banden sich Tücher über die Nase. Harte Gesellen, die ihr Land nicht aufgeben wollten. Sie ziehen mit ihren Schlittenhunden von Schneehaufen zu Schneehaufen. Die Hunde werden beinahe verrückt. Sie können das alles noch sehr viel intensiver wahrnehmen.

“Hör ma”, sagte gestern mein Verleger am Telefon.

Ich lauschte. Nichts außer seinem Atem war zu hören. Ein Atem, tödlich wie diverse Giftgase, die aus verschiedenen Chemiefabriken entkommen konnten.

“Ja, interessant”, sagte ich und legte auf.

Mein Verleger ist ein guter Mensch. Er will mich dazu bringen, auf das zu hören, was sonst nicht gehört wird. Er konfrontiert mich mit meinem Ohr, mit meiner Art, zu hören.

Heute kommen wieder die Kinder aus meinen ersten zwanzig Ehen. Sie sollten mich für meinen unsteten Lebenswandel nicht verurteilen. Ich bin ein Schriftsteller, das entschuldigt vieles. Meine Unsauberkeit, meine Faulheit, mein Triebleben.

Guten Morgen, Welt!

Donnerstag

Geträumt, ich sei ein Schlittenhund. Den ganzen Tag im Geschirr. Löffel, Messer, Gabeln, Teller, Töpfe, die gegen den eigenen Körper schlugen. Das hält doch kein Hund aus.

Wir saßen meist zu fünft und rauchten Selbstgedrehte. Warteten darauf, dass unser Schlittenhundeführer auftauchte. Schmuck sah er aus, in seiner Uniform. Nur der kleine Oberlippenbart, der störte. Erinnerte uns an jemand. Zäh wie Leder sollten wir sein, forderte er uns auf. Schnell wie Schlittenhunde. Wir rauchten unsere Zigaretten auf, während der Führer etwas abseits von einer Welt aus Schnee träumte. “Alles muss weiß werden”, bellte er, der er hundisch sprach, uns an. “Alles muss unter der weißen Pracht verschwinden.” Er hatte sich auch ein Zeichen ausgedacht. Ein weißes umgedrehtes Kreuz auf weißem Hintergrund. Man musste schon sehr genau hinsehen, um zu erkennen, dass es da sein könnte.

Später rannten wir, während das Geschirr an uns baumelte, das der Führer am Abend in seiner aufklappbaren Spülküche reinigen würde. Er war ganz versessen darauf. “Das muss sauberer werden, weißer”, murmelte er vor sich hin. Wir Hunde lagen abseits und starrten zu den Sternen hinauf. So ging es Tag für Tag. Und es wäre auch gar nicht so schlecht gewesen, wenn er nicht angefangen hätte, uns zu peitschen. “Ihr müsst härter werden”, verlangte der Führer. Er peitschte uns von allen Seiten aus, sogar von unten. Um das zu bewerkstelligen, hängte er uns an eine Wäscheleine, die zwischen zwei Bäumen hing. Er peitschte sich in einen richtigen Rausch hinein. Einige von uns forderten, er solle aufhören. Doch das machte ihn nur wilder. Ein Wahnsinniger, dachten wir. Wir zitterten, sodass er meinte, er hätte einen Motor in uns angestellt. “Haha! Ich habe den geheimen Motor in euch angepeitscht.”

Später in der Nacht leckten wir uns gegenseitig die Wunden. Wir würden verschwinden müssen. Wir hatten den Führer belauscht. Er fantasierte von einem Großhundischen Reich, in dem er an der Spitze eines Rudels von Schlittenhunden über die Weiten einer Schneelandschaft herrschte. Für alle, die keine Hunde waren, hatte er Lager vorgesehen, in denen sie sich zu Tode campieren sollten.

Er saß da und beobachtete den Atem, der vor ihm in der Luft kristallisierte und schrieb weiter an seinem Buch zum Thema. Mein Dampf, wollte er es nennen.

Wir wussten, wir würden etwas unternehmen müssen. Deshalb schmiedeten wir Pläne. Heimlich. Wir schlichen uns in unsere geheime Schmiede. Schließlich zog einer von uns den ultimativen Plan aus dem Wasserbad. “Hier ist er”, sagte er. Der Plan hatte die Form einer Stange. Gegen Morgen zogen wir dem Führer den Plan mehrmals durchs Gesicht und über den Rücken. Ein guter Plan. Der Führer rührte sich nicht mehr. Wir ließen das dreckige Geschirr zurück und verdrückten uns.

Guten Morgen, Welt!

Wertlos

Heute ist alles anders. Der Schnee ist nichts mehr wert. Inflation. Jeder hat Massen davon, selbst im Vorgarten liegt er herum.

Früher haben wir drei Schneebälle gegen sechs Erbsen getauscht. Die Nachbarn hatten nie Schnee. Aber wir. Vater hat ihn in seinen Kühlschrank geschaufelt. Irgendwann genügte nicht einmal mehr die Schaufel. Mit einem Bagger brachte er die Ernte ein. Schneestürme wurden in alles gestopft, was zur Hand war. Einkaufsbeutel von Aldi. Leinensäckchen. Kühltaschen. Und die Jungen aus dem Viertel standen vor unserem Zaun und staunten sich ihre Seelen aus den Leibern. Alle Beschwerden bei ihren Eltern brachten nichts. Sie bildeten eine Schlange, um uns ihre Erbsen zu bringen, bis wir sie nicht mehr nur verschießen konnten, sondern auch Mutter gaben, damit sie einen Eintopf aus ihnen kochte.

Vorbei die Zeiten. Heute ist jeder ein Schneebesitzer. Die weiße Pracht fällt jedem vor die Füße, du musst dich nur bücken und sie von der Straße lesen. Millionäre, wohin das Auge blickt.

Selbst die Armen handeln mit Schnee, sodass er keinen Wert für niemand mehr hat. Die Stadt wirft Salz auf ihn, damit er sich auflöst, damit die Zeiten der Inflation ein Ende finden, damit endlich wieder Schneebälle gegen Erbsen getauscht werden können. Ich denke nicht, dass es noch mal so wird, wie es einst war. Vorbei ist vorbei.

Nebelnotiz

Die Karottensuppe, die A mir eingebrockt hat, wurde von mir ausgelöffelt, während mein Rücken sich über meiner Last bog. Ich laufe wie ein alter Mann, dem das Ist an Jahren das Gehen als Bürde auferlegt, die er nicht mehr tragen kann. Wie ein vom Schnee beladener Ast fühlt sich mein Rückgrat an. Es würde mich nicht wundern, wenn es in den nächsten Stunden mit einem  Knacken bricht und fällt.

Der Regen, der den Schnee abgelöst hat, läuft zur Höchstform auf. Ein durchtrainierter Kerl, der sich nicht lumpen lassen will. Er weicht alles ein, als würde der Sturmschleudergang erst noch folgen. Ein Waschmaschinentag.

A duscht. Sie steht unter ihrem künstlichen Regen, der wie ein Segen aus dem Duschkopfhimmel schwebt. Das Badezimmer ist von einem Nebel verschluckt worden, der an das künstliche Gebräu aus einem Sherlock-Holmes-Film erinnert. Rufe von Hafenarbeitern könnte man hören, würde man Ohren dafür haben. Auch ein Stock, der das Kopfsteinpflaster von den Straßen reißen möchte.

Ein Tag wie eine offene Wunde. Rot und glänzend, und wunderschön.

Der Nachmittag, den ich nicht bei Kaffee und Kuchen verbrachte

Ein geplanter Besuch hat nicht stattgefunden. Er ist abgesagt worden. Verschoben. Auf nächste Woche. Ins nächste Wochenende hinein.

Stürme tobten. Schnee fiel. Nicht wenig. Eher viel. Ganze Lastwagenladungen fielen. Ach, was sage ich da. Ganze Planeten aus Schnee fielen auf uns. Begruben uns. Wir konnten uns gar nicht mehr finden. Gruben ein Loch durch die Wohnung. Schossen einen Schneehasen. Wurden blind. Befreiten uns durch eine spontane Wunderheilung. Schlugen Löcher ins Eis. Hätten beinahe gebadet, wenn es nicht so kalt gewesen wäre. Arschkalt. Schlimmer war es. Arschwegfrierendkalt. Dabei hätten wir längst bei Kaffee und Kuchen in M sitzen müssen. Aber auch dort, wir konnten es kaum fassen: Schnee. Schnee, wohin das Auge blickte. Auf den Sesseln, auf dem Klodeckel. Schnee im Mund. Das Sprechen wurde zur Qual. Trotzdem, man ist ja auch Tourist, einige Fotos gemacht. Das muss festgehalten werden. Sonst glaubt es uns niemand. Man wird uns den Eisbär nicht abnehmen, den ich in einem Zweikampf tötete. Anschließend weidete ich ihn aus. Stellte sein Fell bei ebay ein. Entrüstete Mails folgten auf dem Fuß. Was für ein Nachmittag. Wir hätten ausgehen sollen. Dann wären uns die Überlebenskämpfe in den eigenen vier Wänden erspart geblieben.

Die Verwendung des Schweizer Käses in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

Das überfällt dich. Plötzlich. Du kannst es ja gar nicht aufhalten. Es tritt aus dem Regen oder dem Schnee mit einer geladenen Waffe vor dich. Hände hoch! Rühr dich nicht! Es drängt dich in deine Wohnung. In dein Haus, wenn du eins hast. Hier in der Gegend gibt es viele Leute (man muss sie Leute nennen, weil sie sich selbst Leute nennen, sie nennen sich nie Menschen), die ein Eigenheim besitzen. Es sind große Eigenheime, deren Schatten einen verschlucken können. Monatelang kann man in so einem Schatten laufen, aber man findet nicht mehr raus. Man fragt sich, ob es so etwas wie eine Sonne überhaupt noch gibt.

Ich schweife ab.

Es ging um das, was dich überfällt, wenn du gerade gut drauf bist. Das Schreiben läuft. Du bist wie eine Maschine. Jeder Buchstabe, jeder Satz sitzt. Alle sind sie Treffer in deinem eigenen Körper. Du bist schon ganz hohl davon. Durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Das würdest du nie schreiben, weil sich das nicht gehört. Das Bild mit dem Schweizer Käse konnte man schon öfter lesen. Den Lesern muss von diesem abgegriffenen Bild schon ganz schlecht sein. Sie können es nicht mehr sehen. Keine brennenden Horizonte. Und keine Schweizer Käse.

Der Überfall dient nur dazu, dich am Schreiben zu hindern. Es ist eine Schreibkrise, die da mit einer Strumpfmaske vor dir steht.

Stell dich nicht so an, würde sie am liebsten sagen. Ich bin doch keine Staatskrise. Auch keine Ehekrise. Oder eine Arbeitsmarktkrise. Ich bin nur eine einfache Schreibkrise.

Du kannst sie nicht gebrauchen, das willst du ihr klar machen, während sie dich an den Stuhl fesselt. Sie knebelt dich nicht, weil du von ihr erzählen sollst. Aber mit Schreiben ist nichts.

Und dann sitzt sie auf deinem Schreibtisch und beobachtet dich.

Wie überlistet man sie? Wie brät man ihr eins über und kommt sauber aus der Sache raus? Du müsstest sie später auch verschwinden lassen. Du könntest ihren Körper zerlegen. Mit einer Säge? Du hast doch überhaupt keine.

Was für ein schäbiges Arschloch, denkst du. Stürmt hier rein, so kurz vor dem Weltuntergang und bedroht mich und zwingt mich, nichts über sie oder den Weltuntergang zu schreiben.

Während sich die Krise in der Küche einen Salat und später noch einen Drink zubereitet, durchdenkst du die Angelegenheit wieder und wieder, bis dir schließlich die rettende Idee kommt.

Du beugst dich mit der Nase über die Tastatur (wie konnte diese dämliche Krise dich nur direkt vor deinem Schreibtisch absetzen) und tippst mit der Nasenspitze die ersten Worte einer neuen Erzählung, bis dir einfällt, dass du überhaupt keine Zeit zu verlieren hast. Es muss schneller gehen. Muss eine Notiz werden, die du in deinem Blog sofort veröffentlichen kannst.

Und während deine Nase große Weltliteratur hackt, krümmt sich die Krise bereits auf dem Küchenboden. So wird es was. So kriegst du sie klein.

Sie röchelt. Du hebst den Kopf und liest leise: “Das überfällt dich. Plötzlich. Du kannst es ja gar nicht aufhalten. Es tritt aus dem Regen oder dem Schnee mit einer geladenen Waffe vor dich. Hände hoch! Rühr dich nicht! Es drängt dich in deine Wohnung.”

Wort für Wort stirbt die Krise ein wenig mehr. Sie ist schon ganz hohl, sie sieht – um es wieder mal einzubauen – bereits wie ein Schweizer Käse aus.