Frau 1: Ach, die Frau Maier!
Frau 2: Guten Tag!
Frau 1: Schön, dass wir uns mal treffen. Also … Ich muss sagen … Ich weiß ja nicht … Die jungen Leute, die oben wohnen …
Frau 2: Ja?
Frau 1: Schön ist das ja nicht.
Frau 2: Nicht?
Frau 1: Na, hören Sie mal! Die sind so … jung. Wie soll ich es sagen? Und Kinder haben die ja auch!
Frau 2: Ja.
Frau 1: Das muss … Nichts gegen Kinder, aber müssen die unbedingt hier …
Frau 2: Tja!
Frau 1: Die Kinder …
Frau 2: Ja?
Frau 1: Die laufen auch!
Frau 2: Ach?
Frau 1: Ja, ja! Laufen da oben über den Fußboden, da wird mir … Ich versteh meine eigene Stille nicht mehr. Ich mag meine Ruhe. Das war doch immer so ein ruhiges Haus, aber jetzt, seit die …
Frau 2: Ja.
Frau 1: Sie verstehen mich also?
Frau 2: Tja …
Frau 1: Es wär mir lieber, wenn die eine andere Wohnung finden würden.
Frau 2: Ja.
Frau 1: Und die Eltern …
Frau 2: Ja?
Frau 1: Die arbeiten beide.
Frau 2: Ja.
Frau 1: Früher hätte es so etwas nicht gegeben. Also, mein Herbert, der hat zu mir gesagt: Ein Mann, der muss eine Familie versorgen können. Sonst taugt er nix! – Das hat mein Herbert gesagt.
Frau 2: Ja.
Frau 1: Aber die Familien heute. Da macht jeder, was er will.
Frau 2: Tja …
Frau 1: Das Kind wächst ja wie ein Wilder heran, so ohne seine Eltern.
Frau 2: Ja?
Frau 1: Wenn ich es Ihnen sage. – Ah, da kommen sie ja! – Guten Abend, ah, einen wunderschönen Abend wünsch ich. Na, da ist ja der Kleine. Und das Haar. So ein Wuschelkopf. So ein niedlicher Bursche. Fein! – Weg! Haben Sie gesehen? Das Haar war nicht mal gekämmt. Der arme Junge. Verwahrlost. Völlig verwahrlost. Da muss doch mal einer das Jugendamt informieren.
Frau 2: Tja …
Frau 1: Egal, wird eh besser sein, wenn ich bald sterb, damit ich mir das Elend in diesem Haus nicht noch länger ansehen muss.
Frau 2: Ja.
Frau 1: Ja?
Frau 2: Ja.
Frau 1: Frechheit! So etwas muss ich mir nicht sagen lassen. Guten Abend!
Frau 1 verschwindet mit hochrotem Kopf in ihrer Wohnung und knallt die Tür zu.





