Montag II

Ich trinke zu viel Kaffee. Mein Arzt Dr. Stegenstegen meint, ich müsse ihn reduzieren. Dringend. Unsinn. Was weiß der Mann schon von Kaffee. Das sage ich auch. “Du hast doch nur Medizin studiert.”

Am Nachmittag die üblichen siebzehn Kannen. Macht mich kein bisschen nervös, auch wenn ich nicht weiß, wie ich das Radschlagen einstellen soll. Die Hände sind schon ganz blutig. Harmonie (Name geändert), mein mich treu umsorgendes Eheweib, sitzt derweil im Rotgrünvioletten Salon, den ich demnächst umstreichen lassen will. Sie scheint mir etwas rammdösig. Wie Sie alle aus meinen letzten Einträgen wissen, leidet sie an einer schweren Form der Schlafsucht. Sie fällt von einem Moment zum anderen in eine Art Trancezustand. Meistens während meiner Lesungen. Sie könne nichts dafür, bestätigte sie mir erst nach der letzten. Sie könne die Anfälle nicht kontrollieren. Ich machte ihr kaum Vorwürfe. Das würde ich auch nie machen. Ich bin in meinem gesamten Umfeld als Gefühlskrüppel bekannt, und wie jeder weiß, sind gerade Krüppel sehr empfindsame Menschen. Martina (Name geändert) bestätigt mir das auch immer wieder aufs Neue. Sie bezeichnet mich nicht nur als Gefühlskrüppel, sondern auch als emotionale Achterbahn, was den Spaß, den ich ihr bereite, zum Ausdruck bringen soll.

Eine großartige Frau.

Guten Abend, Welt!

Dienstag

Dienstag. Dabei wäre mir lieber, es wäre Mittwoch. Oder Donnerstag. Am besten wäre Freitag. Samstag wäre auch eine Alternative.

Putzmuckel, der Kater, lag auf meiner Decke. Das Tier ist wunderschön. Ach, wenn er noch leben würde, was hätte ich meinen Spaß!

Aber auch ausgestopft macht er einiges her. Seine Samtaugen, die sich in einer nicht näher bestimmbaren Ferne verlieren. Seine Tatzen, die Krallen, die leicht ausgefahren, von vergangenen Kämpfen berichten.

Ich streichelte ihm sein Fell, redete auf ihn ein, erklärte ihm, dass es dort, wo er sich jetzt aufhielt, bestimmt besser sei.

Wenn man ganz besonders still war, meinte man ihn Schnurren zu hören.

Ich hob ihn auf den Boden und setzte ihn neben Fridolin und Tatjana, meinen Hund und mein Rehkitz, beide ebenfalls präpariert. Wie sie mich ansahen! Treu bis über den Tod hinaus.

Ich tätschelte ihnen die Köpfe, die irgendwo einen Laut ausgemacht haben könnten, so starr hingen sie in der Luft. Ich bin mit ihnen früher gern gelaufen. Stundenlang liefen wir um das Haus. Runde für Runde. Die Tiere schien nichts erschöpfen zu können.

Wenn ich die Augen schließe, sehe ich Tatjana. Sie steht versonnen auf der nahegelegenen Lichtung. Verträumt hebt sich ihr Blick und verliert sich im Dickicht des angrenzenden Waldes. Wie gerne wäre sie wohl dorthin gelaufen. Allein die Ketten meiner Liebe banden sie an den Pflock, den wir in einen Betonklotz eingelassen hatten.

Sie sollten nicht schlecht über mich denken. Ich bin als ein unbedingter Tierfreund bekannt. Wenn es geht, besuche ich Zoos. Ich gurre mit den Tauben, die in der Stadt meine Wege kreuzen. “Gurr, gurr, gurr”, sage ich zu ihnen. Sie sehen mich entsetzt an. Sie können es gar nicht glauben, dass es tatsächlich einen Menschen gibt, der ihre einfältige Sprache gurrt. “Gurr, gurr, gurr”, antworten sie mir. Und ich darauf: “Gurr?” So geht es oft stundenlang hin und her. Ein kleiner Plausch mit einer Stadttaube ersetzt die Zeitung.

Ich kommuniziere auch mit den Mäusen, mit den Vögeln, egal welchem Stamm sie angehören. Kein Tier, das nicht von mir in eine kleine Diskussion verwickelt wird.

Und weil ich nicht die Finger von denen lassen kann, die einst Tisch und Bett mit mir teilten, lasse ich sie ausstopfen. Meine Frau findet das allerdings äußerst geschmacklos. Sie hofft darauf, nach mir das Zeitliche segnen zu dürfen.

Guten Morgen, Welt!

Montag

Facebook. Was soll ich dazu sagen? Die Leute dort lieben mich einfach! Sie kommen vorbei – rein virtuell natürlich – und fragen an, ob sie mein Freund/meine Freundin sein dürfen. Ich ziere mich da nicht. Freunde kann man nie genug haben. Und sind erst die Kontobewegungen meines neuen Freunds überprüft, kann es schon sein, dass ich ihn annehme. Ich schnappe ihn und drücke ihn so richtig fest an meine Brust.

“Da bist du ja, alte Haus”, sage ich meist zu meinem neuen Freund.

Die Kerle und Mädels vertragen heutzutage leider nichts mehr. Da wird geächzt und gestöhnt. Das ist nicht schön!

“Gut, gut, Rohm”, keuchen sie zurück.

Und dann rubbel ich ihnen mit der Faust über den Kopf. “Du alter Schwede!”, sage ich zu ihnen. “Wo hast du denn so lange gesteckt?”

Die meisten antworten in diesem Stadium unserer Freundschaft schon nicht mehr. (Blödes Pack!)

Um unsere Freundschaft zu besiegeln, werden sie in den Schwitzkasten genommen, den dänischen, der tut besonders weh und Luft bekommt man auch keine mehr. Und wieder wird gerubbelt, und das alles mit zwei Händen und zwei Armen – rein virtuellen Armen und Händen selbstverständlich.

Die meisten – unverständlich, unverständlich – kündigen mir darauf die Freundschaft, dabei war diese einmalige Beziehung gerade am Aufblühen. Wie eine Schuppenflechte erblühte sie. Da wäre viel entstanden. Eine Blutsbrüderschaft. Sie und ich. Winnetou und Old Shatterhand.  Ernie und Bert. Hanni und Nanni. Das wäre nur mit diesen großen Freundschaften vergleichbar gewesen. Und was machen meine neuen Freunde. Fliehen! Hauen ab!

Macht man das? Nein, das tut man nicht. Ein wenig Anstand sollten doch auch meine Freunde besitzen. (Jetzt muss ich mich für sie schämen.) Konnten es wieder nicht abwarten, die Damen und Herren Freunde. Konnten nicht warten, bis ich die Freundschaft beende! Das muss doch möglich sein.

Das müssen Ihnen doch ihre Eltern beigebracht haben: “Hör zu, eine Freundschaft, vor allem eine bei Facebook, wird immer, wird unter allen erdenklichen Umständen, nur von dem beendet, der dich einst als Freund annahm. Hast du mich verstanden, Kind?”

Nein, hat das Kind nicht!

Nichtsdestotrotz bin ich ein Freund, wie man ihn sich wünscht! Warum? Täglich lasse ich meine Freunde meine Texte lesen. Und erwarte ich anschließend Kritik? Nein! Deshalb hat man doch Freunde. Dass sie einen in der eigenen Meinung unterstützen, ein von Gott gesegnetes Genie zu sein. Nicht nur das. Die Freunde bestätigen auch folgende Zuschreibungen: Wunderkind, Sexgott, Schönschriftschreiber, Spitzenpolitiker.

Was nicht heißt, dass ich auch kritische Stimmen zulassen würde. Wenn mir einer eine Privatnachricht zukommen lässt, in der er mich auf die Länge meiner Fingernägel anspricht, die, so sein Wortlaut, sich in einem gewagten Bereich befände, würde ich ihm dies nie zum Vorwurf machen. (Bastard, elender. Verräter, Schwein, Denunziant!)

Nein, nein! Man kann schon auf mich zukommen. Für meine Freunde bin ich stets und immer da. Meist zumindest. Öfter und öfter. Es wird sich schon eine Minute finden.

In diesem Sinne …

Guten Morgen, Freunde und solche, die es vielleicht noch werden wollen.

Freitag

Ich denke, dass das Tagebuch hinter mir liegt. Nie wieder, so sage ich es mir, während mein Blick auf einem Gemälde von Barbara Cartland ruht. Die große alte Dame der englischen Literatur. Sie, die alles veränderte. So müsste man schreiben können. Gelassen, den Blick in der Ferne, einen Jüngling zu Füßen, während man diktiert. Roman um Roman würde so entstehen. Jedes Jahr vierzehn neue. Ach, was sage ich. Vierzig neue Romane würden entstehen.

Zum Glück schreibe ich nichts mehr in mein Tagebuch, denn so kann ich mich voll und ganz auf die nächsten Romanprojekte konzentrieren, die in der Heimatstadt meiner Eltern spielen.

Ach, Barbara, wir werden das Kind schon schaukeln.

Barbara_Cartland_Allan_Warren

Bildquelle: Wikipedia

Montag

Ich beginne den Tag grundsätzlich mit einer Pfeife, die von vier, fünf Leuten gehalten werden muss. Das ist gar nicht so unkompliziert, wie es sich im ersten Moment anhört. Die drei ausgebildeten Stopfer haben eine Menge zu tun und leben äußerst gefährlich. Es kommt schon mal vor, dass einer von ihnen in den Pfeifenkopf fällt und spurlos verschwindet. Und dann? Eine Menge Geschrei! “Mann über Pfeifenrand!” Sofort wird der eine oder andere Suchtrupp losgeschickt, um den Verschollenen aufzuspüren. Ich sitze derweil da und studiere die Fernsehzeitung. Das ist nicht einfach, bei dem doch eher fragwürdigen Programmangebot. Mein Seitenumblätterer Jorge, ein guter Mann aus Zürich, beobachtet genaustens mein Gesicht, um die Anzeichen abzulesen, die ihn seinen Finger anfeuchten und die Seite umschlagen lassen. Werbung vertrage ich gar nicht. Von der bekomme ich Ausschläge. Widerlich, was die einem heute alles verkaufen wollen. Kleine Kinder auf einer Schaukel. Frauen mit einem Springseil. Der Menschenhandel sollte verboten werden, aber die Regierung unternimmt nichts.

Wenn ich genug von der Morgenzeitung und der Pfeife habe, kann es sein, dass ich meinen Morgenmantel glatt streiche. Immer so von oben nach unten, damit keine neuen Falten in das Gewand geraten. Morgenmantelstreichen … Ha! Das hat schon mein Vater, der berühmte Busfahrer, gemacht. Saß da und strich sich den Morgenmantel gerade, bis man ihn, ohne ihn aufhängen zu müssen, in die Ecke stellen konnte.

Und nach dem Morgenmantelstreichen? Meistens schicke ich die Pfeifenjungs nach Hause und hau mich noch eine Runde aufs Ohr. Oder ich schreibe einen kleinen Artikel für die FAZ oder die TAZ oder den Spiegel. Leserbriefe sind wieder im Kommen!

Meine Frau Beate (Name geändert) ist ebenfalls eine Frühaufsteherin. Sie raucht zum Glück keine Pfeife. Das würde hier sonst etwas eng.

“Moin!” sage ich zärtlich zu ihr, wenn sie in ihrem Nachthemd wie ein Nachtgespenst vorüberhuscht!

Weil sie ein Morgenmuffel (korrekt muss es Morgenmuffelin heißen) ist, grüßt sie mich nicht. Sie hat jeden Morgen schlechte Laune, ich bin das schon gewöhnt.

“Ja, ja”, sage ich dann. “Du und deine schlechte Laune, ihr wart auch schon mal besser gelaunt!”

Der Witz zieht nicht, egal wie oft ich ihn erzähle. Ich konzentriere mich weiter auf meinen Artikel für die FAZ oder TAZ oder den Spiegel. Das Ding muss heute noch unter den Bericht über den amerikanischen Geheimdienst. Ich schlage darin vor, dass sich alle Beteiligten des Abhörskandals bei mir treffen, um mal – Karten auf den Tisch – über alles zu sprechen. Offen und ehrlich. Mal sehen, was die vom Spiegel zu meinem Artikel sagen werden.

Guten Morgen, Welt!

Treppenhausgespräch

Frau 1: Ach, die Frau Maier!

Frau 2: Guten Tag!

Frau 1: Schön, dass wir uns mal treffen. Also … Ich muss sagen … Ich weiß ja nicht … Die jungen Leute, die oben wohnen …

Frau 2: Ja?

Frau 1: Schön ist das ja nicht.

Frau 2: Nicht?

Frau 1: Na, hören Sie mal! Die sind so … jung. Wie soll ich es sagen? Und Kinder haben die ja auch!

Frau 2: Ja.

Frau 1: Das muss … Nichts gegen Kinder, aber müssen die unbedingt hier …

Frau 2: Tja!

Frau 1: Die Kinder …

Frau 2: Ja?

Frau 1: Die laufen auch!

Frau 2: Ach?

Frau 1: Ja, ja! Laufen da oben über den Fußboden, da wird mir … Ich versteh meine eigene Stille nicht mehr. Ich mag meine Ruhe. Das war doch immer so ein ruhiges Haus, aber jetzt, seit die …

Frau 2: Ja.

Frau 1: Sie verstehen mich also?

Frau 2: Tja …

Frau 1: Es wär mir lieber, wenn die eine andere Wohnung finden würden.

Frau 2: Ja.

Frau 1: Und die Eltern …

Frau 2: Ja?

Frau 1: Die arbeiten beide.

Frau 2: Ja.

Frau 1: Früher hätte es so etwas nicht gegeben. Also, mein Herbert, der hat zu mir gesagt: Ein Mann, der muss eine Familie versorgen können. Sonst taugt er nix! – Das hat mein Herbert gesagt.

Frau 2: Ja.

Frau 1: Aber die Familien heute. Da macht jeder, was er will.

Frau 2: Tja …

Frau 1: Das Kind wächst ja wie ein Wilder heran, so ohne seine Eltern.

Frau 2: Ja?

Frau 1: Wenn ich es Ihnen sage. – Ah, da kommen sie ja! – Guten Abend, ah, einen wunderschönen Abend wünsch ich. Na, da ist ja der Kleine. Und das Haar. So ein Wuschelkopf. So ein niedlicher Bursche. Fein! – Weg! Haben Sie gesehen? Das Haar war nicht mal gekämmt. Der arme Junge. Verwahrlost. Völlig verwahrlost. Da muss doch mal einer das Jugendamt informieren.

Frau 2: Tja …

Frau 1: Egal, wird eh besser sein, wenn ich bald sterb, damit ich mir das Elend in diesem Haus nicht noch länger ansehen muss.

Frau 2: Ja.

Frau 1: Ja?

Frau 2: Ja.

Frau 1: Frechheit! So etwas muss ich mir nicht sagen lassen. Guten Abend!

Frau 1 verschwindet mit hochrotem Kopf in ihrer Wohnung und knallt die Tür zu.  

Der Nachmittag, den ich nicht bei Kaffee und Kuchen verbrachte

Ein geplanter Besuch hat nicht stattgefunden. Er ist abgesagt worden. Verschoben. Auf nächste Woche. Ins nächste Wochenende hinein.

Stürme tobten. Schnee fiel. Nicht wenig. Eher viel. Ganze Lastwagenladungen fielen. Ach, was sage ich da. Ganze Planeten aus Schnee fielen auf uns. Begruben uns. Wir konnten uns gar nicht mehr finden. Gruben ein Loch durch die Wohnung. Schossen einen Schneehasen. Wurden blind. Befreiten uns durch eine spontane Wunderheilung. Schlugen Löcher ins Eis. Hätten beinahe gebadet, wenn es nicht so kalt gewesen wäre. Arschkalt. Schlimmer war es. Arschwegfrierendkalt. Dabei hätten wir längst bei Kaffee und Kuchen in M sitzen müssen. Aber auch dort, wir konnten es kaum fassen: Schnee. Schnee, wohin das Auge blickte. Auf den Sesseln, auf dem Klodeckel. Schnee im Mund. Das Sprechen wurde zur Qual. Trotzdem, man ist ja auch Tourist, einige Fotos gemacht. Das muss festgehalten werden. Sonst glaubt es uns niemand. Man wird uns den Eisbär nicht abnehmen, den ich in einem Zweikampf tötete. Anschließend weidete ich ihn aus. Stellte sein Fell bei ebay ein. Entrüstete Mails folgten auf dem Fuß. Was für ein Nachmittag. Wir hätten ausgehen sollen. Dann wären uns die Überlebenskämpfe in den eigenen vier Wänden erspart geblieben.

Entrüstet

Es schneit schon den ganzen Tag. Das flockt! sagen die Fans. Ich stehe seit Stunden am Fenster und suche nach einer Menschenseele. Keine zu sehen, dafür allerhand Köpfe hinter den Scheiben des gegenüberliegenden Hauses. Jeder wartet und hofft auf einen, der jetzt raus muss, um sein Auto von der weißen Pracht zu befreien. Keiner tut uns den Gefallen. Die Nachbarschaft von heute ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Alles verkommene Zuschauer, die sich aufs Beobachten spezialisiert haben.

Der Wind treibt den Schnee vor sich her, unstet, als könne er sich nicht entscheiden, wo er seine kleinen weißen Sklaven der Sonne verkaufen könnte. Vielleicht ist er deshalb unsicher, weil keine Sonne zu sehen ist.

Und dann kommt doch noch ein Auto und ja, es kommt den Berg nicht hoch. Die Räder drehen durch, sie lassen sich vollkommen gehen.

So bekommen wir also doch alle noch unsere Vorführung. Wir sitzen da und klatschen, bis wir uns offiziell zum ersten Mal bemerken und kopfschüttelnd ins Zimmer zurückkehren.

Leute gibt es, sage ich zu meiner Frau. Haben nichts weiter zu tun, als sich ans Fenster zu setzen und sich zu vergnügen, wenn sich bei dem Wetter einer auf die Schnauze legt.

Notizen 008

Über meine Missgeburten

Lese ich in meinen eigenen Texten, blicke ich ihnen ins Gesicht, später, nach einem Tag, einer Woche, dann wundere ich mich manchmal. Komm mal her, sage ich zu dem einen oder anderen von ihnen, betaste seine Stirn, die aufgebläht wirkt, die Augen, die zu klein, nichts sehen können, die nahezu in seinem unförmigen Kopf verschwinden, die von ihm verschluckt werden, als würde er sich ihrer schämen.

Hässliche Textkinder tummeln sich zuhauf in meinem Haus. Sie sabbern und können nicht richtig sprechen. Ihre Gliedmaßen sind gebrochen, wirken verrenkt. Meine Natur hat es nicht gut mit ihnen gemeint. Sie sind die Früchte eines schnellen Schreibficks. Nach einer Schwangerschaftszeit von etwas zwanzig Minuten wurden sie von meinen Fingern in die Tastatur gepresst. Ein rasches Überlesen, dann wird die Nabelschnur zerschnitten. Die Copyandpasteamme trägt sie ins Säuglingszimmer meines Notizbuches. Dort wachsen sie auf, unbeachtet von mir, der ich längst andere Kinder zeuge. Kind auf Kind entsteht so, also auch die hässlichen Bälger. Hin und wieder verirrt sich eines von ihnen in meinem Blick, irrt umher, erkennt mich, will mich ansprechen, der es mustert, von oben bis unten, sich wundernd, wie mir derlei Geschöpf aus dem Füller laufen konnte.

Aber keines von ihnen wird abgetrieben oder später ersäuft, niemals. Sie sind auf der Welt und dürfen leben, auch wenn sie alleine durchkommen müssen, wenn sie sich durchschlagen müssen, irgendwie.

Und umso öfter ich sie betrachte, meine missgestalteten Texte, desto mehr Freude bereiten sie mir. Eben weil sie nicht geraten sind, wohnt ihnen ein ganz besonderes Geheimnis inne. Etwas, das man nicht verstehen kann. Nicht restlos deuten. Ihre Augen sind schwarze Seen, die weder Tiefe noch Leben erahnen lassen, sonder nur eine Dunkelheit, die kein Licht einlässt. Alles und jeden sperren sie aus, meine behinderten Textkinder, die kaum stehen können, geschweige denn einen graden Satz zuwege bringen. Sie wohnen in sich, bleiben tief in ihrem Selbst. Dort harren sie der Welt, die sie nicht verstehen. Kein Gespräch entsteht. Der Leser bleibt außen vor. Ein Zaungast, der in einen Zoo blickt, der mit Freaks bald überlaufen wird.

Ich werde mich nicht um all meine Missgeburten kümmern können, aber ich werde keines von ihnen, tippt es mich zaghaft an, zupft es mich am Ärmel, von mir stoßen. Ich werde es in den Arm nehmen und wiegen, werde ihm ein Schlaflied summen. Und dann werde ich an ihm riechen, werde ich es fühlen; abtasten werde ich es, werde wissen, dass es eines meiner zahlreichen Textkinder ist.

Es gehört zu mir, weil ich es zeugte. Es ist einzigartig. Das sollte es nie vergessen.

Dies und das (Kleine Zwischennotiz)

Manchmal ist das so. Keine Zeit da. Für nichts. Nicht mal für eine kleine Notiz. Aber man will ja nicht aufgeben. Nicht jetzt. Das Notizbuch ist eine Art Trainingshalle. Rein und aufwärmen. Die Finger dehnen. Ein paar Runden um den Kopf laufen. Immer fleißig üben.

Alles will notiert werden. Stimmt überhaupt nicht. Hat man die Dinge je befragt? Gab es eine Umfrage? Hat sich die Tür geäußert, ob sie Teil eines Textes werden wollte? Der Schrank? Der Boden knirscht verdächtig. Er will nicht in meinen Texten auftauchen. Diverse Wolken auch nicht. Nicht das Radio. Und nicht der Wecker. Ausgesuchte Orgasmen verwehren sich gegen eine Beschreibung. Das wäre ein Vertrauensbruch. Ein Überfall. So etwas würde sich nicht gehören. Der Stuhlgang schweigt. Niemand kann ihn leiden. Ein Abfallprodukt. Er zuckt die Schultern. Wenn ich wollte, dann dürfte ich ruhig über ihn schreiben. Später, sage ich, später vielleicht und spüle ihn runter. Aus den Augen, aus dem Sinn. Der nächste kommt bestimmt. Das liegt in der Natur der Sache.

Das war es bereits. Kleine Dehnübung abgeschlossen. Nun frisch ans Werk.