Mit ‘sage’ getaggte Artikel

Treppenhausgespräch

23. April 2013

Frau 1: Ach, die Frau Maier!

Frau 2: Guten Tag!

Frau 1: Schön, dass wir uns mal treffen. Also … Ich muss sagen … Ich weiß ja nicht … Die jungen Leute, die oben wohnen …

Frau 2: Ja?

Frau 1: Schön ist das ja nicht.

Frau 2: Nicht?

Frau 1: Na, hören Sie mal! Die sind so … jung. Wie soll ich es sagen? Und Kinder haben die ja auch!

Frau 2: Ja.

Frau 1: Das muss … Nichts gegen Kinder, aber müssen die unbedingt hier …

Frau 2: Tja!

Frau 1: Die Kinder …

Frau 2: Ja?

Frau 1: Die laufen auch!

Frau 2: Ach?

Frau 1: Ja, ja! Laufen da oben über den Fußboden, da wird mir … Ich versteh meine eigene Stille nicht mehr. Ich mag meine Ruhe. Das war doch immer so ein ruhiges Haus, aber jetzt, seit die …

Frau 2: Ja.

Frau 1: Sie verstehen mich also?

Frau 2: Tja …

Frau 1: Es wär mir lieber, wenn die eine andere Wohnung finden würden.

Frau 2: Ja.

Frau 1: Und die Eltern …

Frau 2: Ja?

Frau 1: Die arbeiten beide.

Frau 2: Ja.

Frau 1: Früher hätte es so etwas nicht gegeben. Also, mein Herbert, der hat zu mir gesagt: Ein Mann, der muss eine Familie versorgen können. Sonst taugt er nix! – Das hat mein Herbert gesagt.

Frau 2: Ja.

Frau 1: Aber die Familien heute. Da macht jeder, was er will.

Frau 2: Tja …

Frau 1: Das Kind wächst ja wie ein Wilder heran, so ohne seine Eltern.

Frau 2: Ja?

Frau 1: Wenn ich es Ihnen sage. – Ah, da kommen sie ja! – Guten Abend, ah, einen wunderschönen Abend wünsch ich. Na, da ist ja der Kleine. Und das Haar. So ein Wuschelkopf. So ein niedlicher Bursche. Fein! – Weg! Haben Sie gesehen? Das Haar war nicht mal gekämmt. Der arme Junge. Verwahrlost. Völlig verwahrlost. Da muss doch mal einer das Jugendamt informieren.

Frau 2: Tja …

Frau 1: Egal, wird eh besser sein, wenn ich bald sterb, damit ich mir das Elend in diesem Haus nicht noch länger ansehen muss.

Frau 2: Ja.

Frau 1: Ja?

Frau 2: Ja.

Frau 1: Frechheit! So etwas muss ich mir nicht sagen lassen. Guten Abend!

Frau 1 verschwindet mit hochrotem Kopf in ihrer Wohnung und knallt die Tür zu.  

Der Nachmittag, den ich nicht bei Kaffee und Kuchen verbrachte

9. Dezember 2012

Ein geplanter Besuch hat nicht stattgefunden. Er ist abgesagt worden. Verschoben. Auf nächste Woche. Ins nächste Wochenende hinein.

Stürme tobten. Schnee fiel. Nicht wenig. Eher viel. Ganze Lastwagenladungen fielen. Ach, was sage ich da. Ganze Planeten aus Schnee fielen auf uns. Begruben uns. Wir konnten uns gar nicht mehr finden. Gruben ein Loch durch die Wohnung. Schossen einen Schneehasen. Wurden blind. Befreiten uns durch eine spontane Wunderheilung. Schlugen Löcher ins Eis. Hätten beinahe gebadet, wenn es nicht so kalt gewesen wäre. Arschkalt. Schlimmer war es. Arschwegfrierendkalt. Dabei hätten wir längst bei Kaffee und Kuchen in M sitzen müssen. Aber auch dort, wir konnten es kaum fassen: Schnee. Schnee, wohin das Auge blickte. Auf den Sesseln, auf dem Klodeckel. Schnee im Mund. Das Sprechen wurde zur Qual. Trotzdem, man ist ja auch Tourist, einige Fotos gemacht. Das muss festgehalten werden. Sonst glaubt es uns niemand. Man wird uns den Eisbär nicht abnehmen, den ich in einem Zweikampf tötete. Anschließend weidete ich ihn aus. Stellte sein Fell bei ebay ein. Entrüstete Mails folgten auf dem Fuß. Was für ein Nachmittag. Wir hätten ausgehen sollen. Dann wären uns die Überlebenskämpfe in den eigenen vier Wänden erspart geblieben.

Entrüstet

9. Dezember 2012

Es schneit schon den ganzen Tag. Das flockt! sagen die Fans. Ich stehe seit Stunden am Fenster und suche nach einer Menschenseele. Keine zu sehen, dafür allerhand Köpfe hinter den Scheiben des gegenüberliegenden Hauses. Jeder wartet und hofft auf einen, der jetzt raus muss, um sein Auto von der weißen Pracht zu befreien. Keiner tut uns den Gefallen. Die Nachbarschaft von heute ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Alles verkommene Zuschauer, die sich aufs Beobachten spezialisiert haben.

Der Wind treibt den Schnee vor sich her, unstet, als könne er sich nicht entscheiden, wo er seine kleinen weißen Sklaven der Sonne verkaufen könnte. Vielleicht ist er deshalb unsicher, weil keine Sonne zu sehen ist.

Und dann kommt doch noch ein Auto und ja, es kommt den Berg nicht hoch. Die Räder drehen durch, sie lassen sich vollkommen gehen.

So bekommen wir also doch alle noch unsere Vorführung. Wir sitzen da und klatschen, bis wir uns offiziell zum ersten Mal bemerken und kopfschüttelnd ins Zimmer zurückkehren.

Leute gibt es, sage ich zu meiner Frau. Haben nichts weiter zu tun, als sich ans Fenster zu setzen und sich zu vergnügen, wenn sich bei dem Wetter einer auf die Schnauze legt.

Notizen 008

Über meine Missgeburten

30. November 2012

Lese ich in meinen eigenen Texten, blicke ich ihnen ins Gesicht, später, nach einem Tag, einer Woche, dann wundere ich mich manchmal. Komm mal her, sage ich zu dem einen oder anderen von ihnen, betaste seine Stirn, die aufgebläht wirkt, die Augen, die zu klein, nichts sehen können, die nahezu in seinem unförmigen Kopf verschwinden, die von ihm verschluckt werden, als würde er sich ihrer schämen.

Hässliche Textkinder tummeln sich zuhauf in meinem Haus. Sie sabbern und können nicht richtig sprechen. Ihre Gliedmaßen sind gebrochen, wirken verrenkt. Meine Natur hat es nicht gut mit ihnen gemeint. Sie sind die Früchte eines schnellen Schreibficks. Nach einer Schwangerschaftszeit von etwas zwanzig Minuten wurden sie von meinen Fingern in die Tastatur gepresst. Ein rasches Überlesen, dann wird die Nabelschnur zerschnitten. Die Copyandpasteamme trägt sie ins Säuglingszimmer meines Notizbuches. Dort wachsen sie auf, unbeachtet von mir, der ich längst andere Kinder zeuge. Kind auf Kind entsteht so, also auch die hässlichen Bälger. Hin und wieder verirrt sich eines von ihnen in meinem Blick, irrt umher, erkennt mich, will mich ansprechen, der es mustert, von oben bis unten, sich wundernd, wie mir derlei Geschöpf aus dem Füller laufen konnte.

Aber keines von ihnen wird abgetrieben oder später ersäuft, niemals. Sie sind auf der Welt und dürfen leben, auch wenn sie alleine durchkommen müssen, wenn sie sich durchschlagen müssen, irgendwie.

Und umso öfter ich sie betrachte, meine missgestalteten Texte, desto mehr Freude bereiten sie mir. Eben weil sie nicht geraten sind, wohnt ihnen ein ganz besonderes Geheimnis inne. Etwas, das man nicht verstehen kann. Nicht restlos deuten. Ihre Augen sind schwarze Seen, die weder Tiefe noch Leben erahnen lassen, sonder nur eine Dunkelheit, die kein Licht einlässt. Alles und jeden sperren sie aus, meine behinderten Textkinder, die kaum stehen können, geschweige denn einen graden Satz zuwege bringen. Sie wohnen in sich, bleiben tief in ihrem Selbst. Dort harren sie der Welt, die sie nicht verstehen. Kein Gespräch entsteht. Der Leser bleibt außen vor. Ein Zaungast, der in einen Zoo blickt, der mit Freaks bald überlaufen wird.

Ich werde mich nicht um all meine Missgeburten kümmern können, aber ich werde keines von ihnen, tippt es mich zaghaft an, zupft es mich am Ärmel, von mir stoßen. Ich werde es in den Arm nehmen und wiegen, werde ihm ein Schlaflied summen. Und dann werde ich an ihm riechen, werde ich es fühlen; abtasten werde ich es, werde wissen, dass es eines meiner zahlreichen Textkinder ist.

Es gehört zu mir, weil ich es zeugte. Es ist einzigartig. Das sollte es nie vergessen.

Dies und das (Kleine Zwischennotiz)

15. November 2012

Manchmal ist das so. Keine Zeit da. Für nichts. Nicht mal für eine kleine Notiz. Aber man will ja nicht aufgeben. Nicht jetzt. Das Notizbuch ist eine Art Trainingshalle. Rein und aufwärmen. Die Finger dehnen. Ein paar Runden um den Kopf laufen. Immer fleißig üben.

Alles will notiert werden. Stimmt überhaupt nicht. Hat man die Dinge je befragt? Gab es eine Umfrage? Hat sich die Tür geäußert, ob sie Teil eines Textes werden wollte? Der Schrank? Der Boden knirscht verdächtig. Er will nicht in meinen Texten auftauchen. Diverse Wolken auch nicht. Nicht das Radio. Und nicht der Wecker. Ausgesuchte Orgasmen verwehren sich gegen eine Beschreibung. Das wäre ein Vertrauensbruch. Ein Überfall. So etwas würde sich nicht gehören. Der Stuhlgang schweigt. Niemand kann ihn leiden. Ein Abfallprodukt. Er zuckt die Schultern. Wenn ich wollte, dann dürfte ich ruhig über ihn schreiben. Später, sage ich, später vielleicht und spüle ihn runter. Aus den Augen, aus dem Sinn. Der nächste kommt bestimmt. Das liegt in der Natur der Sache.

Das war es bereits. Kleine Dehnübung abgeschlossen. Nun frisch ans Werk.


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