Wie schreibe ich einen erfolgreichen Roman (Lektion 2)

Das Kapitel. Darum soll es heute gehen. Das Kapitel, manche behaupten, es wäre gut zwei oder noch mehr zu haben, befruchtet den Roman. Es schwängert ihn sozusagen.

Das Kapitel dringt in den Roman ein. Manche Romane genießen es, andere, vor allem Debütromane behaupten, es würde schmerzen. Durch kräftiges Reiben kommt es schließlich zu einem Erguss. Worte schießen in Richtung Hirn des Lesers. Es kommt zu einem Wettrennen der Worte, bis sich eines von ihnen festsetzt. Neun Monate später kann ein neuer Gedanke schlüpfen. Er muss nicht immer schön sein. Aber er ist da.

Fortan muss der Vater oder die Mutter sich um den Gedanken kümmern. Er muss rundum versorgt werden. Am besten, Sie besorgen sich eine ausgebildete Amme, die Ihnen mit Rat und Tat zur Seite steht. Kann der Gedanke erst auf eigenen Beinen stehen, können Sie ihn in die Welt entsenden, auf dass er dort in einer Anwaltskanzlei andere Gedanken verklagt.

Zurück zum Kapitel. Gerade die Männer unter den Schriftstellerinnen haben eine – oft durch die Medien gepushte – falsche Vorstellung davon, wie groß ein Kapitel sein muss. Manche meinen, es müsse mindestens fünfzig Seiten lang sein. Das ist Unsinn und gehört ins Reich der Legenden. Das Durchschnittskapitel misst im erregten Zustand zwischen sechszehn und achtzehn Seiten.

Viele Autoren haben in ihrer Jugend Filme aus dem Hardcorebereich gesehen, in denen Autoren beim Verkehr gezeigt werden, die a) ständig können und b) ein Kapitel von mindestens vierzig Seiten aufzuweisen haben. Lassen Sie sich von diesen Darstellungen nicht täuschen. Schreiben sollte ein Akt zwischen Ihnen und dem Papier sein, nicht aber professionell betrieben werden. Der Akt des Schreibens sollte von Liebe erfüllt sein.

Um einen erfolgreichen Roman zu schreiben, müssen Sie schlicht Spaß und Freude am Verkehr entwickeln.

Frauen können übrigens keine Kapitel schreiben, weil sie über keines verfügen. Sie haben Hirn. Das kann wichtig sein, muss es aber nicht.

Und morgen lernen wir, wie eine Idee entwickelt wird.

Donnerstag

Geträumt, ich sei ein Schlittenhund. Den ganzen Tag im Geschirr. Löffel, Messer, Gabeln, Teller, Töpfe, die gegen den eigenen Körper schlugen. Das hält doch kein Hund aus.

Wir saßen meist zu fünft und rauchten Selbstgedrehte. Warteten darauf, dass unser Schlittenhundeführer auftauchte. Schmuck sah er aus, in seiner Uniform. Nur der kleine Oberlippenbart, der störte. Erinnerte uns an jemand. Zäh wie Leder sollten wir sein, forderte er uns auf. Schnell wie Schlittenhunde. Wir rauchten unsere Zigaretten auf, während der Führer etwas abseits von einer Welt aus Schnee träumte. “Alles muss weiß werden”, bellte er, der er hundisch sprach, uns an. “Alles muss unter der weißen Pracht verschwinden.” Er hatte sich auch ein Zeichen ausgedacht. Ein weißes umgedrehtes Kreuz auf weißem Hintergrund. Man musste schon sehr genau hinsehen, um zu erkennen, dass es da sein könnte.

Später rannten wir, während das Geschirr an uns baumelte, das der Führer am Abend in seiner aufklappbaren Spülküche reinigen würde. Er war ganz versessen darauf. “Das muss sauberer werden, weißer”, murmelte er vor sich hin. Wir Hunde lagen abseits und starrten zu den Sternen hinauf. So ging es Tag für Tag. Und es wäre auch gar nicht so schlecht gewesen, wenn er nicht angefangen hätte, uns zu peitschen. “Ihr müsst härter werden”, verlangte der Führer. Er peitschte uns von allen Seiten aus, sogar von unten. Um das zu bewerkstelligen, hängte er uns an eine Wäscheleine, die zwischen zwei Bäumen hing. Er peitschte sich in einen richtigen Rausch hinein. Einige von uns forderten, er solle aufhören. Doch das machte ihn nur wilder. Ein Wahnsinniger, dachten wir. Wir zitterten, sodass er meinte, er hätte einen Motor in uns angestellt. “Haha! Ich habe den geheimen Motor in euch angepeitscht.”

Später in der Nacht leckten wir uns gegenseitig die Wunden. Wir würden verschwinden müssen. Wir hatten den Führer belauscht. Er fantasierte von einem Großhundischen Reich, in dem er an der Spitze eines Rudels von Schlittenhunden über die Weiten einer Schneelandschaft herrschte. Für alle, die keine Hunde waren, hatte er Lager vorgesehen, in denen sie sich zu Tode campieren sollten.

Er saß da und beobachtete den Atem, der vor ihm in der Luft kristallisierte und schrieb weiter an seinem Buch zum Thema. Mein Dampf, wollte er es nennen.

Wir wussten, wir würden etwas unternehmen müssen. Deshalb schmiedeten wir Pläne. Heimlich. Wir schlichen uns in unsere geheime Schmiede. Schließlich zog einer von uns den ultimativen Plan aus dem Wasserbad. “Hier ist er”, sagte er. Der Plan hatte die Form einer Stange. Gegen Morgen zogen wir dem Führer den Plan mehrmals durchs Gesicht und über den Rücken. Ein guter Plan. Der Führer rührte sich nicht mehr. Wir ließen das dreckige Geschirr zurück und verdrückten uns.

Guten Morgen, Welt!

Meine Ausbruchsnacht

“Wenn wir den Vogel aus seinem Käfig lassen, dreht er höchstens zwei Runden, dann will er wieder in sein Gefängnis zurück. Die Größe des Zimmers scheint ihn nervös zu machen. Seine Flügel schlagen aufgeregt nach der Luft, auf die er sich nicht setzen kann. Der Käfig hat ihm das Fliegen abgewöhnt. Alles was er zum Leben braucht, findet er in seinem kleinen Reich. Er muss sich um nichts kümmern. Hat er sich erleichtert, und das tut er oft, beinahe vierhunderttausendmal täglich, muss er sich über die Entsorgung keine Gedanken machen. Die Leute, bei denen er wohnt, erledigen alles. Er muss nur dasitzen.”

Tom Torn, Meine Ausbruchsnacht

Morgengeplänkel

Eine Planwirtschaftsnotiz

Ich könnte … Nein. Warum auch? Es gibt etwas anderes zu tun. Stets. Das Regal müsste umgesiedelt werden. Mitten in den Raum hinein müsste es. Warum? Weil es dann im Weg steht. Es würde zu einer Hürde. Zu etwas, dass man umgehen muss. Ein Hindernis ist nicht die schlechteste Methode, um sich zu konfrontieren. In diesem Fall mit dem Gelesenen, mit dem Ungelesenen. Man stände wie vor einer Mauer. Egal, von welcher Seite aus man es betrachtet: Drüben ist das Jenseits. So gesehen … Hm … Man befände sich im Himmel, im Reich der Toten. Religiös betrachtet. Politisch gesehen, ist man zum Außenseiter geworden. Zu einem Mexikaner. Zu einem Palästinenser. Zu einem, der abgehalten werden muss. Um diesen Moment zu festigen, müsste ich aber … Ja! Ich müsste die Umgehungsstraßen schließen. Einen Grenzposten errichten. Oder errichten lassen. Waffen fehlen mir noch. Ich wüsste im Augenblick auch nicht, wie an eine zu kommen ist. Aber warum sollte ich das tun? Mich vom Durchqueren der Wohnung abhalten? Bin ich eine Gefahr für mich? Dann sollte ich mich abtasten lassen. Von wem? Meiner Frau. Das würde mir gefallen. Jetzt habe ich … Um was ging es? Um eine Räumungsaktion. Ein Verschieben der Gegebenheiten. Um eine Veränderung. Deshalb wollte ich … Das Bücherregal. Es könnte auch ein anderes Möbelstück sein. Ein Stuhl, den ich auf einen Stuhl setze. Stuhl nimmt auf Stuhl Platz. Hätte der Stuhl Gefühle, würde es ihn dann nicht freuen, sich endlich einmal ausruhen zu dürfen? Nicht nur Stuhl sein, sondern auch Besitzer. Der Stuhl auf dem Stuhl könnte uns beim Mittagessen Gesellschaft leisten. Er müsste sich erhaben vorkommen. So über allen anderen Stühlen thronend. Kann man da von einem Aufstieg sprechen? Ich weiß es nicht. Wer kann so einem Stuhl schon in die Holzseele blicken. Denn – wir sollten dies nie vergessen – Holz lebt. Es einen toten Gegenstand zu nennen, würde dem Holz nicht gerecht werden. Immerhin arbeitet es. Es dehnt sich, zieht sich zusammen. Je nach Wetterlage. Ein launischer, wetterwendischer Geselle. So könnte man denken. Holz knackt. Man kann es verheizen. Regierungen machen das täglich mit ihren Soldaten in irgendeinem Krieg, den sie führen. Kriege sind die Feuerstellen der Landesfürsten. Sie werfen ihre Soldaten hinein und lauschen dem Knacken. Jetzt schweife ich ab. Es ging doch nur … Ja! Um die Wohnungseinrichtung. Die sollte man verändern. Sollte die Sachen, die man gekauft und hingestellt hat, umstellen. Sonst wird eine Wohnung zu einem Urteil. Zu einem richterlichen Spruch. Zu einem Gefängnis. Ich könnte … Ja! Ich werde mit dem Staub beginnen, der auf dem Boden lagert. Massen sind eingefallen. Ungefragt. Unerlaubt. Ich werde den Staub verhören müssen. Werde ihn in ein Übergangslager bringen lassen. Dann werde ich mir in aller Ruhe darüber Gedanken machen, was mit dem Staub geschehen wird. Ich könnte ihn einer Prüfung unterziehen. Ihn meine Hymne singen lassen. Wenn ich doch nur eine hätte. Die könnten wir singen. Frau und Kinder würden am Morgen die Wohnungshymne schmettern, während ich die Flagge hisse.

All die Pläne, die ich unausgeführt lassen werde. Oder auch nicht.

Kommt Zeit, kommt Rat.

Tod und Spiele

Ein Wunschtraum

Wir haben gesessen. Fest auf hölzernem Gestühl. Der Hintern schmerzte. Die Worte flogen. Durch die Luft. Einem um die Ohren, bis sie ganz rot vor Moral und Kälte waren. Also massierten wir uns die Hände, die Rücken selbiger, weil es uns am Rückgrat fehlte, zu gehen. Familiengottesdienst. Auch einer für As verstorbene Mutter.

Aufstehen und setzen, als wären wir in einer alten Schule gelandet. An den Wänden Bilder des Schmerzes. Des Todes. Der Erniedrigung. Stimmen erhoben sich, strebten zur Decke, die sie zurückwarf. Einen harten Wurfarm hat die Kirchendecke, die einen Buckel schlägt, die vom vielen Dienern hohl und leer geworden ist.

Ein Kreuz geschlagen, kein Rad. Das wäre mal etwas gewesen. Clowns stellte ich mir vor, die den Mittelgang stürmten, Grimassen schneidend, feixend, stellten sie den Passionsweg nach. Jeder Fall unterm Todesbalken ein Lacher. Und endlich wurde ich gläubig, denn wenn aus der Kirche ein Circus würde, jeden Sonntag säße ich in der ersten Reihe, Beifall spendend, ihn ins Opferkörbchen werfend. Hier einen Lacher. Ach, nehmt auch noch diesen von mir. Reich sollen die Katholiken von meinen Lachern werden.

Und ich stelle mir vor, wie der Priester nach der Messe, in der Sakristei nach einem Lachen greift, um es sich aufzusetzen. Er schiebt es in seinem Gesicht umher. Passen soll es ihm. So hofft er. Und plötzlich strahlt er auf. Wird zu einer Sonne, die zum Himmel steigt. Wird zu einem Menschenwärmer.

Solch einen Kirchenheizkörper wünsch ich mir. Drum: Heizungsbauer sollt ihr werden!