Mit ‘planeten’ getaggte Artikel

Die Dame am Nachbartisch

20. Dezember 2012

Es würde mich nicht wundern, wenn sie kleine Kinder frisst. Sie sitzt am Nebentisch, thronend, ein tausendarmiges Wesen, das bald nach dem Salzstreuer greift, bald nach der Serviette, die sie faltet, die Welt imitierend. Sie stellt eine kleine Ausgabe der Erde her, hustet rasch einige Brotbrocken auf die Oberfläche, denn Menschen müssen auf den Planeten, damit sich jemand um den Untergang kümmern kann. Sie redet mit unzähligen Zungen, spricht von ihrem Sohn, ihrer Tochter, ihrer Tochter aus erster Ehe, ihrer Tochter aus siebter Ehe. Nebenbei bestellt sie ein Pizza, löscht ein Feuer in Fernost, blinzelt uns zu und gebärt Geruch. Nicht sehr angenehm, wir verdrehen die Nasen, bis sie uns schmerzen. Die Frau bemerkt es und lacht sich tot, dann lacht sie noch die Kellnerin und drei weitere Gäste ins Jenseits. Wir verharren, rühren uns nicht, behaupten, Teil des Inventars zu sein, Teil des Tisches.

Die Königin, so betiteln wir sie jetzt, glaubt uns, sie glaubt denen, die an Erich von Däniken glauben und löst sich dann in Luft auf, die wir rasch einatmen, kauen, runterschlucken und vergessen.

Wir sehen uns um und fühlen uns wieder sicher.

Der Nachmittag, den ich nicht bei Kaffee und Kuchen verbrachte

9. Dezember 2012

Ein geplanter Besuch hat nicht stattgefunden. Er ist abgesagt worden. Verschoben. Auf nächste Woche. Ins nächste Wochenende hinein.

Stürme tobten. Schnee fiel. Nicht wenig. Eher viel. Ganze Lastwagenladungen fielen. Ach, was sage ich da. Ganze Planeten aus Schnee fielen auf uns. Begruben uns. Wir konnten uns gar nicht mehr finden. Gruben ein Loch durch die Wohnung. Schossen einen Schneehasen. Wurden blind. Befreiten uns durch eine spontane Wunderheilung. Schlugen Löcher ins Eis. Hätten beinahe gebadet, wenn es nicht so kalt gewesen wäre. Arschkalt. Schlimmer war es. Arschwegfrierendkalt. Dabei hätten wir längst bei Kaffee und Kuchen in M sitzen müssen. Aber auch dort, wir konnten es kaum fassen: Schnee. Schnee, wohin das Auge blickte. Auf den Sesseln, auf dem Klodeckel. Schnee im Mund. Das Sprechen wurde zur Qual. Trotzdem, man ist ja auch Tourist, einige Fotos gemacht. Das muss festgehalten werden. Sonst glaubt es uns niemand. Man wird uns den Eisbär nicht abnehmen, den ich in einem Zweikampf tötete. Anschließend weidete ich ihn aus. Stellte sein Fell bei ebay ein. Entrüstete Mails folgten auf dem Fuß. Was für ein Nachmittag. Wir hätten ausgehen sollen. Dann wären uns die Überlebenskämpfe in den eigenen vier Wänden erspart geblieben.

Bauchkrähen

22. November 2012

Die Unruhe ist kein Ort. Sie ist eine Bewegung, die kein Ziel kennt. Sie lässt dich durch die Wohnung tigern. Keine Gitterstäbe, nirgends. Du blinzelst durch die Scheibe nach draußen, schnüffelst den Autos und Fußgängern hinterher, als würdest du sie zerfleischen, wenn du fliehen könntest. Dabei kannst du jederzeit gehen. Und das tust du ja auch.

Die Unruhe lässt sich nicht beruhigen, lässt sich nicht mit Wein und Brot besänftigen. Sie flattert wie eine ausgewachsene Krähe durch deinen Bauch. So viel Platz und so viele Ecken, an denen Krähen sich stoßen können, um ins Trudeln zu geraten, hättest du deinem Bauch gar nicht zugetraut. Alles ist unendlich groß, gleichzeitig winzig klein. Die Dinge ergeben keinen Sinn. Alles ordnet sich der Unruhe unter, die ein Befehlshaber ist, der dich marschieren lassen will, bis du tot umfällst. Nicht nur deine Beine müssen marschieren, sondern auch die Gedanken, die sich überschlagen, als hätte sich ihr Marsch dem Flug der Bauchkrähe angepasst. Die Welt stürzt eine Röhre hinab und dreht sich dabei unentwegt selbst. Du denkst über alles und nichts nach, vor allem über das Nichts, dann wieder über das, was keinen Sinn ergeben will. Was geschieht mit der Welt, wenn sie untergeht? Liegt hier nur ein falsches Wortbild vor? Geht sie unter wie die Sonne, um also am nächsten Tag wieder aufzugehen? Verschwindet sie in einem großen Weltbrandmeer? Wohin verschwinden die Dinge, wenn doch nichts verschwinden kann? Gibt es eine große Waschmaschine des Universums, die linke Socken frisst, Planeten, die später nicht mehr aufgefunden werden, obwohl sie ja irgendwo sein müssen? Fragen über Fragen, die durch das Katapult Unruhe in deinen Hirnkasten geschleudert werden, der bald schon mit derlei überläuft. Der Kopf wird überschäumen, überkochen. Das Hirn wird sich über den Küchenboden ergießen. Du schüttelst den Kopf und läufst weiter, damit die Unruhe sich über den Boden wischt, damit sie sich festtritt. Unruhe ist nicht für Menschen gemacht.

Und dann reibst du dir den Bauch, um die Krähen, schon sind es mehrere geworden, an eine Wand deines Körpers zu locken. Ruhig sitzen sollen sie, tun es aber nicht, weil sie doch Bauchkrähen sind. Getrieben von einer Unruhe, die sie selbst nicht verstehen.


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