Sonntag

Regen ist eine vermaledeite Angelegenheit, aber er ist berechenbar. Meistens zumindest, nämlich dann, wenn er gerade von oben nach unten fällt, aber wehe, er kommt von der Seite geweht, dann kann es schnell unangenehm werden, vor allem für passionierte Balkonraucher wie mich, die erstaunt aufsehen, um festzustellen, welche Welle ihnen eben die Glut aus der Hülse wischte.

Jetzt ist er weg, der Sommer. Er ist weitergezogen, hinab in den Süden, vielleicht ist er auch gleich ausgewandert. Wenn ich ein Sommer wäre, ich würde es keinen Tag länger auf diesem Planeten aushalten. Ich würde meine Strahlen und die Hitze packen und würde auf den Mars ziehen. Alles besser, als hier auf der Erde. Der Mensch hat doch gar kein Empfinden mehr für den Sommer. Nicht nur, dass er ihn verhöhnt, indem er ihn in Solarien nachahmt, er bekämpft auch seine Auswirkungen durch Antisonnenprodukte, die geradezu eine Kriegserklärung darstellen.

Wie soll denn ein Sommer in Form der Sonneneinstrahlung noch einen ordentlichen Hautkrebs zeugen können, wenn ein jeder Depp daherkommt und sich dick mit Sonnenmilch (Schutzfaktor 700) einreibt, bis er einem menschlichen Wesen gar nicht mehr gleicht? Und einen Sommer, der nicht wirken und zeugen darf, dem vergeht der Spaß. Da verstehe ich es schon, wenn er sich zurückzieht, um dem Regen Platz zu machen, der sich freilich freut. Er kann fallen, Tropfen um Tropfen. Der Regen ist ein Stürzender, ein Fallender, ein sich Ergießender, quasi ein Poet. Derselbe Leidensweg.

Um ihn zu verstehen, muss man dem Regen lauschen. Ganz genau muss man ihm zuhören, um seine Dichtungen zu enträtseln.

Da! Eine Pause. Regen kann eben nicht unaufhörlich arbeiten. Es gibt vorgeschriebene Unterbrechungen, um die Kraft- bzw. Wasserreserven aufzutanken.

Es würde mich nicht wundern, wenn die Wasserwerke ihn beliefern würden, wenn die längst einen Vertrag mit ihm geschlossen hätten. Wo ein Geschäft ist, ist der Mensch nicht weit.

Es geht weiter. Sanft klopfen die Tropfen an mein Dachfenster, das ich mir habe einbauen lassen, um darunter eine Matratze mit einem Regenschirm installieren zu lassen. Dort liege ich und spiele den armen Poeten. Ich friere und zittere. Ganz bang ist mir. Die Augen leer. Ob ich überleben werde? Rasch kritzel ich ein Gedicht, und dies mit dem Wissen, jedes Wort könnte mein letztes sein. Eine feine Tragik ist das, die ich an so manchem Sonntag dort genieße.

Ich habe mir auch einen Teil vom Prenzlauer Berg hier aufschütten lassen, um die Atmosphäre zu verdichten. Ah, da war es – das Wort DICHTUNG!

Dabei muss man nicht ganz dicht sein, wenn man dichtet, das ist unerlässlich. So undicht muss man sein, dass man ausläuft. Man läuft aus und über. Die Worte strömen aus dem Dichterkörper, in Fontänen schießen sie aus ihm heraus. Und er muss sein Papier nur hinhalten, vor die betreffenden Stellen, vor die Löcher im Körper, bis sein neues Gedicht fertig ist, einfach so.

Armut und Löcher sind also die zwei Grundpfeiler der Dichtung.

Guten Morgen, Welt!

Carl_Spitzweg_-_Der_arme_Poet_

Carl Spitzwegs “Der arme Poet” inspirierte mich zu meiner Zimmerinstallation “Der arme Bestsellerautor”

Zehn Füller

Schreiben. Der Junge tut es. Schon wieder. Stimmt was nicht. Sieh mal nach. Sitzt da und schreibt. Wir sollten einen Arzt benachrichtigen. Die Leute. Ja, die wundern sich schon. Die fragen nach ihm. Da ist doch ein Junge. Die anderen Kinder klingeln: Wo ist denn der Junge? Der ist oben in seinem Zimmer und schreibt. Das kann man doch nicht sagen. Das ist doch keine Antwort. Wenn er wenigstens Fußball lieben würde. Rangeleien. Bagger. Autos. Nichts davon. Murmelt sich was in seinen unsichtbaren Bart. Dann beschreibt er ihn. Wen? Den Bart! Das würde der Junge jetzt sagen, der vor einer alten Schreibmaschine sitzt. Die hat er sich von seinen Eltern erbettelt. Die Finger schmerzen. Jeder Buchstabe wird zur Qual.

Der Junge sinkt. Der Junge trinkt fast nichts. Er stolpert durch seine Kopfwüste. Beschreibt jedes Sandkorn. In jedem Korn befindet sich ein Weltall. Planeten. Die wollen beschrieben werden. Kriege werden auch geführt. Dem Jungen raucht der Kopf. Nicht lange, dann wird er rauchen. Das Schreiben ist eine Gefahr. Er sitzt vor seinen Geschichten und raucht. Später wird er Kaffee trinken. Bewegung fehlt dem Schreiber eh. Schreiber sitzen da und schreiben sich in den eigenen körperlichen Untergang.

Der Junge schreibt über sich. Seine Eltern. Über andere Eltern. Er beschreibt die Aussicht. Welche Aussicht? Er muss sich nicht bewegen. Er lehnt sich kurz nach vorne. Schon starrt er in die Tiefe. Eine Tiefe, die nicht endet. Unerschöpflich tief.

Die Mutter ruft zum Essen. Muss das sein, denkt der Junge. Er kann sich eine volle Tafel erfinden. Die Mutter lässt nicht nach. Auch nicht locker. Sie bellt durch das Haus. Immerhin ist sie Mutter und macht sich Sorgen. Das ist ihre Natur. Ihre Berufskrankheit. Was würden denn die anderen Leute denken, wenn sie sich plötzlich keine Sorgen machen würde?

Der Junge reagiert verhalten. Gequält. Er will doch nur hier sein. Hier bleiben. Den Tisch nicht verlassen müssen. Er schreibt im Moment über Gott. Das ist keine leichte Aufgabe, zumal der Junge ihn beschreibt. Jede Falte. Jede Regung. Später am Tisch wird der Junge sagen: Gott ist hässlich.

Die Eltern werden sich erschrocken ansehen. So kann das nicht weitergehen. Nicht so. Da muss Hilfe bei. Sie müssen einen Arzt holen. Am Ende, sagt der Vater, wird er noch schwul. Kann keiner wollen. Er schüttelt sich die Gedanken aus dem Kopf. Das ist doch mein Junge. So sollte ich nicht denken.

Der Junge verdrückt sich. Schlüpft in sein Zimmer. Hinein in seine Geschichte.

Die Eltern bleiben. Sehen hinab auf ihr Schnitzel. Beraten sich. Wir könnten den Pfarrer informieren. Das Bundeskriminalamt. Die Schwiegermutter. Die nicht. Vaters Gesicht rötet sich. Die nicht. Man muss ja nicht gleich mit dem Satan höchstselbst drohen.

Was tun? Aussitzen. Ausschwitzen. Abwarten. Tee trinken. Vielleicht legt sich das wieder. Der wird schon. Und wenn es bleibt? Was? Diese Krankheit!

Der Vater schüttelt den Kopf. Jetzt sind endlich alle Gedanken aus den Ohren gefallen. Die Gedanken sind zerschellt. Liegen in Einzelteilen am Boden. Der Vater liest die Buchstaben auf. Übergibt sie der Mutter.

Mach daraus eine Buchstabensuppe, sagt der Vater.

Der Junge schreibt bereits wieder. Gott ist beschrieben. Nun beschreibt er seine Füße. Die Füße sind zum Gehen da. Seine Füße ruhen. Ein Fuß liegt über dem anderen Fuß. Die Füße sind zu nichts gut. Also schreibt der Junge sie aus der Geschichte heraus. Erfindet ein Volk ohne Füße mit Füllern statt Fingern. Kriege werden nicht wegen Öl, wohl aber wegen Tinte geführt.

Die Eltern empfangen Freunde. Man bittet die Freunde ins Wohnzimmer. Der Junge könne nicht kommen. Der sei krank. Der leide an einem Fieber. Man wisse nicht einmal, ob er durchkommen werde. Es stehe nicht gut.

Wie? Wo? Was? Die Freunde sind entsetzt. Die Freunde können die Eltern nicht verstehen. Der arme Junge stirbt. Das könne nicht sein. Dürfe nicht sein.

Doch, doch, sagt der Vater und bittet dann zu Tisch. Der Kuchen steht.

Die Freunde wollen fort aus diesem Haus. Fort von diesen eiskalten Eltern.

Man stürzt den Kaffee in die Körper. Die Körper stehen bereits nach einer halben Stunde. Die Körper verabschieden sich. Die Körper gehen.

So geht das nicht weiter. Der Vater stürmt die Treppe hinauf. Er reißt die Tür auf. Sieht sich um. Kein Junge. Das kann doch nicht sein. Der Junge muss hier sein.

Der Vater tritt zur Schreibmaschine. Er liest. Der Junge schreibt über sich. Er habe sich in eine Geschichte geschrieben. Er lebe fortan in einer Geschichte. Unsinn!, schreit der Vater.

Die Mutter wankt ins Zimmer. Ja, wo ist er denn? Abgehauen!, ruft der Vater. So wie es sich für einen Jungen in seinem Alter gehört.

Und jetzt?

Gehen wir zur Polizei, sagte der Vater zufrieden.

Stolz ist der Vater auf den Jungen. Endlich eine Männertat. Das Schreiben hätte ihn nur krank werden lassen. Wenn sie ihn erst finden, dann bekommt er eine Tracht Prügel. Später wird er vor den Fernseher gesetzt. So wird es geschehen, denkt der Vater.

Vater und Mutter stürzen aus dem Haus. Der Junge setzt indes Schritt für Schritt. Er durchquert eine Schneelandschaft. Er ist unterwegs. Niemand ist zu sehen. Er hebt die Hände. Zehn Füller. Er beginnt eine Geschichte in den Schnee zu schreiben. Erste Häuser wachsen aus der Erde.

Der Junge lächelt. Der Junge wusste, es würde funktionieren. Weit im Weltall ist eine Stimme zu hören, die ihn an seinen Vater erinnert.

Jetzt nicht, denkt der Junge und schreibt weiter!

Dienstag II

So ein Sonnentag ist ein Tag zum Rumliegen! Sich mal nicht rühren. In der Totenstarrposition verharren. Mal zum Möbelstück werden. Zum Sekretär. Zum Tisch. Zum Vorleger. Den anderen vorliegen, wie man richtig liegt. Aufliegen muss der Körper. Ganz flach auf dem Sofa aufliegen. Und dann mit den Gedanken fliegen. Hoch hinaus. Mindestens bis zur Sonne. Links daran vorbei. Und dann Richtung Unendlichkeit. Und drüber hinaus, weil die Unendlichkeit noch nicht weit genug ist. Man hat ja Zeit. Abendessen gibt es noch nicht. Nicht mal eine Zwischenmahlzeit. Dafür eine Zwischenlandung, eine hirnmäßige, auf dem Planeten der Geräusche. Da bekommt man einen satten Rausch von all den Geräuschen. Mähdreschergeräusche. Und die vom Vogel, der im Zimmer in seinem Käfig sitzt. In der Küche rührt die Frau in einer Schüssel. Die elektrische Pfeffermühle quickt. So ist das, wenn man aufliegt und via Kopf zum Geräuschplaneten gereist ist. Eine Menge an Geräuschen. Keine Menschenseele zu sehen. Auch keine von einem Außerirdischen, der dort ein Innerirdische ist, während du ein Außerirdischer bist. Das Leben dort besteht aus eine schier unsinnig großen Ansammlung von Geräuschen. Da sind welche, die sich waschen. Und welche, die sich für die Arbeit fertig machen. Das muss schon sein. Man kann nicht an die Arbeit, ohne sich fertig gemacht zu haben. “Drecksau! Nichtswürdiger! Unhold! Sträfling! Arschloch!” Immer schön drauf. Immer schön fertigmachen. Ist das geschafft, geht es ab an die Arbeit, während man selbst aufliegt. Auf dem Sofa. Was will man denn sonst an einem solchen Tag machen? Einem solchen Sonnentag. Sich ausstrecken. Zur Strecke werden. Zur Fahrbahn für Gedanken und Träume. Zur Start- und Landebahn für Worte. Probeliegen für den Sarg. Für das endgültige Aus! Abschalten. Totstellen. In der Sonne liegen und die Leber beweinen. Mengen von Wein, damit man wächst und gedeiht.

Und aufs Hirn schlägt sie auch, die Sonne. Klar!

Die Dame am Nachbartisch

Es würde mich nicht wundern, wenn sie kleine Kinder frisst. Sie sitzt am Nebentisch, thronend, ein tausendarmiges Wesen, das bald nach dem Salzstreuer greift, bald nach der Serviette, die sie faltet, die Welt imitierend. Sie stellt eine kleine Ausgabe der Erde her, hustet rasch einige Brotbrocken auf die Oberfläche, denn Menschen müssen auf den Planeten, damit sich jemand um den Untergang kümmern kann. Sie redet mit unzähligen Zungen, spricht von ihrem Sohn, ihrer Tochter, ihrer Tochter aus erster Ehe, ihrer Tochter aus siebter Ehe. Nebenbei bestellt sie ein Pizza, löscht ein Feuer in Fernost, blinzelt uns zu und gebärt Geruch. Nicht sehr angenehm, wir verdrehen die Nasen, bis sie uns schmerzen. Die Frau bemerkt es und lacht sich tot, dann lacht sie noch die Kellnerin und drei weitere Gäste ins Jenseits. Wir verharren, rühren uns nicht, behaupten, Teil des Inventars zu sein, Teil des Tisches.

Die Königin, so betiteln wir sie jetzt, glaubt uns, sie glaubt denen, die an Erich von Däniken glauben und löst sich dann in Luft auf, die wir rasch einatmen, kauen, runterschlucken und vergessen.

Wir sehen uns um und fühlen uns wieder sicher.

Der Nachmittag, den ich nicht bei Kaffee und Kuchen verbrachte

Ein geplanter Besuch hat nicht stattgefunden. Er ist abgesagt worden. Verschoben. Auf nächste Woche. Ins nächste Wochenende hinein.

Stürme tobten. Schnee fiel. Nicht wenig. Eher viel. Ganze Lastwagenladungen fielen. Ach, was sage ich da. Ganze Planeten aus Schnee fielen auf uns. Begruben uns. Wir konnten uns gar nicht mehr finden. Gruben ein Loch durch die Wohnung. Schossen einen Schneehasen. Wurden blind. Befreiten uns durch eine spontane Wunderheilung. Schlugen Löcher ins Eis. Hätten beinahe gebadet, wenn es nicht so kalt gewesen wäre. Arschkalt. Schlimmer war es. Arschwegfrierendkalt. Dabei hätten wir längst bei Kaffee und Kuchen in M sitzen müssen. Aber auch dort, wir konnten es kaum fassen: Schnee. Schnee, wohin das Auge blickte. Auf den Sesseln, auf dem Klodeckel. Schnee im Mund. Das Sprechen wurde zur Qual. Trotzdem, man ist ja auch Tourist, einige Fotos gemacht. Das muss festgehalten werden. Sonst glaubt es uns niemand. Man wird uns den Eisbär nicht abnehmen, den ich in einem Zweikampf tötete. Anschließend weidete ich ihn aus. Stellte sein Fell bei ebay ein. Entrüstete Mails folgten auf dem Fuß. Was für ein Nachmittag. Wir hätten ausgehen sollen. Dann wären uns die Überlebenskämpfe in den eigenen vier Wänden erspart geblieben.

Bauchkrähen

Die Unruhe ist kein Ort. Sie ist eine Bewegung, die kein Ziel kennt. Sie lässt dich durch die Wohnung tigern. Keine Gitterstäbe, nirgends. Du blinzelst durch die Scheibe nach draußen, schnüffelst den Autos und Fußgängern hinterher, als würdest du sie zerfleischen, wenn du fliehen könntest. Dabei kannst du jederzeit gehen. Und das tust du ja auch.

Die Unruhe lässt sich nicht beruhigen, lässt sich nicht mit Wein und Brot besänftigen. Sie flattert wie eine ausgewachsene Krähe durch deinen Bauch. So viel Platz und so viele Ecken, an denen Krähen sich stoßen können, um ins Trudeln zu geraten, hättest du deinem Bauch gar nicht zugetraut. Alles ist unendlich groß, gleichzeitig winzig klein. Die Dinge ergeben keinen Sinn. Alles ordnet sich der Unruhe unter, die ein Befehlshaber ist, der dich marschieren lassen will, bis du tot umfällst. Nicht nur deine Beine müssen marschieren, sondern auch die Gedanken, die sich überschlagen, als hätte sich ihr Marsch dem Flug der Bauchkrähe angepasst. Die Welt stürzt eine Röhre hinab und dreht sich dabei unentwegt selbst. Du denkst über alles und nichts nach, vor allem über das Nichts, dann wieder über das, was keinen Sinn ergeben will. Was geschieht mit der Welt, wenn sie untergeht? Liegt hier nur ein falsches Wortbild vor? Geht sie unter wie die Sonne, um also am nächsten Tag wieder aufzugehen? Verschwindet sie in einem großen Weltbrandmeer? Wohin verschwinden die Dinge, wenn doch nichts verschwinden kann? Gibt es eine große Waschmaschine des Universums, die linke Socken frisst, Planeten, die später nicht mehr aufgefunden werden, obwohl sie ja irgendwo sein müssen? Fragen über Fragen, die durch das Katapult Unruhe in deinen Hirnkasten geschleudert werden, der bald schon mit derlei überläuft. Der Kopf wird überschäumen, überkochen. Das Hirn wird sich über den Küchenboden ergießen. Du schüttelst den Kopf und läufst weiter, damit die Unruhe sich über den Boden wischt, damit sie sich festtritt. Unruhe ist nicht für Menschen gemacht.

Und dann reibst du dir den Bauch, um die Krähen, schon sind es mehrere geworden, an eine Wand deines Körpers zu locken. Ruhig sitzen sollen sie, tun es aber nicht, weil sie doch Bauchkrähen sind. Getrieben von einer Unruhe, die sie selbst nicht verstehen.