Und mit mir kamen die Tränen – Supergedichte I

tränen

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Traumtagebuch mit Hoden

“Ernst von Fleischl kam schon wieder vorbei. “Freud”, sagte er, “ich brauche mehr Cocain.” Versprach es ihm widerwillig. Meine Vorräte befinden sich unter einem großen Stein am Bahnhof. Verabredete mich mit von Fleischl dort, dessen linkes Augenlid unablässig zuckte. Das Lid, erklärte ich, könne er mit einem Faustschlag kurieren lassen. Weberthal in der Innenstadt habe sich auf Faustschläge ohne Anästhesie spezialisiert. Von Fleischl bedankte sich, auch für meine Untersuchungen am Aal-Hoden, die ich durch tagelanges Kneten dazu animieren konnte, ein eigenes Hirn zu entwickeln. (Bei den meisten Männern scheint mir diese besondere Mutation schon längst vollzogen.) Werde wohl nicht am Bahnhof erscheinen, weil ich die gesamten Cocain-Vorräte für die Behandlung meiner Nebenhöhlenentzündung benötigte, die sich bereits wieder bemerkbar macht. Sollte mich in den nächsten Wochen dringend um meine Angst vor Türklinken kümmern. Vermutlich handelt es sich dabei um die Urangst des Mannes vor Türen mit Penis. Dies ist aber nur eine vorläufige Vermutung. Ziehe mich jetzt zum Aal-Hoden-Kneten zurück, das mich doch sichtbar entspannt.”

Aus “Traumtagebuch mit Hoden” von Sigmund Freud, nie erschienen

Aus meinem Tagebuch

8. April 2014

Ich habe die ganze Nacht an einer Kurzgeschichte gearbeitet, deren Sinn sich mir nicht recht erschließen will. Was will ich damit sagen? Wütend stampfte ich auf, bis meine Kinder weinend erwachten. “Das ist doch nur Papa”, erklärte meine Frau ihnen. “Er arbeitet an einer Kurzgeschichte.” Das beruhigte die Kinder. “Ach so”, seufzten sie erleichtert auf. Jetzt liege ich müde und erschöpft auf dem Hund vor dem Kamin. Neben mir die Geschichte, die keinen Sinn ergibt. “Lies!”, hatte ich den Hund angebettelt. “Lies!” Aber auch er verweigerte sich. Ich bin so unglücklich. Oh weh! Würde ich meine eigene Geschichte nur verstehen, ich wäre ein glücklicher Mensch, der bereit wäre, sich an den Frühstückstisch zu setzen. So aber schlafe ich aus Trotz auf dem Hund, bis alle aus dem Haus sind.

9. April 2014

Es ist traurig. Der Hund ist tot. Als ich mich gestern Abend erhob, um mich bei ihm zu bedanken, dass er so geduldig als mein Lager gedient hatte, rührte er sich nicht mehr. Alle Versuche, ihn wiederzubeleben, scheiterten. Ich zerrte ihn über seine Lieblingsstrecke durchs Viertel. Aber nichts. Nicht einmal ein kurzer Atemzug. “Oh!”, klagte ich. “Der Hund ist von uns gegangen.” Die Kinder waren minutenlang untröstlich. Wir bestatteten das arme Tier später im Garten einer uns unbekannten Familie. “Wir werden einen neuen kaufen”, versprach ich den Kindern. “Aber, Papa”, sagten sie, “wir wollen Herr Rodenbach.” – “Gut, gut”, sagte ich. “Wir werden ihn finden. Seelen wandern. Nun müssen wir uns auf die Suche nach dem Hundekörper machen, in den Herr Rodenbach nach seinem Ableben eingefahren ist.”- “Juchhu!” Die Freude der Kinder war unbeschreiblich, selbst dann noch, als ich ihnen erklärte, dass Herr Rodenbach vermutlich Besitz vom dicken Leib unseres Nachbarn genommen habe. Ein Spaß. Haha! Nun soll ich ihn entführen. “Nein, nein, nur ein Spaß, wirklich.” Die Kinder sind von der Idee, unseren Nachbarn Gassi zu führen, besessen. Ich hätte das nicht sagen sollen. Kinder sind einfach zu gutgläubig.

Ich habe eine Mail unflätigen Inhalts erhalten. Man lehnte eine meiner Geschichten, die ich selbst nicht verstehe, ab. “Sieh mal!”, rief ich meiner Frau zu, die gerade Gulasch kochte. – “Was?” – “Sie haben meine Geschichte, die ich selbst nicht verstehe, abgelehnt.” Erzürnt bis über beide Ohren stürmte meine Frau heran. “Dieses Miststück!”, schimpfte meine Frau über die Absenderin der Mail. – “Zähme dich nicht!” – “Unkrautjätendes Ungetüm!” – “Ja, ja!”, feuerte ich sie an. “Wir dürfen uns das nicht gefallen lassen.” – “Niemals!” – “Lass uns unzüchtig Liebe machen, direkt hier im Angesicht ihrer Mail.” Und so geschah es. Wir liebten uns umständlich auf der rechten Stuhllehne. “Sieh hin, Bitch”, forderte meine Frau die Mail auf. “Sieh und lerne!” Wollüstig glitt der Nachmittag in den Abend.

Die kalten Finger des Herrn Tod

“Kaum hatte ich mich damit arrangiert, dass wir künftig zu dritt auf dem Karren leben würden, fand ich eines Morgens einen Zettel von Nadja. Sie schrieb: Lieber Dimitri, die Zeiten waren hart, aber du nicht, deshalb bin ich mit dem Gevatter Tod auf und davon. Er will mir so viel zeigen, auch wenn er beruflich stark eingebunden ist. Ich bin jetzt auch tot. Das erleichtert unser Zusammenleben. Tot ist wunderschön. Ich kann dir diesen Zustand nur empfehlen. Du frierst nicht mehr, lachst nicht mehr. Du musst auch keine Wäsche mehr aufhängen. Wenn ich länger darüber nachdenken, muss ich feststellen, dass du wohl schon seit deiner Geburt tot bist. Lustig, was? Lass dich von Arkadi durchs Leben tragen. Gehabt euch wohl. Deine Nadja.”

Aus “Die kalten Finger des Herrn Tod”, Tagebücher des Dimitri Verscenko

Jobs (II)

Verlierer

Anton, 52 Jahre, Verlierer von Beruf: “Ah, nein, nein, nein. Machen Sie das nicht. Angefangen hat es bei mir mit meinem Onkel, der bereits mit 16 als Verlierer nach Paris ist. Und das, obwohl er die Sprache gar nicht konnte. “Nicht weiter schlimm, Anton”, hat er gesagt. “Beim Verlieren musst du nicht sprechen. Du bekommst z.B. eine linke Socke und die verlierst du dann. Kurze Arbeitszeiten. Besser geht es nicht.” So wurde ich staatlich geprüfter Verlierer. Jahrelang verlor ich Kleinigkeiten, später stieg ich auf, verdingte mich an kriegstreibende Länder, zog ins Gebiet des Gegners, damit der seinen Krieg verlor. Ach, was ich nicht alles verloren habe: Wahlen, Gesichter, so viel. Aber glücklich, nein, glücklich bin ich nicht geworden.”

Hitler-Vergleich

Alfred, 62 Jahre, Hitler-Vergleich von Beruf: “Das ist doch scheiße. Das muss man doch mal so deutlich sagen dürfen. Lass mich, Eva Maria. Eva Maria ist meine Frau. Wo war ich? Beim Arbeitsamt. Diese Arschlöcher. Ist doch wahr! Die haben gesagt: Werden Sie Hitler-Vergleich. Den braucht man immer. Und was habe ich jetzt davon? Ich habe alle meine Freunde verloren. Auf der Straße, da spuckt man mich an, wenn mich erkennt. Nein, Hitler-Vergleich, das ist das Allerletzte. Hitler-Vergleich, pah, dann lieber arbeitslos.”

Jobs

Anwohner

Heinz, 47 Jahre, Anwohner von Beruf: “Das muss doch auch jemand machen: Anwohnen. Das ist der Trend. Die Leute wollen keine neuen Möbel mehr, nein, die sollen angewohnt sein. Nicht verwohnt. Aber doch leicht angewohnt. Und das ist mein Job. Da komme ich ins Spiel. Ich ziehe von Möbelhaus zu Möbelhaus und wohne an. So nach dem Motto: Wer hat in meinem Bettchen geschlafen? Es gibt auch Privataufträge. Verrückte gibt es ja überall. Neulich engagierte mich einer, dessen Freundin ich anlieben sollte. Nicht lieben, nur anlieben. Nicht mit mir. Gibt ja Grenzen. Anbumsen, okay, aber anlieben, niemals.”

Nachfolger

Gert, 36 Jahre, Nachfolger von Beruf: “Heutzutage sind wir nicht mehr gern gesehen. Stalker nennen uns manche. Früher war das anders. Man hat uns geliebt. Jeder Chef wollte einen haben, wenn möglich sollte es der eigene Sohn sein. Wir waren überall. In der Politik, vor den Amtsgerichten. Geschiedene Frauen waren ganz verrückt nach uns. Wenn ich inzwischen erzähle, dass ich Nachfolger bin, betrachtet man mich mit diesem merkwürdigen Gesichtsausdruck. Jobs sind rar, da kann nicht jeder einen Nachfolger gebrauchen. Wirklich glücklich macht der Job nicht, auch wenn man ständig in Bewegung und daher fit wie ein Turnschuh ist. Ich habe auch schon als Nachfolger eines Nachfolgers gearbeitet. Klar hatte ich ein schlechtes Gewissen. Hätte auch mich treffen können. Die Zeiten werden einfach nicht besser.”

Die kalten Finger des Herrn Tod

“Schreib dir das hinter die Ohren, Arkadi: Das Leben ist eine Faust voll Schnee. Wenn du denkst, du hast ihn sicher in deine Tasche gepackt, kommt der Sommer, du vergisst den Schnee, du unterhältst dich über die Tanzabende in Moskau, und ehe du dich versiehst, hast du den Schnee aus deinem Gedächtnis gestrichen, bis du eines Tages in deine Tasche greifst. Igitt, denkst du, das ist ja ganz feucht. Ist mir der Wodka ausgelaufen? Du engagierst eine Detektei, bis du dich an den Schnee erinnerst, den du vor drei, vier Wintern dort verstautest und der längst verdunstet sein müsste. Ja, aber warum ist er denn nicht verdunstet?, fragst du dich und philosophierst bei einer Flasche Wodka darüber, die du mit einer hässlichen Alten in einer Bretterbude trinkst, die wie das Haus deiner Eltern aussieht. Ja, so ist das Leben, mein Junge!”

Aus “Die kalten Finger des Herrn Tod”, Tagebücher des Dimitri Verscenko

Dimitri Reloaded

“Mein Verleger Irina ist vorgestern eingetroffen. Erschöpft sah er aus. Die Brüste standen weit in die Landschaft. Er habe seinen Verlag verkaufen müssen, erklärte er. “Verlasse deine Frau, Dimitri!”, forderte er mich auf. “Ich will fortan dein Weib sein.” Der Gedanke reizte mich. Leider bin ich auf Arkadi angewiesen, dem der Vorschlag weniger reizvoll erschien. Um meine Flucht heimlich planen zu können, musste sich Arkadi die Augen verbinden. Er rempelte alle paar Meter etwas an. “Der Junge ist mein Esel. Sieh, was meine Frau getan hat! Die Füße hat sie mir amputiert.” Einen Tag später war Irina fort. Durchgebrannt mit dem seit Jahren arbeitslosen Dorftürsteher. Die Welt ist eine Schlangengrube.”

“Jetzt, da Irina fort ist, spreche ich dem Wodka zu. Arkadi, der seiner acht Jahre wegen leider nicht trinkt, muss den Gang eines Betrunkenen imitieren, damit mein Kopf und sein Körper zu einer Einheit verschmelzen. Grölend liege ich auf seinem Rücken. Meine Hände hat er um seinen Hals geknotet. “Lass uns ein Lied singen”, bettelte ich Arkadi an, der mich eine Last nennt. Da er nicht dazu bereit war, begleitet uns seit einigen Tagen der Chor. Nadja verzweifelt an der Situation. Sie hat unsere Habseligkeiten auf einen Karren geladen und zieht mit mir um die wenigen Häuser des Dorfes. “Essen ist fertig”, tönt es manchmal direkt neben mir an der Theke oder der Tischkante eines Nachbarn. Sie sitzt und stopft und näht. “Du bist ja schon wieder betrunken, du Schwein!”, schimpft sie, wenn mich Arkadi des Morgens von seinem Hals bindet, um mich in den Karren plumpsen zu lassen. Dort liege ich und schlafe meinen Rausch aus. Unlängst erschien mir Gevatter Tod, der, ich bin mir sicher, hauptsächlich damit beschäftigt schien, Nadjas Hinterteil zu begutachten. “Gut, gut”, murmelte er unentwegt.”

“Gevatter Tod ist zu uns auf den Karren gezogen. Er stinkt fürchterlich. Weil er aber der Tod ist, wage ich nicht, ihn darauf anzusprechen. Er isst uns die letzten Vorräte weg und treibt es vor meinen Augen mit Nadja, die meint, der Sex mit ihm wäre zum Sterben gut. Sie peitscht ihn an, nicht nachzulassen. “Gemach, gemach”, keuchte der Gevatter, der mich auf die Seite zog und mir zuflüsterte: “Die ist ja unersättlich, du Glückspilz!” Unersättlich? Der wird sich noch wundern. Bereits heute musste er allein in diesem Landstrich 5 000 Jenseitsfahrten streichen, weil er nicht zum Arbeiten kam. Ein paar Monate, Jahre vielleicht, und die Welt wird an der Überbevölkerung wie an einer Krankheit leiden. 6 oder 7 Milliarden Menschen, unvorstellbar, noch, aber hat sich der Gevatter erst den Fängen von Nadja überlassen … Gott im Himmel stehe uns bei!”

Aus “Die kalten Finger des Herrn Tod”, Tagebücher des Dimitri Verscenko

Die kalten Finger des Herrn Tod

“Nadja kocht. Sie kocht vor Wut. Ich hätte sie abermals des Nachts nicht befriedigt. Um mich abzulenken, schlug ich unseren Sohn Arkadi. Sollten meine Tagebücher dereinst veröffentlich werden, bitte ich schon jetzt um Nachsicht. Dies waren Zeiten, in denen man Arkadi schlug. Nicht nur ich schlage ihn, sondern auch die gesamte Nachbarschaft, die, will sie sich abregen, bei uns anklopft, mit der Bitte, Arkadi schlagen zu dürfen. Der arme Junge. Er tut mir leid. Um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, trank ich Wodka. Der Alkohol ist die letzte Hilfe, die man sich holen kann, vor allem hier in der Einöde, in diesem Dorf, in dem Menschen leben, die von der Natur verroht wurden. Von Moskau vergessen, kam es erst gestern aus Langeweile zur Gründung eines Chors. Wie tief wollen wir denn noch sinken?”

“Meine Füße fühlten sich nach meinem Marsch durch den Wald klamm an. Nadja meinte, sie wären erfroren. Unsinn, erwiderte ich. Um mir das Gegenteil zu beweisen, hackte Nadja sie mir ab. Kein Blut. Nichts. “Haha, siehst du, Nadja, ich habe nicht einmal etwas gespürt.” Anschließend trugen Nadja und Arkadi mich ins Bett. Die Stümpfe brannten sie vorsorglich aus. Schrieb während der Prozedur an meinem Roman weiter, den ich Ende des Monats an meinen Verleger Sergeij nach Moskau senden werde, der, so schrieb er mir in seinem letzten Brief, sich bei einer Sängerin die Syphilis geholt hat. Der Glückliche. Welch eine Auszeichnung, ist die Syphilis doch nur den wahrhaft großen Geistern unter uns vorbehalten.”

“Seit Nadjas Amputation friste ich ein Leben im Bett. Will ich draußen Holz holen, muss Arkadi mich tragen. Auf seinem Rücken ist es so gemütlich, dass ich inzwischen sogar nachts darauf schlafe. Beim Verkehr mit meiner Gattin stört er zwar etwas, aber ich lass mich da nicht irr machen. Um mich von meinem schweren Los abzulenken, nehme ich seit einigen Tagen an den Proben des Chors teil. Wir singen in Ermangelung von Noten und Texten keine Lieder, sondern ahmen das Heulen der Wölfe nach. Noch keine Post von meinem Verleger Sergeij, der sich, so wurde mir berichtet, einer Operation unterzog und fortan Irina gerufen werden will.”

Aus “Die kalten Finger des Herrn Tod”, Tagebücher des Dimitri Verscenko

Aus meinem Tagebuch

Ich habe wieder den ganzen Tag schwere Sachen verladen. “Was machen denn die schweren Sachen hier?”, fragte ich meine Frau, die hilflos mit den Schultern zuckte. Nachher cremte ich mir den Ellenbogen ein, um keine Entzündung zu bekommen. Vorsorglich. Ich creme ja seit Jahren. Alle Stellen an meinem Körper werden mit den verschiedensten köstlichen Ölen behandelt. Jetzt werde ich mir die Zähne putzen, ausführlich. Zähne sind nicht zu unterschätzen. Nachher Theater mit den Nachbarn.

Ein Traum

Träumte in dieser Nacht davon, mich in eine riesige Reisetasche mit Heimatgefühlen verwandelt zu haben. Gepackt stand ich im Flur, darauf wartend, dass man mich abermals aus dem Schoß derer riss, die mich so sorgsam ein- und auspackten, um von strenger Hand zum Flughafen getragen zu werden. Ich hätte, wäre ich dazu in der Lage gewesen, gezittert, überließ dies aber dem Espenlaub, dem man sich seit der Niederschlagung seines Stammes so sorgsam widmet. Espenlaub müsste man sein, dachte ich. Dann müsste man wenigstens nicht ständig verreisen. Das Espenlaub, getrocknet zwischen den Seiten eines Onlinelexikons, wird überhaupt auf eine nahezu krankhafte Art bemuttert, indem man es z.B. mit Reis zu füttern versucht, den es bisher verweigerte. Das hat man davon, wenn man sich mit Espenlaub einlässt, dachte ich, der, gerade wollte ich mich als Reistasche anbieten, vom Wecker getötet wurde.

bett

Dies ist mein Bett, auf dem ich liege und zärtlich träume