Zerstörte Zeitgläser

3 Gedichte von Frank Levoi

Das Aroma der Wut

Ich werde mich abfackeln,
werde zur Glut meiner Texte.
Ich liege mit meinem Skelett
eng an eng.
Schlafe mit mir
und meinem Tod.
Ich verteile mich
in meine Lungen, meine Zunge.
Schmecke mein Blut,
das Aroma der Wut.

Rote Stunden

Er kriecht durch Eisenbahntunnel,
ein Zeitnomade,
frisst Gedankenströme,
die in den Zügen hocken,
Zeitung lesend, verwesend
am lebendigen Leib.
Den Geruch des Todes
schüttelt er aus seinem Mantel,
Staub, der fällt, Milliarden Körner,
die sich zwischen die Schienen setzen,
zwischen seine Zähne, die er
schmeckt, leckt, bis seine Zunge
rot
vom Tod ist.

Tödliche Automatismen

Automaten wachsen hinter seinem Haus,
rote, gelbe, blaue Automaten sprießen
in seinem Kopf.
Er steht am Fenster, im Leerlauf.
Sein Mutter im Bett, sterbend,
mit einem Motorbrummen, ganz tief.
Er muss den Antrieb finden, den
Motorblock durchsuchen, dieses ganze
Haus aus Schmerzen und Insekten,
aus Köpfen und Rümpfen.
Ein erster Schluck Formaldehyd,
um sich einzubalsamieren.
Ein paar Augen huschen am Fenster
vorüber.
Ein trüber Morgenbrei in seiner Hirnschale.
Er muss ihn auslöffeln.
Gas verlässt den Körper.
Die Wäsche des Todes, die Totenhemden,
alles flattert faulend im Verkehrswind
durchreisender Geister, die sich
nach den Automaten bücken, die rot, gelb, blau
vergehen.

© Frank Levoi

Aus Levois Gedichtband “Zerstörte Zeitgläser” ( aus dem Amerikanischen übersetzt von Guido Rohm)

Die Fabrik der Tortenmädchen

Ich teilte heute meinen Eltern mit, dass ich Privatdetektiv werden will. Eigentlich teilte ich es nur meinem Vater mit, da Mutter vor Jahren verschwunden ist. (Vielleicht will ich deshalb Detektiv werden. Freud würde von einem “auf die mütterliche Vagina abzielenden Berufswunsch” reden. Ich hoffe, sie irgendwann wohlauf bei einem Tortenwettessen zu finden. Mutter liebt Torte. So sehr, dass es sein kann, dass ein gemeiner Verbrecher sie damit in sein Auto lockte. In London verschwinden immer wieder Frauen, die eine Vorliebe für Torte haben.)
“Ich werde Privatdetektiv”, sagte ich zu meinem Vater.
Er schlang gerade sein Abendessen hinunter, und das, obwohl es früher Morgen war. Vater ist Exzentriker.
“Was?”, schrie er und hielt seine rechte Hand an sein linkes Ohr. Solche Bewegungen muss er als Vorsitzender des örtlichen Exzentriker-Clubs machen. (Er ist außerdem schwerhörig, daher das laute “Was?”)
“Privatdetektiv?”
“Schief? Was ist schief?”
Ich überlegte rasch, wie ich mich ihm mitteilen könnte. Mein übermäßig großes Hirn arbeitete fieberhaft.
“Privatdetektiv!”, schrie ich lauter.
“Brief? Ich habe keinen Brief. Oder hast du einen Brief, James?”
James ist der Butler meines Vaters, der ebenfalls schwerhörig ist und daher erst gar nicht auftauchte. James erscheint seines Leidens wegen nur sehr selten. Meistens sitzt er in seinem Zimmer und sieht sich bei voller Lautstärke Talksendungen an.
“James ist nicht da!”, brüllte ich.
“Nichte? Du hast keine Nichte!”
“Nicht Nichte. James ist nicht da, und ich möchte Privatdetektiv werden.”
Mein Vater sah mich erstaunt an. Dann lief er puterrot an. Er griff sich nach dem Hals, als würde er keine Luft mehr bekommen.
Geschult in allen gymnastischen Übungen, machte ich blitzschnell eine Rolle vorwärts, einen Handstand, noch eine Rolle vorwärts, bis ich bei Vater war, um ihm eine Backpfeife zu verpassen.
Vater hustete und spuckte ein Stück Fleisch, groß wie meine Hand, auf den Tisch.
“Warum willst du mit James durchbrennen?”, keuchte er.
“Nein, das will ich gar nicht”, versuchte ich ihm zu erklären. “Ich will Privatdetektiv werden.”
Vater schüttelte traurig den Kopf und murmelte: “Das hätte deine Mutter nicht gewollt.”
“Was? Dass ich Privatdetektiv werde?”
“Dass du deinen armen Vater so ausbrüllst.”

Aus Urs Schliepers “Die Fabrik der Tortenmädchen”, Krimi in Tagebuchform

Auszüge aus dem Werk des unvergesslichen Urs Schlieper

“Unser erster Tanz im Jenseits. Ich führe sie, muss aber vorsichtig sein, sie nicht zu verlieren. Wir Toten sind nicht ganz bei uns. Ruckzuck hat man den einen oder anderen Knochen in der Hand. Unsere Blicke sind luftig. Sieht sie mich an? Sieht sie mich nicht an? Und die Erotik bleibt auch auf der Strecke. Wir sind längst nackt, abgenagt bis auf die Knochen.”Aus Urs Schliepers Erzählung “Knochentrocken, die Alte – Eine Liebesgeschichte ohne Liebe”

“Schriftsteller kennen keine Gnade. 1993 schrieb ich eine SF-Geschichte, die von einer Gruppe von Schriftstellern handelt, die den Kampf gegen den Konsum, den erbärmlichen, aufgenommen haben. Sie dringen in Warenhäuser ein, metzeln alle nieder, Frauen, Kinder, es ist grauenhaft. Sie errichten ein Literaturregime, wie es schrecklichlicher nicht sein könnte. Nichtautoren werden in Zuschauerlager verfrachtet, um dort auf Großbildschirmen den Lesungen der Schriftsteller beizuwohnen. Am Ende fressen sich die Schriftsteller gegenseitig auf, weil jeder der beste Autor sein will. Die Geschichte wurde – Sie ahnen es bereits – bei allen Magazinen abgelehnt.” - Urs Schlieper in seiner Autobiografie “Erdleben der Stärke 0″

“1992 schrieb ich eine bis heute unbekannte Geschichte über Einbrecher in Hochwassergebieten. Titel: Die Eintaucher. Sie handelt von Herbert W., der, nachdem er arbeitslos wird, an eine Bande von Verbrechern gerät, die weltweit in Hochwassergebieten in die Häuser einbrechen. Sie tauchen durch die Wohnungen und klauen alles, wirklich alles, weil es so leicht zu transportieren ist, bis sie schließlich ganze Häuser stehlen, um sie auf dem Schwarzmarkt zu Geld zu machen. Als die ersten Käufer erkranken, kommt man ihnen auf die Spur. Berühmter Satz des Polizisten Kies: “Das ist hier ja alles verschimmelt.” Herbert W. hängt die Badekappe an den Nagel und flieht nach Osnabrück. Ja, ich erinnere mich gerne daran. Ich schrieb sie während einer Hitzewelle, um mir auf diese Art ein wenig Abkühlung zu verschaffen.” - Urs Schlieper in seiner Autobiografie “Erdleben der Stärke 0″ 

 

Demnächst

Die große Skandal-Biografie von „Richter Sex“. Exklusiv vorab erste Auszüge:

„2005 lebte ich mit einem ehemaligen Staatsanwalt zusammen. Wir koksten und peitschten uns, bis wir nicht mehr wussten, wo wir waren. Orientierungslos liefen wir durch die Stadt, die Hamburg sein sollte. Ich erkannte sie nicht mehr wieder. Hier war ich also Politiker und Richter gewesen. Ich versuchte einen Passanten zum Tode zu verurteilen. Er gehorchte nicht. Um auf den Boden der Tatsachen zurückzukommen, rief ich RTL an, die ein Kamerateam vorbeischickten, das mich beim Sex mit einem Mülleimer filmte. Die Bilder, die ich mir gleich danach auf einem der mitgebrachten Monitore ansah, überzeugten mich. Ja, das war ich: Richter Sex. Und ich war tatsächlich in Hamburg.”

„Als ich noch Richter war, ließen wir manchmal Leute vom Bürgersteig gegenüber des Gerichts verhaften, um sie zu unseren Sexsklaven zu machen. Ich ließ sie in den Keller sperren und versprach ihnen, dass ihr ‚Schicksal’ später Teil einer Reportage auf RTL II werden würde. Das beruhigte die meisten, sodass sie fleißig bei der Sache waren. Die anderen Richter und ich peitschten sie aus, bewarfen sie mit ausgeschiedenen und aktuellen Aktenteilen und lachten uns kaputt, wenn sie uns anflehten, Gnade walten zu lassen. Abends machte ich Wahlkampf und schimpfte auf all die, die unser Rechtssystem beugten. Ich beklagte mich über den Verfall der Sitten und über die Junkies, die in den Parks herumlungerten. Später zogen wir in die Clubs und feierten, nicht ohne die eine oder andere Line zu schnupfen. Tolle Tage, die ich nicht missen möchte. Wer Spaß sucht, sollte Richter werden.“

Aus Donald Schrill „Richter Sex“, Eine Biografie

schrill

Cover: Archi W. Bechlenberg

Ulf Uschmann in Frankfurt

An alle Damen mit Reitstiefeln. Ulf Uschmann freut sich bereits auf die Buchmesse.

Ulf_Frankfurt

“Geile Weiber mit geilen Möpsen, das ist das eine. Aber sie müssen auch Gedichte auswendig können. Das macht mich heiß, wenn sie mir was von Celan in die Ohren keuchen, während wir es tun. Von hinten und dabei Rilke. Sehr gut. Ich bin mehr der intellektuelle Liebhaber. Es muss mir etwas bedeuten, wenn ich komme.” Ulf Uschmann

Sätze, wie man sie in Klagenfurt noch nie gehört hat (2)

Meike Meiers Text ist nicht nur latent irrsinnig, weil er sich alles erlaubt. Das ist ein Risiko, das er in Kauf nimmt, weil dadurch Sätze entstehen, wie man sie in Klagenfurt noch nie gehört hat: “Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet” Das ist sehr gut. - Aus “Mein Klagenfurt” von Christian Schneider

Čechov an A.S. Dovorin

Du schreibst, dass man das Theater nur lieben muss, dass man seine Leidenschaft zeigen muss. Ich träumte letzte Nacht davon, nackt auf einer Bühne zu liegen. Ich rollte über den Boden, hin und her, wie ein eingelegter Hering lag ich auf den Brettern, stöhnend, mich dem Theater hingebend. Ich machte ihm Komplimente, küsste den Vorhang, bis ich schließlich auf ihm saß. Ich ritt auf ihm. Meinst du etwa, das Publikum hätte meine Liebe begriffen? Entsetzt saßen sie da und zeigten mit den Fingern auf mich. Sie schrien und tobten, ich würde Unzucht mit dem Theater treiben. Es sei nicht so, wie es aussehe, wollte ich sie beruhigen, doch zwischen meinen Beinen ragte bereits das Gegenargument in die Luft.

A. Čechov an A.S. Dovorin, 5. November 1888

Karpov inszeniert meine Stücke zu Tode. Er ist sich für nichts zu schade. Meine Figuren, die den Menschen etwas bedeuten sollen, lässt er als Käsesorten auftreten. Was sollen die Leute von mir und meinen Stücken halten, in denen Käsewürfel sich bekriegen, weil sie an die Pfeffermühle wollen. So etwas habe ich nicht geschrieben. Viel schlimmer ist aber noch, dass es an den Haaren herbeigezogen ist. Oder hast du schon mal von Käse gehört, der sich wegen des Pfeffers streitet? Wegen des Brotes, auf dem er landen soll, das vielleicht. Aber nicht wegen einer Pfeffermühle. Unsinn. Sie sollten Karpov mit einem Spielverbot belegen. Wenn er nicht aufhört, mich und meine Stücke klein zu machen, dann gnade ihm Gott. Laut seinen neuesten Plänen will er meinen Platonow bringen. Wie ich aus verlässlichen Quellen erfuhr, will er das Stück im Schinkenwürfelmilieu ansiedeln. Ich muss jetzt Schluss machen. Bei der ganzen Briefeschreiberei bekommt man Hunger.

A. Čechov an A.S. Dovorin, 27. Dezember 1888