Feldbibliothekar Nudelhuber

Der Soldat wollte gerade anlegen, da erschien neben ihm die Gestalt des Feldbibliothekars Alfred Nudelhuber.
“Was wollen Sie, Nudelhuber?”
“Ich hätte hier eine wunderbare Ausgabe von Goethes Gedichten.”
“Sie sehen doch, dass wir uns mitten in einem Gefecht befinden.”
“Die Gedichte könnten Ihnen eine kommende Waffenruhe versüßen.”
Eine Kugel streifte des Soldaten Schulter. “Ich bin getroffen”, ächzte er und fiel nach hinten in den Schlamm.
“Vielleicht jetzt?”, fragte Nudelhuber, der sich über ihn beugte. “Ich müsste Ihnen allerdings einen Leihausweis ausstellen, sollten Sie über einen solchen noch nicht verfügen.”

Aus “Feldbibliothekar Nudelhuber”, Roman, vergriffen

Und mit mir kamen die Tränen – Supergedichte I

tränen

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Lars Antichrist

Lars will es. Unbedingt. Er will die Erde unterjochen. Will sie bluten sehen. Er will der Antichrist sein. Nicht irgendein Antichrist, sondern der Antichrist schlechthin. Das muss doch möglich sein. Berufswünsche sind dazu da, um sie sich zu erfüllen – wenn möglich. Heinz, sein dämlich grinsender atheistischer Schulfreund, hat ihm erzählt, es gebe keinen Gott, und somit auch keine Hölle – und keinen Teufel. Unsinn! Für diese Frechheit hat ihm Lars die Zähne ausgeschlagen. Nicht einen, nicht zwei, sondern alle siebzehn, die Heinz noch im Mund hatte. Und dann hat er ihn noch gewarnt, ja nichts zu verraten, sonst seien seine Eltern und seine Schwestern auch noch dran. Das Böse schläft nie, sagte Lars. Es bekommt alles mit.

Lars geht danach nach Hause, ein Zuhause, dass ständig auf Achse ist, weil seine Eltern im Bankräubergewerbe sind. Bankräuber. Das ist ein guter und ehrlicher Beruf, sagt sein Vater und hebt den kleinen Lars auf den Arm. Wenn du mal groß bist, wirst du auch Bankräuber. Gut und ehrlich sind Worte, die Lars krank machen. Lars schüttelt innerlich den Kopf. Aber jetzt nicht auffallen. Nur nicht auffallen. Wenn die Zeit gekommen ist, wird er sich Aleister nennen und eine Menge Kinder dem Fürsten der Finsternis opfern.

Die Eltern packen den kleinen Lars in seinen Kinderzimmerkäfig und schleppen ihn nach unten. Hinein in den LKW. Und ab geht es zum nächsten Wohnort.  Unterwegs, weil es sich anbietet, überfallen sie gleich noch drei Banken. Läuft alles gut. Bis auf die vier Toten. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Sagt der Vater. Und der muss es schließlich wissen, sonst wäre er kein Vater geworden.

Lars malt derweil umgedrehte Kreuze in seinen Sabber. Das ist eine Unart von ihm, überall malt er diese umgedrehten Kreuze hin. Als sie mal bei Oma waren, hatte er sich einen Stift genommen. Die ganze Wohnung hatte er mit den Kreuzen verziert. Als Oma ihn auf sein ungezogenes Verhalten ansprach, verstellte er seine Stimme und krächzte: “Hier spricht Satan, du Hure. Du wirst bald verrecken. Und dann wirst du hier unten bei uns Schwänze schlecken.” Die Oma riss die Augen auf, stammelte etwas von “Unglaublich!” und “Was?” und verstarb an Ort und Stelle. Lars bekreuzigte sich umgekehrt, gedachte des großen Aleister Crowley und buchte Oma als Opfer an den Fürsten ab. Dann bekam er Hunger, weil er sich aber noch nichts alleine zubereiten konnte, musste er warten, bis seine Eltern die Leiche fanden.

Die neue Wohngegend ist schrecklich. Lars hasst sie. Teufel, wie er sie hasst. Lauter Einfamilienhäuser. Frauen, die früh aufstehen und grüßen. Ein grünes Haus, ein gelbes, ein rotes, ein pinkfarbenes. Die ersten Tage ist Lars krank. Er übergibt sich. Wie seine Lieblingsschauspielerin Linda Blair in seinem Lieblingsfilm “Der Exorzist”. Um ihn zu beruhigen, legen die Eltern die DVD ein. Sein Blick verzerrt sich. Ein diabolisches Grinsen umspielt seinen Mund. Es geht ihm Szene für Szene besser. Um sich von den Strapazen der Krankheit zu erholen, streunt er durch die Gegend. Er entführt, foltert und tötet diverse Katzen.

Man müsste hier ein Massaker anrichten, tagträumt Lars, als ihm ein Junge mit einem seligen Gesichtsausdruck entgegentritt. Der Junge heißt Waldemar und ist ein Christenkind. Ein Anhänger Gottes.

“Oh, bist du neu hier?”, fragt Waldemar und meint, Schwefelgeruch wahrzunehmen.

“Fick dich!”, grunzt Lars.

Hm, überlegt Waldemar, als ein Christenmensch sollte ich gehorchen. Ich will diesen jungen Mann ja glücklich machen. Aber wie soll ich das machen? Mich selber ficken? Geht das überhaupt?

“Hör zu, mein Bruder”, sagt Waldemar. “Gern will ich dir deinen Wunsch erfüllen, aber lass uns zuvor beten!”

Lars beschließt, das Spiel, alle Dämonen mögen ihm verzeihen, mitzuspielen, nur um zu sehen, was passiert. Waldemar fällt mit einem “Auaschönistdas” auf die Knie und betet das Vater-unser. Lars bewegt die Lippen. Die Sekunden des Gebets sind der reinste Himmel für ihn. Es ist schön. Beinahe muss er sich wieder übergeben.

“Und jetzt fick dich!”

Waldemar wird rot im Gesicht. Versprochen ist versprochen. Und der Herrgott sieht alles. Aber Unzucht, auch mit sich selbst, ist eine Sünde. Er könnte sich umbringen. Auch das eine weitere Sünde. Er steckt in einer echten Klemme.

“Und wenn ich es nicht kann?”, fragt Waldemar.

“Dann würde ich dich als einen unfreundlichen Menschen bezeichnen.”

“Hm.” Waldemar schüttelt den Kopf und geht nach Hause. Hinein in sein Zimmer, er packt seine Bibel ein, ein paar Unterhosen zum Wechseln und zieht sich ins Unterholz zurück. Dort sitzt er. Ein Einsiedler. Einer, der die Menschen hinter sich gelassen hat, bis die Eltern zum Essen rufen. Gehorchen muss er. Also gehorcht er.

Und wieder ziehen Lars und seine Eltern um. Die Jahre verstreichen. Lars ist inzwischen sieben Jahre. Sieben ist eine Zahl, die er hasst. Fragt ihn jemand, behauptet er 666 Jahre zu sein. Er sei das Große Tier. Basta! Außerdem will er nicht mehr Aleister heißen, sondern Damien.

Zeit für seine erste Blackmetalband. Sie nennen sich “Frau Hölle”.  “Frau Hölle” wollen mit ihrer Musik Schmerz erzeugen. Sie wollen quälen. Zunächst probieren sie ihre Songs an Tieren aus. Die meisten verenden nach wenigen Sekunden. Hunderte von Hamstern. Später Katzen. Hunde. Keines der Tiere überlebt ihr Intro. Sie reißen die Augen auf. Fallen zur Seite. Mit heraushängender Zunge. Lars ist mit dem Resultat zufrieden. So können sie auf Tournee gehen. Sie nennen es nicht so. Sie nennen es Amoklauf. Jürgen, der Gitarrist, organisiert einen Kleinbus. Sie schminken sich weiß, schmieren sich mit Schweineblut ein und fahren los. Lars spürt, dass sein Leben allmählich seinen Sinn verliert. Darum geht es. Keinen Sinn finden. Oder, ist einer da, ihn zu verlieren.

Sie halten auf einem Marktplatz. Bauen ihre Verstärker auf, bitten um Strom, den man ihnen verweigert. Sie würden nicht vertrauensselig genug aussehen. Nicht vertrauensselig? Pah! Lars und Jürgen besorgen sich in der Nacht illegal Strom und spielen ihr erstes Todeskonzert. Punkt Mitternacht. Es ist ein Blutbad. Sie metzeln die Kleinstadt nieder. Kinder, alte Menschen, keiner überlebt. Jetzt hat er es geschafft. Lars ist zu einem Flüchtling geworden. Er hat sich endgültig von seinen Eltern abgenabelt, die wenige Tage nach diesem Ereignis bei einer Schießerei mit der Polizei ums Leben kommen. Lars trauert nicht. Höllensöhne trauern nie.

Nach den Kleinstädten, kommen die Großstädte. Lars Antichrist, so haben ihn die Zeitungen getauft. Er ist fünfzehn und verlässt eines Nachts heimlich den Tourbus, um nach Alexandria auszuwandern. Die Band war der Anfang. Aber sie kann mehr. Er weiß es. In Alexandria mietet er sich in einem Hotel ein und beschwört einen Dämon namens Labrador.

Labrador diktiert ihm das “Textbuch des Todes und der Pein”. Darin enthalten, alle Texte, die “Frau Hölle” grunzen müssen, um die Herrscharen der Hölle auf die Erde hinauf zu rufen. Schwitzend, an Verstopfung leidend, schreibt Lars Antichrist das “Textbuch des Todes und der Pein” auf dem Klo nieder. Nach vier Stunden ist es vollbracht. Lars zieht sich an, spielt einen Song leise auf seiner Wandergitarre und verlässt ein Alexandria, in dem niemand mehr lebt. Leichenberge säumen seinen Weg. Er läuft an Blutflüssen entlang. Seine Rückreise bildet eine Schneise der Verwüstung.

“Frau Hölle” treffen sich an einer Bushaltestelle am Rand von Köln. Sie beten ein Vater-unser rückwärts, bespucken Oblaten, feiern hinter dem Bushäuschen eine schwarze Messe samt Jungfrauenschändung und gehen dann auf Amoklauf. Auf ihren T-Shirts stehen alle Städte, in denen sie töten werden.

Die Todeskraft der neuen Texte ist so stark, dass sie keinen Strom mehr brauchen. Sie müssen nur daran denken, den einen oder anderen Song zu spielen, schon töten sie alles Leben im Umkreis von mehreren hundert Kilometern. Gleichzeitig tauchen die ersten Dämonen auf der Erde auf, darunter auch Labrador, der sich “Frau Hölle” als Rowdy anschließt. Gerade mal sechszehn Jahre, fühlt sich Lars am Ziel. Die Welt wurde Satan unterworfen.

“Frau Hölle” werden zu DER BAND der kommenden Epoche. Kein Todesfall, bei dem sie nicht spielen. Satan höchstpersönlich ernennt sie zur “verfickt schlechtesten Band aller Zeiten”. Um auch den Rest des Universums zu unterwerfen, lässt Satan Raumschiffe für den nächsten Amoklauf von “Frau Hölle” bauen. Alles läuft gut, bis die ersten Angriffswellen Gottes das Höllenreich erschüttern. Man setzt Engelschöre ein, später Schlager. Die himmlischen Scharen machen nächtlich Land gut. Gott werde sich die Erde zurückholen. Lars und seine Bandkollegen geben alles. Die noch existierenden Kirchen werden zu Trutzburgen des Widerstands. Satan weist die Priester darauf hin, wem sie ewige Gefolgschaft geschworen haben. Nicht Gott, sondern ihm. Der Vatikan bekennt sich, schon seit Jahrhunderten heimlich für Satan zu arbeiten.

Lars kümmer das wenig. Er ist siebzehn und krank. Blutkrebs, stellen ein paar lachende Dämonen fest.

“Was kann man da machen?”, fragt Lars.

Wieder lachen die Dämonen. Was man da machen kann? Machen kann? Sie feixen und verabschieden ihn. Das Böse kenne kein Mitleid.

Lars ist zum ersten Mal verzweifelt. Er, der sich ein Leben lang für die Sache des Bösen aufgeopfert hat, wird aufgegeben, liegengelassen, niemand will sich um ihn kümmern. Seine Bandkollegen tauschen ihn aus.

In seiner letzten Nacht erscheint Lars ein Engel, der verflucht nach dem Kerl in der Wohnsiedlung damals aussieht. Wie war sein Name? Waldemar?

“Ich bin der Engel Waldemar”, sagt die Gestalt. “Ich bin mächtig. Ich kann mich sogar selber ficken.”

Lars muss vor Lachen Blut erbrechen.

“Und kann du mich retten?”, fragt Lars.

“Ja”, sagt der Engel.

“Dann tu es”, herrscht Lars ihn an.

“Ja”, sagt der Engel Waldemar. “Hiermit …” Waldemar bricht ab.

“Was ist los?”, fragt Lars.

“Ich muss weg”, sagt Waldemar. “Gott hat zum Essen gerufen. Und er wird saulieb, wenn man nicht auf ihn hört. Saulieb ist nicht schön, glaub mir.”

“Rette mich erst”, bettelt Lars.

“Nein, ich muss. Wenn dir langweilig ist, fick dich einfach selbst”, rät der sich entfernende, sich dabei selbst penetrierende Engel Waldemar.

Lars liegt da und stirbt. Er denkt an sein Leben zurück. Im Grunde hat er alles erreicht, was ein junger Mann erreichen kann. Er wird sicherlich einen guten Platz in der Hölle bekommen. Viel Feuer und Schmerz, besser wird man es nicht haben können. Schade nur, dass man ihm seinen Einsatz nicht mehr gedankt hat. Aber so ist das eben mit den heutigen Unternehmen. Kein Rückhalt für die Belegschaft. Lars schließt die Augen und schläft ein.

Als er aufwacht, ist es sieben Uhr am Morgen. Seine Eltern leben noch. Er ist gefesselt.

“Wo bin ich hier?”, fragt Lars.

Sein Vater beugt sich mit einem freundlichen Lächeln über ihn. “In der Hölle, mein Sohn!”

Aus dem Radio sickert leise ein Lied. “Ein bisschen Frieden” von Nicole.

Sein Vater streichelt ihn.

“Hör auf damit!”, giftet Lars.

“Nein”, flüstert sein Vater.

Mehr und mehr gutaussehende Wesen drängen ins Zimmer und streicheln ihn. Sie sagen, Lars wäre ja ein so toller Junge. Soooooooo toll!

“Die Hölle”, sagt sein Vater leise. “Willkommen in der Hölle!”

Lars Antichrist beißt die Zähne zusammen. Diese eine kleine Ewigkeit, verfickt noch mal, die wird er auch durchstehen, und wenn die vorbei ist, dann gnade ihnen Gott. Dieses Mal wird er für die Sache des Guten kämpfen. Und das wird für niemand gut ausgehen. Mit diesem Gedanken lässt Lars es geschehen. Alles, auch das sie ihn gerade loben.

“Mein kleiner Liebling!”

Lars schreit innerlich auf!

Coppo_di_Marcovaldo,_Hell

Traumtagebuch mit Hoden

“Ernst von Fleischl kam schon wieder vorbei. “Freud”, sagte er, “ich brauche mehr Cocain.” Versprach es ihm widerwillig. Meine Vorräte befinden sich unter einem großen Stein am Bahnhof. Verabredete mich mit von Fleischl dort, dessen linkes Augenlid unablässig zuckte. Das Lid, erklärte ich, könne er mit einem Faustschlag kurieren lassen. Weberthal in der Innenstadt habe sich auf Faustschläge ohne Anästhesie spezialisiert. Von Fleischl bedankte sich, auch für meine Untersuchungen am Aal-Hoden, die ich durch tagelanges Kneten dazu animieren konnte, ein eigenes Hirn zu entwickeln. (Bei den meisten Männern scheint mir diese besondere Mutation schon längst vollzogen.) Werde wohl nicht am Bahnhof erscheinen, weil ich die gesamten Cocain-Vorräte für die Behandlung meiner Nebenhöhlenentzündung benötigte, die sich bereits wieder bemerkbar macht. Sollte mich in den nächsten Wochen dringend um meine Angst vor Türklinken kümmern. Vermutlich handelt es sich dabei um die Urangst des Mannes vor Türen mit Penis. Dies ist aber nur eine vorläufige Vermutung. Ziehe mich jetzt zum Aal-Hoden-Kneten zurück, das mich doch sichtbar entspannt.”

Aus “Traumtagebuch mit Hoden” von Sigmund Freud, nie erschienen

Aus meinem Tagebuch

8. April 2014

Ich habe die ganze Nacht an einer Kurzgeschichte gearbeitet, deren Sinn sich mir nicht recht erschließen will. Was will ich damit sagen? Wütend stampfte ich auf, bis meine Kinder weinend erwachten. “Das ist doch nur Papa”, erklärte meine Frau ihnen. “Er arbeitet an einer Kurzgeschichte.” Das beruhigte die Kinder. “Ach so”, seufzten sie erleichtert auf. Jetzt liege ich müde und erschöpft auf dem Hund vor dem Kamin. Neben mir die Geschichte, die keinen Sinn ergibt. “Lies!”, hatte ich den Hund angebettelt. “Lies!” Aber auch er verweigerte sich. Ich bin so unglücklich. Oh weh! Würde ich meine eigene Geschichte nur verstehen, ich wäre ein glücklicher Mensch, der bereit wäre, sich an den Frühstückstisch zu setzen. So aber schlafe ich aus Trotz auf dem Hund, bis alle aus dem Haus sind.

9. April 2014

Es ist traurig. Der Hund ist tot. Als ich mich gestern Abend erhob, um mich bei ihm zu bedanken, dass er so geduldig als mein Lager gedient hatte, rührte er sich nicht mehr. Alle Versuche, ihn wiederzubeleben, scheiterten. Ich zerrte ihn über seine Lieblingsstrecke durchs Viertel. Aber nichts. Nicht einmal ein kurzer Atemzug. “Oh!”, klagte ich. “Der Hund ist von uns gegangen.” Die Kinder waren minutenlang untröstlich. Wir bestatteten das arme Tier später im Garten einer uns unbekannten Familie. “Wir werden einen neuen kaufen”, versprach ich den Kindern. “Aber, Papa”, sagten sie, “wir wollen Herr Rodenbach.” – “Gut, gut”, sagte ich. “Wir werden ihn finden. Seelen wandern. Nun müssen wir uns auf die Suche nach dem Hundekörper machen, in den Herr Rodenbach nach seinem Ableben eingefahren ist.”- “Juchhu!” Die Freude der Kinder war unbeschreiblich, selbst dann noch, als ich ihnen erklärte, dass Herr Rodenbach vermutlich Besitz vom dicken Leib unseres Nachbarn genommen habe. Ein Spaß. Haha! Nun soll ich ihn entführen. “Nein, nein, nur ein Spaß, wirklich.” Die Kinder sind von der Idee, unseren Nachbarn Gassi zu führen, besessen. Ich hätte das nicht sagen sollen. Kinder sind einfach zu gutgläubig.

Ich habe eine Mail unflätigen Inhalts erhalten. Man lehnte eine meiner Geschichten, die ich selbst nicht verstehe, ab. “Sieh mal!”, rief ich meiner Frau zu, die gerade Gulasch kochte. – “Was?” – “Sie haben meine Geschichte, die ich selbst nicht verstehe, abgelehnt.” Erzürnt bis über beide Ohren stürmte meine Frau heran. “Dieses Miststück!”, schimpfte meine Frau über die Absenderin der Mail. – “Zähme dich nicht!” – “Unkrautjätendes Ungetüm!” – “Ja, ja!”, feuerte ich sie an. “Wir dürfen uns das nicht gefallen lassen.” – “Niemals!” – “Lass uns unzüchtig Liebe machen, direkt hier im Angesicht ihrer Mail.” Und so geschah es. Wir liebten uns umständlich auf der rechten Stuhllehne. “Sieh hin, Bitch”, forderte meine Frau die Mail auf. “Sieh und lerne!” Wollüstig glitt der Nachmittag in den Abend.

Die kalten Finger des Herrn Tod

“Kaum hatte ich mich damit arrangiert, dass wir künftig zu dritt auf dem Karren leben würden, fand ich eines Morgens einen Zettel von Nadja. Sie schrieb: Lieber Dimitri, die Zeiten waren hart, aber du nicht, deshalb bin ich mit dem Gevatter Tod auf und davon. Er will mir so viel zeigen, auch wenn er beruflich stark eingebunden ist. Ich bin jetzt auch tot. Das erleichtert unser Zusammenleben. Tot ist wunderschön. Ich kann dir diesen Zustand nur empfehlen. Du frierst nicht mehr, lachst nicht mehr. Du musst auch keine Wäsche mehr aufhängen. Wenn ich länger darüber nachdenken, muss ich feststellen, dass du wohl schon seit deiner Geburt tot bist. Lustig, was? Lass dich von Arkadi durchs Leben tragen. Gehabt euch wohl. Deine Nadja.”

Aus “Die kalten Finger des Herrn Tod”, Tagebücher des Dimitri Verscenko

Jobs (II)

Verlierer

Anton, 52 Jahre, Verlierer von Beruf: “Ah, nein, nein, nein. Machen Sie das nicht. Angefangen hat es bei mir mit meinem Onkel, der bereits mit 16 als Verlierer nach Paris ist. Und das, obwohl er die Sprache gar nicht konnte. “Nicht weiter schlimm, Anton”, hat er gesagt. “Beim Verlieren musst du nicht sprechen. Du bekommst z.B. eine linke Socke und die verlierst du dann. Kurze Arbeitszeiten. Besser geht es nicht.” So wurde ich staatlich geprüfter Verlierer. Jahrelang verlor ich Kleinigkeiten, später stieg ich auf, verdingte mich an kriegstreibende Länder, zog ins Gebiet des Gegners, damit der seinen Krieg verlor. Ach, was ich nicht alles verloren habe: Wahlen, Gesichter, so viel. Aber glücklich, nein, glücklich bin ich nicht geworden.”

Hitler-Vergleich

Alfred, 62 Jahre, Hitler-Vergleich von Beruf: “Das ist doch scheiße. Das muss man doch mal so deutlich sagen dürfen. Lass mich, Eva Maria. Eva Maria ist meine Frau. Wo war ich? Beim Arbeitsamt. Diese Arschlöcher. Ist doch wahr! Die haben gesagt: Werden Sie Hitler-Vergleich. Den braucht man immer. Und was habe ich jetzt davon? Ich habe alle meine Freunde verloren. Auf der Straße, da spuckt man mich an, wenn mich erkennt. Nein, Hitler-Vergleich, das ist das Allerletzte. Hitler-Vergleich, pah, dann lieber arbeitslos.”

Jobs

Anwohner

Heinz, 47 Jahre, Anwohner von Beruf: “Das muss doch auch jemand machen: Anwohnen. Das ist der Trend. Die Leute wollen keine neuen Möbel mehr, nein, die sollen angewohnt sein. Nicht verwohnt. Aber doch leicht angewohnt. Und das ist mein Job. Da komme ich ins Spiel. Ich ziehe von Möbelhaus zu Möbelhaus und wohne an. So nach dem Motto: Wer hat in meinem Bettchen geschlafen? Es gibt auch Privataufträge. Verrückte gibt es ja überall. Neulich engagierte mich einer, dessen Freundin ich anlieben sollte. Nicht lieben, nur anlieben. Nicht mit mir. Gibt ja Grenzen. Anbumsen, okay, aber anlieben, niemals.”

Nachfolger

Gert, 36 Jahre, Nachfolger von Beruf: “Heutzutage sind wir nicht mehr gern gesehen. Stalker nennen uns manche. Früher war das anders. Man hat uns geliebt. Jeder Chef wollte einen haben, wenn möglich sollte es der eigene Sohn sein. Wir waren überall. In der Politik, vor den Amtsgerichten. Geschiedene Frauen waren ganz verrückt nach uns. Wenn ich inzwischen erzähle, dass ich Nachfolger bin, betrachtet man mich mit diesem merkwürdigen Gesichtsausdruck. Jobs sind rar, da kann nicht jeder einen Nachfolger gebrauchen. Wirklich glücklich macht der Job nicht, auch wenn man ständig in Bewegung und daher fit wie ein Turnschuh ist. Ich habe auch schon als Nachfolger eines Nachfolgers gearbeitet. Klar hatte ich ein schlechtes Gewissen. Hätte auch mich treffen können. Die Zeiten werden einfach nicht besser.”

Die kalten Finger des Herrn Tod

“Schreib dir das hinter die Ohren, Arkadi: Das Leben ist eine Faust voll Schnee. Wenn du denkst, du hast ihn sicher in deine Tasche gepackt, kommt der Sommer, du vergisst den Schnee, du unterhältst dich über die Tanzabende in Moskau, und ehe du dich versiehst, hast du den Schnee aus deinem Gedächtnis gestrichen, bis du eines Tages in deine Tasche greifst. Igitt, denkst du, das ist ja ganz feucht. Ist mir der Wodka ausgelaufen? Du engagierst eine Detektei, bis du dich an den Schnee erinnerst, den du vor drei, vier Wintern dort verstautest und der längst verdunstet sein müsste. Ja, aber warum ist er denn nicht verdunstet?, fragst du dich und philosophierst bei einer Flasche Wodka darüber, die du mit einer hässlichen Alten in einer Bretterbude trinkst, die wie das Haus deiner Eltern aussieht. Ja, so ist das Leben, mein Junge!”

Aus “Die kalten Finger des Herrn Tod”, Tagebücher des Dimitri Verscenko

Dimitri Reloaded

“Mein Verleger Irina ist vorgestern eingetroffen. Erschöpft sah er aus. Die Brüste standen weit in die Landschaft. Er habe seinen Verlag verkaufen müssen, erklärte er. “Verlasse deine Frau, Dimitri!”, forderte er mich auf. “Ich will fortan dein Weib sein.” Der Gedanke reizte mich. Leider bin ich auf Arkadi angewiesen, dem der Vorschlag weniger reizvoll erschien. Um meine Flucht heimlich planen zu können, musste sich Arkadi die Augen verbinden. Er rempelte alle paar Meter etwas an. “Der Junge ist mein Esel. Sieh, was meine Frau getan hat! Die Füße hat sie mir amputiert.” Einen Tag später war Irina fort. Durchgebrannt mit dem seit Jahren arbeitslosen Dorftürsteher. Die Welt ist eine Schlangengrube.”

“Jetzt, da Irina fort ist, spreche ich dem Wodka zu. Arkadi, der seiner acht Jahre wegen leider nicht trinkt, muss den Gang eines Betrunkenen imitieren, damit mein Kopf und sein Körper zu einer Einheit verschmelzen. Grölend liege ich auf seinem Rücken. Meine Hände hat er um seinen Hals geknotet. “Lass uns ein Lied singen”, bettelte ich Arkadi an, der mich eine Last nennt. Da er nicht dazu bereit war, begleitet uns seit einigen Tagen der Chor. Nadja verzweifelt an der Situation. Sie hat unsere Habseligkeiten auf einen Karren geladen und zieht mit mir um die wenigen Häuser des Dorfes. “Essen ist fertig”, tönt es manchmal direkt neben mir an der Theke oder der Tischkante eines Nachbarn. Sie sitzt und stopft und näht. “Du bist ja schon wieder betrunken, du Schwein!”, schimpft sie, wenn mich Arkadi des Morgens von seinem Hals bindet, um mich in den Karren plumpsen zu lassen. Dort liege ich und schlafe meinen Rausch aus. Unlängst erschien mir Gevatter Tod, der, ich bin mir sicher, hauptsächlich damit beschäftigt schien, Nadjas Hinterteil zu begutachten. “Gut, gut”, murmelte er unentwegt.”

“Gevatter Tod ist zu uns auf den Karren gezogen. Er stinkt fürchterlich. Weil er aber der Tod ist, wage ich nicht, ihn darauf anzusprechen. Er isst uns die letzten Vorräte weg und treibt es vor meinen Augen mit Nadja, die meint, der Sex mit ihm wäre zum Sterben gut. Sie peitscht ihn an, nicht nachzulassen. “Gemach, gemach”, keuchte der Gevatter, der mich auf die Seite zog und mir zuflüsterte: “Die ist ja unersättlich, du Glückspilz!” Unersättlich? Der wird sich noch wundern. Bereits heute musste er allein in diesem Landstrich 5 000 Jenseitsfahrten streichen, weil er nicht zum Arbeiten kam. Ein paar Monate, Jahre vielleicht, und die Welt wird an der Überbevölkerung wie an einer Krankheit leiden. 6 oder 7 Milliarden Menschen, unvorstellbar, noch, aber hat sich der Gevatter erst den Fängen von Nadja überlassen … Gott im Himmel stehe uns bei!”

Aus “Die kalten Finger des Herrn Tod”, Tagebücher des Dimitri Verscenko