Mit ‘literatur’ getaggte Artikel

Zur UNTAT (7)

20. Juni 2013

“Guido Rohm erzählt diese irgendwo in Deutschland spielende Geschichte flott, mit viel schwarzem Humor und einem bitterbösem Ende, das „Untat“ zu einem wirklich gelungenem Noir aus Deutschland macht.” Axel Bussmer

 

>>>>HIER! können Sie die komplette Rezension lesen.

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Dienstag

18. Juni 2013

Schon früh brachte mir mein Vater bei, dass alles, was man wissen müsste, in den Tagebüchern der berühmten Schriftsteller zu finden sei; ja, er verlangte, wenn ich auf Reisen ging, dass ich stets die zehn Bände der Thomas-Mann-Tagebücher mit mir zu führen habe, um so allen Gefahren und Widrigkeiten trotzen zu können.

Verließ ich doch einmal das Haus, ohne die Bücher in einem Karren hinter mir her zu zerren, brachte er sie mir eilenden Schritts, konnte und wollte er doch kein Kind großziehen, das ohne die Worte der Tagebücher aufwuchs. Man müsse Respekt vor den Leben dieser Titanen haben, sagte er mit dunkler Stimme, einer, die in der Lage war, die verschiedensten Farben von Blau bis Rot anzunehmen.

Stundenlang saßen wir in der Küche und tranken das Leben Jack Londons nach, jede Drink-Passage seines alkoholreichen Lebens wurde von uns nachgespielt.

Von den Schriftstellern lerne man die Kunst der Übertünchung, erklärte er mir, während sein Finger durch die Luft fuhr und Schlösser und Bauernhütten malte. Mein Vater erzählte mir von russischen Revolutionen, von gallischen Dörfern, von den Spielsüchten, die er mir empfahl, denn was ein großer Geist wie Dostojewski durchexerziert hatte, sollte von mir nicht links liegen gelassen werden.

Auch durfte ich nicht wie die anderen Kinder umherlaufen. Ich musste im Frack und Zylinder auftreten, musste stinken, um den Geruch der Armut auszustrahlen, um ihn in die Leute hineinzutragen, die sich weiter und weiter von mir entfernten. So durchquerte ich meine Kindheit angetrunken, in altmodischer Kleidung, die Tagebücher Thomas Manns im Gepäck.

Missachtet und ausgestoßen, wurde ich zum Stadtheiligtum der Trunkenbolde und Verlierer, die sich täglich vor einem Kiosk versammelten, um den vertanen Chancen ihres Lebens bierselige Tränen hinterher zu weinen. Sie nahmen mich auf und versorgten mich. Sie erzählten mir von ihren Erfindungen, die sie auf die Bierdeckel malten, von ihren Berechnungen, die herausgefunden hatten, wo Gott zu finden ist und wie sein Name lautet. Alles wussten diese vergessenen Männer, die von der Gesellschaft an den Rand gedrückt worden waren, nur nicht, wie man sich die Schuhe band, und als ich ihnen dies eines Tages vorführte, da stellten sie mich in ihre Mitte und ernannten mich zu ihrem Anführer. Sie baten darum, mich anbeten zu dürfen, aber ich verweigerte ihnen diesen entsetzlichen Akt archaischer Barbarei. Stattdessen las ich ihnen aus den Tagebüchern vor, ich erzählte ihnen von Jack London und wie er sich zu Tode gesoffen hatte. Ich zeigte ihnen die warnenden Beispiele der Schriftsteller auf, die sie die Gläser absetzen ließen. Ja, tatsächlich wendeten sich mache vom Alkohol ab und kehrten in den Schoß der Gesellschaft zurück.

Stolz erzählte ich meinem Vater davon, der mir den Kopf tätschelte und meinte, das habe ich gut gemacht. Aber ich solle ich mich jetzt nicht zu lange auf meinen Lorbeeren ausruhen. Selbstzufriedenheit ist die Mutter aller Untergänge, flüsterte er mir ins Ohr und schickte mich weiter auf Tour, weil es jeden Tag etwas zu erledigen gab. Mal benötigten wir Butter, mal eine Scheibe Brot. Und so sah man mich durch die Stadt trotten, mich und meine Tagebücher, die allen, die nicht so werden wollten, Warnung waren, wie ein Leben einzurichten ist, will man es nicht im völligen Irrsinn verleben.

Und auch Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, sei mein Beispiel fortan die rote Fahne, die die Grenze markiert, die Sie nicht überschreiten sollten.

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17. Juni 2013

- – : Die Augen geschlossen. Augenlider! Augenlieder! Meine zwei Innenleinwände, auf die Filme projiziert werden, die einst auf meinen internen Festspeicher geladen wurden.

Ich bin GELADEN! Ein dem Menschen nachempfundenes Geschöpf, ein Frachtschiff, das beladen wurde. Mit Filmen, Emotionen, Erinnerungen, Gesprächsthemen, Neuigkeiten!

Ein Mensch als Unmensch! Ein Datenkahn!

- -

Die Augenlider sind geschlossen. Ich beobachte Humphrey Bogart/Robert Redford/Ronald Reagan/Adolf Hitler – - Kunst- und Realfiguren wechseln im raschen Schnitt.

“Lord”, sagt eine Stimme. “Heute nenne ich dich Lord!”

SO SEI ES!

Ich öffne meine Augen: O O : Martin sieht mich an.

Martin ist mein Herr und Meister. Ich bin sein Wesen.

“Bist du bereit?” fragt er.

Ich analysiere seine Stimmlage, seine Stimmungslage: Heiter, mit einem/einer Hauch/Spritzer/Prise Müdigkeit.

Welche Uhrzeit? Welche Tageszeit?

Ich muss mich einstellen. Ich bin alles, was der Mensch programmieren kann, also auch ein Radiowecker. Ein Artefakt. Etwas muss in meinen Dateien zu finden sein.

!HIER!

“Wir haben heute eine langen Tag vor uns”, sagt Martin.

“Wenn Sie erlauben, kleide ich mich rasch an.”

Lachen entringt sich/strömt aus/springt aus seiner Kehle! Ich muss einen Witz gemacht haben, ohne ihn verstanden zu haben.

Sollte ich mit ihm lachen? Ihn hilflos anblicken? Ihn ignorieren?

Was würde ihm gefallen?

Ein leichtes Lächeln, während ich mir ein T-Shirt über den glatten Oberkörper zwinge. Ein Oberkörper wie aus Wachs. Wie der Körper einer Barbie-Puppe.

Ich bin die späte und gewalttätige Antwort auf Ken! – Ein Wachsfigurenmensch.

Martin sitzt/hockt/kauert in einem Sessel, der in meinen Schlafraum gebracht wurde. Eine Anweisung!

Martins Stimme: “Ich will bei ihm sitzen können!”

Warum will er das tun?

Fragen derlei Natur sollten in meinem künstlichen Bewusstsein nicht vorkommen.

Nicht fragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Warum gibt es mich?

Handeln!

Auftraggeber: Unbekannt!

“Du unterstützt unseren Kampf gegen den Terror!”

Ich schlüpfe in eine Jeans, deren Oberfläche einem strömenden Bach nachempfunden wurde.

“Wir werden fliegen”, sagt Martin.

Er sucht nach etwas. Eigendurchsuchung. Vermutet er Waffen an sich/seinem Körper/seiner Kleidung?

Er packt nach etwas … Identifizieren. Erledigt.

: Zigaretten.

Er hat also wieder mit dem Rauchen angefangen.

Sorge zum Ausdruck bringen, um das Verhältnis zwischen ihm und mir zu stärken. Ankettungsrhetorik.

“Du solltest das lassen. Es wird dich noch ins Grab bringen.”

“Das oder mein Job”, sagt er und zündet sich eine ZENSIERT an. Werbung darf in meinen ein/an-gesammelten Daten nicht vorkommen. Produktnamen werden eliminiert.

Er und ich sind hier, um Antworten zu finden.

Wir sind keine Philosophen, sondern Geräte im Kampf gegen den Feind!

Martin steht auf, seine Beine drücken seinen Körper unter Zuhilfenahme der Hände, die sich auf den Lehnen abstützen, nach oben.

“Können wir gehen?”

Ich nicke und folge ihm.

Montag

17. Juni 2013

Mein Gott! Helligkeit durchflutet das Außen. Das kann doch gar nicht sein. Schon wieder ein neuer Tag. Dabei war doch erst gestern einer. Ich liege in meinem Bett. Ungekämmt. Die Vögel sind noch nicht zu hören. Ich lausche genauer. Nein! Nichts! Kein Vogellaut. Was ist da los? Es könnte sein, dass die Vogelschar ausgewandert ist. Nach Süden, um sich auf die Suche nach der Sonne zu begeben. Da können sie lange fahnden. Ein kurzer Blick. Tatsächlich. Die Sonne befindet sich hier. Direkt schräg über meiner Villa. Wo Fulda nicht ist, dort ist jetzt Nacht. Ein feiner Satz, den ich mir auf der Zunge zergehen lasse. Meine Frau tritt im Nachthemd an mich heran und fragt: “Was hast du gesagt?” Ich wiederhole den philosophischen Grundsatz. Sie gähnt anerkennend und schlendert in die Küche. Ja, ja, die Frauen und die Küche. Das ist eine Geschichte für sich. Ich kann hören, wie sie sich ihre Pfeife anzündet und sich einen Whiskey einschenkt. Sie hängt an der Flasche. Das arme Ding. Ständig saufen ist doch kein Zustand für eine junge Frau in ihrem Alter. Das hält doch der geilste Körper nicht auf Dauer aus. Immer nur schlucken und dann noch gut aussehen. In diesem Moment bemerke ich, dass ich noch ungekämmt bin. Ab ins Bad. Jeden Augenblick können Gäste kommen. Und dann? Das spricht sich schnell rum, dass man die Leute ungekämmt empfängt. Ist der Ruf erst ruiniert … Sie kennen doch den Werbespruch.

Und wie es im Bad wieder aussieht. Aber davon werde ich morgen berichten.

Mein Kollege Hans I. Glock hat mir ein Video übersandt, das er aufgenommen hat. Schrecklicher Bursche mit einer hässlichen Mütze. Ich unterstütze ihn, weil man doch was für den Dichternachwuchs tun soll.

Aus der Küche dringen die ersten Gesänge. Frieda, meine Frau, ist bereits sturzbetrunken. Eben bittet sie den Koch um das Vergnügen, sie zu heiraten. Er willigt ein, wenn sie ein Papier unterzeichnet. Sie wird sich wieder in die wildesten Probleme bringen.

Verlief das Leben von Thomas Mann auch so? Ich steige manchmal in den Keller. Hinab zu einem Grabstein, in den ich seinen Namen habe schlagen lassen: Tomas Mann. (Ohne das h war es billiger!) Ich stelle mir vor, er liegt dort unten, direkt neben dem nicht angeschlossenen alten Kühlschrank und den Fahrrädern. Ich halte Zwiesprache mit seinem Geist. Er unterstützt mich in allem, was ich tue. Ich würde auch besser schreiben. Das sage nicht ich. Das sagt Thomas Mann. Guter Mann.

So, das war es zunächst wieder einmal.

Guten Morgen, Welt!

Hans I. Glock liest “Der Herbert ist dem Karl sein Freund”

16. Juni 2013

Der sexy Motherfucker der deutschen Literatur Hans I. Glock liest einen kleinen Miniausschnitt aus seinem epochalen Western “Der Herbert ist dem Karl sein Freund”. Teilen, liken und vor allem Buch kaufen.

Anfang

16. Juni 2013

Nun, Herr Doktor, ich weiß ja gar nicht, wo ich anfangen soll. Etwa am Anfang? Wo beginnt eine Geschichte? Bei der Geburt derer, die sie erzählen? Bei ihren Großeltern? Bei den Großeltern der Großeltern? Bei den Großeltern der Großeltern der Großeltern? Und wo endet sie, Herr Doktor? Können Sie mir denn wenigstens das verraten! Endet die Geschichte mit meinem Tod, mit Ihrem? Endet Sie gar erst mit dem Tod aller Menschen? Ich weiß es nicht. Ich bin verwirrt! Ich sitze hier und soll Ihnen alles erzählen. Ja, was soll das denn sein: ALLES? Das ist ein großes, ein gewagtes Wort. Soll ich die Geschichte der Menschheit erzählen? Ihre Geschichte? Meine Geschichte? Die Geschichte meiner Großeltern? Die Geschichte des Universums?

Was frage ich Sie überhaupt! Was spreche ich überhaupt mit Ihnen! Sie sind ein Mann, ein Wesen mit einem Penis. Sie wissen nichts von der Welt. Sie wissen nur, wie man die Frauen unterdrückt. Wie man tötet. Wie man abschlachtet. Sie sind eine Verirrung der Natur, Herr Doktor. Ein Unfall. Göttin, denn es gibt nur sie, die Göttin, muss einen schlechten Tag gehabt haben, als sie den Mann schuf. Der Mann hat ALLES, was frau nicht braucht. Eine tiefe Stimme. Einen Bart. Haare auf der Brust, auf dem Rücken, sogar unter den Achseln. Igitt! Sie müssten sich schämen. Sich verstecken. Und ich soll Ihnen meine Geschichte erzählen? Vielleicht! Warum nicht! Sie könnten etwas lernen. Wenn Sie eine Frau wären, könnten Sie etwas daraus lernen. Als Mann sind Sie nicht in der Lage umzudenken. Sie sind ein Opfer Ihrer Geilheit.

Was sagen Sie da? Sie waren früher eine Frau? Unmöglich. So hässliche Frauen gibt es nicht. Der Mann ist hässlich. Die Frau aber ist schön und klug. Sie waren keine Frau. Denn wären Sie eine gewesen, müsste ich Sie hier und jetzt anspucken. Sie wären eine Verräterin, eine, die UNSERE HEILIGE SACHE entehrt hat.

Ich würde Ihnen ALLES erzählen, wären Sie eine Frau. Aber da Sie ein Mann sind, werde ich Ihnen fast ALLES erzählen. Denn ALLES haben Sie als Mann nicht verdient.

Wo soll ich beginnen? Wo soll ich anfangen?


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