Mit ‘ins’ getaggte Artikel

Donnerstag

23. Mai 2013

Ja, ja, ja, ja, die Verwirrung, die die UNTAT zu stiften weiß, scheint größer und größer zu werden, sie durchströmt das Netz, punktiert es und wird, daran glaube ich inzwischen, das Internet über kurz oder lang kollabieren lassen. Von einem polarisierenden Text ist die Rede, von einem Autor, der es in die Liga eines Sebastian Fitzek schaffen könnte (wollen die Beleidigungen denn kein Ende mehr nehmen?). Derweil liege ich, mein Roman hat die Bestsellerlisten von Krypton gestürmt und sich auf den ersten Platz abgesetzt, ermattet darnieder, geschüttelt vom Feuer einer grippalen Erfahrung, die ich mir gerne erspart hätte.

Ich habe mir geschworen, alle Recherchen im Netz zu meinem kleinen Meisterwerk zu unterlassen, kann aber den Finger, den kleinen dreisten Schreibfinger, den andere, unbedarfte Seelen, als meinen Zeigefinger definieren würden, nicht von der Tastatur (die neben Bergen aus Medikamenten liegt, um mich anzulachen, gar zu verspotten) lassen, um auf diese Weise unentwegt die Suchmaschine mit meinem Namen zu füttern. Es geht mir darum, in die Tiefen des Internet vorzudringen, in dieses Bergwerk aus Datenströmen und Nichtigkeiten, einzig in der Hoffnung, etwas über mich und meine UNTAT ans Tageslicht zu holen, das von Wichtigkeit und Belang für mein Seelenleben sein könnte. Was ich bisher fand, macht mich leider kränker. Keine Worte, die sich ernsthaft mit dem Text auseinandersetzen. Es scheint mir ein Buch gelungen, das die Leser-innen ins Chaos stürzt, das sie hilflos, das Hirn zu Brei geschlagen, zurücklässt. Sollte man hier gar von einem gelungenen terroristischen Akt auf dem Feld der Literatur sprechen, von einem Wortbombenattentat, einem Text, der dem, der sich ihm unbedarft nähert, um die Ohren fliegt, um die Innenohren sozusagen? So weit will ich nicht gehen, zumal meine Überlegungen durch Fieber und Schüttelfrost getrübt sein könnten. Vielleicht habe ich mich aber auch verlesen, vielleicht habe ich die Liebe, die ich von meinen Lesern gewöhnt bin, überlesen, eben weil dies nicht die Stunde ist, die man GOOGLE anvertrauen sollte, sondern einer erfahrenen ärztlichen Hand.

Soeben, dies sei Ihnen nicht unterschlagen, erfuhr ich von einer ersten Übersetzung ins Marsianische, die in einigen Wochen bei Brad&Bury erscheinen wird.

Guten Morgen, Welt!

Samstag II

18. Mai 2013

Weil unsere Villa inzwischen mit Büchern überläuft, haben wir es uns zur Angewohnheit gemacht, keine mehr zu kaufen, sondern sie stattdessen auszuleihen. Wenn ich die Fuldaer Leihbibliothek betrete, komme ich mir wie in einem alten englischen Film vor, oder wie in einer Annie-Verfilmung. Ich bin ein verfluchter – ein tatsächlich mit einem echten Fluch beladener – Millionär, den nur die Liebe erlösen kann, der mit seinem Leben nichts anzufangen weiß, und der, weil es Zeit und Geld hergeben, sich ein Kind aus einem Waisenhaus holen will, damit es ihm seine Langweile vertreibt.

Ich schreite die Reihen der Bücher ab, Stille liegt in der Luft, eine Stille, die sich schwer auf die Lungen und das Denken legt, während die Bücher strammstehen, jedes darauf hoffend, heute aus dem Elend der Elternlosigkeit erlöst zu werden. Ich marschiere an ihren Gesichtern vorüber. Jedes trägt seine Leidensgeschichte offen zur Schau, die Eselsohren, an denen es gezogen wurde, die Notizen, die sich jemand in ihm machte, als wäre es ein Schmierblock. Am liebsten würde man alle mitnehmen, ganz klar, aber das wird einem nicht gelingen, weil man keinen LKW vor der Tür stehen hat. Irgendwann entscheide ich mich für eins. Ich greife es an seinem Rücken und ziehe es aus dem Reigen der Verdammten hinaus ins elektrische Licht, ihm versichernd, ich würde mich bestens um es kümmern, es müsse keine Angst haben, alles würde gut. Ich schleife es an einem Computer vorbei, scanne einen Code, der mich als vorübergehenden Vater ausweist und nehme es mit zu uns nach Hause. Ich lege es sanft auf den Wohnzimmertisch, es muss sich ja erst an alles gewöhnen. Ich kann seine Unsicherheit spüren, sein Befremden über diesen Ort, der so anders ist, als der Platz, an dem es sich bisher aufhalten musste.

Es weiß, dass es nicht bei mir bleiben wird. Seine Väter kommen und gehen. Sie benutzen es, lesen es aus, saugen es aus, und bringen es dann ins Waisenhaus zurück. Es wird wieder zwischen den anderen Kindern stehen, wird darauf hoffen, dass jemand kommt, der genügend Mut besitzt, um es nicht zurückzubringen, der es versteckt, der ihm zuflüstert “Du bist meins und bleibst meins”, der es zu seinen anderen Kindern steckt, hinein in ein Regal, das zum endgültigen Zuhause wird.

Man kann sich nicht gut fühlen, wenn man Bücher ausleiht. Man macht sich schuldig, und man weiß, dass man sich schuldig macht.

Alle schlechten Taten rächen sich. Die Erinnerung wird einen einholen, sie wird einen zum Trinker und Drogenabhängigen machen, der verlaust unter einer Bahnunterführung verrecken wird, und das nur, weil man das Feingefühl für Bücher nicht entwickeln konnte.

Nein, ich werde mir keine Bücher mehr ausleihen. Das ist es mir einfach nicht wert.

Samstag

18. Mai 2013

Das ist ja wieder mal ein Scheißwetter, sodass das Wetter sich nicht wundern muss, dass ich mich aufs Balkongeländer mühte, um diesem Scheißwetter ins Antlitz zu pinkeln.

Ach, war das eine Wohltat, wie ich da stand beziehungsweise wankte, mein Gemächt beziehungsweise mein Geschlecht in der rechten Hand, ein Lied des berühmten Composers Sickman Gwerryness schmetternd, den Urinbogen über den dunklen Himmel ziehend, als ob ich ein Zeichner des Satans höchstpersönlich wäre, ein gelehriger Schüler Hermann Nitschs, ein die Blase entleerender Goya.

Stimmen tönten aus dem Garten (die Gärtner? Exhibitionisten? Die Vögel, die die Sprache der Menschen erlernt haben?) und bezichtigten mich, unflätig und respektlos mit der Natur umzugehen. Wohl wahr! sprach ich, das Kinn in Himmelfahrtsposition. Ich ließ mich erst gar nicht von den Einwürfen meines Gartens beirren und pinkelte weiter, bis die  Quelle meiner Ergüsse versiegte.

Nachdem ich meinen Unmut bezüglich der Wetterverhältnisse strahlkräftig bekundet hatte, ließ ich mich von meinen Gemächt-beziehungsweise Geschlechtsdienern säubern. (Sie sollten zu diesem Thema, wühlt es Sie auf, die Aufregung erst sacken lassen, denn alle Argumente, die Sie vorbringen könnten, sind mir bewusst, und wurden mir auch schon längst von Gewerkschaftsseite unterbreitet, so auch, dass es unmenschlich und entwürdigend sei, Diener für Vorder- und Hinterteile zu beschäftigen. Ich würde Ihnen erwidern, dass ich bereit bin, die Kündigungen, die Sie anklagend verlangen, sofort auszusprechen, allein, Sie wären dann aber – bitte sehr! – die Alleinverantwortlichen der Entlassenen, jene also,  die sich der Arbeitslosen und ihrer hungernden Familien anzunehmen hätten. Und Sie sollten nicht, bei aller Beschwerdeführung, vergessen, dass ein Gemächt- beziehungsweise Geschlechtsdiener einen Monatsverdienst von etwas über 13 000 Euro netto sein Eigen nennen darf, sodass sich viele der Gemächt- beziehungsweise Geschlechtsdiener inzwischen längt eigene (aus dem osteuropäischen Raum importierte) Gemächt- beziehungsweise Geschlechtsdiener leisten; von Menschenhaltung will ich in diesem Zusammenhang nicht reden.)

Ja, die Welt ist ein wahnsinniges Konstrukt aus Geben und Nehmen, aus Unterdrückung und Versklavung, deren einzelne Fäden, will man nicht noch mehr Unheil anrichten, nur schlecht noch aufzudröseln sind.)

Ich, das müssen Sie mir glauben, tue mein Nötigstes, um die Armut, die mich seit meiner frühsten Jugend umgibt, zu lindern, ich betrachte mich gar als Pflaster auf den verschiedenen gesellschaftlichen Wunden, die bisher unverhohlen klafften, Wunden, die Blut und Eiter wie Lava spien, die Dreck ans Tageslicht transportierten, den ich – als Pflaster der Nation – mit meinem lustigen Kinderpflastergesicht bedecke, damit man wenigstens so tun kann, als sei der Staatskörper halbwegs auf einem Weg der Genesung.

Nachdem man mich also abgetupft hatte (hierzu wurden exakt 4789 Wattewölkchen, wie ich sie zu nennen pflege, verbraucht), verbrachte man meinen ermüdeten Körper vor den Rechner, damit er dortselbst wundertätige Worte für die Stimmung des Morgens fände, müsste doch mein Tagebuch, so mein indischer Motivator Viktor Blum, unbedingt einen Eintrag gebären, um so den Tag, der sein hässliches Haupt erhoben habe, wenigstens in literarischer Hinsicht zu überstreichen und zu veredeln. Es sei meine Pflicht, dem Grau des Außen ein buntes Durcheinander wirrer Gedanken entgegenzuhalten, um die Menschen daran zu erinnern, dass der gezielt abgefeuerte Irrsinn dazu in der Lage ist, das triste Einerlei des Alltags unter die Knute der Fantasie zu zwingen.

Sieg durch Wahnsinn!

Guten Morgen, Welt!

Sonntag

12. Mai 2013

Die Stille, ein unendliches Reich an Möglichkeiten. Man kann flüstern, auf den Zehenspitzen schleichen, man kann Türen bedächtig öffnen und schließen, man kann wie ein Windhauch tippen, man kann den Kaffee kalt werden lassen. Stille! – Zustand der Zurückhaltung, des Vagen, des Unentschlossenen. Stille, Abwesenheitsbekundung von Lärm. Stecknadelköpfe kann man fallen hören, man kann das Husten des Kochs im Untergeschoss vernehmen, sein verzweifeltes Kratzen am Hinterteil.

Und all dies, weil die Kinder, groß ist ihre Zahl und unbekannt sind mir ihre Namen, noch schlafen, weil sie ihre Betten durchliegen, auf der Suche nach einem Traum, einem Gespinst, dem sie folgen können, unbedarft, und mit einem Lächeln, das sich über ihre faltenfreien Gesichtchen legt.

Ich dagegen sitze schon längst wieder über einem Manuskript, brütend, schwitzend. O Anstrengung des Tagesgeschäfts. Sonntag, über dieses Wort kann ich nur lachen, laut und herzhaft, und ich tue es auch, sitze da und lache schallend in die Villa hinein, weil es mir absurd erscheint, einen Tag zu heiligen, der mich nicht achtet. Ein Knecht des Wortes bin ich. Eine Hure der Sprache. Ein Fußsoldat des Satzes. Der Punkt heißt bei mir doch nur, dass nun ein neuer Satz zu folgen hat.

(Ich unterbreche die Litanei, um einen Schluck meines hervorragenden Kaffees zu genießen.)

Und weiter! Sonntag, du Schlag ins Gesicht aller Künstler. Du Versprechen, das sich nicht erfüllt.

Überall im Haus liegen sie herum, sie aalen sich in ihrer vermeintlichen Freiheit, während ich bereits wieder schreiben muss, als wäre das Schreiben die einzige Möglichkeit unseren hohen Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Ist dem so? Was wäre, wenn ich Banken ausrauben würde? Ich könnte – schlimmer noch als jeder Banküberfall – ein Geldinstitut gründen. Ich könnte Politiker werden. Oder ein Pferdedieb. Ein Walhändler. Ich könnte mir einen Walberg kaufen, um zweimal im Jahr Wale zu ernten. Wir würden sie in einem Fass mit den Füßen treten und ihr Blut abfüllen. (Ein guter Wal gilt als Delikatesse im Land des Geldes. Überall sitzen sie, in Restaurants und auf Parkbänken, gelangweilte Millionäre und sehnen sich nach einem guten Wal. Hm, jetzt ein Wal und alles würde gut, denken sie.) Ich könnte, laufen die Walgeschäfte erst, weitere Walgüter erwerben. Walschenken überall. Walkabinen für den Durchreisenden. Den Spaziergänger. Für jenen, der sich beim Einkaufen nach einem rasch gekippten Wal sehnt. – Ich würde Feste veranstalten, würde eine Walkönigin wählen lassen. Sie müsste dann täglich raus mit den Walfängern in den Walberg, um die Wale zu ernten. Sie würde es bestimmt bald bereuen, würde schimpfen, weil sie sich das ganz anders vorgestellt hätte. “Hätte, hätte, hätte …”, werde ich sagen und sie von einem Walhelfer in ihren Walbezirk bringen lassen.

Ach, die Fantasie, dieses wilde Ding, geht wieder mit mir durch. Noch heißt es Ruhe zu halten, weil man sich im Haus weiterhin dem bösartigen Geschäft des Schlafs hingibt.

Gauß, der Mathematiker, hat sich einen Platz vor dem Kamin gesucht. Er trägt Lockenwickler, die müssten doch eigentlich stören. Es ist merkwürdig, weil Gauß gleichzeitig Mann und Frau ist. Er/Sie führt seit dreißig Jahren eine heimliche Affäre mich sich selbst. Da liegt er und schlummert, als wäre er kein Geheimnis der Natur.

In der Küche wird zaghaft gewerkelt. Der Warmwasserkocher erwärmt das Wasser, das für meinen nächsten Kaffee vonnöten sein wird. Der Warmwasserkocher stammt aus dem Iran und spricht nur mit dem Dolmetscher, der … Ja, richtig geraten, der noch schläft. Alle schlafen sie noch, nur ich, ich muss Wache halten und ein bisschen mein Tagebuch füttern, damit ich meine intimsten Gedanken zu Geld machen kann.

O Leben, du untragbar Zustand aus Atemluft und schalen Gedanken!

Guten Morgen, Welt!

Samstag II

11. Mai 2013

In der Villa ist die Hölle los!

Die Kinder aus meinen ersten zwanzig Ehen sind da und üben sich im Armdrücken. Schreie tönen aus dem eigens dafür erbauten Armdrückgebäude (links der Villa, wenn Sie von der Auffahrt kommen).

Ich habe heute über das Leben und seine Auswirkungen auf die Menschen nachgedacht. Es mischt sich doch sehr ein, vor allem, wenn es einen am Morgen erwachen lässt. Da beginnt das Elend. Man reibt sich die gequollenen Augen, kratzt sich den Grind aus den Wimpern, und weiß nicht, welchen Satz man als zuerst ins Schlafzimmer werfen soll. Leben ist so anwesend, dass man sich manchmal regelrecht bedrängt fühlt.

Heute Abend wollen wir uns im Kino der Villa einen Film ansehen. Die Kassiererin ist vor wenigen Minuten eingetroffen. Jetzt fehlt noch das Publikum, um uns das Gefühl eines echten Kinobesuchs zu vermitteln. Potentielle Nörgler werden ebenfalls anwesend sein, um sich über die horrenden Preise zu beschweren. Außerdem habe ich einen Ohnmachtsanfall und eine Schlägerei gebucht. Die Agentur ECHT vermittelt alle Situationen, die das Leben außerhalb einer Villa so zu bieten hat. Selbst einen Streik kann man mieten, und das mit einem Gewerkschaftführer, der in Geschäfte mit der Mafia verwickelt ist und plötzlich spurlos verschwindet. Dinge gibt es!

Weltmeister im Limbo

8. Mai 2013

Aus dem Leben eines Bestsellerautors: Weltmeister im Limbo 2013! Soeben aus Trinidad zurück! – Hier eine Aufnahme meines Finaltanzes BORDERLINE, mit dem ich die Jury vollends überzeugen konnte. Jetzt wieder zurück an den Schreibtisch und einen oder zwei Romane schreiben. Danach Abendessen und ab ins Nachtleben von Fulda.

Alicia und Limbo 003


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