Die Zimmer

Ich bin ein Hausbewohner. Das ist keine Kleinigkeit. Ich muss die Zimmer abschreiten. Öffne ich eine Türe, kann es sein, dass ich überrascht bin, weil sich dahinter ein Zimmer verbirgt, das ich bisher noch nicht kannte.

Es ist ein Haus, das lebt.

Nacht für Nacht sterben Zimmer ab, neue wachsen.

Ich habe Angst, mich in einem Zimmer aufzuhalten, das verschwinden wird. Wohin gehen all die Zimmer? Fallen sie wie Blüten zu Boden? Werden sie vom Wind fortgetragen? Ich weiß es nicht! Es könnte auch sein, dass sie unsichtbar werden. Vielleicht erwachen sie in einem Jenseits für Zimmer. Der große Zimmer-Himmel, in dem Unmengen von Zimmern auf Wolken liegen. Sie spielen keine Harfe. Wie sollte das auch gehen, es sind doch nur Zimmer.

Nur Zimmer, das sagt sich so einfach, aber es sind keine gewöhnlichen Zimmer. Sie betrachten mich, ich kann ihre Blicke spüren. Sie betrachten mich, versuchen herauszufinden, wer ich bin. Sie versuchen herauszubekommen, was das ist: ein Hausbewohner.

Ich bin ein fremdes Geschöpf für sie. Eines, das keinen Zweck erfüllt. Ich bin die Ameise, die über ihre Haut läuft, bin die Spinne, die man totschlagen sollte. Ich kann den Hass der Zimmer spüren. Nicht mehr lange und sie werden meiner überdrüssig geworden sein. In einer Welt voller Zimmer ist für Menschen kein Platz. Das ist falsch. Ich erkläre es ihnen, wieder und wieder. Räume sind dazu da, dass man sie füllt. Mit Anwesenheit, mit Möbeln, mit Menschen. Die Zimmer hören sich meine Vorträge stumm an.

Ist erst Winter, werde ich den Kaminen einheizen. Ich werde die Zimmer wärmen, damit sie nicht frieren, auch wenn ich nicht weiß, was sie tatsächlich fühlen. Es könnet sein, dass ihnen Hitze und Kälte einerlei sind.

Am Morgen, wenn ich erwacht bin, beginne ich meine Runden zu drehen. Vorsichtig spähe ich in die Flure, um zu überprüfen, wo sich neue Türen gebildet haben. Die Türen haben keine Klinken, man muss die Türen aufbrechen, muss sie wie Nüsse knacken. Es tut mir leid, die Zimmer zu verletzen. Ist die Tür erst offen, betrete ich das Zimmer, vorsichtig, Schritt für Schritt, um das eventuell kleine Zimmer nicht zu ängstigen. Es gibt sie alle. Zimmer, die so groß sind, dass ihre Enden nie zu erreichen sind. Babyzimmer, die klein sind, so klein, dass man seinen Fuß unterbringt, sonst nichts. Man setzt ihn ab und versucht ihn zu drehen. Es geht nicht. Also zieht man ihn zurück und spricht leise auf das Zimmer ein. Es könnte sein, dass es schläft, und man will doch ein Zimmer, das schläft, nicht unnötig wecken. Babyzimmer neigen zum Schreien, hat man sie unsanft aus ihrem Schlummer gerissen. Ihr Brüllen erschüttert die Grundfeste, es kann sogar sein, dass das Haus wie bei einem Erdbeben geschüttelt wird, bis es Zimmer verloren hat, deren Verschwinden noch gar nicht vorgesehen war.

Mittags speise ich meist allein. Ich lehne mich an eines der Fenster und blicke in eine Welt, die mir Häuser zeigt. Keine Menschen.

Die Menschen sind dazu gemacht, Hausbewohner zu sein. Es kam schon vor, dass ich anderen begegnet bin. Gleich zu mehreren trafen wir uns einst in einem Zimmer, das in Form und Aussehen an einen Ballsaal erinnerte. Wir standen in kleinen Kreisen zusammen und unterhielten uns über die Zimmer, die wir bereits kennenlernen durften. Es gibt legendäre Zimmer, wie etwa das Bernsteinzimmer, die in unseren Gesprächen eine Rolle spielten. Später verliefen wir uns in den angrenzenden Zimmern, bis wir uns ganz aus den Augen verloren, weil sich die Struktur des Hauses so beständig von Nacht zu Nacht ändert.

Manchmal komme ich mir einsam vor. Ich entzünde in den Nächten eine Kerze und betrachte mein Spiegelbild in einem Fenster. Zimmer, Außenwelt und ich verwachsen so zu einem einzigartigen Wesen.

Später verkrümele ich mich in eine Ecke eines Zimmers, bibbernd, ob ich den nächsten Tag erleben werde.

Die Welt ist so eingerichtet, dass alles einen Sinn hat. Die Zimmer sind für die Häuser da. Die Zimmer sind dazu da, dass wir Menschen in ihnen sind. Wir Menschen wiederum müssen die Zimmer bewohnen.

Es gibt so viele Fragen, die unbeantwortet bleiben. Wer schuf die Häuser, die Zimmer? Wer schuf uns? Was passiert mit den Zimmern, die über Nacht verschwinden?

Mein Vater wusste auch keine Antworten auf all diese Fragen. Er verschwand eines Tages in einem Nebenzimmer, das kurz darauf nicht mehr existierte. Ob es ein fleischfressendes Zimmer war, das sich nach seinem Mord aus dem Staub machte, weiß ich nicht. Verfügen die Zimmer über die Kraft, sich zu bewegen? Werden sie zu Teilen anderer Häuser?

Ich könnte das Haus verlassen. Aber was wäre dann gewonnen? Ich würde ein neues Haus betreten.

Ich denke nicht, dass man sich über sein Leben zu viele Gedanken machen sollte.

Ich bin ein Hausbewohner. Ich laufe von Zimmer zu Zimmer. Ich weiß nie, was mich erwartet.

Samstag

Regen fällt! Er zieht über die Stadt. Ein dunkler Vorhang, den man vor die Sonne gezogen hat. Als wolle jemand das Zimmer verdunkeln, in dem wir leben. Wir ziehen uns in unsere Spielzeughäuser zurück und lauschen den Schlägen eines verrückten Bongospielers, der jedes Taktgefühl vermissen lässt, bis wir hören, dass es Nadeln sind, kleine Nähnadeln, die dazu eingesetzt werden, unser Nervenkostüm aufzutrennen, statt es zu vernähen.

Draußen wieder, ich habe es mir gedacht, der Regenläufer. Kennen Sie den? Der Regenläufer trägt ein dunkles Cape, das ihn von oben bis unten verhüllt, und nun läuft er, diese unausgefüllte Sprechblase, die Gehwege auf und ab, als gelte es, die Möglichkeiten, die die verlassenen Straßen und Bürgersteige ihm bieten, nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Mal alles mit dem Fuß berühren, und tatsächlich stürmt er in den Vorgarten gegenüber, um den Baum wie ein Hund auf der Jagd zu umrunden. Ich denke schon, gleich wird er sein Bein heben, aber das lässt er dann doch, weil er, ein besorgter Blick zum Himmel bleicht sein Gesicht, weiterhetzen muss.

Ja! Dies ist sein Sommer, der Sommer des Regenläufers, der die Stadt erobert, wenn sie von aller Welt verlassen wurde. Alle sitzen hinter den Scheiben und lauschen, warten darauf, dass die Angriffswellen nachlassen, horchen auf die Nachrichten, die ihnen versprechen, dass das Wetter in einigen Tagen besser wird, als ob das Wetter ein schuldig gewordener Jugendlicher wäre, dem man nicht abspricht, den Weg in die Gesellschaft zurückzufinden.

Nur den Regenläufer stört nichts, jeder Tropfen ist Balsam auf seiner Seele. So muss man es sehen. Und schon biegt er um die nächste Ecke und entschwindet meinem Blick. Der Regen lässt nach. Er muss sich beeilen. Nicht mehr lange und die Leute werden die Gegend zurückverlangen, während er hinter seinem Fenster sitzt und die anderen beobachtet, wie sie in ihren Shorts und T-Shirts lachen und rennen, während er seine Narben im Gesicht wie eine dreidimensionale Landkarte liest, während er darauf hofft, dass der Regen bald wieder einsetzen wird, weil er raus will, raus in die Parks und auf die Bolzplätze, um herauszufinden, wie man sich als einer fühlt, dessen Gesicht nicht bei einem Firmenbrand entstellt wurde.

Samstag II

Wenn es nach mir ginge (aber das wäre ja gänzlich etwas Neues), würde ich unaufhörlich schreiben; meine Finger würden sich entzünden, ja man müsste mich allabendlich bandagieren, weil ich meinen Körper beständig im Auftrag der Literatur ruiniere.

Wie Sie wissen, die Sie das Geschehen mit Hilfe einer Webcam sicherlich beobachten, ist dem nicht so. Ständig kommt mir etwas in Form eines Eisbechers, eines Sofas oder eines Bücherregals, an das ich mich lehnen soll, in die Quere. Im Grunde komme ich kaum zum Schreiben, weil ich mich hauptsächlich um Dinge kümmern soll, die Teil meines Magens werden wollen.

Liegenschaften wollen beschlafen werden, und ihre Zahl ist Legion. Inzwischen läuft die Villa mit Betten über: Himmel- und Höllebetten, Feuer-, Erde-, Luft-, und Wasserbetten, Nagel- und Schraubenbetten, Betten, die aussehen wie Stühle, Schränke und Tische. Es ist das wahre Grauen, das hier Einzug gehalten hat. Wir sind zu einer Fluchtstätte für Betten geworden; tatsächlich klopft ein weiteres Bett, während ich dies im fahlen Lichtschein einer flackernden Kerze schreibe, an unsere Tür und verlangt, eingelassen zu werden.

Sie sehen also, würden sich die Umstände meines täglichen Lebens ändern, könnte ich Wichtiges bewirken. Noch aber muss ich mich dem Diktat von Möbeln und Speisen beugen.

Sonntag

Lang geschlafen, sodass ich inzwischen über zwei Meter messe. Derart vom Schlaf erhöht, kamen mir wieder wunderbare Ideen zu neuen Romanen, die heute zu schreiben sein werden. Allerdings musste ich den Kopf einziehen, um der Denkfabrik keinen Schaden zuzufügen. Sie wurde heil an den Schreibtisch geführt, der plötzlich eine erschreckende Tiefe aufwies, die mir bisher entgangen war. (Niemals hätte ich vermutet, dass der Schreibtisch über Nietzsche und Hölderlin nachdenkt; erst jetzt, da ich den rechten Überblick gewonnen habe, offenbart sich mir sein wahres Wesen.)

In der Küche sitzen die Kinder und streiten über filmische Details solcher Standardwerke wie STAR WARS und TRANSFORMERS, die Worte flitzen wie Dartpfeile an meiner Brust vorüber und bleiben in der Wand neben mir stecken, die zum Glück aus Kork gemacht ist, sodass ich keine Beschädigungen des Mauerwerks befürchten muss.

Im Netz, ich verlinkte es sogleich auf meiner virtuellen FB-Pinnwand, ist eine neue Rezension erschienen, die sich mit gewagten Worten (und einem Unterton, der sich nur dem wahrhaft Belesenen unter Ihnen erschließen wird) an meiner UNTAT versucht.

Der Himmel erinnert an eine Glasplatte, auf der die homogenisierte Milch des letzten Einkaufs verschüttet wurde. (Es sind diese Bilder, immer wieder, diese gewagten Beschreibungskunststücke, die mir dereinst einen Literaturpreis der deutschen Supermarktketten bescheren wird. – “Und die Goldene Kaffeesahne geht in diesem Jahr an …”)

Mein Adler, gefangen vor Urzeiten in einem albanischen Grenzdorf, juckt sich den Rücken am Gitter, das ihn fest von allen Seiten einschließt. – Nein, hier liegt keine Tierquälerei vor, sondern der Versuch, das geflügelte Wesen mit seinem Käfig in Einklang zu bringen. Nur so wird es ihm gelingen, seine Gefangenschaft als Teil seines Selbst dauerhaft zu akzeptieren.

Guten Morgen, Welt!

Glllllooooooock!

Das ist sie. Die einzig wahre Geschichte Glocks. Meine Geschichte. Eine Geschichte voller abstruser Wendungen. Eine Geschichte über und mit Liebe. Über und mit Hass. Über und mit Autos. Alles kommt darin vor. Kollegen sind zu finden. Kämme. Leichen. Was habt ihr denn gedacht? Leichen sind ein Hauptbestandteil der Geschichte. Sie liegen überall herum. In Aufzügen. Sie treiben in Flüssen. Sie fallen vom Himmel. Sie werden verbrannt. Erschossen. Wie könnte es auch anders sein! Ich öffne den Mund. Reiße die Lippen auseinander. Forme den ersten Buchstaben. Ich schiebe meinen Namen in die Welt hinein. Glock! Da! Jetzt hat sie ihn verpasst bekommen. Wie eine Kugel. Wie ein Stück Kuchen. Ich steche meinen Namen wieder und wieder in die offenen Gesichter von Leuten, die ich gar nicht kenne. Ich bin unterwegs. Wo bin ich? New York? San Francisco? Washington? Mach die Augen auf, Glock! Führ keine Selbstgespräche. Ich kann es nicht unterlassen.

“Glllllooooooock!” kommt es aus meinem Mund. Eine Frau bleibt stehen. Sie mustert mich. Sie sagt etwas in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Sie beugt sich zu mir. Sie ahnt es nicht. Weiß es nicht. Ich müsste es ihr sagen. Sprich doch mit ihr, denke ich. Sage ihr, dass sie sich am Anfang der Erinnerungen des weltberühmten Schundautors Hans I. Glock befindet. Sie müsste mich erkennen. Meine Schundliteratur verkauft sich weltweit. Fahr hin, wohin du willst. Du wirst es sehen. Kairo. Istanbul. Überall sitzen sie auf den Böden. In den Läden. Vor den Kinos. In den Fabriken. Und was tun sie? Lesen einen Schundroman von mir oder einem meiner Kollegen. O.M. Gott! Den kennt ihr doch! Gebt es zu.

Und wieder “Glllllooooooock!” Darum geht es. Um die Selbsterkenntnis. Um das Wissen, wer man ist. Die Frau zerrt an mir. Sie schreit! Was soll das? Ich müsste sie unbedingt warnen. Wenn sie nicht damit aufhört, wird sie es bereuen. Man wird sie verhaften. Wegsperren. Ich könnte sie löschen. Ich habe die Macht. Ich kann den Verlauf meiner Geschichte bestimmen. Passt mir etwas nicht, benutze ich die Löschtaste und lass es im Orkus des Datenunflats enden.

Jetzt ist es raus. Jetzt wisst ihr es. Ihr seid keine Menschen. Ihr seid nur Datenmengen. Erfindungsmaterial. Ich habe euch erschaffen. Ich kann euch auslöschen. Ob mir das guttun wird? Ich weiß es nicht! Das sind Allmachtfantasien. Ich gebärde mich wie ein Diktator. Ein Gott. Und die anderen Autoren? Das ist ein Glaube mit vielen Göttern.

“Glllllooooooock!” Die Frau ist da. Sie will nicht gehen. Mein Orientierungssinn lässt mich im Stich. Ganz ruhig jetzt. JETZT! Wo bin ich?

Ich schließe die Augen. Ich muss mich konzentrieren. Alles eine Sache der Konzentration. Ich kann mich durch den Raum bewegen. Alle Schundautoren können das.

Mit dem Schundbüro fing es an. Sie haben mich erschaffen. Mit O.M. Gott. Er hat sich über mich gebeugt. Du bist ein Schundautor, hat er gesagt. Hat sich über eine Art Badewanne gebeugt. Ich war verbunden. Mit wem? Mit zahllosen Schläuchen. Ich sei eine Erfindung der Schundindustrie. Modell Glock. Genauerer Definition: Hans I. Glock 26087008154711.

“Komm da raus!” forderte mich Gott auf.

Er reichte mir ein Handtuch.

“Das kannst du behalten”, sagte er.

Mein erstes Geschenk. Ich kam im Leben an und bekam ein Handtuch. Ein teures Geschenk. Es begleitet mich überall mit hin. Bei jedem meiner Aufträge ist es dabei. DAS HANDTUCH! Mein Excalibur. Meine Waffe, die ich benutzen kann, wenn alle anderen Waffen versagt haben.

“Komm jetzt da raus!” sagte Gott.

“Wo bin ich?”

“Du bist im Schundbüro. Du bist die Wesenheit mit der amtlichen Bezeichnung Hans I. Glock 26087008154711. Du bist von der Schundindustrie unter der Führung eines gewissen S erschaffen worden, um als Schundautor und Killer zu arbeiten.”

Kann man das glauben? Kann man das fassen? Nein, das kann man nicht. Niemand kommt als erwachsener Schundautor auf die Welt. Wie lange ist das her? Wann ereignete sich das, was ich hier erzähle? Vor vierzig Jahren? Vierzig Stunden? Sekunden? Meine Erinnerung ist ein Datenspeicher. Man kann mich anschließen und bearbeiten. Ich kann mit verschiedenen Erinnerungen ausgestattet werden. Morgen könnte ich die Erinnerung eines Kriegstreibers haben. Einer Eselin. Eines Hundes. Eine Gottes. Eines Kammes.

Ich drehe mich um die eigene Achse und versuche die Frau, die auf mich einredet, abzuschütteln.

“Glllllooooooock!”

Ein Polizeiauto. Es fährt langsamer. Meine Erinnerungen schalten sich frei. Bilder, die zurück in meinen Datenspeicher strömen. Ich war als Killer unterwegs. Ich war nicht als Schundautor hier, sondern als Killer. Als Tötungsmaschine. Als letztes Rezept in letzten Fällen.

Wen habe ich getötet?

Ich muss mich erinnern, erinnern, erinnern. Gott schaltet sich zu. Er schaltet sich ein. Seine Stimme durchwandert meinen Kopf.

“Ich bring dich hier raus”, sagt er.

“Wo bin ich?”

Die Frau sieht mich verwundert an. Sie winkt der Polizei. Der Wagen kommt näher. Gleich werden sie aussteigen. Gleich!

“Du hat einen ehemaligen General umgelegt”, erklärt Gott.

“Warum habe ich das getan?”

“Er hat das Schundgefüge zerstören wollen. Seine Bomben produzieren allmählich Realität. Ganze Teile Afghanistans sind für immer verloren. Wir werden sie nie wieder betreten können. Das Giftgas der Realität verbietet uns den Eintritt. Wir würden alle sterben. Du und ich wissen es! Wir handeln im Auftrag des Schunds. Und in seinem Auftrag beschützen wir die künstlichen Länder dieses künstlichen Planeten davor, von der Realität zerstört zu werden. Wir stehen als Wachen in der Tür. Du hast ihn töten müssen. Wir haben schon viele ausgeschaltet. Politiker, Banker, Industrielle. Sie müssen sterben, weil sonst die ganze Welt sterben wird. Sie arbeiten für einen mächtigen Mann. Erinner dich. Du weißt alles. Dein Hirn wurde beschädigt. Ich bringe dich hier raus und reparier alles. Und dann wirst du dich erinnern können.”

“Und die Polizisten?”

“Sie werden dich töten, wenn sie erkennen, dass du für den Schund arbeitest. Sie sind Marionetten der REALITÄT. Geh jetzt schneller!”

“Die Frau!”

“Verpass ihr einen Schlag!”

“Was?”

“Verpass ihr einen Schlag! Einen Hieb! Sie arbeitet für die REALITÄT. Du kannst sie nicht wirklich töten, weil sie nicht wirklich lebt. Sie ist eine Erscheinungsform der Realität. Du musst sie nicht wirklich schlagen. Stell dir einen Schlag vor. Das genügt.”

Die Dinge überschlagen sich. Ich weiß nicht, ob es stimmt, was ich höre. Vielleicht werde ich gerade verrückt. Ich könnte es längst sein. Der Traum eines Verrückten in seiner Gummizelle. Ja, das ist des Rätsels Lösung. Ich sitze in einer Gummizelle und träume das alles nur. Schundbüro, Auftragskiller, REALIÄT. Das alles ist nur der Traum eines Irren. Oder etwa nicht? Ich arbeite doch für das Schundbüro, oder? Ich bin Hans I. Glock. Ich bin dreiundvierzig Jahre alt. Ich schreibe Schundromane. Ich rauche Zigarren. Ich lebe in einem alten Mietshaus in einer Stadt namens Fulda. Ich bin geschieden. Ich habe drei Kinder. Ich kann die Unterhaltszahlungen kaum bewältigen. Ich habe ein Alkoholproblem. Das bin ich doch, oder?

“Ja und nein”, zischt die Stimme in meinem Kopf. Gott! Er hat alles mitgehört. Meine Gedanken. Meine Überlegungen. Ich werde überwacht. Ich bin nicht Herr im eigenen Haus. Ich bin eine Marionette.

Die Polizisten steigen aus. Zwei Meter große Typen. Angstmachende Erscheinungen. Sie kommen auf mich zu. Ich werde nicht entkommen können. Die Frau steht vor mir und mustert mich. Sie spricht auf die Polizisten ein, von denen einer sein Funkgerät zum Mund führt.

“Realität”, sagt er, “wir haben ihn.”

Er wartet auf Rückmeldung. Auf Anweisungen.

Der mit dem Funkgerät nickt seinem Kollegen zu. “Wir sollen ihn ausschalten!”

Sie greifen nach ihren Waffen. Schweiß tritt auf meine Stirn. Kleine Kugeln, die aufgeregt hin und her laufen.

Ich bin Glock. Das ist meine Geschichte. Alles unterliegt den Gesetzen der PHANTASTIK. So ist es. Ich kann mich erinnern.

Ich schließe die Augen und stelle mir eine Armee aus bunten Luftballons vor, die plötzlich am Himmel erscheinen. Sie verdunkeln alles. Sie schlucken das Licht der Sonne. Sie haben aufgemalte Gesichter. Aber sie lachen auch wirklich. WIRKLICH! Falsches Wort! Ich muss im Sinne der PHANTASTIK denken. Träumen. Die Polizisten und die Frau lassen von mir ab. Sie haben die Zeichen der Zeit erkannt. Sie werden sterben. Sie können der PHANTASTIK nicht entkommen. Dafür sind sie zu schwach, viel zu schwach.

Drei Ballons greifen nach mir. Sie greifen mir unter die Arme und … Wir heben ab. Ich halte die Augen geschlossen. Der Traumvorgang darf nicht gestört werden. Ich sehe alles vor mir. Ich sitze vor meiner inneren Leinwand und sehe es vor mir. Sie holen mich dort raus. Wo immer ich auch war! Scheiß der Hund drauf! Sie tragen mich über ein großes Meer.

“Du hast dich erinnert”, sagt Gott in meinem Kopf.

“Und wo soll ich mich hintragen lassen?”

“Folge deiner Intuition. Deinem Gefühl. Es wird dich ins Schundbüro bringen. Zu mir. Zu deinen Kollegen.”

Ja, denke ich. Zurück.

Ich öffne den Mund. Reiße die Lippen auseinander.

Ich schreie: “Glllllooooooock!”

Das bin ich. Hans I. Glock. Ich kann mich erinnern.

Mittwoch

Gestern hatte die Post eine Menge zu tun. Die ersten Exemplare der UNTAT mussten ausgeliefert werden. Ich habe das ja alles höchstselbst überwacht. Die ganze Nacht stand ich im Hof des Conte-Verlags und kontrollierte die Leute, die mein Buch in Seide einschlugen und in einen der Lastkraftwagen packten. Da durfte nichts zu Schaden kommen.

Nachher haben wir noch gefeiert, wir haben ein paar Räder geschlagen. Das war vielleicht eine Freude.

Jetzt sitze ich wie auf heißen Kohlen und warte auf die ersten Reaktionen. Mein Fenster ist weit geöffnet, damit die Brieftauben mich finden können.

Eben steuerte eine orientierungslos über den Himmel. Ich lehnte mich also hinaus, damit sie mich erblickte. Mit einem Winken war es nicht getan. Ich feuerte ein paar Salven ab. Endlich entdeckte mich das dumme Ding, das aber keine Luftpost transportierte, sondern auf der Suche nach einem Freund war. Weil ich im Moment keinen guten Freund abgebe, entließ ich sie mit verdrehten Augen in den Maitag, den meine Gärtner mit einem Zug um das Rosenbeet begehen.

Nichts kann mich an diesem Tag ablenken. Nervös renne ich zum Außenklo, dem mit dem Herz in der Tür, meinem Darm jene Erleichterung verschaffend, die er einfordert.

Donnerstag

So ist das! Ich war an einem entscheidenden Punkt meiner Karriere angelangt. Unruhig wälzte ich mich über meine Bettseite. Die Decke, aus den Fasern einer seltenen Schlingpflanze genäht, zog sich um meine Beine, bis es zum Blutstau kam. Sollte ich aufstehen? Ich wusste keine Antwort auf diese bohrende, geradezu drängende Frage. Ich schrieb sie auf eine der Tafeln, die ich stets neben dem Nachttisch stehen habe. (Der Nachttisch ist aus Dunkelheit gefertigt, aus einem tiefen Schwarz, das mir manchmal einen Schauer über den Rücken jagt. Starrt man zu lange in den Nachttisch, bekommt man ein Gefühl für die Nichtigkeit allen irdischen Daseins.)

Von draußen dröhnte ein Hämmern und Sägen zu uns herein. Die Vorbereitungen für die Passionsspiele waren (und sind noch) in vollem Gange. Peitschenhiebe zerschnitten die Morgenkühle.

“Ob ich aufstehen sollte?”, fragte ich meine Frau Marianne (Name geändert).

Keine Antwort. Das eigentümliche Wesen spielte mir schon wieder Schlaf vor. Das tat sie zu gerne. Lag da und tat so, als ob sie tief und fest schlafen würde. Sie tut das zu allen möglichen Gelegenheiten. Erst neulich, während des Abendessens, ich sprach sie eben zur politischen Situation im Unterdorf an, fiel sie aus heiterem Himmel in einen Tiefschlaf. Platsch! Ihr Gesicht war in der Suppe gelandet, die sie einatmend wegschlürfte, während sie gleichzeitig das Nimmerland ihres Unterbewusstseins aufsuchte. Und nicht nur beim Essen geschieht das Unglaubliche. Sie schläft bei allen möglichen Beschäftigungen ein, selbst beim Sex. Spreche ich sie darauf an, schläft sie sofort ein. Ich solle meine Sexschlafstörungen behandeln lassen, schlug sie vor. Oder sie mit Tabletten kurieren. Schlaftabletten, die gebe es überall. In jeder Apotheke. In der Türkei und Griechenland kosten sie fast nix, deshalb sei der Südländer auch so ein eingeschlafener Liebhaber. Das wisse man aus zahlreichen Forschungsromanen, in denen von der Liegfestigkeit z.B. der Italiener berichtet würde. Sie könnte mir gern aus dem ein oder anderen tragischen Erfahrungsbericht etwas vortragen. “Lass mal”, sagte ich. “Ich bekomme meine Schlafprobleme schon in den Griff.” – “Aber hurtig, immerhin bin ich eine Frau und will mal nichts von meinem Mann haben. Ich kann dich nicht ständig ertragen. Das zerstört mein Nervenkostüm!” Sie griff bei dieser Gelegenheit neben ihren Nachttisch (Beschreibung s.o.) und präsentierte mir ihr völlig zerfleddertes Nervenkostüm. “Auweia!” rief ich. “Das kannst du nicht mehr anziehen. Das müssen wir in die Nervenheilanstalt bringen. Die können dort vielleicht noch etwas retten. Ich werde mich darum kümmern.” Ich klatschte in die Hände meines Butlers Yeats (Name geändert) und wies ihn an, dass man das Kleid meiner Frau augenblicklich in eine Nervenheilanstalt verbringen müsste, mindestens für sieben bis neun Jahre.

“Nein!” schrie meine Frau auf und zerrte entnervt an ihrem Kostüm, bis es ihr in Fetzen um den Hals hing.

So war das damals, als ich das Nervenkostüm meiner Frau retten wollte.

Inzwischen habe ich mich entschieden, ob ich aufstehen soll oder nicht. Ich fuhr mit dem Golfwagen in die Küche und ließ die Kaffeemaschine einschalten. Der Himmel über GESALZENES GESTÜT (geänderter Name unserer Villa) ist grau. Nichts Neues unter der fehlenden Sonne.

Barnabas (Name geändert), mein Wolfshund sieht mich mit seinen tieftraurigen Augen. (Wir haben ihm verschiedene Augenpaare anfertigen lassen. Tieftraurige, melancholisch eingefärbte, freudige, erwartungsvolle, hoffungsvolle, hoffnungslose und tote Augen. Da hat das Tier wenigstens eine Auswahl und muss nicht ewig mit dem selben Hundeblick durch die Gegend trotten.) Ich weise Jürgen (Name geändert) auf seine Fehlentscheidung bezüglich der Augen für diesen Tag hin. Das würde mich runterziehen, erkläre ich dem Hund. Er zieht sich beleidigt mit einer bibliophilen Ausgabe der “Hundejahre” von Günter Grass in seinen Hundesalon zurück, um sich das zottelige Fell eindrehen zu lassen, immerhin sind wir heute bei einer gewissen Schwester Agnes eingeladen, einer heiligen Frau, die trotz ihres Gelübdes, drei Kinder zur Welt brachte. O Wunder des Katholizismus! Das lege daran, dass sie beim Beten ständig einschlafe. Da hätten die Burschen aus der Umgebung leichtes Spiel mit ihr. Aha! So ist das also.

Ich nehme einen ersten Zug von meiner Partagas No. 4 und denke über mein kommendes Werk des Tages nach. Mir ist heute nach einem Gedicht, nach diesem Zweig der deutschen Literatur, der längst verkümmert, geschnitten und verbrannt werden müsste. Mir schwebt ein Gedicht über die Kühltruhe vor. Ich sitze eine Weile vor dem überdimensionalen Bildschirm (8 Meter im Durchmesser) und grüble. Einzig, mir will nichts einfallen, also lasse ich einen der vom Prenzlauer Berg entführten Dichter vor mein Antlitz peitschen. “Er möge mir ein Gedicht schreiben”, faucht ihn mein Fauchstimmenverzerrer (hergestellt von Fender – dazu später mehr!) an. Der Prenzlauer Bergdichter krault sich seinen Bart, fährt sich durch das Haar, weil da eine Strähne gerade lag, bohrt ein Loch in seinen Pullover und beginnt: “Würmer, die ihr wurmt/mich und mein tragisch Los/gekauft auf dem Jahrmarkt/der täglich sich windet/der erblindet am tauben Fisch/iss nimmer mehr//iss nimmer mehr.” Der Prenzlauer Bergdichter stolpert – entzückt von seiner Ode über einen vergifteten Fisch – in den Raum zurück. “Na”, sage ich zu ihm, dieses Mal ohne Fauchstimmenverzerrer, “das war ja nichts. Da kann ich keinen Blumentopf mit gewinnen.” Die Wangenknochen des Bergdichter springen auf und ab. So etwas habe noch niemand zu ihm gesagt. Das habe noch keiner gewagt. Er hält inne. Überlegt. “Doch!” ruft er aus. Und dann fallen ihm die Namen seiner Kritiker wie Hämmer auf die Füße, sodass er sie quiekend verkündet: “Martin, Detlef, Marie, Gundel, Sebastian …” Seine Litanei will kein Ende nehmen. Ganz gegen Ende blickt er mich an, überlegt, ja, der Bergdichter sinnt und tönt dann von seinem inneren Prenzlauer Berg: “All diese Namen sollen mein neustes Großgedicht sein. Ich werde es …. ich werde es … NAMENLOSES ENTSETZEN nennen.” Zufrieden über sich zündet sich der Bergdichter eine Selbstgedrehte an und lässt sich in den Keller führen, dort all die anderen entführten Dichter ein karges Dasein bei Diskussionen und spontanen Lesungen fristen müssen.

Mit einem Gedicht ist es nichts geworden. Ich werde den Tag trotzdem tätig werden lassen.

Guten Morgen, Welt!

Eisenach März 2013 022

Hier bei einer meiner Predigten in der hauseigenen Kapelle

Eure Nummer 12

Heut schreib ich mal hier, weil der Papa, der sonst den Block hier füllt, krank is. Er liegt ja noch im Bett und fängt sein Nasensaft mit einem Tempo auf. (Keine Werbung, hat der Papa gesagt. Is Tempo jetzt schon Werbung? Is nich schlimm, weil ich Werbung mag, da bekommt man gesagt, was einem noch fehlt. Undendlich viel is das, da muss der Papa noch einige Bücher verkaufen, um der Mama und mir alles kaufen zu können, wovon die in der Werbung erzählen, dass man sterben tät, wenn man es nich hat.)

Jetzt aber zum Papa, der inem Meer aus Papiertaschentüchern liegt. Sieht aus, als wären da Massen von kleinen weißen Vögeln bei seinem Anblick verreckt und vom Himmel gestürzt. Na, so schlimm is sein Gesicht auch nich.

Ich weiß gar nich, wozu son Block gut sein soll. Ich mein, wer liesten dadrin. Doch keiner, der ein vernünftiges Leben führt, weil der nämlich gar keine Zeit nie hat.

Da muss doch gewaltig was schiefgelaufen sein, wennde liest, wasn anderer erlebt. Und stimmen muss es auch nicht, klar? Kann ja alles gelochen sein, was?

Aber jetz zurück zum Papa, der sich seine Nase schmirgelt, als wolle er sich ne neue formen. Das kann schon sein, weil er ja ständig ne komische Sache im Schild führt.

Meinen Namen will ich hier nich nie schreiben, das hat mir Mama und Papa verboten, wegen Drabbel, den man bekommt, wenn die Mitschüler rauskriegen, dass man im Internett unterwegs is, vor allem bei Facebook, wo sich die Irren sammeln und einen fertich machen wollen, fix und fertich. Nich mit mir. Name bleibt also draußen. Stellt euch vor, ich hätt keinen, dafür ne Nummer. Ihr könnt mich, scheiß der Hunddrauf, 12 nennen. Nummer 12, weil ich jetz hier vielleicht mehr schreib, weil, ich bin ja die Tochter vonem Autor, da vererbt sich das Talent und die ganze Meisterwerkerei, klar?

Na, dann bis nachher, wer immer da draußen auch is.

 

Eure Nummer 12

Geh Vater, ich glaub, jetzt kommts

Als der Karl geboren wurde, haben die Wehen erst eingesetzt, da war er schon längst auf der Welt. Die Mutter wollte sich gerade aufs Entbinden vorbereiten, da verkündete man der erstaunten Frau, sie habe bereits ein Kind zur Welt gebracht. Gerade erst. Vor einer halben Stunde.

Ja, wie? Ja, wo? Ja, was? So ginge es aber nicht, stammelte sie. Nein, nein, nein. Davon habe sie gar nichts mitbekommen. War eben immer schon sehr eigen, die gute Frau. Und weil sie es partout nicht einsehen wollte, dass ihr Kind bereits schreiend auf der Säuglingsstation weilte, ihrer hoffend und harrend, vor allem ihrer Brüste, musste die Geburt Schritt für Schnitt wiederholt werden.

Verblüffte Hausmeister standen um sie herum, weil die Ärzte sich geweigert hatten, einer Irren diesen Gefallen zu tun, und dies trotz der großzügigen Bezahlung durch den Kindsvater.

“Press!”

Und wie sie presste.

“Seht ihr es schon?”, fragte sie zwischenzeitlich nach.

“Den Kopf, ein wenig davon zumindest.”

Die gespielte Entbindung zog sich über fünf Tage hin, das luftige Kind wollte und wollte nicht kommen. Die eine Hausmeistersschicht wechselte sich mit der anderen ab. Getränke wurden ausgeteilt. Einer mit einem kratzigen Dreitagebart trank ein Bier und tätschelte der verzweifelten Mutter die Hand und sagte, sie solle sich nicht so aufregen, es sei eben noch kein Meister vom Himmel gefallen

Ihr Mann nahm es stoisch hin, er zündete der passionierten Kettenraucherin ihre Zigaretten an, die sie – gegen den Rat der Ärzte – selbst in diesem Endstadium der Schwangerschaft massenhaft paffte.

“Noch eine!”, verlangte sie.

Der Vater als Mann des Fernsehens, setzte sich zwischenzeitlich in ihr Zimmer ab. Es gab eine besonders spannende Quizshow, die konnte und wollte er sich nicht entgehen lassen.

In den Werbepausen besuchte er Karl und entschuldigte sich im Stillen bei ihm. Er solle es seiner Mutter nachsehen. Die Zigaretten hätten alles verstopft. Sie habe es nicht so mit dem Denken.

Unten schrie sich die Mutter derweil die schwarze Lunge aus dem Leib.

Der verfluchte Balg wolle sie umbringen. Das sei ein Monsterbaby. Seit drei Tagen nur der Kopf. Das halte ja die stärkste Entbinderin nicht aus. Sie verlange einen Kaiserschnitt. Jetzt, hier, sofort. Sie haben die Faxen dicke. Nicht mit ihr. Sie sei schließlich eine Frau mit einer gewissen Lebensart. Die könne sie nicht seit Tagen schleifen lassen. Sie verlange augenblicklich ihren Wein, die Pfeife. Ja, die Geburt, die scheinbare, sie schlug ihr merklich ins Gehirn.

Bis sie plötzlich keine Lust mehr hatte und erstaunt feststellte, die Augen weit aufgerissen: “Da ist es ja!” Sie zeigte auf den Fußboden. “Bringt es fort, hoch, ich kümmere mich später darum.”

So kam der Karl laut dem Krankenhaus am Sechsundzwanzigsten um sechs Uhr in der Früh. Laut seiner Mutter aber erst fünf Tage später.

Von nichts hätten die dort eine Ahnung, nicht mal vom Kinderkriegen, geschweige denn vom rechten Zeitpunkt des Auswurfs, erklärte sie ihm später hustend.

“Ein schäbiges Krankenhaus”, sagte sie und ließ sich von ihrem Mann aufs Zimmer führen.

Kurz vor der Tür hielt sie sich den Bauch, sah ihn erstaunt, dann entsetzt an und stöhnte kleinlaut: “Geh Vater, ich glaub, jetzt kommts.”

Idyllen trügen

Montag bis Sonntag ist eine schlechte Einteilung der Woche, gerät man doch in die Verlegenheit, die Woche mit einem Montag beginnen zu müssen.

Samstag bis Sonntag. Aus einer solchen Woche würde ein Schuh, der uns Menschen passen würde.

Aufwachen, strecken, gähnen, auf die Uhr sehen, umdrehen, weiterschlafen. Ist der Sonntag erst absolviert, mit seinen anstrengenden Besuchen und Mittagessen, seinen Mittagsschläfchen und seinem Gähnen, würde man sich am Abend ins Bett quälen, die Frau darauf hinweisend, sie müsse keinen Wecker stellen, sie solle ja nicht vergessen, dass morgen Samstag ist, da müsse man zum Chinesen, durch die Stadt müsse geturnt, Einkäufe erledigt werden.

Ein Leben, anstrengend wie eine Fahrt auf einem Ausflugsdampfer. Keine Hoffnung in Sicht, kein Montag, der einen aus dieser Freizeithölle befreit, kein Sonnenlicht am Horizont, das einen von dieser geraden Straße wegführt, dafür flackernde Neonröhren.

Nachts würde man von Labyrinthen träumen, von Umwegen, von dichten Wäldern, in denen man sich verirrt, nur um einmal in die Verlegenheit der Mühsal zu geraten.

Samstag bis Sonntag wird zu einer Einkaufsladenexistenz, zu einem Passagendasein, zu einem Leben im Landesinneren, ungefährdet und so dumm wie Stroh, auf dem man liegen muss, bis einen der Tod, den man längst schon in Montag oder Dienstag umgetauft hat, in die ewige Arbeitswoche entführt.

Jedes Paradies hat den Zug, sich in eine Hölle verwandeln zu können. Tag für Tag gebratene Hühnerflügel, die vom Himmel in den Mund stürzen, Engel, die eine sanfte Melodie summen, eine, die wie auf Rosen gebettet klingt, und um die man Angst haben muss, weil jeder Ton nach einem dünnen Kristall klingt, das zerspringt, trifft es auf ein Ohr, das hält kein Mensch auf Dauer aus.

Irgendwann sehnt sich man sich nach einer Aufgabe, nach ein wenig Trubel, nach Müll und Unrat, nach Jugendlichen, die mit dem System unzufrieden sind, die eine Sieben-Tage-Woche fordern, so lange, bis man schließlich selbst eine Untergrundorganisation gründet, die damit anfängt, Neue-Tage-Bomben zu zünden, bis Löcher entstehen, die gefüllt werden müssen, mit einem Montag vielleicht, dann einem Dienstag, später einem Mittwoch. (Die Dehnung der Zeit mit den Mitteln der Gewalt.)

Montag bis Sonntag ist eine gute Einteilung der Woche, hat man  so doch das Vergnügen, die Woche mit einem Montag beginnen zu dürfen, mit einem wunderbaren kleinen Fluch auf den Lippen.

Die erträgliche Nichtigkeit des Seins

Es gibt wieder einiges zu erzählen, weil nichts passiert ist. Es geschieht ja ständig nichts.

Da wäre die Geschichte vom Wasser, das wir eingekauft haben. Eine Story, die keinen Höhepunkt hat. Dafür einen Parkplatz, der meistens überfüllt ist. An diesem Tag nicht. Sehr seltsam. Es war wie in einem Mystery-Movie.

Es kann einem schon unheimlich um die Seele werden, wenn ein Parkplatz nicht mit Autos überläuft. Er ist dann kein Parkplatz mehr. Er ist etwas anderes geworden. Ist mutiert. Zu einem Spielbrett für die Götter. Ja!

Die wenigen Autos sind ihre Spielsteine. Man würde sich nicht wundern, wenn plötzlich eine Hand aus dem Himmel fahren würde, um einen Renault (von Platz 7 links neben dem Einkaufszentrum) auf den dritten Behindertenparkplatz vor der Tierhandlung zu setzen. Die Regeln sind mir unbekannt. Eventuell spielen die Götter Mühle. Oder sie wollen die Behinderten ärgern. Nach Schach sieht es mir jedenfalls nicht aus.

Das nächste Mysterium, das diesen Ort mit Magie auflädt, ist, dass er von Einkaufszentren gesäumt ist. Eins neben dem anderen, bis in alle Ewigkeit, damit der Kunde, hat er seinen  Spielstein endlich abgestellt, sich nicht entscheiden kann, wem er sein Geld opfern soll. (Obwohl die meisten Frauen einen genauen Plan im Kopf haben. Die zücken, im linken Arm ihre schreiende Kleinausgabe, einen Einkaufszettel, und stürmen los. Nichts kann sie aufhalten, höchstens eine Freundin, die ebenfalls so ein Instrument auf dem Arm trägt. Gemeinsam steht man vor dem Laden und gibt mit seinen Kindchen ein Ständchen, das sich gewaschen hat. Rentner, die die wenigste Zeit auf Erden haben, weil ihnen der Tod im Genick sitzt, nutzen die Darbietung der Mütter und schlüpfen mit einem bösartigen Grinsen in den Laden, um sich dort die nächsten Stunden, trotz Tod, nicht entscheiden zu können.)

Wir haben zum Glück nur Wasser geholt. Nicht wie früher vom Brunnen. Aus dem Fluss. Heute wird das Wasser in krebserregende Plastikflaschen abgefüllt, damit der Konsument nicht nur trinken, sondern auch krank werden kann. Die Industrie arbeitet Hand in Hand. Würde mich nicht wundern, wenn so ein Wasserabfüller, weil Hersteller ist er ja nicht,  eine Firma besitzt, die irgendein sauteures Medikament loswerden will. Verkrebste Menschen kann es nie genug geben. Krankheit ist ein Schlager im Kapitalismus.

Ich habe die Kästen aus dem Auto in den Vorraum geschleppt, wo man sich in eine Schlange stellen darf. Die leeren Flaschen müssen nämlich in einen Automaten, der sie zählt und der einen Bon ausspuckt, auf dem die Pfandsumme steht, die man im Laden gegen neue Flaschen mit Pfand eintauschen kann. (Man kann sich die Summe auch auszahlen lassen. Aber das habe ich noch nie beobachtet.)

So ein Flaschenautomat ist ein interessantes Ungetüm. Stellt man die Kiste in sein Maul, zieht eine Zunge sie in seinen Bauch. Automaten sind die schlechteren (oder besseren?) Tiere, weil sie dauernd hungrig sind. Ein Tier macht wenigstens hin und wieder eine Pause. Der Automat kann fressen, ohne dass ihm jemals schlecht wird. (Er wird nicht krank. Höchstens kaputt gehen kann er. Das freut die Firmen, die solche Automaten bauen.)

Meist gerät man in eine Schlange, die einen Kerl an der Spitze aufzuweisen hat, der mit drei bis vier gelben Säcken voller kleiner Plastikbierflaschen sein Übermaß an Freizeit sinnvoll ausgestalten will. Es ist faszinierend, mit welcher Akribie der Automatenfütterer seinem Handwerk frönt. Der ist kein Amateur, das merkt man sofort. Zwischendurch, inzwischen ist eine halbe Stunde vergangen, zieht er seine rutschende Jogginghose nach oben, bis ihn ein Blick auf die Uhr des Hintermannes davon überzeugt, eine merkwürdige Eile an den Tag legen zu müssen, die damit zusammenhängt, dass in wenigen Minuten seine Lieblingsserie beginnt. Folge 7 859 236. Die darf er in keinem Fall verpassen. Tragisch wäre es. Er fände nie wieder in den Erzählfluss zurück. Und dann?

Also kamen wir, meine Frau und ich, die zwei Kästen, an die Reihe, den Automaten zu füttern. Die Kisten auf die Zunge. So als würde man eine Mundkommunion verteilen. Was man nicht alles wird, betritt man einen Laden. Automatenpfleger, Schlangenschwanz, Priester, Käufer.

Wir sind in das Getränkecenter und haben zwei neue Kisten geholt. Ab damit ins Auto und heim.

Wie bereits eingangs gesagt, ist nichts passiert. Das ist hier so. Anderswo auch. Man muss nur ein Auge für die Handlungsleere, für die fehlende Spannung entwickeln. Ein drittes Auge sozusagen, das gewisse Auserwählte sowieso in der Stirn tragen sollen. (So wie ein Piercing.) Vielleicht haben wir es alle. (Die Optiker dürfen es nicht erfahren. Sonst laufen wir bald mit neuen Brillen herum.)

Jetzt ist mein Kaffee kalt geworden. Scheiße! Wir lesen uns …

Morgengeplänkel

Eine Planwirtschaftsnotiz

Ich könnte … Nein. Warum auch? Es gibt etwas anderes zu tun. Stets. Das Regal müsste umgesiedelt werden. Mitten in den Raum hinein müsste es. Warum? Weil es dann im Weg steht. Es würde zu einer Hürde. Zu etwas, dass man umgehen muss. Ein Hindernis ist nicht die schlechteste Methode, um sich zu konfrontieren. In diesem Fall mit dem Gelesenen, mit dem Ungelesenen. Man stände wie vor einer Mauer. Egal, von welcher Seite aus man es betrachtet: Drüben ist das Jenseits. So gesehen … Hm … Man befände sich im Himmel, im Reich der Toten. Religiös betrachtet. Politisch gesehen, ist man zum Außenseiter geworden. Zu einem Mexikaner. Zu einem Palästinenser. Zu einem, der abgehalten werden muss. Um diesen Moment zu festigen, müsste ich aber … Ja! Ich müsste die Umgehungsstraßen schließen. Einen Grenzposten errichten. Oder errichten lassen. Waffen fehlen mir noch. Ich wüsste im Augenblick auch nicht, wie an eine zu kommen ist. Aber warum sollte ich das tun? Mich vom Durchqueren der Wohnung abhalten? Bin ich eine Gefahr für mich? Dann sollte ich mich abtasten lassen. Von wem? Meiner Frau. Das würde mir gefallen. Jetzt habe ich … Um was ging es? Um eine Räumungsaktion. Ein Verschieben der Gegebenheiten. Um eine Veränderung. Deshalb wollte ich … Das Bücherregal. Es könnte auch ein anderes Möbelstück sein. Ein Stuhl, den ich auf einen Stuhl setze. Stuhl nimmt auf Stuhl Platz. Hätte der Stuhl Gefühle, würde es ihn dann nicht freuen, sich endlich einmal ausruhen zu dürfen? Nicht nur Stuhl sein, sondern auch Besitzer. Der Stuhl auf dem Stuhl könnte uns beim Mittagessen Gesellschaft leisten. Er müsste sich erhaben vorkommen. So über allen anderen Stühlen thronend. Kann man da von einem Aufstieg sprechen? Ich weiß es nicht. Wer kann so einem Stuhl schon in die Holzseele blicken. Denn – wir sollten dies nie vergessen – Holz lebt. Es einen toten Gegenstand zu nennen, würde dem Holz nicht gerecht werden. Immerhin arbeitet es. Es dehnt sich, zieht sich zusammen. Je nach Wetterlage. Ein launischer, wetterwendischer Geselle. So könnte man denken. Holz knackt. Man kann es verheizen. Regierungen machen das täglich mit ihren Soldaten in irgendeinem Krieg, den sie führen. Kriege sind die Feuerstellen der Landesfürsten. Sie werfen ihre Soldaten hinein und lauschen dem Knacken. Jetzt schweife ich ab. Es ging doch nur … Ja! Um die Wohnungseinrichtung. Die sollte man verändern. Sollte die Sachen, die man gekauft und hingestellt hat, umstellen. Sonst wird eine Wohnung zu einem Urteil. Zu einem richterlichen Spruch. Zu einem Gefängnis. Ich könnte … Ja! Ich werde mit dem Staub beginnen, der auf dem Boden lagert. Massen sind eingefallen. Ungefragt. Unerlaubt. Ich werde den Staub verhören müssen. Werde ihn in ein Übergangslager bringen lassen. Dann werde ich mir in aller Ruhe darüber Gedanken machen, was mit dem Staub geschehen wird. Ich könnte ihn einer Prüfung unterziehen. Ihn meine Hymne singen lassen. Wenn ich doch nur eine hätte. Die könnten wir singen. Frau und Kinder würden am Morgen die Wohnungshymne schmettern, während ich die Flagge hisse.

All die Pläne, die ich unausgeführt lassen werde. Oder auch nicht.

Kommt Zeit, kommt Rat.