Das ist sie. Die einzig wahre Geschichte Glocks. Meine Geschichte. Eine Geschichte voller abstruser Wendungen. Eine Geschichte über und mit Liebe. Über und mit Hass. Über und mit Autos. Alles kommt darin vor. Kollegen sind zu finden. Kämme. Leichen. Was habt ihr denn gedacht? Leichen sind ein Hauptbestandteil der Geschichte. Sie liegen überall herum. In Aufzügen. Sie treiben in Flüssen. Sie fallen vom Himmel. Sie werden verbrannt. Erschossen. Wie könnte es auch anders sein! Ich öffne den Mund. Reiße die Lippen auseinander. Forme den ersten Buchstaben. Ich schiebe meinen Namen in die Welt hinein. Glock! Da! Jetzt hat sie ihn verpasst bekommen. Wie eine Kugel. Wie ein Stück Kuchen. Ich steche meinen Namen wieder und wieder in die offenen Gesichter von Leuten, die ich gar nicht kenne. Ich bin unterwegs. Wo bin ich? New York? San Francisco? Washington? Mach die Augen auf, Glock! Führ keine Selbstgespräche. Ich kann es nicht unterlassen.
“Glllllooooooock!” kommt es aus meinem Mund. Eine Frau bleibt stehen. Sie mustert mich. Sie sagt etwas in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Sie beugt sich zu mir. Sie ahnt es nicht. Weiß es nicht. Ich müsste es ihr sagen. Sprich doch mit ihr, denke ich. Sage ihr, dass sie sich am Anfang der Erinnerungen des weltberühmten Schundautors Hans I. Glock befindet. Sie müsste mich erkennen. Meine Schundliteratur verkauft sich weltweit. Fahr hin, wohin du willst. Du wirst es sehen. Kairo. Istanbul. Überall sitzen sie auf den Böden. In den Läden. Vor den Kinos. In den Fabriken. Und was tun sie? Lesen einen Schundroman von mir oder einem meiner Kollegen. O.M. Gott! Den kennt ihr doch! Gebt es zu.
Und wieder “Glllllooooooock!” Darum geht es. Um die Selbsterkenntnis. Um das Wissen, wer man ist. Die Frau zerrt an mir. Sie schreit! Was soll das? Ich müsste sie unbedingt warnen. Wenn sie nicht damit aufhört, wird sie es bereuen. Man wird sie verhaften. Wegsperren. Ich könnte sie löschen. Ich habe die Macht. Ich kann den Verlauf meiner Geschichte bestimmen. Passt mir etwas nicht, benutze ich die Löschtaste und lass es im Orkus des Datenunflats enden.
Jetzt ist es raus. Jetzt wisst ihr es. Ihr seid keine Menschen. Ihr seid nur Datenmengen. Erfindungsmaterial. Ich habe euch erschaffen. Ich kann euch auslöschen. Ob mir das guttun wird? Ich weiß es nicht! Das sind Allmachtfantasien. Ich gebärde mich wie ein Diktator. Ein Gott. Und die anderen Autoren? Das ist ein Glaube mit vielen Göttern.
“Glllllooooooock!” Die Frau ist da. Sie will nicht gehen. Mein Orientierungssinn lässt mich im Stich. Ganz ruhig jetzt. JETZT! Wo bin ich?
Ich schließe die Augen. Ich muss mich konzentrieren. Alles eine Sache der Konzentration. Ich kann mich durch den Raum bewegen. Alle Schundautoren können das.
Mit dem Schundbüro fing es an. Sie haben mich erschaffen. Mit O.M. Gott. Er hat sich über mich gebeugt. Du bist ein Schundautor, hat er gesagt. Hat sich über eine Art Badewanne gebeugt. Ich war verbunden. Mit wem? Mit zahllosen Schläuchen. Ich sei eine Erfindung der Schundindustrie. Modell Glock. Genauerer Definition: Hans I. Glock 26087008154711.
“Komm da raus!” forderte mich Gott auf.
Er reichte mir ein Handtuch.
“Das kannst du behalten”, sagte er.
Mein erstes Geschenk. Ich kam im Leben an und bekam ein Handtuch. Ein teures Geschenk. Es begleitet mich überall mit hin. Bei jedem meiner Aufträge ist es dabei. DAS HANDTUCH! Mein Excalibur. Meine Waffe, die ich benutzen kann, wenn alle anderen Waffen versagt haben.
“Komm jetzt da raus!” sagte Gott.
“Wo bin ich?”
“Du bist im Schundbüro. Du bist die Wesenheit mit der amtlichen Bezeichnung Hans I. Glock 26087008154711. Du bist von der Schundindustrie unter der Führung eines gewissen S erschaffen worden, um als Schundautor und Killer zu arbeiten.”
Kann man das glauben? Kann man das fassen? Nein, das kann man nicht. Niemand kommt als erwachsener Schundautor auf die Welt. Wie lange ist das her? Wann ereignete sich das, was ich hier erzähle? Vor vierzig Jahren? Vierzig Stunden? Sekunden? Meine Erinnerung ist ein Datenspeicher. Man kann mich anschließen und bearbeiten. Ich kann mit verschiedenen Erinnerungen ausgestattet werden. Morgen könnte ich die Erinnerung eines Kriegstreibers haben. Einer Eselin. Eines Hundes. Eine Gottes. Eines Kammes.
Ich drehe mich um die eigene Achse und versuche die Frau, die auf mich einredet, abzuschütteln.
“Glllllooooooock!”
Ein Polizeiauto. Es fährt langsamer. Meine Erinnerungen schalten sich frei. Bilder, die zurück in meinen Datenspeicher strömen. Ich war als Killer unterwegs. Ich war nicht als Schundautor hier, sondern als Killer. Als Tötungsmaschine. Als letztes Rezept in letzten Fällen.
Wen habe ich getötet?
Ich muss mich erinnern, erinnern, erinnern. Gott schaltet sich zu. Er schaltet sich ein. Seine Stimme durchwandert meinen Kopf.
“Ich bring dich hier raus”, sagt er.
“Wo bin ich?”
Die Frau sieht mich verwundert an. Sie winkt der Polizei. Der Wagen kommt näher. Gleich werden sie aussteigen. Gleich!
“Du hat einen ehemaligen General umgelegt”, erklärt Gott.
“Warum habe ich das getan?”
“Er hat das Schundgefüge zerstören wollen. Seine Bomben produzieren allmählich Realität. Ganze Teile Afghanistans sind für immer verloren. Wir werden sie nie wieder betreten können. Das Giftgas der Realität verbietet uns den Eintritt. Wir würden alle sterben. Du und ich wissen es! Wir handeln im Auftrag des Schunds. Und in seinem Auftrag beschützen wir die künstlichen Länder dieses künstlichen Planeten davor, von der Realität zerstört zu werden. Wir stehen als Wachen in der Tür. Du hast ihn töten müssen. Wir haben schon viele ausgeschaltet. Politiker, Banker, Industrielle. Sie müssen sterben, weil sonst die ganze Welt sterben wird. Sie arbeiten für einen mächtigen Mann. Erinner dich. Du weißt alles. Dein Hirn wurde beschädigt. Ich bringe dich hier raus und reparier alles. Und dann wirst du dich erinnern können.”
“Und die Polizisten?”
“Sie werden dich töten, wenn sie erkennen, dass du für den Schund arbeitest. Sie sind Marionetten der REALITÄT. Geh jetzt schneller!”
“Die Frau!”
“Verpass ihr einen Schlag!”
“Was?”
“Verpass ihr einen Schlag! Einen Hieb! Sie arbeitet für die REALITÄT. Du kannst sie nicht wirklich töten, weil sie nicht wirklich lebt. Sie ist eine Erscheinungsform der Realität. Du musst sie nicht wirklich schlagen. Stell dir einen Schlag vor. Das genügt.”
Die Dinge überschlagen sich. Ich weiß nicht, ob es stimmt, was ich höre. Vielleicht werde ich gerade verrückt. Ich könnte es längst sein. Der Traum eines Verrückten in seiner Gummizelle. Ja, das ist des Rätsels Lösung. Ich sitze in einer Gummizelle und träume das alles nur. Schundbüro, Auftragskiller, REALIÄT. Das alles ist nur der Traum eines Irren. Oder etwa nicht? Ich arbeite doch für das Schundbüro, oder? Ich bin Hans I. Glock. Ich bin dreiundvierzig Jahre alt. Ich schreibe Schundromane. Ich rauche Zigarren. Ich lebe in einem alten Mietshaus in einer Stadt namens Fulda. Ich bin geschieden. Ich habe drei Kinder. Ich kann die Unterhaltszahlungen kaum bewältigen. Ich habe ein Alkoholproblem. Das bin ich doch, oder?
“Ja und nein”, zischt die Stimme in meinem Kopf. Gott! Er hat alles mitgehört. Meine Gedanken. Meine Überlegungen. Ich werde überwacht. Ich bin nicht Herr im eigenen Haus. Ich bin eine Marionette.
Die Polizisten steigen aus. Zwei Meter große Typen. Angstmachende Erscheinungen. Sie kommen auf mich zu. Ich werde nicht entkommen können. Die Frau steht vor mir und mustert mich. Sie spricht auf die Polizisten ein, von denen einer sein Funkgerät zum Mund führt.
“Realität”, sagt er, “wir haben ihn.”
Er wartet auf Rückmeldung. Auf Anweisungen.
Der mit dem Funkgerät nickt seinem Kollegen zu. “Wir sollen ihn ausschalten!”
Sie greifen nach ihren Waffen. Schweiß tritt auf meine Stirn. Kleine Kugeln, die aufgeregt hin und her laufen.
Ich bin Glock. Das ist meine Geschichte. Alles unterliegt den Gesetzen der PHANTASTIK. So ist es. Ich kann mich erinnern.
Ich schließe die Augen und stelle mir eine Armee aus bunten Luftballons vor, die plötzlich am Himmel erscheinen. Sie verdunkeln alles. Sie schlucken das Licht der Sonne. Sie haben aufgemalte Gesichter. Aber sie lachen auch wirklich. WIRKLICH! Falsches Wort! Ich muss im Sinne der PHANTASTIK denken. Träumen. Die Polizisten und die Frau lassen von mir ab. Sie haben die Zeichen der Zeit erkannt. Sie werden sterben. Sie können der PHANTASTIK nicht entkommen. Dafür sind sie zu schwach, viel zu schwach.
Drei Ballons greifen nach mir. Sie greifen mir unter die Arme und … Wir heben ab. Ich halte die Augen geschlossen. Der Traumvorgang darf nicht gestört werden. Ich sehe alles vor mir. Ich sitze vor meiner inneren Leinwand und sehe es vor mir. Sie holen mich dort raus. Wo immer ich auch war! Scheiß der Hund drauf! Sie tragen mich über ein großes Meer.
“Du hast dich erinnert”, sagt Gott in meinem Kopf.
“Und wo soll ich mich hintragen lassen?”
“Folge deiner Intuition. Deinem Gefühl. Es wird dich ins Schundbüro bringen. Zu mir. Zu deinen Kollegen.”
Ja, denke ich. Zurück.
Ich öffne den Mund. Reiße die Lippen auseinander.
Ich schreie: “Glllllooooooock!”
Das bin ich. Hans I. Glock. Ich kann mich erinnern.





