Dienstag

So ein Autorenjournal, Sie werden das zugeben, entbehrt oft einer gewissen Lebendigkeit. Sie müssen das verstehen. Als Schriftsteller fristet man ein Dasein am Rande des Schreibtischs. Alles, was man erlebt, geschieht im eigenen Kopf, nirgendwo sonst.

Auch mit gewissen Krisen, die von Zeit zu Zeit kommen, muss der Autor, will er sich nicht vor dem vierzigsten Geburtstag umgebracht haben, umgehen können. Die Krise ist ihm nicht wichtig. Er könnte gerne auf sie verzichten, aber da er meist, wie alle anderen schöpferischen Wesen, die dazu auserkoren wurden, etwas Besonderes zu erschaffen, mit diversen Krankheiten an Kopf und Seele gesegnet ist, muss er lernen, mit diesen Fehlfunktionen der Psyche umzugehen. Im Grunde sind die meisten Künstler verhinderte Massenmörder, Giftmörder, Diktatoren, Bundeskanzler. Sie hatten nur das Glück, etwas zu entdecken, das sie schließlich von ihren schrecklichen Taten ablenkte, von den Bildern, die sich längst in ihren Köpfen manifestierten, diesen Bildern von gebrannten Mandeln, die man seinem Opfer ohne Betäubung entfernte. Sie verstehen sicherlich, was ich Ihnen hier erklären will.

Meine Laune, um Sie auch über diesen Sachverhalt aufzuklären, hat sich gebessert, sie schlägt kleine Kopfinnenräder, sie läuft im Handstand durch die Fuldaer Villa. Das Personal beäugte mich seit Tagen. Man weiß um meine “Probleme”, die, bahnen sie sich erst wieder einen Weg, übermächtig werden können. Es kam schon vor, dass ich alle entließ, dass ich sie mit meiner Peitsche von MEINEM Grund und Boden vertrieb. Und warum? Einzig, um das Gefühl für mein Selbst, das mir verloren schien, wiederzuerlangen. Ihre Schmerzen sollten mir wehtun.

Sie sehen, es ist nicht leicht, gleichzeitig Schriftsteller und Großgrundbesitzer zu sein.

Freitag

Gogols “Die Nase” gelesen, während ich (von Panik erfüllt) meinen eigenen Kolben festhielt. Ich umklammerte das Organ krampfhaft mit Zeigefinger und Daumen. Die Fleischwerdung literarischer Fantasien ist nicht zu unterschätzen.

Da muss man sich nur die Irren ansehen, die die Bibel in ihrer Nachttischschublade liegen haben.

Mein Nachbar Eschtakl hungert sich, seit er “Abnehmen für Leute ohne Telefon” gelesen hat, in die Gewichtsklasse “Laues Lüftchen”. Es ist kaum noch etwas von ihm übrig. Wir nehmen ihn inzwischen mehr als Geist, als Stimme wahr.

Manchmal hält meine Frau Ursel (Name geändert) eine der Putzfrauen aus dem Fenster, um sich berichten zu lassen, was draußen geschieht.

“Ich kann den Herrn Eschtakl hören, der sich an Ihrem Apfelbaum erleichtert”, erklärte kürzlich eine von ihnen. “Außerdem kann ich sehen, dass der Asphalt sich meinem Kopf nähert.”

Meine Frau lächelte mich mit diesem Blick an, der mir ihre engelhafte Unschuld suggerieren sollte.

“Und die Krankenhausrechnung für die Putzfrau?”, fragte ich sie.

Sie hob die Schulter: “Ach, nicht der Rede wert. Schreib eben ein paar Bücher mehr.”

Als wir Eschtakl vor wenigen Tagen zum Essen einluden, sagte er mit dem Hinweis ab, er müsse mehr auf seine Figur achten, die von den Hunden noch aufgespürt würde.

“Nichts für ungut”, wehte mich seine brüchige Stimme an. “Sie sollten auch etwas auf ihre Linie achten, Rohm. Sie gehen allmählich aus dem Leim.”

“Unsinn!”, murmelte ich und stopfte drei Fettringe in den speziellen Hosenkorb zurück. “Alles eine Frage der Sichtweise.”

“Warum blicken Sie dabei die Haustür an?”, sagte Eschtakl. “Ich stehe direkt hinter ihnen, Sie arroganter Bestsellerautor.”

Seit ich Eschtakl nicht mehr sehen kann, fühle ich mich in meinen eigenen vier Wänden unsicher. So beobachtet. Dieses Kichern, wenn ich meiner Frau Rudriga (Name geändert) die Zehen lutsche. Das wird doch nicht Eschtakl sein, der sich unerlaubterweise in unserem Haus aufhält?

Das Büffet

Die Welt ist ja kein Zuckerschlecken. Das weiß man ja. Da muss man nur die Tageszeitungen studieren. In denen steht alles, was einem den Tag versauen kann. Darum soll es jetzt nicht gehen. Sondern über das Büffet.

So ein Büffet ist ein prima Angelegenheit, wenn man es für sich alleine hat. Aber wehe, der Mensch bekommt eine Konkurrenz. Einen Mitesser kann man nicht gebrauchen. Und ehe man sich versieht, hat der die Töpfe, aus denen man sich eben noch nähren wollte, geleert. Bei einem stark frequentierten Büffet, da heißt es, schnell sein, sonst hat sich die Heuschreckenplage aus Tischnachbarn bereits bedient. Hat alles kahl gefressen, um es deutlich zu schreiben. Und dann hat man das Nachsehen. So ein Büffet kann zu einem alttestamentarischen Desaster geraten, wenn man sich nicht beeilt. Drum muss man auch mal mit der Gabel zustechen können. Das ist kein Verbrechen, sondern eine unbedingte Notwenigkeit. Bei einem Büffet geht es um die Arterhaltung des Selbst. Benimm ist da zweitrangig. Für den kann man sich nichts kaufen, und satt macht er auch nicht.

Man muss den Eingang im Auge behalten. Wenn sich eine Schulklasse anschickt, das Restaurant zu betreten, sollte man keine Zeit verlieren. Rasch muss man mit einem Teller (leer) zum Büfett stürmen und aufladen, um den Teller (überfüllt) am Tisch abzustellen. Ruhe sollte man sich keine gönnen. Teller um Teller müssen zum Tisch, bis man der Meinung ist, die gehamsterten Speisen stellen die kläglichen Reste des Büffets in den Schatten. Aber Vorsicht! Es könnte in der Folge geschehen, dass man ihren Tisch mit dem Büffet verwechselt. Geschieht dies, dürfen sie spucken, treten, beschimpfen. Man muss den Leuten manchmal lautstark klarmachen, dass ihnen jegliche Form der guten Kinderstube abgeht. Dass hier Diebstahl vorliegt. Mundraub!

Sind wir doch mal ehrlich. Ein Büffet, das ist Krieg. Nur der Starke wird sich durchsetzen und satt werden. Der Schwache wird einzelne Nudeln erhalten, ein Stück Zwiebel. Das war es dann.

Es geht dabei um eine Art des kulinarischen Darwinismus. Es sind nur wenige, die von der Vorsehung dazu auserwählt wurden, dem Büffet seine Schätze abzutrotzen. Der Rest schaut in die leeren Töpfe.

Ein leerer Topf, der ist ein Symbol, der sagt etwas über den Zustand des Büffets aus, über das Restaurant, die Küche.

Wer sich zum Essen vom Büffet entschließt, der muss schließlich wissen, auf was er sich einlässt. Auf Krieg nämlich, totalen Krieg.

Das ist doch kein Kindergeburtstag, so ein Büffet, sag ich immer. Das Büffet ist für den gemacht, der Hunger hat, und für den, der weiß, wie man eine Gabel in einem Auge versenkt, der weiß, wie man mit einem Steakmesser wirft.

Da kann man nicht nachher kommen und sich beschweren. “Ich wollte doch nur … mit meiner Familie … und so!” Ja, was bilden die sich denn ein?! Am Ende kommen noch die Alten und Kranken und wollen von einem Büffet essen. Und dann?

Nein, nein, nein, meine Damen und Herren, ein Büffet, das ist für den Soldaten unter den Gourmets erschaffen worden. Ein Büffet, das ist der Schlachtplatz des Dickbäuchigen, des Ausgehungerten.

Das Büffet, das ist der letzte Ort, an dem der Fresser noch ungehindert Fresser sein kann.

In diesem Sinne: Mahlzeit!

Der Tag, an dem das Seiende gedingst wurde

Beppo ist kein Ich-Erzähler mehr. Jetzt nicht mehr. Es hat sich ausgeicht. Basta. Fortan wird der einzigartige Beschreibungsfinger des Autors die Buchstaben der Tastatur drücken, um die wenigen Seiten, die noch bleiben, mit Beppos Geschichte zu füllen.

Bisher hat Beppo selbst entscheiden dürfen, was mit ihm geschieht. Das ist nun vorbei. Ein für alle Mal.

Mit dem Präsens muss er sich auch erst anfreunden. Alles soll plötzlich Gegenwart sein. Das will er nicht. Nein, nein, nein!

Ihm bleibt aber nichts anderes übrig, denn schon zwingt sich der Wille des Schreibenden in seine Beine, muss der doch noch nachsehen, wer an seiner Tür geklingelt hat (siehe Kapitel mit der Türklingel).

Beppo wehrt sich. So einfach will er sich den Göttern nicht opfern. Warum hat er das alles getan? Die Geheimagentenausbildung muss doch einen Sinn haben. Alle Kampfsportarten beherrscht er.

Beppo hebt verzweifelt den Kopf und müht sich zu sprechen: “Bösartiger Demiurg, lausche mir. Abstrus, zugegeben, war bisher alles. Aber das schlägt dem Fass jetzt den Boden aus.”

Schallendes Gelächter aus der Dichterklause. Über so einen Burschen kann der Erfinder von Romanen wie “Loch der tausend Augen” und “Dein Leben in meinem Qualmund” nur lachen. Was will der Bursche denn? Dem wird er es noch zeigen.

Beppo reibt sich die rechte Wange. Die Ohrfeige kam unvermittelt.

“Lauf nun, Blödmann”, meldet sich der Godfather zu Wort.

Beppo ist im Grunde Fatalist. Darum gehorcht er und schleicht knurrend zur Tür, nachsehen, wer Einlass begehrt.

Der Postbote ist es, der ihm zwei Briefe überreicht, einen von seiner Falsch-Mutter, einen vom alten Schweden, der ihn kurz und knapp auf die Möglichkeit seines baldigen Ablebens hinweist.

Der Brief von Falsch-Mama ist mit Tränen übersät, die Falsch-Mama geflissentlich nachgezeichnet hat, damit man auch genau sehen kann, wo sie das Blatt benetzten.

Er solle sich ja immer warm anziehen. Man vermisse ihn. Wenn er seinen ersten Urlaub bei der Kanzlerin einreicht, soll er sich mal sehen lassen. Man würde sich über ihn freuen. Immerhin wäre man ja beinahe mit ihm verwandt.

Beppo nickt den Brief verzweifelt ab. Jetzt hat er sich die Ehe, die sich für ihn hätte ergeben können, durch die Finger gehen lassen. Das Mädchen vom Fitnessstudio wird längst mit einem anderen durch Paris schlendern.

Die Stadt, das muss er zugeben, ist natürlich die Wucht. Stadt der Liebe. Überall liegen sie herum. Lieben sich an allen unmöglichen Orten. Paare, die die Eingänge zur Metro verstopfen. In der Seine treiben sie massenhaft. Sich küssende Münder, die sich gegenseitig auffressen. Was so auch schon vorkam. Man liebt sich eben bis zur Schmerzgrenze. So was kennt man in Deutschland nicht. Da wird stramm gestanden, wenn es die Liebe verlangt. Man fickt nicht, sondern marschiert ein. Da wird nicht französisch gemacht, sondern man nimmt den Mund zu voll. Deutschland ist eben das Land der Nationalsozialisten. Das hängt im Deutschen drin. Das beweist er mit jeder Paulskirchenrede aufs Neue. Wenn der Deutsche ein Lager sieht, denkt er nicht an Ferien, sondern daran, wen er alles hier internieren könnte.

Frankreich dagegen lebt von Wein und freier Liebe, von wilden Lippen, von Rauch, von Diskussionen über die Existenz, von dicken Brillengläsern.

Beppo wagt es kaum, einen Schritt vor die Tür zu setzen. Die Augen muss er zuhalten, unterlässt es aber. Sein Auftrag lautet, den alten Schweden zu finden und zu eliminieren. Das stellt er sich besonders schön vor. Endlich einen Bösewicht totschießen, aufhängen, ausweiden.

Jetzt aber erst mal aufbrezeln. Mit geschwinden Geheimagenschritten durcheilt er den Löffelflur, um sich vor dem Spiegel aufzustellen.

Ah, denkt Beppo, hübsch bin ich schon. Er kämmt sich die Augenbrauen, färbt sich die Haare, schnell noch eine Packung drauf. Die Zähne werden mit einer Bürste geschrubbt, bis sie glänzen, bis sich jede Zunge, die darüber flanieren möchte, in ihnen spiegeln kann. Die Ohren werden mit einem Stäbchen bearbeitet. Was man da alles findet. Es ist eine Schande. Und plötzlich hört er auch besser. Alles so klar. Das Gestöhne der sich vor dem Haus fickenden Paare ist deutlich zu vernehmen. Heureka! Da wird man selbst ja ganz geil. Was soll er tun. Selbstbefriedigen ist ihm keine Alternative. Niemals wird er selbst Hand anlegen. Er ist Beppo. Er ist Geheimagent. Kann man in jedem Dokumentarfilm nachsehen, dass die sich nie selbst befriedigen müssen. Im Gegenteil, sie werden von dunkelhäutigen Dschungelschönheiten verführt, und dies nach allen Regeln der Dschungelkunst. Katzen sind das, ich kann euch sagen. Schmiegen sich wie ein Perserteppich auf den nackten Oberkörper und reiben sich, dass es sich gewaschen hat. So eine Kakaobraut braucht er jetzt. Verzweifelt sieht sich der beste Geheimagent der Kanzlerin um. Das hat man davon, wenn man für die Deutschen tätig ist. An die Liebe (s.o.) wird nie gedacht.

Beppo beendet die Waschungen, er salbt sich die Füße, kleidet sich in Seide und wandelt aus der Wohnung.

Das Treppenhaus ist eine Zumutung. Staub, wohin das Auge blickt. Das kann so nicht bleiben. Er wird die Concierge mit einem Handkantenschlag auf ihre Arbeit hinweisen. Die frisch gewaschenen Ohren hören überall Gestöhne und Geschlabber. Selbst aus der Wohnung des Philosophen dringt es, der seine Partnerin soeben mit den Worten verführt: “Das Seiende will heute gedingst werden.” Den Rest wollen wir den Augen unserer meist jugendlichen Leser vorenthalten.

Der Geheimagent müht sich darum, nicht zu stolpern. Überall liegen die Franzosen und ficken. Es ist nicht zum Aushalten.

Er schlägt die Tür wild nach innen. Zorn bricht sich Bahn. Es wird Zeit, den alten Schweden zu killen. Beppo muss sich Luft machen.

Und um sich zu beruhigen, entkleidet er sich und fällt über die Concierge her, die sich eben erst von einem Matrosen erholt.

Paris. Die Stadt der Liebe.

Sieben Tage sind ein Leben

Eine Sieben-Tage-Woche ist wie ein ganzes Leben. (Wenn es nicht frühzeitig von einem Auto, einer Krankheit oder einem eifersüchtigen Partner beendet wird.)

Das ist so …

Am Montag kommt man auf die Welt. Keiner hat einen gefragt, ob man möchte. Es geschieht einfach, weil der Radiowecker es verlangt. Man streckt alle Viere von sich. Blinzelt müde ins Schlafzimmer. Man versteht nicht, was geschehen ist. Will nicht wahrhaben, dass es Montag ist. Manche weinen. Nur wenige Abteilungsleiter lachen.

Am Dienstag geht es schon besser. Aber nicht wirklich. Der Chef hat einem eine Verwarnung erteilt. Man müsse auf eine Fortbildung. Lernen, lernen, lernen. Das kann ja keiner mehr hören. Man müsse die Flausen aus seinem Kopf bekommen, hat man bei einem privaten Gespräch mit seinem Vorgesetzten erfahren. Man denkt über eine Revolte nach. Aufstände. Brennende Häuser. Bomben, die explodieren. Ein Leben im Untergrund. Verfolgungsjagden. Man bekommt von der Aufregung Pickel im Gesicht.

Mittwoch sehnt man sich bereits nach dem Samstag. Ausschlafen. Der Samstag ist das Ziel. Kein anderes hat man mehr im Kopf. Alle revolutionären Pläne wurden auf Eis gelegt. Nicht reizen lassen. Ein Mantra beten. (“Es wird Samstag, es wird Samstag, es wird Samstag.”)

Donnerstag ist man müde. Das ständige Aufstehen fordert seinen Tribut. Der Rücken fühlt sich wie ein ausgeleiertes Trampolin an. Man will den Freitagnachmittag schaffen. Irgendwie. Das muss doch möglich sein. Nur nicht erwischen lassen, wenn man aus dem Fenster starrt, die Hände hinter dem Kopf und von einer Sofortrente träumt. Ein bisschen mit der Sekretärin des Chefs flirten, um das Gefühl zu haben, noch im Rennen zu sein. Begehrt. Das Wochenende ruft, und man will wissen, was man wert ist. Eigentherapie.

Freitags singen die Knochen ein Klagelied. Nicht unterkriegen lassen, denn der Ruhestand steht kurz bevor.

Samstag ist es dann soweit. Man genießt seine freie Zeit. Endlich kann man machen, was man will. Vor allem sitzen. In den Fernseher starren. Das konnte man bisher nur Abends tun. Gegen Nachmittag blüht man auf. Man will etwas erleben. Ab auf die Piste. Frauen, Bier. Ist man verheiratet, dehnt man die Fernsehhypnose aus. Händchen halten und eine Show. Ekeltraining mit dem Dschungelcamp.

Sonntag schläft man sich aus. Man genießt sein Frühstück. Liegt in einem Sonnenstuhl und redet sich ein, das wäre das Ziel einer ganzen Woche gewesen. Deshalb hat man es bewältigt. Deshalb hat man die Strapazen, die Erniedrigungen auf sich genommen.

Und dann kommt der Abend. Der Tatort. Und nach dem Tatort das Dunkel.

Das war es!

Die verfluchte Reinkarnationstheorie besagt, dass man am nächsten Morgen alles von vorne erlebt. (Man muss ja nicht daran glauben.) Wieder eine Woche durchstehen. Es ist zum Kotzen.

So lange, bis man den Schleier, der über den Dingen liegt, zur Seite hebt, um die Wahrheit zu erkennen. Hat man das getan, meldet man sich krank, bis man entlassen wird. Egal. Man nimmt es mit einem Lächeln hin.

Seid wie die Vögel. Sie säen nicht. Und ernten doch.

Die erträgliche Nichtigkeit des Seins

Es gibt wieder einiges zu erzählen, weil nichts passiert ist. Es geschieht ja ständig nichts.

Da wäre die Geschichte vom Wasser, das wir eingekauft haben. Eine Story, die keinen Höhepunkt hat. Dafür einen Parkplatz, der meistens überfüllt ist. An diesem Tag nicht. Sehr seltsam. Es war wie in einem Mystery-Movie.

Es kann einem schon unheimlich um die Seele werden, wenn ein Parkplatz nicht mit Autos überläuft. Er ist dann kein Parkplatz mehr. Er ist etwas anderes geworden. Ist mutiert. Zu einem Spielbrett für die Götter. Ja!

Die wenigen Autos sind ihre Spielsteine. Man würde sich nicht wundern, wenn plötzlich eine Hand aus dem Himmel fahren würde, um einen Renault (von Platz 7 links neben dem Einkaufszentrum) auf den dritten Behindertenparkplatz vor der Tierhandlung zu setzen. Die Regeln sind mir unbekannt. Eventuell spielen die Götter Mühle. Oder sie wollen die Behinderten ärgern. Nach Schach sieht es mir jedenfalls nicht aus.

Das nächste Mysterium, das diesen Ort mit Magie auflädt, ist, dass er von Einkaufszentren gesäumt ist. Eins neben dem anderen, bis in alle Ewigkeit, damit der Kunde, hat er seinen  Spielstein endlich abgestellt, sich nicht entscheiden kann, wem er sein Geld opfern soll. (Obwohl die meisten Frauen einen genauen Plan im Kopf haben. Die zücken, im linken Arm ihre schreiende Kleinausgabe, einen Einkaufszettel, und stürmen los. Nichts kann sie aufhalten, höchstens eine Freundin, die ebenfalls so ein Instrument auf dem Arm trägt. Gemeinsam steht man vor dem Laden und gibt mit seinen Kindchen ein Ständchen, das sich gewaschen hat. Rentner, die die wenigste Zeit auf Erden haben, weil ihnen der Tod im Genick sitzt, nutzen die Darbietung der Mütter und schlüpfen mit einem bösartigen Grinsen in den Laden, um sich dort die nächsten Stunden, trotz Tod, nicht entscheiden zu können.)

Wir haben zum Glück nur Wasser geholt. Nicht wie früher vom Brunnen. Aus dem Fluss. Heute wird das Wasser in krebserregende Plastikflaschen abgefüllt, damit der Konsument nicht nur trinken, sondern auch krank werden kann. Die Industrie arbeitet Hand in Hand. Würde mich nicht wundern, wenn so ein Wasserabfüller, weil Hersteller ist er ja nicht,  eine Firma besitzt, die irgendein sauteures Medikament loswerden will. Verkrebste Menschen kann es nie genug geben. Krankheit ist ein Schlager im Kapitalismus.

Ich habe die Kästen aus dem Auto in den Vorraum geschleppt, wo man sich in eine Schlange stellen darf. Die leeren Flaschen müssen nämlich in einen Automaten, der sie zählt und der einen Bon ausspuckt, auf dem die Pfandsumme steht, die man im Laden gegen neue Flaschen mit Pfand eintauschen kann. (Man kann sich die Summe auch auszahlen lassen. Aber das habe ich noch nie beobachtet.)

So ein Flaschenautomat ist ein interessantes Ungetüm. Stellt man die Kiste in sein Maul, zieht eine Zunge sie in seinen Bauch. Automaten sind die schlechteren (oder besseren?) Tiere, weil sie dauernd hungrig sind. Ein Tier macht wenigstens hin und wieder eine Pause. Der Automat kann fressen, ohne dass ihm jemals schlecht wird. (Er wird nicht krank. Höchstens kaputt gehen kann er. Das freut die Firmen, die solche Automaten bauen.)

Meist gerät man in eine Schlange, die einen Kerl an der Spitze aufzuweisen hat, der mit drei bis vier gelben Säcken voller kleiner Plastikbierflaschen sein Übermaß an Freizeit sinnvoll ausgestalten will. Es ist faszinierend, mit welcher Akribie der Automatenfütterer seinem Handwerk frönt. Der ist kein Amateur, das merkt man sofort. Zwischendurch, inzwischen ist eine halbe Stunde vergangen, zieht er seine rutschende Jogginghose nach oben, bis ihn ein Blick auf die Uhr des Hintermannes davon überzeugt, eine merkwürdige Eile an den Tag legen zu müssen, die damit zusammenhängt, dass in wenigen Minuten seine Lieblingsserie beginnt. Folge 7 859 236. Die darf er in keinem Fall verpassen. Tragisch wäre es. Er fände nie wieder in den Erzählfluss zurück. Und dann?

Also kamen wir, meine Frau und ich, die zwei Kästen, an die Reihe, den Automaten zu füttern. Die Kisten auf die Zunge. So als würde man eine Mundkommunion verteilen. Was man nicht alles wird, betritt man einen Laden. Automatenpfleger, Schlangenschwanz, Priester, Käufer.

Wir sind in das Getränkecenter und haben zwei neue Kisten geholt. Ab damit ins Auto und heim.

Wie bereits eingangs gesagt, ist nichts passiert. Das ist hier so. Anderswo auch. Man muss nur ein Auge für die Handlungsleere, für die fehlende Spannung entwickeln. Ein drittes Auge sozusagen, das gewisse Auserwählte sowieso in der Stirn tragen sollen. (So wie ein Piercing.) Vielleicht haben wir es alle. (Die Optiker dürfen es nicht erfahren. Sonst laufen wir bald mit neuen Brillen herum.)

Jetzt ist mein Kaffee kalt geworden. Scheiße! Wir lesen uns …

Wie man nicht schreiben sollte

Nicht mit dem abgespreizten kleinen Finger. Die Leser sitzen aufrecht, mit durchgedrücktem Rückgrat. Fühlen sich nicht besonders wohl. Sie rutschen, auch wenn es unbemerkt bleiben soll, auf ihrem gepolsterten Stuhl hin und her, räuspern sich, wagen aber nicht zu fragen, wann das Ganze hier ein Ende haben wird.

Die Kronleuchter laden ein, den Schliff der baumelnden Steine zu bewundern, das Licht, das sich ununterbrochen tausendfach bricht. Eine solche Dauerbewunderung erschöpft Nacken und Augen. Nach einer Weile schielt man sich wieder auf die Fingernägel. Wehe, es finden sich Schmutzpartikel darunter. Das könnte einen Rüffel mit dem Lineal nach sich ziehen. Schmerzschreie sollten, so verlangt es die Etikette des Textsalons, wohl artikuliert und überlegt daherkommen.

Bitte keinen fahren lassen! Das stört die Atmosphäre. In diesen Kreisen scheißt man auch nicht, spricht aber darüber, wenn auch nur sinnbildlich.

Der Tisch ist nicht zum Abstellen gedacht. Er ist Zierrat wie alles andere. Dinge gibt es hier nicht aus praktischen Gründen, sondern der ästhetischen Betrachtung wegen. Füllwörter sind strengstens verboten, obwohl man sich die Dinger seit Jahren in die Unterhose und an andere Stellen stopft, wo sie wärmen und Muskeln imitieren sollen. Einen großen Schwanz eventuell auch.

Wird man in die heiligen Hallen der Edelliteratur geführt, dann von einem ausladenden Prolog, der nur die Ouvertüre für einen schier endlosen Besuch ist. Die Zeit vergeht nicht. Sie tickt sich in einem Meer aus Uhren zu einem Brei, der allmählich zu einem langgezogenen Dauerton gerät. Zeit verrinnt nicht. Sie flutet den Text, bis man darin ersäuft. Geschieht dies, wird auf Noah verwiesen, darauf, dass man hier einem Zitat in die Falle gegangen sei. Man hätte es ja erkennen können.

Der Untergrund ist ein Spiegel, wie alles ein Spiegel in diesen Zimmern ist. Man sieht sich als der, der sich beim Sehen der Selbstbetrachtung beobachtet. Ganz kirre wird man von den vielen Ichs, denen man dort begegnet. Die Räumlichkeiten wirken dadurch stets überfüllt. Die eigene Stimme verhallt, verebbt, bis nichts mehr von ihr übrig ist. Man verliert sich.

In alle Himmelsrichtungen weisen Türen, hinter denen sich Räume befinden mit Türen, die in alle Himmelsrichtungen zeigen.

Fenster gibt es auch. Selbstverständlich sind sie groß, zumindest sind sie hoch, wenn auch nicht unbedingt breit. Man – wen wundert das jetzt? – spiegelt sich in ihnen, entdeckt im eigenen Spiegelbild auch Büsche und Bäume, die fein geschnitten, Teil einer minutiös durchgeplanten Parkanlage sind. Im Park (um dies zu bemerken, muss man am Fenster verweilen) flanieren Herrschaften mit Perücken, unter Sonnenschirmen, damit ihr sorgsam gepflegter Blassteint keinen Schaden nimmt. Derart bestückt lustwandeln die Gartengäste (verkleidetes Personal?) durch das eigene Gesicht. Man kann sie, stellt man sich neben uns auf, unseren Gesichtern ablesen.

Derweil wird auf einem Marmortisch Tee serviert, den man nicht bestellt hat. Nebliger Dampf wabert, steigt aus den Tassen auf, suggeriert er doch eine Hitze, die, führt man die Tasse an die Lippen, nicht zu finden ist. Lauwarm ist er, wie alles hier lauwarm ist. Die Innenraumtemperatur ist ebenso lauwarm wie die Außentemperatur, befindet man sich doch in einem wohltemperierten Weltgebäude. (Geschissen wird hier, um das Thema zu reanimieren, nirgends, nicht in die Kamine und nicht unter die Treppenaufstiege, weil Notdurft etwas ist, was in diesen Kreisen nicht praktiziert wird. Man entleert sich nicht, weil Leere grundsätzlich bestritten wird. Sie ist im großen barocken Plan dieses Hauses nicht vorgesehen. Die Vorsehung spielt keine Rolle. Die Verwirklichung schon. Man verwirklicht sich und den Tisch, die Geländer sind verwirklicht, auch die Löwen, die als steinerne Warnung das Anwesen vor Ungemach schützen sollen.

Entkommt man der zelebrierten Schönheitslangeweile, schlüpft man, sich einen nahezu unsichtbaren Schweißflaum (ist doch Schweiß eine verbotene körperliche Notdurft) von der Oberlippe wischend, in die Nacht, hoffend, bald auf ein Wirtshaus, ein Bordell zu stoßen, irgendein Etablissement, in dem geschissen und gehurt, in dem geschrieben wird, wie man es von seinen eigenen Lippen lesen möchte, dann liegt der Flucht – so die Herrschaften des Hauses – eine fehlende Entwicklung zugrunde.

Egal. Draußen ist draußen.

Nicht anders will man lesen, wie man auch gelebt hat. Angefüllt mit Ängsten, Lüsten, Sehnsüchten, Plänen, mit einem Arsch in der Hose, einer geballten Faust in der Tasche. Und schon stürzt man in die Hölle eines solchen Textes. Wild geht es her. Es wird gestochen und gefeilscht, es wird gebrochen und verheizt. Wein läuft über das Kinn.

Leben, denkt man noch, kann so lebendig sein.

Der Rest ist Schreien.

Der Lauf der Zeit(ungen)

Ich fand mich in der heutigen Zeitung, mit einem Ausdruck fehlender Überraschung in meinem Gesicht, wusste ich doch von dem Artikel, der mein neues Buch vorstellen sollte. A stürmte die Treppen zu unserer Wohnung hinauf und hielt mir den Bericht unter die Nase.

Jetzt ist er bereits gelesen, er wird archiviert, also fein zur Seite geräumt, in eines der Fächer eines Schrankes, der schon so einiges über mich beinhaltet, so etwa … Drücken wir es mal so aus: Es ist noch Platz im Schrank.

Und all die Zeitungen, die heute ausgeliefert wurden und in denen ich stehe und warte, dass mich sehnsüchtig ausgebreitete Leserhände abholen, was geschieht mit ihnen, sind sie erst leer gelesen, oder überblättert, durchgeblättert? Fallen Sie der Zeit zum Opfer, ihrem eigenen Herbst, der sie aus den Händen auf die Straße, in den Mülleimer wehen wird? Manche werden die Zeitung, also auch irgendwie mich, zum Schuhausstopfen benutzen. Andere werden sie sammeln, ohne zu wissen, warum sie das tun. Zeitung auf Zeitung verstauen sie in einem Winkel des Kellers, auf die Rente, den Lebensabend wartend, den sie lesend verbringen wollen, stöbernd in alten Erinnerungen, in Zeitungen, die ihnen dann gar nichts mehr sagen werden, weil die Meldungen, die sie finden, so gnadenlos austauschbar sind. Sie werden sich wundern, dass man nicht täglich die Meldungen von gestern druckt, die denen von Morgen doch eh gleichen werden.

So werde ich dann zum Teil einer sinnlosen Sammlung, zum Ort für nasse Schuhe, zum gefüllten Stauraum eines Mülleimers. So teile ich mich, gehe ich in die Welt hinein, die mich zwar nicht bemerkt, immerhin aber benutzt. Das ist doch schon mal etwas.

Über Autos, Garagentore und Finger, die nicht ruhen wollen

Abendlied  

Ich bin müde, so müde, dass mir die Augen zufallen wie zwei Garagentore. Der Wagen bleibt drin, der das Außen erkundende Wagen, der auf keine Tour mehr will, der sich anhört, als würde er aus dem letzten Loch pfeifen. Vielleicht ist der Auspuff kaputt.

Ich sitze da und schreibe, berichtige, könnte also gut sein, dass Sie den einen oder anderen Fehler entdecken. Behalten Sie ihn, stecken Sie ein, und wenn Sie irgendwann in die Situation geraten sollten, einen Fehler zu benötigen, dann können Sie mit einem zufriedenen Grinsen zugreifen und ihn ans Licht holen. Ob man sich über den Fehler freuen wird, steht auf einem anderen Blatt, das ich heute nicht auch noch beschreiben werde.

Die Hände sind zwar noch flink (meine, nicht Ihre), erklären kann ich es mir aber nicht. Als wären sie auf Buchstabenjagd, erlegen sie, was ihnen unter die Finger kommt, auch wenn es nur des Schreibens wegen geschieht, das ja ein Laufen ist, ein unentwegtes sich bewegen. Die Finger laufen, als hätten sie Angst vor dem Halt, vor dem Stoppschild, vor dem, was man als das Ende ansehen könnte. Das Ende der Fahnenstange oder der Straße.

Da wären wir also wieder beim Verkehr, beim Fahren, bei meinen beiden Augenautos, die in ihren Garagen stehen und auf die Nacht warten.

Die Garagentore fallen, heben sich, fallen; irgendetwas scheint mit der Elektrik nicht zu stimmen, und wenn es nicht besser werden sollte, dann werde ich einen Fachmann rufen müssen.

Die Sache mit dem Augenarzt lasse ich vorerst, hat mir doch mein letzter Besuch bewiesen, dass der Mann keinerlei Ahnung von Autos, geschweige denn von Garagentoren hat.

Bauchkrähen

Die Unruhe ist kein Ort. Sie ist eine Bewegung, die kein Ziel kennt. Sie lässt dich durch die Wohnung tigern. Keine Gitterstäbe, nirgends. Du blinzelst durch die Scheibe nach draußen, schnüffelst den Autos und Fußgängern hinterher, als würdest du sie zerfleischen, wenn du fliehen könntest. Dabei kannst du jederzeit gehen. Und das tust du ja auch.

Die Unruhe lässt sich nicht beruhigen, lässt sich nicht mit Wein und Brot besänftigen. Sie flattert wie eine ausgewachsene Krähe durch deinen Bauch. So viel Platz und so viele Ecken, an denen Krähen sich stoßen können, um ins Trudeln zu geraten, hättest du deinem Bauch gar nicht zugetraut. Alles ist unendlich groß, gleichzeitig winzig klein. Die Dinge ergeben keinen Sinn. Alles ordnet sich der Unruhe unter, die ein Befehlshaber ist, der dich marschieren lassen will, bis du tot umfällst. Nicht nur deine Beine müssen marschieren, sondern auch die Gedanken, die sich überschlagen, als hätte sich ihr Marsch dem Flug der Bauchkrähe angepasst. Die Welt stürzt eine Röhre hinab und dreht sich dabei unentwegt selbst. Du denkst über alles und nichts nach, vor allem über das Nichts, dann wieder über das, was keinen Sinn ergeben will. Was geschieht mit der Welt, wenn sie untergeht? Liegt hier nur ein falsches Wortbild vor? Geht sie unter wie die Sonne, um also am nächsten Tag wieder aufzugehen? Verschwindet sie in einem großen Weltbrandmeer? Wohin verschwinden die Dinge, wenn doch nichts verschwinden kann? Gibt es eine große Waschmaschine des Universums, die linke Socken frisst, Planeten, die später nicht mehr aufgefunden werden, obwohl sie ja irgendwo sein müssen? Fragen über Fragen, die durch das Katapult Unruhe in deinen Hirnkasten geschleudert werden, der bald schon mit derlei überläuft. Der Kopf wird überschäumen, überkochen. Das Hirn wird sich über den Küchenboden ergießen. Du schüttelst den Kopf und läufst weiter, damit die Unruhe sich über den Boden wischt, damit sie sich festtritt. Unruhe ist nicht für Menschen gemacht.

Und dann reibst du dir den Bauch, um die Krähen, schon sind es mehrere geworden, an eine Wand deines Körpers zu locken. Ruhig sitzen sollen sie, tun es aber nicht, weil sie doch Bauchkrähen sind. Getrieben von einer Unruhe, die sie selbst nicht verstehen.