Mein wildes Leben – Die Todesjahre des Zoodirektors Wilbert Vogel

Wieder mal den ganzen Tag Tiere getötet. Hier bei uns im Zoo geht es nun mal blutig zu. Und irgendwo muss das Fleisch herkommen. Wir sind da nicht so zart besaitet. Wenn sich mal ein Kind verläuft, kann es passieren, dass es unter das Futter gerät. Wir haben extra drei Schlachter eingestellt, die sich um verlaufene Besucher kümmern. Das ist alles natürlich. Die Gesetze der Wildbahn.

Aus “Mein wildes Leben – Die Todesjahre des Zoodirektors Wilbert Vogel”, Erinnerungen, vergriffen

Angst – Eine Begegnung mit Thomas Bernhard

Anlässlich des Geburtstags von Thomas Bernhard!

Er würde kommen, sagten Meiers, und so saß ich erregt, die Backen rot, in einer Ecke des Zimmers, die mich an eine Ecke meiner Kindheit erinnerte, eine, die ich mit meinem Kopf gefüllt hatte, die Augen geschlossen, um dort zu zählen, spielten wir doch Verstecken, daran musste ich denke, als ich auf die Ankunft Thomas Bernhards wartete, der sich für die frühen Abendstunden angekündigt hatte, um, so Meier, der Bernhards letztes Buch verrissen hatte, auf eine Schimpftirade zu hoffen, die dann, so Meier, in einen Artikel über Bernhard einfließen würde, denn, so Meier weiter, darauf habe er sich mit Bernhard verständigt, auf einen Streit, bei dem sich die Balken biegen würden, und so kam es, dass ich hier in der Ecke saß, während es im Treppenhaus polterte, der Bernhard, sagte Frau Maier, er zetere gerade mit den Nachbarn, mit denen gäbe es auch ein Arrangement, die hätten sich ins Schimpfen eingekauft, um alle ihr kleines Büchlein über die Begegnung zu schreiben, sagte sie, indes ich die Ecke betrachtete, die der Ecke meiner Kindheit glich, so sehr, dass mir ganz schwindelig wurde, der ich den Schritten lauschte, die sich der Tür näherten, und die mich zusammenfahren ließen, während mein Darm verrückt spielte und sich nach dem Klo sehnte.

Aus “Angst – Eine Begegnung mit Thomas Bernhard” von Leopold Brechtinger, vergriffen

Frau wird sehen

Wohin mit dem ganzen Geld? Als Feministin von Welt kann ich mir nicht alles von den Männern gefallen lassen. Ständig wollen sie nur das eine: mein Geld. Erst haben sie mir meine Jungfernschaft geraubt und später dann mein Geld. Ich erinnere mich ungern an die Memme, die sich an mir zu schaffen machte, damals, da war ich 39, mit dem Hinweis, er käme gleich. Das sagen sie immer. “Komme gleich!” Und dann kommen sie entweder noch früher oder gar nicht. Machen sich aus dem Staub, um den Unterhaltszahlungen zu entkommen. Aber nicht mit mir. Ich habe den Spieß umgedreht und habe Jürgen oder Martin oder wie der hieß ein Kind gemacht. Da hat er blöd geguckt, wie ich ihn im dritten Monat allein in keiner Wohung in Regensburg stehen ließ, um mich um meine Karriere bei LOTTE, meiner eben gegründeten Zeitschrift, zu kümmern. Und gezahlt habe ich auch nix, ich bin ja nicht von gestern oder blöd oder sexy. Später bin ich, weil ich keinem vertraue, auch den Banken nicht, weil die von Männern geführt werden, mit meinem Geld ständig durch die Gegend gefahren, bis ich mich verfuhr und in der Schweiz landete. Parkte mitten auf einem Konto, dafür kann doch ich nichts, wenn das Navi, das es damals fast gegeben hätte, mich falsch leitete. Typisch Navi! Das Schwein! Und heute soll ich Steuern zurückzuzahlen, obwohl ich das Steuer fest in der Hand halte. Das ist eine Intrige der internationalen Männergesellschaft, und eine der Automobil- und Schweizhersteller, die auch alle Männer sind.

Aus “Frau wird sehen”, Die Erinnerungen der Feministin Karl Weißer 

Auf der Motterjagd – Erinnerungen eines Großstadtwildjägers

“Und endlich wurde ich eines Motters ansichtig. Ein kühnes Geschöpf, etwa – auch wenn es im Aussehen an eine Fliege erinnerte – drei Meter groß. Der Motter vergnügte sich damit, Parkbänke umzuschmeißen. Seinem Rüssel entwichen Töne, als würde er lachen. Ich legte mein Gewehr an, konnte aber nicht abdrücken, so sehr war ich von seiner Hässlichkeit gebannt.”

Aus “Auf der Motterjagd – Erinnerungen eines Großstadtwildjägers” von Robert Burschenthaler, vergriffen

Robert Louis Stevenson

Robert Louis Stevenson. Ich kann mich noch gut an ihn erinnern. An unsere gemeinsamen Jahre auf Hawaii. Nackt wie Adam und Eva sprangen wir über den Strand. Bobby malte zu der Zeit an seinem berühmten Gemälde “Die zehn biblischen Plantagen”. Sein Pinsel wedelte im Wind. Die Eingeborenen baten uns, sie aus der Erde zu buddeln. So eingeboren, das wäre doch nichts. Wir ließen sie. “Natur ist so natürlich”, sagte Bobby oft. Abends saßen wir im Licht des Mondes. Wir sprachen über Seeräuber. Warum entführten Menschen einen ganzen See? Es wollte sich uns nicht erschließen. O du wunderbare Zeit, die du niemals wiederkehren wirst.

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(Bild: Archi W. Bechlenberg)

Zuweilen war Bobby ein seltsamer Vogel. Manchmal verlangte er, ich solle einen Wolf nachahmen. Ich setzte mich zu seinen Füßen und heulte. Laut und durchdringend. Die Fensterscheiben erzitterten. Hausmädchen flohen. Ich schnüffelte alles ab. Markierte mein Revier. So mancher Auftritt endete in unserer Flucht.

Der Lauf der Zeit(ungen)

Ich fand mich in der heutigen Zeitung, mit einem Ausdruck fehlender Überraschung in meinem Gesicht, wusste ich doch von dem Artikel, der mein neues Buch vorstellen sollte. A stürmte die Treppen zu unserer Wohnung hinauf und hielt mir den Bericht unter die Nase.

Jetzt ist er bereits gelesen, er wird archiviert, also fein zur Seite geräumt, in eines der Fächer eines Schrankes, der schon so einiges über mich beinhaltet, so etwa … Drücken wir es mal so aus: Es ist noch Platz im Schrank.

Und all die Zeitungen, die heute ausgeliefert wurden und in denen ich stehe und warte, dass mich sehnsüchtig ausgebreitete Leserhände abholen, was geschieht mit ihnen, sind sie erst leer gelesen, oder überblättert, durchgeblättert? Fallen Sie der Zeit zum Opfer, ihrem eigenen Herbst, der sie aus den Händen auf die Straße, in den Mülleimer wehen wird? Manche werden die Zeitung, also auch irgendwie mich, zum Schuhausstopfen benutzen. Andere werden sie sammeln, ohne zu wissen, warum sie das tun. Zeitung auf Zeitung verstauen sie in einem Winkel des Kellers, auf die Rente, den Lebensabend wartend, den sie lesend verbringen wollen, stöbernd in alten Erinnerungen, in Zeitungen, die ihnen dann gar nichts mehr sagen werden, weil die Meldungen, die sie finden, so gnadenlos austauschbar sind. Sie werden sich wundern, dass man nicht täglich die Meldungen von gestern druckt, die denen von Morgen doch eh gleichen werden.

So werde ich dann zum Teil einer sinnlosen Sammlung, zum Ort für nasse Schuhe, zum gefüllten Stauraum eines Mülleimers. So teile ich mich, gehe ich in die Welt hinein, die mich zwar nicht bemerkt, immerhin aber benutzt. Das ist doch schon mal etwas.