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Der Sonntag

21. April 2013

Ja! Der Sonntag! Das ist natürlich so ein Tag, so ganz ohne Tag, wie man es sonst kennt. Ohne den Alltag eben! Der Sonntag ist quasi der entschlackte Wochentag. Ja! So ein Tag, den man auf Diät gesetzt hat. Da hat man zu ihm gesagt: Du nimmst jetzt ab. Keine Arbeit, keine Telefonate, kein Stress.

Ist ja alles schön und gut. Aber die Verwandtschaft, die hat das wohl nicht mitbekommen. Da muss man ihr das eben erklären, die Sache von Gott und seiner Schöpfung, und das er dann am siebten Tag ruhte. Da hat er nicht gesagt: Jetzt habe ich die ganze Woche über die Welt gemacht, jetzt will ich unbedingt Besuch von ein paar Erzengeln. Das hat er nicht gesagt. Besser wäre es gewesen. Denn dann hätte es auch in der Bibel gestanden, und wäre heute ein Gebot, auf das man sich berufen könnte. Am Sonntag, könnte man sagen, gibt es keinen Besuch.

Man muss sich wieder mal besinnen, auf den Sinn des Sonntags. Der ist da, damit man … In die Sonne kann man sich legen. Oder in sein Bett. Der Fernseher ist auch für den Sonntag gemacht worden. Die Kinder nicht. Damit wir uns da nicht missverstehen. Die Kinder haben im Sonntag nichts verloren. Die müssen raus. Hasen füttern. Einen Baum können die ansägen. Ein Baumhaus bauen. So ein Kind ist ein Störfaktor am Sonntag. Am Sonntag will man sich ausruhen, da will man Kräfte sammeln, um die kommende Woche zu bewältigen, um in seinem Job seinen Mann zu stehen. Auch die Frau muss ihn stehen. Das will ich gar nicht in Abrede stellen. So eine Frau ist ja auch nur ein Mann, zumindest in den heutigen Zeiten. Da muss eine Frau alles machen, was ein Mann auch macht: Demonstranten verbrügeln, eine Bank führen … Nö, so weit sind sie in den Vorstandsetagen noch nicht. Egal! Der Sonntag muss uns heilig sein. Das ist ein Krieg, den wir gegen die führen müssen, die uns den Sonntag kaputt machen wollen, die ihn uns kaputt besuchen, diese ewigen Klingler, Läuter, Vor-der-Haustür-Steher, die unser Heiligtum beschmutzen wollen. Sonst regt man sich auf, und dann ist sie hin, die ganze sonntägliche Stimmung, diese Ruhe, die man braucht. Da wird man ganz nervös, und ehe man sich versieht, haut man einem eine rein, der gar nichts dafür kann. Schade wär das für den Sonntag, oder etwa nicht?

Die Hoffnung stirbt zuletzt

23. Februar 2013

So geht das. Ihr Kopf beugt sich vor. An die Scheibe. Fühlt sie. Kühl! Die Gedanken auf Eis legen. Sehen. Strecken. Mit dem Kopf durch die Scheibe. Ein Notarztwagen. Was ist da? Da wird geblutet. Bestimmt. Vielleicht sogar gestorben. Ohne sie. Dabei ist sie einsam. Sie könnte ein bisschen Abwechslung vertragen. Ein wenig Tod. Helfer, die sich über sie beugen. Als Leiche bekäme sie die Aufmerksamkeit, die man ihr seit Jahren verweigert. Sie öffnet das Fenster. Nur ein wenig. Durch den Spalt dringen Geräusche. Gesprächsfetzen. Worte, die sie nicht versteht. Sie wird sie deuten. Wird den Worten einen Sinn verleihen. Das Ohr würde gerne fliegen können. Der Notarztwagen steht noch. Jetzt geschieht etwas, was sie verpasst. Sie könnte ins Treppenhaus. Das Ohr nach unten schwingen lassen. Einmal in zehn Jahren wird in dieser Straße gestorben. Und sie ist nicht dabei. Sie tragen einen raus. Die Leiche? Nein! Der Herr Maier. War zu erwarten. Bei dem Lebenswandel. Grüßen tut er auch nicht. Die Unfreundlichkeit wird ihn unter die Erde gebracht haben. Was? Da! Maier bewegt einen Arm. Keinen Anstand, der Mann, sie wusste es. Lebt noch, wo er doch tot sein sollte. Er winkt. Wem? Ihr? Rasch tritt sie zurück. Nur nicht entdeckt werden, sonst heißt es noch, sie sei neugierig. Sie steht im Zimmer, mittendrin. Sie rührt sich nicht. Kein Atemzug. Was ich nicht sehe, sieht mich nicht, denkt sie. Der Notarztwagen fährt. Sie kann es hören. Kein Geheul. Nichts. Sie wagt einen Schritt, da liegt die Straße bereits wieder leer vor ihr. Nur die üblichen Autos. Keine Not, kein Tod.

Dabei hatte der Nachmittag so vielversprechend begonnen.

Kreta-Platte

21. Februar 2013

Jetzt ist Glock am Schreiben. Das tut er ständig, selbst wenn er nicht schreibt, schreibt er, dann im Kopf, mühsam mit seinen zwei, drei Fingern, die sich dienstbeflissen zeigen. Er sitzt z.B. in einem Restaurant und während seine Frau etwas erzählt, von der Arbeit oder über eine Freundin, tippt der Glock an einer Geschichte über einen Mann, der sich in ein Bushaltestellenhäuschen verliebt.

Der Glock schwitzt beim Erfinden, weil ihm der junge Mann leid tut, wie er da im Wohnzimmer der Eltern hockt und seinen Erzeugern beibringen muss, dass er sich in ein Häuschen verguckt hat, das bereits bei ihm im Schlafzimmer steht, auch wenn es dort nun ein bisschen eng ist.

Die Eltern reißen entsetzt die Augen auf, die Äpfel treten aus der Höhle, sodass man Angst haben muss, dass sie jeden Augenblick auf den Teppich fallen.

Eine wilder Affäre folgt. Küsse unter Brücken. Menschen, die sich unter das Dach des Häuschens drängen, die auf einen Bus warten, der nie halten wird.

Bis das Häuschen schließlich eines Tages spurlos verschwindet. Der junge Mann verkraftet es nicht. Er springt von einer Brücke. Die eiskalte Strömung des Flusses reißt ihn mit sich, tiefer und tiefer in ein Gebiet, in dem noch …

Nein! Glock hält inne. Völlig verfahren. Er wischt die Tastatur zornig von seinem Kopfschreibtisch. Vielleicht wird er sich später darum kümmern.

“Was hast du gesagt?”, fragt er seine Frau.

“Für dich die Kreta-Platte?”

Er nickt. Und dann fantasiert er bereits wieder. Kreta-Platte. Das wäre ein guter Titel. Rasch bückt er sich nach der Tastatur und haut in die Tasten. Das muss was werden. Was Großes! Er kann es spüren.

So nicht

10. Februar 2013

Ein blauer Himmel, der kann einen recht überraschen, vor allem, wenn es ihn seit Wochen nicht mehr in die Gegend, die man bewohnt, verschlagen hat. Da streckt man seinen Kopf zum Fenster hinaus und stößt ihn sich beim Reinziehen, weil das Denkoberhaupt erschrocken ist. Mit so einem Blau hat die Gehirnstube nicht gerechnet, im Gegenteil, sie hat sich längst auf Jahre voller Betrübnis und Bitterkeit eingestellt. Abgefunden hatte sich das Bedenkinstrumentarium mit dem Unvermeidlichen, als sich plötzlich aus heiterem Himmel sozusagen eine andere Wetterlage bietet. Mit so etwas muss ein Kopf erst zurechtkommen. Und wenn sich aus Osten das nächste Tief ankündigt, ist man froh, weil sich damit eine gewisse Stabilität der bekannten Verhältnisse wieder einstellen wird. Das Unbekannte, auch wenn es nur ein wolkenfreier Seelenspielplatz ist, kann einem eine gewisse Angst in die Glieder schießen lassen. Der Regen, so redet man es sich ein, wird die knirschenden Knochen von dem unangenehmen Gefühl reinwaschen.

Schönes Wetter, schön und gut, aber bitte sehr nicht in dieser Geschwindigkeit, der Mann dieser Zeilen ist schließlich nicht mehr der Jüngste.

Opfer-Abo

25. Januar 2013

Das war ja abzusehen. Das mit dem Gerhard. Lang konnte es ja nicht dauern. Muss sein Geld jedem in den Rachen werfen. Hat alle Zeitschriften-Abos. Und jetzt das. Läuft mit seinen zwei blauen Augen stolz durch die Nachbarschaft. Morgen würden sie ihm die Beine brechen, verkündete er mir mit schmerzender Brust. Ich halte nichts von solchen Geschäften. Alles muss man nicht mitmachen. Habe ich dem Gerhard natürlich nicht gesagt, sondern mich nach seiner ersten Entführung erkundigt. Am Kopf hat er sich gekratzt und überlegt. Da sei er sich jetzt nicht sicher, ob das auch in seinem Abo drin wäre. Da müsse er nachlesen. Aber das Auge, fährt er fort, das bekäme er sicher noch ausgestochen. Irgendwann an einem Donnerstag. Er habe es sich notiert. Seine Frau überlege bereits. Ihre Kolleginnen hätten sich fast alle krankgemeldet. Fehlende Finger. Eine hätte ein Ohr mit einer Machete abgeschlagen bekommen. Das halte er für ein Gerücht.

Er ist dann langsam die Straße entlang. Das rechte Bein hat er nachgezogen. Und gejammert hat er, da wusste gleich jeder, der Gerhard hat ein Abo.

Anrufen kann man ja mal. So ein Beratungsgespräch kostet ja fast nichts. Nur die Telefongebühren. 8,89 Euro in der Minute. Und eine Warteschleife haben die auch. In der hängt man mindestens vierzig Minuten. Scheint ein solides Unternehmen zu sein. Die haben kaum Zeit, überhaupt ein Gespräch anzunehmen.

Das Leben der Hälse

21. Januar 2013

Jetzt sitze ich mit einem steifen Hals da. Den Kopf, als müsste ich an einer Parade teilnehmen. Schmerzen, will ich ihn schütteln. Ein steifer Hals – nie darüber nachgedacht, ich gestehe es ein –  verurteilt zur Teilnahmslosigkeit. Ist eine Rückbesinnung auf die Sprache. Auf die Zunge, die nun wieder zeugen muss. Ob sie will oder nicht. Ein steifer Hals verdammt zum Sprechen.

Und das, wo man sich doch gerade aufs Gestikulieren versteift hatte. Alles mit einem Augenrollen sagen. Mit einem Rümpfen der Nase. Die Stirn, die sich in Falten legt. Die Ohren, die Töne noch aus den hintersten Zimmern in die Muschel wehen. Die geplusterten Backen. Wangen kann man sie auch nennen. (Man spreizt dabei den kleinen Finger ab, erst dann plustert man die Wangen.)

Und dann das. Ein Unglück. Eine Kommunikationskatastrophe. Ein steifer Hals. (Obwohl der ja nicht die Gesichtszüge vereisen würde. Gut gedacht. Das habe ich übersehen. Nur Kopfschütteln geht nicht. Auf keinen Fall. Dazu werden sie mich nicht bekommen. Nicht heute. Nimmer.)

So kann doch keiner leben. Hat man sich erst an die Beweglichkeit des Kopfes gewöhnt, will man sie nicht mehr missen. Und dann das. Falsch gelegen, wo man doch lernt, dass man liegt, wie man sich bettet. Da muss ich mich wohl angespannt haben. Vielleicht habe ich zu erwartungsvoll auf den Schlaf gewartet. Oder er auf mich. Wer weiß das schon. Mein steifer Hals kann nicht sprechen, nicht mal den Kopf kann er schütteln. Schmerzen, das kann er, der Sauhund. Steht in der Gegend und äußert sich nicht. Schweigsam wie ein Grabstein. So ein Affe.

Aber ich denke, es wird vorübergehen, wird sich in Wohlgefallen auflösen, bestimmt sogar, kommen erst die kundigen Hände meiner Frau ins Spiel. Eine Heizung könnte auch helfen. Abmontieren und an den Hals binden. Mit genügend Wärme wird sich die Sprachlosigkeit schon geben. Wenn er denn sprechen will. Wenn er denn den Kopf schütteln will. Könnte es auch aufgegeben haben. Könnte mich boykottieren, weil ich sein Innenleben mit Rauch und Kaffee schände, mit Fleisch und Saucen, mit unanständigen Worten, mit einer Vielzahl Dinge, die ihn inzwischen höchst nerven, meinen kleinen Hals, der sich von mir losgesagt hat, der ein Eigenleben führen möchte, der sich wahrscheinlich eine eigene Wohnung anmieten wird. So geht das nicht. Das werde ich zu unterbinden wissen.

Mein Hals gehört mir!

Ganz erschöpft bin ich von der Aufregung. Beruhigen muss ich mich. Den Hals. Mit einer Halspastille. Gutem Zureden. Das wird schon wieder werden, das Verhältnis zwischen ihm und mir. Irgendwie. Irgendwann.


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