Montag

Die Welt ist ein Stück finsterer geworden. Das ist im November so. Und am Leben bin ich auch noch, was nicht jeder Tote von sich behaupten kann. Ich schreibe, obwohl es etwas zu sagen gibt. Die Buchstaben, sie tun mir leid. Sie sind bis auf ihre Grundmauern abgeschrieben. In jeder möglichen Konstellation mussten sie sich paaren. Da kann man den Buchstaben verstehen, den es in die Einsamkeit zieht. Mal keinen Sinnzusammenhang erschaffen, sondern ruhig in der Gegend herumstehen, das muss doch auch für einen Buchstaben möglich sein. Über alles regt man sich auf, die Ausbeutung der Menschen und der Tiere, nur über die Versklavung der Buchstaben schweigt man sich aus. Da liegt eine Form des Speziesismus vor, die Geringschätzung eines Wesens, weil es hingeschrieben wurde.

Guten Morgen, Welt!

Wie schreibe ich einen erfolgreichen Roman (Lektion 2)

Das Kapitel. Darum soll es heute gehen. Das Kapitel, manche behaupten, es wäre gut zwei oder noch mehr zu haben, befruchtet den Roman. Es schwängert ihn sozusagen.

Das Kapitel dringt in den Roman ein. Manche Romane genießen es, andere, vor allem Debütromane behaupten, es würde schmerzen. Durch kräftiges Reiben kommt es schließlich zu einem Erguss. Worte schießen in Richtung Hirn des Lesers. Es kommt zu einem Wettrennen der Worte, bis sich eines von ihnen festsetzt. Neun Monate später kann ein neuer Gedanke schlüpfen. Er muss nicht immer schön sein. Aber er ist da.

Fortan muss der Vater oder die Mutter sich um den Gedanken kümmern. Er muss rundum versorgt werden. Am besten, Sie besorgen sich eine ausgebildete Amme, die Ihnen mit Rat und Tat zur Seite steht. Kann der Gedanke erst auf eigenen Beinen stehen, können Sie ihn in die Welt entsenden, auf dass er dort in einer Anwaltskanzlei andere Gedanken verklagt.

Zurück zum Kapitel. Gerade die Männer unter den Schriftstellerinnen haben eine – oft durch die Medien gepushte – falsche Vorstellung davon, wie groß ein Kapitel sein muss. Manche meinen, es müsse mindestens fünfzig Seiten lang sein. Das ist Unsinn und gehört ins Reich der Legenden. Das Durchschnittskapitel misst im erregten Zustand zwischen sechszehn und achtzehn Seiten.

Viele Autoren haben in ihrer Jugend Filme aus dem Hardcorebereich gesehen, in denen Autoren beim Verkehr gezeigt werden, die a) ständig können und b) ein Kapitel von mindestens vierzig Seiten aufzuweisen haben. Lassen Sie sich von diesen Darstellungen nicht täuschen. Schreiben sollte ein Akt zwischen Ihnen und dem Papier sein, nicht aber professionell betrieben werden. Der Akt des Schreibens sollte von Liebe erfüllt sein.

Um einen erfolgreichen Roman zu schreiben, müssen Sie schlicht Spaß und Freude am Verkehr entwickeln.

Frauen können übrigens keine Kapitel schreiben, weil sie über keines verfügen. Sie haben Hirn. Das kann wichtig sein, muss es aber nicht.

Und morgen lernen wir, wie eine Idee entwickelt wird.

Montag

Hier in der Provinz ticken die Uhren anders. In der Provinz meiner Wohnung ticken sie gar nicht. Uhren haben hier kein Bleiberecht. Deshalb wurden sie schon vor langer Zeit verbannt. Die Zeit hat nur die Macht, die ich ihr zugestehe. Es kommt auf die Fantasie an. Die malt meine Tage an. Wenn ich mir wünsche, dass heute der Montag der letzten Woche ist, wird er es sein. Ich muss nicht einmal aufstehen, um ihn auferstehen zu lassen. Da kann ich gemütlich in meinem Bett verbleiben und die Türen schlagen lassen, dass ich wach von all dem Lärm würde.

Und auch wenn die Schwarzen jetzt einen sensationellen Gewinn eingefahren haben, mich kümmert das nicht, weil ich in meinem Kopf den idealen kommunistischen Staat gegründet habe. In dem funktioniert alles so gut, dass mir manchmal schon ganz schlecht von der Gutmütigkeit der Leute wird. Wenn das geschieht, ziehe ich mich, in meinem Traumbett liegend, in die Welt der Realität zurück.

Ich lasse mich mal keinen Literaturpreis gewinnen, denn nur gewinnen, das macht auch niemand glücklich auf Dauer. Ich lasse mich stolpern, dass es mich Lachen lässt, laut und schallend. Wer immer nur geradeaus läuft, wer nie fällt, der weiß den aufrechten Gang irgendwann nicht mehr zu schätzen. Im Sturz liegt die Würze des Laufens. Wenn man sich aufraffen muss, überkommt einen die Sehnsucht nach der Balance.

Wäre ich ein Drahtseilartist, ich würde in die Tiefe segeln wollen, um die Höhe meiner Arbeit wenigstens einmal im Leben spüren zu können.

Guten Morgen, Welt!

Sonntag III

Hochrechnungen. Es kommt auf die Kopflage an. Ich liege auf dem Sofa und betrachte alles von der Seite. Die Welt ist gekippt. Sie ist aus dem Lot geraten. Da trifft eine senkrechte Visage auf meine waagerechte Betrachtungsweise. Die Zahlen sind kaum zu entziffern. Ja, wer hat denn jetzt gewonnen? Vermutlich nicht die FDP. Röslers Gesicht spricht auch seitlich Bände. Merkel jubelt. Steinbrück auch. Die Grünen zittern sich in ihre Reden.

Die Politik muss man sich als ein Fernsehbild vorstellen, dann kommt man ihr so nahe, dass man gar nicht weit genug flüchten kann, um ihr zu entkommen. Hochrechnungen. Balken, die, seitlich besehen, zu einer Treppe nach unten werden. Es geht also bergab, Deutschland. Ich wusste es.

Mittwoch II

Ich habe den ganzen Tag über telefoniert. Der Hörer hing mir unentwegt am rechten Ohr, an dem die Welt ankommt, mit der man via Mund kommuniziert. Sie riefen aus allen Ecken an. Warum nur aus den Ecken? Fühlten sich die Leute vielleicht in selbige getrieben und erhoffen sich, von mir befreit zu werden. “Sagen Sie etwas befreiendes!”, forderten mich daher auch manche auf. Etwas befreiendes, etwas befreiendes. Ich überlegte. Offenheit ist befreiend. Also sprach ich von meinen Hämorrhoiden. Aufgelegt. Zu viel der Freiheit. Und schon bimmelte es wieder. Nimm mich ab, schien das Telefon zu bimmeln. Ich griff danach. Mit harter Hand. Die hat noch keinem geschadet, der sie überlebte. “Ja?” – “Sie wollten mich zurückrufen!” – “Ich?” – “Nein, der andere Herr!” – “Hier ist kein anderer Herr. Hier bin nur ich.” – “Er hat mich bereits vorgewarnt, dass Sie ihn verleugnen würden.” Stille. Ich überlegte. “Sie haben sich bestimmt verwählt”, sagte ich. “Nein. Sie wollten mich zurückrufen!” Das war sinnlos. Ich legte auf.

Das erinnert mich daran, dass ich eine Zeitlang Platten auflegte. Ich arbeitete bei einem Fliesenleger namens DJ. DJ stand für Dieter-Jürgen. So wollte er nicht genannt werden. Sondern nur DJ. Wir legten unsere Platten hauptsächlich in den ehemaligen Oststädten auf. In den Plattenbauten. Die jungen Leute kamen manchmal über hunderte von Kilometern, um uns beim Fliesen zuzusehen. DJ brachte sie in Rage. Sie gerieten außer Rand und Band. Wilde Zeiten.

Zurück zum Tag des Telefons. Eine Frau wollte wissen, ob ihr Fax angekommen sei. “Habe kein Faxgerät.” Fax sei ihr Hund. Ich sei doch der Hundefriseur? Ihre Tochter wollte Fax gegen Mittag wegen eines Schnitts bei mir vorbeibringen. Ich solle es nicht übertreiben. Hinten lang, vorne kurz. So möge er es. Und sei der Hund glücklich, sei sie es auch. Ich sagte: “Sie müssen sich verwählt haben.”

So ging es stundenlang. Kein Anruf, der mir galt.

Guten Abend, Welt!

Dehnungsfuge

Eben ist er heimgekommen. Betrat das Türloch, um es zu füllen, auszufüllen. Sein Körper reicht nicht. Sein Körper muss fetter werden, er muss an Gestalt zunehmen. Er muss sich ausdehnen. Wie ein Gas, ein tödliches Gas, will er den Raum füllen.

Er hebt die Schultern. Er will sich erheben. Über sich. Über den Erdboden. Wie entschwindet man aus der Realität? Indem man frisst, isst, indem man essend ist. Totales Sein werden. Das Sein selbst. Das Leben. Und wenn er das erst erreicht hat, so hofft er, wird er kein eigenes Leben mehr haben, weil er das Leben schlechthin ist. Ein Fass, in dem geboren und gestorben wird, in dem man tötet und liebt. Eine Geschichte. Er würde zu einer Handlung, zu einem Roman, zu einem Auffangbecken für alle Leben. Als das Leben hätte er sich aus seinem Leben gestohlen. Das muss doch möglich sein, denkt er. Muss doch! Wenn ich fresse, esse, wenn ich mich dehne, ausdehne, wenn ich erst das Türloch fülle, bin ich nicht mehr weit vom Ziel entfernt. Ich werde das Wohnzimmer fluten, die Kinderzimmer, die Wohnung, ich werde nach unten schwappen, hinab auf die Straße werde ich laufen, um die Welt mit mir zu füllen, das Weltall.

Schweiß steht auf seiner Stirn. So viel kann keiner fressen, essen, so viel kann er sich gar nicht einverleiben. Vorher wird er platzen. Er wird sterben. Verrecken wird er.

Schweiß strömt aus seinen Poren. Ergießt sich über seinen Körper, tränkt das Hemd. In der Wohnung lauern seine Kinder, die Frau, sie lauern, sie wollen ihn mit Realität bewerfen, mit Alltag, ihn, der hier weg will, raus hier, denkt er, raus hier; ich habe die Schnauze voll, so voll, die Essenreste hängen mir zwischen den Zähnen.

Er atmet aus, sein Bauch stülpt sich nach außen. Er hat das Türloch gefüllt, ein Stück mehr gefüllt. Das Loch, sein Loch, ein Loch, das kein Loch ist, das eine Schleuse ist. Hier schleust er sich rein und raus. Das Türloch ist sein Grenzübergang. Er will fort, geht hinein. Da ist sie. Seine Frau. Sie betrachtet ihn erwartungsvoll. Sie wartet. Er wartet. Beide warten. Sie stehen vor sich. Sie sind zwei rote Ampeln. Er ist zurück, daheim, sie haben ihn in ihre Falle gelockt. Er will sich dehnen.

Träge läuft er an seiner Frau vorüber. Er passiert sie wie eine Häuserfront. Sieht kurz zu ihren Augen hinauf. Zu den Augenfenstern. Verlassene Wohnungen, denkt er. Schlappt in die Küche. Setzt sich. Träume, denkt er. Er atmet tief. Er keucht. Träume, denkt er und wartet auf das Abendbrot.

Dehnen, er will sich dehnen, er will zum Leben selbst werden.

Dienstag II

Ich war den ganzen Tag unterwegs. Lief durch die unzähligen unterirdischen Gänge, die aus Fulda einen Schweizer Käse machen. Adern, durch die ich mich hin und wieder treiben lasse. Versonnen gedachte ich des Yehudi Birnbaum, mit dem ich zuerst die Katakomben entdeckte.

Unzählige Tote bestattete man hier. Man brachte sie aus den umliegenden Dörfern. Gingen den Bestattern die Leichen aus, sorgten sie für Nachschub. Bei Nacht und Nebel zogen sie mit dem Spaten los und ersparten so mancher Frau weitere Vorwürfe, ihr Essen sei verkocht. Körper um Körper wurde in die Tiefe geschleift. Es gibt Historikerstimmen, die behaupten, Fulda könne längst die Millionenmarke überschritten haben, hätte man nicht so fleißig die Katakomben bestückt.

Dort saß ich heute, am Rand einer in den Fels geschlagenen Grabkammer. Die Beine baumelten. Die Leichtfüßigkeit übertrug sich nicht auf meine Gedanken. Die Toten um mich herum schwiegen sich beharrlich aus, sie tun das seit so vielen Jahren, manche seit Jahrhunderten. Eine Gesellschaft, die in einer vorläufigen Auflösung begriffen, sich am Ende auf handfeste Knochenfaulheit besinnt.

Es war, als wären wir einen Bund eingegangen, als würden wir uns verstehen, als würden wir gemeinsam der Stille lauschen, die es gar nicht gibt.

Etwas rührt sich immer, sei es Wasser, das tropft, sei es ein Knirschen, das nicht zugeordnet werden kann. Die Welt um mich herum werkelt unablässig, sie braucht des Menschen nicht, um zu leben. Ich dagegen brauche sie sehr wohl, und zwar, um sie zu beschreiben, in der Hoffnung, dass so etwas von mir bleibt, außer meinen Knochen.

Also ritzte ich meinen Namen in das Gestein, lange und zielstrebig.

Guten Abend, Welt!

Die Stimmen (5)

Samstag 17. August 2013

Ist er erwacht, niest er. Eine Allergie, und manchmal denkt er, dass es eine allergische Reaktion auf den Tag sein könnte. Die Pollen des Lebens kriechen in seine Nase, diese kleinen Pollen, die in der Luft umherschwirren, die von den Autos stammen, und vom Licht, und natürlich muss er über sich selbst lachen.

Nach dem Aufstehen folgt er einem Weg, der sich täglich gleicht. Der Flur müsste an diesen Stellen ganz ausgetreten sein. Er geht von der Küche, wo er die Kaffeemaschine anschaltet, hinüber ins Esszimmer (das auch als Arbeitszimmer dient), das Teil eines großen Bereichs ist, der aus Wohn- und Esszimmer besteht, und beugt sich nach unten, um den Rechner hochzufahren. Ist das erledigt, schlurft er auf den Balkon, um dort eine Zigarette zu rauchen.

Er raucht jetzt schon lange, viel zu lange, bestimmt schon seit seinem sechzehnten Geburtstag, und er wird diesen Monat noch dreiundvierzig, höchste Zeit also, denkt er, aufzuhören. Er will nicht sterben, auch wenn es Phasen in seinem Leben gab, wo es ihm egal gewesen wäre. (Ob es das dann wirklich gewesen wäre, kann er nicht beantworten. Man kann das Sterben nicht ausprobieren, man kann es nicht überstreifen und sagen: Das passt mir nicht. Es gibt verschiedene Größen. Gefallen wird einem vermutlich keine. Es gibt den Herzinfarkt, ein Kostüm, das rasch an- und abgelegt wird. Es gibt aber auch die verschiedenen Krebsgrößen, lauter Tücher, in denen man sich verfängt, bis man Panik bekommt.)

Er denkt an diesen Roman von Vonnegut, der in der deutschen Übersetzung den Titel ZEITBEBEN trägt. Gibt es so etwas? Ja, und ob, denkt er. Er hat es doch erlebt, als sein Vater starb. Es war zu einem Zeitbeben gekommen, weil er dachte, die Welt müsse den Atem anhalten. Die Welt nahm vom Tod seines Vaters keine Notiz. Sie sprang mit der gleichen geschäftigen Miene, die sie täglich aufzusetzen pflegt, durch die Innenstadt. Und während er auf einer Bank saß – und die Trauer ihn und sein Zeitempfinden lähmte -, rannten die Menschen an ihm vorüber. Es war, als würde er in einer Zeitblase hocken, in einer Seifenblase, in der der Sekundenzeiger sich mühsam wie ein alter Mann über die Uhr quälte, während auf den Uhren der anderen ein Jogger befestigt war, dem es gar nicht schnell genug gehen konnte.

Damals hatte er ein Zeitbeben erlebt. Die Zeit war durch den Tod erschüttert worden, und während er sein Zeithaus zerstört hatte, sodass er sich plötzlich von einem Augenblick zum anderen ohne ein Dach über dem Kopf wähnte, war das der Nachbarn unberührt geblieben. Dabei wird niemand vor den Zeitbeben verschont.

Er überliest seinen heutigen Tagebucheintrag.

Ein bisschen viel Tod für einen Samstagmorgen, denkt er. Die Sonne scheint, der Wellensittich erwacht. Er meldet sich mit zaghaften Tönen. Ein Quietschen, wie man es aus den alten Folgen mit den Waltons kennt, die er sich als Kind ansah. Der Vogel hört sich wie die Hupe eines dieser alten Autos an.

Ein bisschen viel Tod, denkt er. Auf der anderen Seite, sollte man ihn nicht außer Acht lassen, denn er ist die feste Größe, an der wir all unsere Handlungen messen sollten.

Wenn er etwas hasst, sind es pathetische Gedanken. Diese hehren und großen Gedanken, die, niedergeschrieben, bereits eine traurige Lächerlichkeit zum Ausdruck bringen. Man kann sie ebenso wenig wie Pornofilme karikieren, man kann sie nicht ironisch überzeichnen, weil sie das bereits selber tun. Sie haben ihre eigene Satire schon im Gepäck.

Also überliest er sich. Lachen kann er nicht.

Mist, denkt er.

Sein Kaffee ist leer. Zeit, den Tag anzugehen.

Liebes Tagebuch

Liebes Tagebuch,

ich weiß gar nicht, ob ich dich so anreden darf. Obwohl du ja mein Kind bist. Ich habe dich gezeugt. Wenn ich näher darüber nachdenke, zeuge ich dich noch immer. Nein! Ich nähre dich. Ich quetsche dich eng an meine Brust, die bisher noch ohne Implantat auskommt. Ich lasse dich saugen, bis dir ganz schlecht von den ganzen Worten ist. Jetzt aber rasch mit dir über die Schulter, denke ich. Ich laufe mit dem Bildschirm auf und ab, bis er ein Bäuerchen gemacht hat. Kein Rülpser zu hören. Das mag daran liegen, liebes Tagebuch, dass du nicht mehr an der Stromquelle hängst. Tot! Ohne Strom wirst du sterben. Ich rufe meine Frau. Gemeinsam beugen wir uns über dich. Atmen unsere Atemluft auf deine Oberfläche. Weg! Da war ein Fleck, der jetzt weg ist. Jetzt rasch das Stromkabel in die Steckdose, und schon flackerst du wieder auf. Geht doch! Ach, mein liebes Tagebuch, ich weiß gar nicht, was ich ohne dich tun würde. Vielleicht würde ich das Leben genießen. Ich würde lachen. Tanzen. Das wäre was! Unvorstellbar. Stelle es dir lieber nicht vor, denn wer will schon darüber nachdenken, wie gut es den anderen ohne einen gehen würde. Das, liebes Tagebuch, ist etwas zu viel erwartet. Ich entschuldige mich dafür.

Du solltest mich nicht so traurig ansehen. Ich werde mich um dich kümmern. Ich gehöre nicht zu diesen Tagebuchschreibern, die sich nicht um ihr Tagebuch kümmern, die es erst in die Welt setzen, um es dann emotional verkümmern zu lassen. Ich werde auch kein zweites Tagebuch zeugen. Höchstens, du willst das unbedingt. Viele Tagebücher wünschen sich ein zweites oder drittes Tagebuch, mit dem sie spielen können. Die Realität sieht aber oft anders aus. Die älteren Tagebücher kümmern sich nicht um die kleinen Tagebücher, die sich in der Küche mit Mehl einstauben, während sich die missratenen Eltern eine Wiederholung des “Literarischen Quartetts” ansehen. Die Fernsehlandschaft zerstört die Familien. Inzwischen kann man sich den ganzen Tag über etwas bei Arte und 3sat ansehen. Das zerstört alle Formen der Kommunikation. Viel schlimmer sind noch jene Eltern, die in die öffentlichen Leihbibliotheken gehen, um dort kostenlos die Tageszeitungen zu lesen. Ein erbärmliches Verhalten.

Nein, liebes Tagebuch, das wird dir hier bei mir nicht passieren. Ich werde mich stets um dich kümmern. Ich werde dich mit Hilfe einer unendlich langen Verlängerungsschnur ausfahren. Ich packe dich in einen Kinderwagen, damit du nicht frierst, und dann fahre ich dich zum Spielplatz, wo all die anderen Tagebuchschreiber mit ihren Tagebüchern sitzen. Gut, dass man inzwischen einen Monat Tagebuchschreiberzeit vom Staat bekommt, denn so kann ich mich um dich kümmern, ohne Angst vor dem finanziellen Ruin zu haben. Inzwischen hat ja auch jedes Tagebuch ein Anrecht auf eine Tagebuchtagesstätte. Wir können den Platz für dich einklagen, wenn du magst. In der Tagebuchtagesstätte kümmern sich Erzieher um dich. Sie spielen mit deinen Worten, sie versuchen sogar, dir neue beizubringen. Das wäre doch wunderbar, wenn du dich bald schon selber schreiben könntest. Darum geht es nämlich, liebes Tagebuch. Du sollst erwachsen werden, du sollst in die Welt hinausgehen, du sollst dich um einen Ausbildungsplatz bemühen, und wenn alles gut läuft, wirst du irgendwann ein anderes Tagebuch kennenlernen, und ihr werdet gemeinsam kleine Tagebücher zeugen.

So, das war es für heute, liebes Tagebuch. Und jetzt stelle ich deinen nächsten Eintrag online. Die Leute werden vorbeikommen, und sie werden staunen und sagen: “Was für ein schönes Tagebuch. Und wie groß es schon geworden ist.” Manche, die neidisch auf dich sind, werden versuchen, dich schlecht zu machen, aber das sollte dich nicht ängstigen. Oder beunruhigen. Die Welt ist so. Es findet sich immer einer, der meint, sein Tagebuch wäre das schönste und beste auf der Welt. Aber das ist Unsinn. Ihr seid alle wunderbar.

Dein Papa Guido

Sonntag

Ich bin Hitze gewöhnt. Damals in der Sahara saßen wir oft bei Hitze im Sand und wischten uns gegenseitig den Schweiß von der Stirn. Meine Frau, die Kinder und ich. Wir saßen im Kreis und waren froh darüber, einen solch tollen Trip gebucht zu haben. Einmal Sahara. Dagegen konnte nichts anstinken, auch wenn es nachts unglaublich kalt wurde. Schneestürme fegten durch die Sahara. Die Kinder hatten ihren Spaß daran. Sie krochen aus dem Zelt und bauten Schneemänner. Einen nach dem anderen. Um die Sitten und Gebräuche nicht zu verhöhnen, versteckten sie die Schneemänner unter langen Gewändern. Man konnte kaum erkennen, dass es Schneemänner waren. Wären nicht die roten Karottennasen gewesen, man hätte sie für echte Saharisten halten können.

Es war eine wilde und gefährliche Zeit. Wir zogen von Düne zu Düne. Manchmal meinten wir, uns verirrt zu haben.

“Ich glaube …”, sagte meine Frau und schnäuzte laut in ihr weißes Taschentuch, “Ich glaube, wir waren hier schon mal.”

“Unsinn”, erwiderte ich und blickte auf meinen Kompass. “Wir müssen”, ich benutzte meinen Arm als Wegweiser, “exakt in diese Richtung laufen, um vor den Schneestürmen der Nacht die nächste Düne zu erreichen.”

Sanddünen, wohin das Auge blickte. Die Kinder, in diesem menschlichen Stadium noch verzückt von allen Arten von Ansammlungen, griffen beherzt in den Sand und bauten eine Burg.

“Sieh mal, die Kinder!” rief ich aus. “Die kleinen Racker haben Neuschwanstein nachgebaut.”

Ich tätschelte meinem Nachwuchs den Kopf. Kinder müssen in ihrem Drang, die Welt zu bebauen, unterstützt werden.

An all das musste ich heute Morgen denken, als ich schweißgebadet in meinem Bett erwachte.

Meine Frau Gristina (Name geändert) saß bereits auf dem Balkon und studierte den Himmel. Als ausgebildete Himmelskartenleserin, kann sie die Zukunft aus dem jeweiligen Himmelszustand herauslesen.

“Wie wird das Wetter in der nächsten halben Stunde?” fragte ich die in allen Wetterfragen bewanderte Person, die momentan mein Ehebett mit mir teilt.

Sie starrte mit zusammengekniffenen Augen in den wolkenlosen Himmel und sagte dann: “Die Regenwahrscheinlichkeit liegt bei … hmm, sie liegt bei 20%.”

Und? Was meinen Sie? Tatsächlich. Sie behielt recht.

Ich muss zugeben, es gibt Tage, da ist sie mir mehr als unheimlich.

Guten Morgen, Welt!

Dienstag

Ich müsste unbedingt mit einem neuen Roman beginnen, aber weil sich die bereits erschienenen so gut verkaufen, zögere ich vor dem Moment zurück, der mich wieder für Jahre an ein Manuskript binden wird, der mich darin verschwinden lassen wird, der mich anketten wird, sodass meine Frau mich nur zu Gesicht bekommt, wenn sie meinen Kopf vom Bildschirm wegreißt und mir Brei in den Mund stopft.

Bin ich erst am Romanschreiben, bin ich für die Welt nicht mehr zu gebrauchen, ich werde zu einem abwesenden Etwas, das keuchend und knurrend ganz in dem Geschehen, das beschrieben und durchlitten werden muss, verschwindet, bis kaum noch etwas von mir übrig ist, bis Suchtrupps zusammengestellt werden müssen, mit Fackeln, die das Arbeitszimmer Meter für Meter abschreiten, weil sie wissen, dass ich irgendwo in der Tiefe dieses Gebiets verschollen bin. Das Romanschreiben ist etwas, das mich auffrisst, zunächst knabbert es am linken, dann am rechten Ohr, es beißt ein Stück Backe aus meinem Gesicht, von der mein Lektor sagt, man solle sie Wange nennen, aber nein, ich bleibe bei der Backe, denn fehlt sie erst, ist es einem einerlei, dass es zu Verwechslungen des Lesers mit der Arschbacke kommen könnte.

Da ich um die Nöte dessen weiß, der sich an ein Romanprojekt setzt, zögere ich den Moment heraus, der mich abermals für siebzehn bis achtzehn Jahre der Familie entreißen wird. Die Kunst des Romanschreibens ist die Kunst des dauerhaften Tauchens, man muss den Mut haben, die Luft anzuhalten, um in die Tiefe zu steigen, nicht für ein oder zwei Minuten, sondern eventuell für ein ganzes Jahrzehnt oder länger.

Meine Frau schläft noch. Ich denke über die Geschichte nach, die ich gestern schrieb und die sich um ein Schaf dreht, das gern Tänzer in einer Disco werden will, das aber an den Türstehern scheitert, die es wegen seiner fehlenden Schuhe und Beziehungen nicht einlassen wollen, sodass es schließlich einen eigenen Club eröffnet, der so erfolgreich wird, dass alle anderen schließen müssen. Ein Hohelied auf die Selbstständigkeit und auf den Kapitalismus, und gerade deshalb so revolutionär. Truman Capote hätte seinen Spaß daran gehabt. Wir saßen oft in New York herum und ich sagte: “Truman, ich habe da diese Idee für eine Schafstory.” Truman nickte, er bat mich, sie unbedingt aufzuschreiben, aber ich zögerte es Jahr für Jahr hinaus. Nun ist er tot und kann sie nicht mehr lesen.

Manchmal widert einen das Leben, dieses hinausgezögerte Sterben, an.

Guten Morgen, Welt!

Donnerstag II

Und jetzt plötzlich höre ich auf dem linken Ohr kaum noch etwas. Die Töne, die durch die Villa driften, büßen an Lautstärke ein. Die Welt verkommt zu einem gedämpften Etwas, zu einem Gast, der flüstert. Unverstandene Welt. Nicht der schlechteste Zustand, um die Geräuschkulissen des Alltäglichen neu abzuschreiten. Man begeht quasi mit dem verbliebenen rechten Ohrlauscher das Unerhörte. Neuwahrnehmungsexpeditionen. Was war das? Ein Seufzen? Nein, nur der Ventilator, der wild um sich schlägt. So rasch kann man sich verhören, obwohl man doch verhören wollte.

Ein Arztbesuch scheint noch nicht nötig! Man kann sich erholen!

Das Wetter scheint sich für ein Unentschieden entschieden zu haben. Mal graue Wolken, mal Sonnenstrahlen. So ein Hin und Her der Gefühlslagen hält der stärkste Ochse nicht aus. Vielleicht daher die Befindlichkeitsstörung meines linken Ohrs! Ein Ohrstreik sozusagen! Weghören! Ein erstes Ausklinken des Körpers aus den Tatsachen des Lebens. Sinnflucht!

Nachdem ich den Tagebucheintrag durchgelesen habe, muss ich den Kopf schütteln. Was für ein aufgeblähter Wortschwall. Als ob man ins Word geniest hätte. Man schlägt es auf und schaut sich den zufälligen Treffer an. Ergibt das überhaupt noch einen Sinn? fragt man sich. Egal, jetzt wollen wir nicht anfangen und schon die Rotzfahnen der Literatur hinterfragen. Am Ende schreibt man moderne Lyrik! Und was kommt dann?

Meine Frau Brunhilde (Name geändert) residiert im Moment auf dem Sofa, das sie beliegt, um herauszufinden, was in ihrem Buch steht. Welches sie gerade liest? Ja, was weiß ich denn! Kommen Sie halt her und fragen Sie sie selbst!

Guten Abend, Welt!

Donnerstag

Der Himmel versteht mich. Dunkelschwarz ist er. Gottlos. Die vierzehnte Zigarette des Morgens glimmt. Ruhe liegt über der Villa. Trauer quillt wie zählflüssiger Brei durch die Zimmer. Grießbrei? Was weiß denn ich!

Ich bin vom Villacher Literaturpreis zurück (Die Nacht der schlechten Texte). Gewonnen? Fehlanzeige! Ich war wohl nicht schlecht genug beziehungsweise Hans I. Glock, mein Kollege, der noch an Pynchon (Symptome Fragezeichen, die sich über den Körper verteilen, im Endstadium: Unsichtbarkeit) leidet, hat nicht schlecht genug geschrieben. (Dieser Tor, hätte er sich nicht weniger mühen können?)

So sitze ich hier, den Kopf im Schoß, in meinem eigenen Tränenreich. Ein Geiger spielt ein trauriges Lied (“Cheri, Cheri Lady” von Modern Talking). Der Strom ist abgestellt. Es wäre auch eine Riesenvergeudung, habe ich doch Kerzen aufstellen lassen. Halbmast. Eingespielte Schreie. Der Wunsch, mit keinem zu sprechen, nie wieder zu reden. Interviewanfragen werden abgelehnt. Die Welt ist ein Stück düsterer geworden. Wohin ich auch blicke: Gräber! Meine Gärtner arbeiten seit Stunden. Gräber! habe ich geschrien, und jetzt graben sie wie die armen Teufel, die sie sind.

Welt, entferne dich von mir!

Villach Juni 2013 031