Nichtraucher überdenkt euch – Ein Kommentar

Als bekennender Kettenraucher weiß ich, wie schwer es ist, den Nichtrauchern zu entgehen. Wohin man kommt, sitzen sie und stieren in die Luft. Nichtraucher! Die Pestilenz des 21. Jahrhunderts. Ich nehme da keine Rücksicht, weil die auch keine Rücksicht auf mich nehmen. Rauchen nicht, wo sie stehen und gehen.

Inzwischen soll es bereits erste Zonen in den Schulen geben, wo sich die Nichtraucher treffen, um gemeinsam nicht zu rauchen. Ich meine, wo soll es mit unserem Land denn noch hingehen, wenn wir als Raucher schon nicht mehr vor diesen Dauernichtqualmern sicher sind?

In dem Haus, in dem ich früher wohnte, lebte eine ganze Horde von ihnen. Keine Wohnung, in der geraucht wurde. Der fehlende Gestank war unerträglich. Ich spielte mit dem Gedanken beim Gericht Klage einzureichen, damit die Nichtraucher aus ihren Wohnungen mussten, aber man ist ja kein Unmensch, also ließ ich es bleiben.

Und auf meinen Lesungen? Immer das gleiche Bild! Nichtraucher, die sich in den Stühlen lümmeln, als ob es das Normalste der Welt wäre, auf einer Lesung nicht zu rauchen. Ich drückte oft meine Camel in den Aschenbecher und musste mich beherrschen, sie nicht zu beschimpfen. Rattenköpfige Ungetüme!

Die Nichtraucher bedrohen am Ende alles. Kinder sollte man erst gar nicht in ihre Nähe lassen. Am Ende rauchen die kleinen Racker nie. Und dann?

In den Lokalen dasselbe Bild: Nichtraucher, die sich in den Eingangsbereichen drängeln und sich Frischluft in die Lungen ziehen. Ja, immer tief rein. Kranke Schweine!

Ich denke, es ist an der Zeit, dass die Nichtraucher sich und ihre Art zu leben mal gehörig überdenken.

Intim

Jetzt habe sie eine Reise gebucht, erklärte mir meine Frau heute. Abenteuerurlaub. Direkt auf den Mount Everest. Da könne man sich inzwischen bereits auch Gräber buchen. Habe sie getan. Man wisse ja nie, was so geschieht, klettert man auf den höchsten Berg der Erde. Ich könne ja, sagte sie, ein paar Notizbücher mitnehmen, um zu notieren, was unterwegs geschehe. Die Kälte wäre zu beschreiben. Eiszapfenformen. Das Gefühl, wenn man beinahe erfriert. Später vielleicht restlos. Nahtoderfahrungen müssten adäquate Sätze finden. Ich könne da schon mal üben, wenn ich wolle. Sie riet mir, die Luft anzuhalten. So drei bis sechs Minuten, dabei aber nicht das Schreiben vergessen, mahnte sie.

Liegt die Reise zum Mount Everest hinter uns, könne sie sich einen Trip ans Meer vorstellen. Tauchen ohne Atemgerät. Das sei der letzte Schrei.

“Und schreib nicht gleich wieder alles in deinen dämlichen Blog. Was sollen die Leute denn von mir denken.” Das würde ich niemals tun, versicherte ich.

Wie käme ich denn dazu? Das sei ja Hochverrat an der Familie. Intimes hat in der Öffentlichkeit nichts verloren. Darum würde ich auch auf gar keinen Fall das Bild von ihr veröffentlichen. Dieses spezielle, über das ich mich nicht äußern will. Fragen Sie nicht, lieber Leser, sonst sehe ich mich noch genötigt, meiner Sucht zu frönen, alles und jeden Teil meiner Texte werden zu lassen, auch die Fotografien, die …, lassen wir das.

Aber die Reise, die ist gebucht. Auch wenn ich das hier nicht aufschreiben werde.

Darüber wird nichts zu lesen sein. Ganz bestimmt.

Clydesdale_Everest

 

Die Verwendung des Schweizer Käses in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

Das überfällt dich. Plötzlich. Du kannst es ja gar nicht aufhalten. Es tritt aus dem Regen oder dem Schnee mit einer geladenen Waffe vor dich. Hände hoch! Rühr dich nicht! Es drängt dich in deine Wohnung. In dein Haus, wenn du eins hast. Hier in der Gegend gibt es viele Leute (man muss sie Leute nennen, weil sie sich selbst Leute nennen, sie nennen sich nie Menschen), die ein Eigenheim besitzen. Es sind große Eigenheime, deren Schatten einen verschlucken können. Monatelang kann man in so einem Schatten laufen, aber man findet nicht mehr raus. Man fragt sich, ob es so etwas wie eine Sonne überhaupt noch gibt.

Ich schweife ab.

Es ging um das, was dich überfällt, wenn du gerade gut drauf bist. Das Schreiben läuft. Du bist wie eine Maschine. Jeder Buchstabe, jeder Satz sitzt. Alle sind sie Treffer in deinem eigenen Körper. Du bist schon ganz hohl davon. Durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Das würdest du nie schreiben, weil sich das nicht gehört. Das Bild mit dem Schweizer Käse konnte man schon öfter lesen. Den Lesern muss von diesem abgegriffenen Bild schon ganz schlecht sein. Sie können es nicht mehr sehen. Keine brennenden Horizonte. Und keine Schweizer Käse.

Der Überfall dient nur dazu, dich am Schreiben zu hindern. Es ist eine Schreibkrise, die da mit einer Strumpfmaske vor dir steht.

Stell dich nicht so an, würde sie am liebsten sagen. Ich bin doch keine Staatskrise. Auch keine Ehekrise. Oder eine Arbeitsmarktkrise. Ich bin nur eine einfache Schreibkrise.

Du kannst sie nicht gebrauchen, das willst du ihr klar machen, während sie dich an den Stuhl fesselt. Sie knebelt dich nicht, weil du von ihr erzählen sollst. Aber mit Schreiben ist nichts.

Und dann sitzt sie auf deinem Schreibtisch und beobachtet dich.

Wie überlistet man sie? Wie brät man ihr eins über und kommt sauber aus der Sache raus? Du müsstest sie später auch verschwinden lassen. Du könntest ihren Körper zerlegen. Mit einer Säge? Du hast doch überhaupt keine.

Was für ein schäbiges Arschloch, denkst du. Stürmt hier rein, so kurz vor dem Weltuntergang und bedroht mich und zwingt mich, nichts über sie oder den Weltuntergang zu schreiben.

Während sich die Krise in der Küche einen Salat und später noch einen Drink zubereitet, durchdenkst du die Angelegenheit wieder und wieder, bis dir schließlich die rettende Idee kommt.

Du beugst dich mit der Nase über die Tastatur (wie konnte diese dämliche Krise dich nur direkt vor deinem Schreibtisch absetzen) und tippst mit der Nasenspitze die ersten Worte einer neuen Erzählung, bis dir einfällt, dass du überhaupt keine Zeit zu verlieren hast. Es muss schneller gehen. Muss eine Notiz werden, die du in deinem Blog sofort veröffentlichen kannst.

Und während deine Nase große Weltliteratur hackt, krümmt sich die Krise bereits auf dem Küchenboden. So wird es was. So kriegst du sie klein.

Sie röchelt. Du hebst den Kopf und liest leise: “Das überfällt dich. Plötzlich. Du kannst es ja gar nicht aufhalten. Es tritt aus dem Regen oder dem Schnee mit einer geladenen Waffe vor dich. Hände hoch! Rühr dich nicht! Es drängt dich in deine Wohnung.”

Wort für Wort stirbt die Krise ein wenig mehr. Sie ist schon ganz hohl, sie sieht – um es wieder mal einzubauen – bereits wie ein Schweizer Käse aus.