Ulli Zeller

Ulli Zeller zog mit seinem kleinen Zelt durch die Lande und zeigte den Leuten seine Tricks. Er verbog Schuhlöffel. Nur ein klein wenig. Die Leute mussten genau hinsehen. Anschließend verspeiste er vor aller Augen ein Salatblatt. Mit einer Stimmgabel. Das brach den Bann. Die Leute gerieten außer sich vor Staunen. Manche forderten, man müsse ihn teeren und federn, andere bewarfen ihn mit faulen Eiern und Tomaten, der Währung jener Jahre.

“Ulli Zeller!”
Merkwürdig, aber seine Eltern hatten ihn nie anders gerufen. Stets nannten sie ihn auch bei seinem Nachnamen. Selbst als er ein Baby gewesen war. “Na, was hat Ulli Zeller denn da gemacht? Ein bisschen Aa?”
Wenn ihn später Freunde besuchen kamen, sagten sie Dinge wie “Ulli Zeller muss lernen” oder “Ulli Zeller hilft seinem Vater beim Betrachten der Außenwelt.” Ja, das musste Ulli Zeller manchmal machen: Mit seinem Vater am Fenster sitzen und nach draußen blicken. Vater hatte es gerne, wenn sein Sohn dabei war. Er hatte die Hoffnung, sie wären aus einem Holz geschnitzt.

Ulli Zeller wuchs in einer Stadt auf, in der die Leute glaubten. Sie glaubten an alles Mögliche, was nicht eintrat. Sie glaubten daran, dass es nicht regnen würde und liefen in T-Shirts und kurzen Hosen durch einen Sturm. “Wir glauben nicht, dass es stürmt!”, riefen sie. “Wir glauben, dass die Sonne scheint.” Das ging so weit, dass sie auch nicht an den Tod glaubten und ihre Toten nicht mehr beerdigten. “Die schlafen nur.” Gestank lag ihrem Glauben zufolge nicht in der Luft. “Wir glauben, dass es nach Veilchen duftet.” Ja, die Leute dieser Stadt glaubten sich allmählich in den eigenen Untergang.

Mein letztes großes Interview

Mein letztes großes Interview, angefüllt mit Ehrlichkeit und Poesie: “Ich kann gar nicht ohne die engen Grenzen, die mir ein Trollinger z.B. setzt, schreiben. Ein Gedicht in Trollingern oder in Fußfersen ist mir das größte Glück. Beschränkung ist Beschneidung. Und mit der kann ich nichts anfangen, was man aber heute nicht laut sagen darf, sonst ist man gleich ein Antisemit. Deshalb schreibe ich auch nicht unter einem deutschen Namen, sondern unter einem italienischen Pseudonym.”

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Aus meinem Tagebuch

1. Mai. Tag der Arbeit. Meine Frau muss die Küche und den Rest der Wohnung reinigen. Wir machen das einmal im Jahr, eben an besagtem Tag. Anschließend begeben wir uns zu den in Fulda berühmt-berüchtigten Maiausschreitungen. Ein Vorschreiter geht voran, wir anderen folgen. Wir schreiten exakt in einer Länge von 20,3 Zentimeter aus. Warum diese Zahl? Sie wurde dereinst von Karl Vendelix festgelegt, der 20,3 für die ideale Zahl hielt. “Alles Göttliche befindet sich in einer Entfernung von 20,3 – seien es Zentimeter oder Lichtjahre. So stehe ich gerade 20,3 Meter von einem Mülleimer entfernt. Der Begriff des Zufalls kann hier ausgeschlossen werden.”

Schnee ist Wasser, das man essen kann – Die Jugendtagebücher des Dimitri Verscenko

1.

Ich habe versucht, den Schnee zu fangen, der vom Himmel fiel. Ist ganz schön schwierig, vor allem, wenn man Schneeflocke für Schneeflocke aus der Luft klauben will. Und hat man eine, schmilzt sie. “Ja”, sagte meine Mutter, “wie gewonnen, so zerronnen. Merke dir das, Dimitri.” Sie ging auf ihr Zimmer zurück, weil sie wieder einen Onkel empfing. Täglich kommen an die fünfzehn bis zwanzig Männer, die sich in ihr Bett legen wollen. “Arme Männer ohne Bett”, hat sie mir erklärt. “Ich gebe ihnen für eine Stunde das Gefühl, sie würden wieder über Bettzeug verfügen.” Meine Mutter ist wirklich eine gute Frau. Ich habe durch das Fenster gespäht. Um die Männer zu wärmen, turnt sie sogar mit ihnen. Und nach einer Weile spielen sie abwechselnd Decke. Jeder darf mal auf jedem liegen. Bin ich groß, will ich auch Decke werden. Oder Turner. Oder beides, wie meine Mutter.

2.

Ich habe gestern mit Onkel Wanja eine Schneefrau gebaut. Ihre Brüste konnten Onkelchen gar nicht groß genug sein. “Lass uns noch mehr Schnee nehmen!”, schrie er aufgeregt und pappte ihn auf die zwei betreffenden Stellen. Er bewegte seine Hände im Kreis. “Oh, die fühlen sich gut an”, stöhnte er. Außerdem bekam sie Unterwäsche übergestreift, die er von Lara, der Dorfschönheit, gestohlen hatte. “Sieht sie nicht ganz wie Lara aus?” Nein, dachte ich. Im Gegenteil, sie erinnerte mich an Valentin, den Dorfidioten, der sich wieder mal in Frauenwäsche gezwängt hatte. Nachdem wir fertig waren, musste ich Onkel Wanja helfen, die Schneefrau auf einen Karren zu verladen, um sie bei ihm zu Hause in die Wohnstube zu bringen. “Sie wird schmelzen”, sagte ich. Onkel Wanja nickte nervös, leckte sich die Lippen und bat mich, zu gehen.