Gort – Ein Autor für alle Fälle

Eine kleine Literaturgeschichte

1.

Am Anfang steht der Wunsch. Dieser eine Wunsch. Da kann Gort noch nicht mal richtig lesen. Klein wie eine Maus ist er. Aber der Wunsch ist da. Schriftsteller will er werden. Nicht irgendein Schriftsteller, sondern der Schriftsteller, den alle lesen.

Gort steht im Wohnzimmer seiner Eltern. Auf seinen wackeligen Füßen steht er. Wie eine Blume im Wind. Würde man zu fest blasen, seine Haare würden in alle Himmelsrichtungen davongetragen.

Im Fernsehen kommt ein Bericht über Unseld. Über die Gruppe 47. Über Grass. Wichtig sehen sie alle aus. Sie rauchen, drum, so beschließt Gort augenblicklich, wird auch er dereinst rauchen. Nicht wenig, sondern viel. Massen! Ein Kettenraucher wird er werden. Einer, der die Zigaretten an einer Kette um den Hals trägt. Und dann kommt eine nach der anderen dran. Eine nach der anderen. Ein Kettenraucher eben.

Seht (was nur geht, wenn dies ein Film wäre), wie Gort Richtung Fernseher wippt. Füße vor. Füße zurück. Wie ein Schaukelpferd. Gort wippt sich zum Bildschirm hin, bis er ihn berühren kann. Er kann die Kraft spüren. Ein Knistern in den Fingern. Er weiß, er ist ein Gesalbter.

Vater spürt die Heiligkeit des Augenblicks. Er springt auf, nein, das macht er nicht. Er lässt sich von Mutter aus dem Sessel helfen. Sie befreit ihn daraus wie aus dem Kelch einer fleischfressenden Pflanze. Nach oben in die kühleren Luftschichten zieht sie ihn. Hält ihn, damit er nicht fällt. Zum Fallen neigt er. Vater ist ein Baum, der, wenn er steht, immer gerade gefällt wird. Sie hilft ihm zum Plattenspieler, damit er den Moment musikalisch untermalen kann.

“Jetzt, wo der Junge ENDLICH weiß, was er werden will, sollten wir ein Stück von Roger Whittaker spielen. Abschied ist ein scharfes Schwert vielleicht.”

Welch eine Familie. Da stehen sie und lauschen der Stimme Rogers. Sie sehen Gorts Zukunft bereits vor sich. Es wird alles kommen, wie er es sich vorgenommen hat, so hofft er. Er wird eine Lehrerin heiraten. Wird zur Gruppe 47 eingeladen. (Die es damals schon längst nicht mehr gibt.) Er wird einen ersten Riesenerfolg schreiben. Danach noch einen. Und noch einen. Der Büchnerpreis. Am Lebensende der Nobelpreis.

So und nicht anders verlaufen deutsche Karrieren. Man muss es nur wollen.

2.

Der Wille. Er kommt als nächstes. Der Wille kann alles verändern. Der Wille unterscheidet den Menschen vom Ding. Wäre der Stein mit einem Willen ausgestattet, er würde sich aufheben, um fortan als Waffe Gesichter zu verunstalten. Vielleicht. Wer kann schon wirklich wissen, was Steine tun würden, hätten sie einen Willen. Es könnte auch sein, sie würden liegenbleiben.

Aber Gort ist mit einem unbändigen Willen ausgestattet. Er und sein Wille sind eins. Sie verwachsen. Gort wird zum Willen schlechthin.

Während die anderen Kinder mit den Fahrrädern durchs Viertel jagen, stemmt Gort seine ersten Bücher. Noch sind es keine Romane, sondern Comics. Täglich werden es mehr. Unzählige Asterix-Bände lässt er von seinem Vater, der ihn trainiert, auflegen.

Bereits in den frühen Morgenstunden joggt er nach Frankfurt. Später wird es Berlin sein. Hin zum Suhrkamp-Haus. Damals will er noch ein bedeutender Autor werden. Das wird sich ändern.

Er steht vor dem Verlagsgebäude und heult wie ein Wolf. Er raucht. (Bereits in diesen frühen Jahren raucht er Kette. Ist eine ausgeraucht, greift er rasch, die Hand zittert dabei, nach der nächsten. “Wer nicht raucht, der schafft es niemals”, hat ihm sein Vater hustend erklärt.)

Nachmittags schmuggelt ihn Vater in eine Schlachterei, damit er auf Schweinehälften einprügeln kann. Der Rocky-Film ist gerade in aller Munde. Alle wollen sie so sein. So wie Rocky. Auch Gort. Und wie Rambo. Den darf man nicht vergessen. Eine ganze Generation wächst mit dem Wunsch heran, eine Wunde am Arm zu haben, die man mit Nadel und Faden vernäht. Näherarbeitsplätze laufen über. Alle Jobs besetzt. Die Branche boomt.

Ein typischer Morgen im Leben des Nochnichtganzautors Gort sieht folgendermaßen aus: Sein Vater weckt ihn mit einem Eimer eiskalten Wassers.

Das Wasser ergießt sich über sein Gesicht, über die Bettdecke. Alles ist eingeweicht. Es ist fürchterlich. Keine Zeit, um langsam oder allmählich zu erwachen. Du schreckst auf. Bist sofort da. Die Gegenwart beißt dich in dein verfluchtes Gesicht, das sticht, als hätte man tausend Nadeln in ihm versenkt. Tausend und mehr Nadeln gleichzeitig. Stell dir das vor. JETZT!

Der Vater kennt keine Gnade.

“Du willst der Beste werden?”, schreit er Gort an.

“Ja.”

“Ich kann dich nicht hören.”

“Ja, Sir!”

“Bist du ein Näher oder ein Autor?”

“Ein Autor, Sir!”

“Dann lauter!”

“Ich bin ein Autor!”

“Was?”

“EIN AUTOR!”

So geht es hin und her. Oft stundenlang. Vater schleift ihn. Drillt ihn. Er peitscht ihn mit einer Bibel-Ausgabe aus den Laken. Raus in die Morgenluft. Kein Frühstück. Das ist für Schwächlinge. Gort muss rauchen. Kaffee trinken. Das Frühstück der Schriftsteller. Alkohol kommt später. Eine Alkoholsucht gehört dazu. Und nicht nur die, sondern auch eine Koks- und eine Heroinsucht. Alles muss er mitgemacht haben. Er muss die Pforten der Wahrnehmung durchschritten haben.

“Und ziehen!”, schreit Vater.

Gort nuckelt an der Zigarette, bis es dem Vater reicht. Er ist wütend. Sauwütend.

Der Vater schüttelt den Kopf. “Aus dir wird nie ein guter Autor. Sieh dich an, wie du rauchst. Wie ein kleines Mädchen. Das ist erbärmlich. So erbärmlich.”

3.

Der Vater unterrichtet den Sohn selbst. Keine Schule. Sie fahren mit einem Wohnwagen durchs Land, stets auf der Flucht vor dem Schulamt, der Polizei, Anwälten.

Angst, lehrt der Vater seinen Sohn, sei ein guter Lehrmeister. Angst und Entbehrungen. Das Leid habe all die großen Schriftsteller erst geformt.

Gort wird mit Mädchen zusammengebracht. Wieder und wieder verliebt er sich. Wieder und wieder wird er enttäuscht.

“Große Romane entstehen aus Liebesleid”, sagt der Vater, der die Mädchen bezahlt und ihm zuführt.

Sie fahren einige Wochen mit, sitzen mit am Tisch, wenn Gort alles über Dostojewski und Nabokov lernt, halten Händchen mit ihm, laufen mit ihm abends im Sonnenuntergang, schmiegen ihre Wange an seine. Sie schwören ihm ewige Liebe. Schreiben ihm Briefe, die er beantwortet. Die Briefe sind Arbeiten, die der Vater benotet.

Größer und größer wird die Last auf den Schultern des jungen Mannes.

Eines Tages bricht er vor einem Supermarkt heulend zusammen. Der Vater schreit auf. Begeisterung. Sein Sohn befinde sich kurz vor dem Ziel.

Sie schleifen Gort in den Wohnwagen, schicken seine momentane Liebe nach Hause zurück und verabreichen ihm zum ersten Mal Drogen.

4.

Drogen. Sie werden sein neuer Heimathafen. Sein Dach, unter das er sich vor den Unwettern des Lebens zurückzieht. Der Vater experimentiert mit den verschiedensten Substanzen, bis er auf ein aus einer Alge gewonnenes Rauschgift stößt: BLUE DREAMS.

BLUE DREAMS macht melancholisch. Es fördert die bipolare Störung.

“Genau das, was du als Schriftsteller brauchst”, sagt der Vater.

Sie fahren über abgelegene Fernstraßen. Gort sitzt im Wohnwagen und versucht sich an ersten Gedichten im Stil von Georg Trakl.

Nach dem Literarischen folgt nun der Unterricht im Betriebswirtschaftlichen.

Gort muss alles über den “Betrieb” erfahren. Über die einzelnen Literaturkritiker. Wie funktioniert ihre Psyche. Wer ist mit wem verfeindet. Das alles ist wichtig, will Gort dereinst bestehen.

“Der Büchner-Preis würde noch nie des reinen Talents wegen gewonnen”, erklärt sein Vater. “Du musst auf das Preiskarussel springen können. Sitzt du drauf, folgt ein Preis dem anderen.”

Gort sieht ihn traurig an. Die Trauer liegt an BLUE DREAMS. Morgen kann schon alles anders sein. Da kann es passieren, dass er Bäume ausreißen will. Diese Hochzeiten benutzt der Vater, um ihn an seinem ersten Roman arbeiten zu lassen.

5.

Wieder eine neue Stadt. Ein neuer Campingplatz. Neben ihnen ein Wohnmobil mit einem Frankfurter Kennzeichen. Die Sonne über ihm am Himmel. Wenn Gort sie sieht, denkt er in Hexametern über sie nach. Er sinnt über Ikarus. Über die Möglichkeiten, beim Höhenflug zu verbrennen. Über Flügel, die nicht stark genug sind. Mit seinem Vater hat er schon oft darüber gesprochen.

“Erst wenn du ein starker Autor bist, solltest du dort hinaus, denn sonst wirst du verbrennen.” Die Worte seines Vaters. Eines weisen Mannes, der in den Stunden, die er sich nicht um Gort bemüht, Platten von Roger Whittaker und Howard Carpendale auflegt. Ein Mann, der sein Bier und seine Zigaretten schätzt. Einer, der selbst nie geschrieben hat. Zumindest hat Gort es nicht gesehen. Merkwürdig eigentlich.

Ein junges Mädchen klettert aus dem Wohnmobil. Ein Körper wie aus Draht. Sehnig und gespannt. Die Nase wie ein Pfeil. Das Gesicht wie ein Katapult für eben diesen Pfeil.

Sie lächelt ihn an. Winkt. Gort hebt die Hand. Er hat bereits zu viele enttäuschte Liebschaften hinter sich gebracht. Er ist gerade mal achtzehn Jahre und ist bereits ausgebrannt. Im nächsten Jahr soll er auf eine Literaturakademie gehen.

“Hallo”, sagt sie.

Eine Stimme, wie die einer Göttin. Um ihr nicht zu verfallen, tritt Gort die Flucht an.

“Ich muss dann mal …!”, schreit er und stürmt auf und davon.

Er stürmt in einen Wald. Der deutsche Wald ist für seine Unwesen bekannt. Dort hausen Wölfe, Mädchen, alte Frauen.

Tiefer und tiefer dringt er ins Dickicht vor. Mit seinem Taschenmesser schlägt er sich eine Schneise.

Es wird Nacht. Längst hat er der Vater eine Suchmannschaft aus sich und seiner Frau zusammengestellt. Mit den Bluthunden eines Platznachbarn erkunden sie die Gegend.

“Er wird doch nicht in den Wald sein”, sagt die Mutter.

Vater überlegt. Es könnte sein. Warum nicht?

Gort hat inzwischen ein Haus erreicht. Es scheint aus Lebkuchen gemacht zu sein. Dank seiner literarischen Vorkenntnisse fällt er auf das Haus nicht herein. Er greift nach seinem Feuerzeug und zündet es an. Lebkuchen brennt schlecht.

Passiert das alles wirklich, fragt sich Gort, der meint, den Verstand zu verlieren.

Nein! Er schnellt nach oben. Alles war ein Traum. Er befindet sich bereits seit drei Tagen auf der Literaturakademie. Der Drill scheint ihm den Kopf vernebelt, mindestens aber beschädigt zu haben.

Er sieht sich um. Ein Zimmer wie aus einem Katalog für Zimmer. Eckig. Gort zählt nach. Alle vier Ecken sind vorhanden. Auch eine Decke und … Tatsächlich. Gort beugt sich aus dem Bett und berührt den Boden.

Um sich zu entspannen, um sich von dem Druck der nächtlichen Träume zu befreien, macht Gort den Fernseher an. Es läuft Der Literaturpreis ist heiß.

Langweilig, denkt Gort und zappt weiter, bis er bei Ein Autor für alle Fälle hängen bleibt. Super. Das ist seine Lieblingsserie. Der Held, ein abgehalfterter Autor, wird in jeder Folge in einen neuen verrückten Fall verwickelt. Dieses Mal geht es um eine Lyrikerin, die von einem Mitglied der berüchtigten Kritikerfamilie Falcone entführt wird, weil sie das Schutzgeld, das ihr gute Kritiken sichert, nicht zahlt. Moll, so heißt der abgehalfterte Autor, stöbert sie in einer Bar in einem Wohnwagen in Mexiko auf, in dem sie sitzt, geknebelt und gefesselt. Der reinste Horror für eine Lyrikerin ihres Kalibers.

Moll und sein schöner Freund, mit dem er seit Folge 2 was hat, befreien sie und töten den Kritiker mit mehreren Schüssen. Vielen Schüssen. So vielen Schüssen, dass man die letzten 20 Minuten dafür draufgehen.

Ja, so etwas würde Gort gerne schreiben. Actionromane, in denen Autos demoliert und in die Luft gejagt werden. Bücher mit schönen Frauen und einem Liebhaber, der sich dem Helden jederzeit und in jeder Lage hingibt.

Hier auf der Akademie bilden sie einen an allem aus, was man zum Schreiben braucht. Es geht ums Handwerk, also trainiert Gort täglich am Spitzer. Sie twittern. Und jeder Student muss ein Blog pflegen. Schreibt Gort einen Satz, der sich nicht in wilden Vergleichen ergeht, muss er über Nacht draußen bleiben und Liegestütze machen, auf dem Rücken die Werke von Adorno und Rattenthaler.

Am liebsten würde Gort hier liegen bleiben. Ein Leben lang. Ein Bettmensch werden. Warum da raus in diese kalte, böse Welt? Im Bett ist es warm und kuschelig. Ein Sommer. Das Bett verspricht einen ewigen Sommer.

Da! Das Wecksignal. Die Pfeife des Erwachens, wie sie von Professor Prompt genannt wird.

Jetzt aber schnell.

Gort lässt sich aus dem Bett fallen, eine alte Technik, die er von seinem Vater lernte.

“Willst du wach werden, schnell wach werden, wirf dich aus dem Bett!”

Aua! Das schmerzt. Gort ist so unglücklich gefallen, dass er sich unter die Dusche schleifen muss. Die Prozedur dauert stundenlang.

Längst ist Prompt aufgetaucht, um nach seinem besten Studenten zu sehen.

“Gort, Sie können es weit bringen. Aber wenn Sie ihre Beine zerstören, werden Sie beim nächsten WALK scheitern und bekommen kein Foto von mir.”

Das Wasser rieselt auf Gort hinab. Nur wenig, weil die Studenten an Schmutz gewöhnt werden sollen.

“Ihr werdet, bevor ihr eure ersten Preise gewinnt, Hartz V empfangen.” Hartz V ist eine besonders harte Form von Hartz. Sie ist den Schauspielern, Malern und Schriftstellern vorbehalten, die noch weniger als der Rest der Empfänger bekommen.

Gort tupft sich ab. Mit den Blättern aus Bestsellerromanen. Mit Blättern aus Romanen der Unterhaltungsindustrie. Die Kulturindustrie gilt als der große Feind.

“Wenn ihr die Leute unterhalten wollt, habt ihr hier nichts verloren!”, beginnt Prompt seine Unterrichtsstunden.

Gort beeilt sich. Er schlüpft in seine Uniform, bestehend aus Cordhemd, Cordjacke, Cordhose. Alles aus Cord. Außerdem klebt er sich einen Schnauzer auf die Oberlippe, den er jetzt anzubringen versucht. Das Ding will wieder mal nicht halten. Er versucht es mit Speichel. Hält nicht. Der Spezialkleber für Bärte ist aus. Und Gort hat kein Geld, um sich neuen zu kaufen.

Der letzte Pfiff ertönt. Er müsste längst draußen bei den anderen sein.

6.

Da stehen sie. In einer Reihe. Die zukünftige Preisträgerelite des Landes. Jeder zweite ein potentieller Büchner-Preisträger. Sie üben bereits an ihren zukünftigen Dankesreden.

Gewitterwolken grollen über ihren Köpfen.

Professor Prompt schreitet die Reihen ab. Sein Schrittfolge ist eine Offenbarung. Das denken alle seine Schützlinge.

“So müsst ihr laufen, wenn ihr den Nobelpreis bekommt”, sagt Prompt. Und dann schreit er: “An die Pfeifen!”

Sie greifen in die Innentasche ihre Cordjacke. Hinaus mit der Pfeife. Auseinandernehmen, reinigen, zusammensetzen. Füllen. Anzünden. Schmauchen. Das muss alles wie im Schlaf gehen.

“Fertig!”

Prompt hebt die Augenbrauen. Der Junge ist gut. Der wird es weit bringen.

“Woran schreiben Sie?”, fragt Prompt.

“An einem Holocaust-Roman!”

“Sehr gut!”

Gort schreibt an einem Holocaust-Roman, allerdings hat sein Manuskript noch zu viele unterhaltsame Stellen aufzuweisen. Er weiß selbst, dass das nicht geht. Keine lustigen Stellen in einem Buch über den Holocaust. Aber da ist etwas in Gort, dass ihn aufreibt, dass er nicht loswird, dieses unterhaltsame Potential, das ihn seit Jahren auch als Leser in die Hände drittklassiger Ware treibt, die er, nie würde er dies offen eingestehen, mag. Es geht sogar noch tiefer, er liebt diese Romane, in denen Cowboys, Indianer, Zombies und Raumschiffe vorkommen.

Auch beim Rauchen ist Gort der Beste. Er zieht den Rauch ein, hält ihn lange in seinen Lungen, und dies, obwohl er dabei sogar noch über den Stand der Gegenwartsliteratur nachdenkt.

Gerade neulich in einer Diskussion sagte Gort: “Die Gegenwartsliteratur … Was soll ich sagen? Wie soll ich es sagen? Sie ist so gegenwärtig. Aber sollte man wirklich stets und immer gegen alles sein, vor allem gegen das, was wartet? Warum ist der Gegenwartsroman gegen Frauen? Nur weil sie an einer Haltestelle stehen und warten? Ist das ein Verbrechen? Obwohl es, geht man auf das Wort ein, wohl mehr um Wärter geht. Sie ist eindeutig gegen Wärter. Warum? Was haben diese Leute getan, die es auch geben muss. Ich bin dafür, dass ein Fürwärterroman geschrieben wird. Oder ein Fürwartsroman. Im besten Fall schreibt man einen Neutralwartsroman. Das würde auch diese unselige Debatte über die Gegenwartsliteratur beenden. Endgültig und mit einem neuen Wort. In Zukunft sollte über den Zustand der Neutralwartsliteratur gestritten werden. Es wird gar keinen Streit geben. Eben weil sie sich so neutral verhält. Am Ende wird das sogar die Literatur selbst abschaffen.”

Professor Prompt trabt los. Hinter ihm seine Zöglinge. Prompt singt: “Ich will schreiben und das ist gut.” Die jungen Autoren wiederholen: “Ich will schreiben und das ist gut.” Und wieder Prompt: “Zum Schreiben braucht man echten Mut.” Und so geht es weiter und weiter, während sie das Akademiegelände umrunden. Der Professor gibt eine Zeile vor, die jungen Schriftsteller wiederholen sie.

7.

Gort wird besser und besser. Man kann ihn in den Nächten wecken und anschreien, Gort macht das nichts aus. Er rollt sich aus dem Bett an den Schreibtisch und feuert aus allen Rohren. Er schreibt seine Gedichte in den unmöglichsten Situationen. In Schützengräben, Waldstücken und unter Kritikerbeschuss.

Nach einer Weile werden sie in einer Halle untergebracht, um die Konkurrenz zu spüren. Sie sollen den Atem des Gegners im Nacken fühlen. Sollen wissen, dass da jemand ist, der mehr Bücher als sie verkaufen will.

Gort freundet sich mit Lambert an, der über seine Großeltern schreibt, die nichts getan haben. Ständig saßen sie herum und stierten Löcher in die Luft. Lambert will über die Langeweile schreiben, aber so, dass es nicht langweilig ist. Mit ihm streitet sich Gort oft über Sinn und Unsinn von Literatur.

“Es ist nicht wichtig, was du erzählst. Es geht darum, wie du es erzählst”, sagt Lambert und reicht eine Zigarette seiner Zigarettenkette.

Sie sitzen zusammen, trinken Bier und rauchen.

“Nein”, sagt Gort. “Es ist wichtig, was du erzählst.”

Lambert zuckt zusammen. Er merkt, dass in Gort etwas heranwächst, was mit den Zielen der Akademie unvereinbar ist.

Gemeinsam besuchen sie Bordelle und Lesungen. In Leipzig sehen sie Demenz Meyer, der einst die Akademie absolvierte. Demenz ist zu einem wichtigen Großautor geworden, ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse. Sie lauschen seinem Dialekt.

“Wahnsinn, wie er die Worte verschleiert. Wie er sie abdeckt. Ich habe fast nichts verstanden.”

“Nichts ist gut oder schlecht”, sagt Lambert. “Weil ich gar nichts verstanden habe. Rein gar nichts. Ein großer Vorleser, der sich mit seiner Art des Vortrags unangreifbar macht.”

Sie lassen sich ihre Ausgaben vom Demenz signieren, geben sich aber nicht zu erkennen. Zu groß die Angst, der Respekt. Sie stehen vor einem, der das Ziel eines Rennens, an dessen Start sie gerade stehen, bereits erreicht hat.

“Hast du seine Brille gesehen? Diese Mischung aus Grünbein und Elstner. Wahnsinnig schön!”

Lambert und Gort trampen in Literaturakademie zurück. Noch wenige Wochen, dann werden sie ihre Abschlusskurzgeschichte abgeben müssen. Gort hat eine über Zombies in Seenot geschrieben. Sie wird nicht gut angekommen. Thema verfehlt. Gort kann es lesen. In seinem Inneren. Schließt er die Augen, weiß er, dass er versagt hat.

8.

Gort, inzwischen ein Meister des Alkohols, taumelt ins Vorzimmer von Professor Prompt. Seine Sekretärin schreckt aus ihrem Traum auf, in dem Prompt sie vor den Traualtar führte. Die Sekretärin, eine ehemalige Lyrikerin, liebt ihn seit sie selbst die Akademie besuchte.

Sie klopft die Asche von ihrer Zigarette und fragt: “Sind Sie Gort?”

Gort nickt, sucht nach dem Mülleimer, findet ihn und übergibt sich.

“Ich merke schon”, sagt die Sekretärin, “da will sich einer in die höchste Liga trinken.”

Nein! So ist es nicht. Sie weiß nichts. Gar nichts. Gort trinkt, weil er unglücklich ist. Wirklich unglücklich, nicht in einem gespielten literarischen Sinne unglücklich. Und deshalb will er auch so kurz vor den Prüfungen Professor Prompt sprechen.

Die Sekretärin führt ihn ins Büro und hilft ihm beim Hinsetzen.

Prompt steht am Fenster und sinnt. Er sucht nach den richtigen Worten für einen Satz in seinem neuen Roman über einen einsamen Schweizer, der in den Bergen sein Gedächtnis verliert. Auf sich gestellt muss er wieder zur Sprache finden.

“Das wird ein großes Sprachkunstwerk”, hatte Prompt seiner Frau erklärt. “Es könnte der Roman schlechthin werden. Der Roman aller Romane. Der Ur-Roman. Der Roman, nach dem die Alchemisten aller Zeiten gefahndet haben. Ein Roman, der sich seine eigene Sprache erfindet, weil sein Protagonist eine völlig neue Sprache hervorbringt. Hör zu: Klarswust, dachte Bille. Walspurgsnust. Noch verstand er sich selbst nicht. Aber er wurde sich allmählich bewusst, was es bedeuten könnte, wäre er nur in der Lage es mit Sinn zu füllen.” Strahlend hatte Prompt es vorgetragen. Seine Frau, die leise schnarchte, war hochgeschreckt und hatte gerufen: “Großartig. Mindestens der Büchner-Preis. Mindestens.” Dann war sie erschöpft wieder in sich zusammengesunken. Es war nicht leicht, mit einem Schriftsteller verheiratet zu sein. Nicht leicht …

Gort räuspert sich.

Prompt zuckt zusammen. Das Traumgehäuse mutiert im einströmenden Sonnenlicht zu kleinen tanzenden Staubflusen.

“Ah, einer meiner besten Studenten. Gort, ja, Mann, wenn Sie erlauben, dass ich Sie so salopp anspreche, Sie werden es weit bringen. Weiter als ihr alter trauriger Professor, der noch immer verzweifelt davon träumt, ein Sprachkunstwerk zu schaffen, das bleiben wird. Darum geht es doch. Dass wir etwas von bleibendem Wert schaffen. Etwas, das vor der Ewigkeit bestehen kann, nicht wahr Gort?”

Gort, nervös, hat neben einer seiner Kettenzigaretten noch seine Pfeife angezündet, nicht die Pfeife, selbst in den Gedanken, die er sich macht, stolpert Gort über seine sprachlichen Ungenauigkeiten. Er hat sich den Tabak angezündet. Der kleine Ballen glimmt, Gort zieht an der Pfeife und saugt den Rauch in seinen Mund, ihn durchwühlend und kauend, bevor er ihn ins Arbeitszimmer Prompts stoßweise entlässt.

“Es geht mir um meine sprachlichen Ungenauigkeiten”, sagt Gort. “Sehen Sie, Professor, eben erst dachte ich, dass ich meine Pfeife anzünde, was so nicht stimmt. Ach ja, die Sprache kann so viel mehr sein. Sie kann uns träumen …” Gort unterbricht sich und lässt seinen Blick schweifen, während er darüber nachdenkt, dass er seinen Blick schweifen lässt. Den Blick schweifen lassen. Ein abgeschmacktes Bild. Schon so oft benutzt, dass es jeglichen Geschmack verloren hat.

“Ich werde die Akademie verlassen!” Jetzt ist es raus. Gort hält die Luft an.

Prompt meint, sich verhört zu haben. Einer seiner besten Studenten.

Niemals!

“Warum würden Sie das tun wollen? So kurz vor dem Ende. So kurz vor der Abschlussarbeit.”

“Weil ich nicht der bin, den Sie in mir sehen. Ich stecke voller sprachliche Ungereimtheiten. Aus Chaos. Ich will Unterhaltungsromane schreiben. Ich will die Unterhaltung neu definieren. Und … ich will Leser erreichen. Viele. Wenn möglich, sogar ein Millionenpublikum.”

Prompt muss an sich halten, um sich nicht einem Husten hinzugeben.

“Sehen Sie sich um, Gort, sehen Sie genau hin, die Porträts von Thomas Mann und Goethe an den Wänden. Wollen Sie diesen Männern nicht folgen.”

Gort schüttelt traurig den Kopf.

“Nein, das möchte ich nicht. Schlimmer noch, ich finde sie langweilig. Ich will das Leben leichter machen. Will ein schreibender Clown werden.”

“Ein Clown. So etwas würde Ihnen der Betrieb niemals durchgehen lassen. Denken Sie an Ihre Eltern. Ihr armer Vater, er wird einen Herzinfarkt erleiden. Er wird einen Schlaganfall bekommen. Schlimmeres.”

“Weil ich weiß, wie sehr ich allen damit schade, will ich ja gehen. Diesen Weg kann ich nur alleine gehen. Am besten unter Pseudonym.”

9.

Gort hat die Akademie tatsächlich verlassen. Er wohnt inzwischen in Köln und nennt sich Tom Reis.

Um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, schreibt er fürs Fernsehen. Die Texte werden ihm aus der Hand gerissen. Niemand weiß von seiner Vergangenheit als ernsthafter Literat. Das würde alles gefährden. Es könnte alles zerstören.

Er schreibt an seinem ersten Comedy-Roman über die Nöte eines Dreißigjährigen in Köln. Lauter flache Witze. Er weiß, er muss erst mal Fuß fassen. Sein Buch muss ein Erfolg werden.

Seine Eltern haben ihn besucht. Sein Vater hat kaum mit ihm geredet.

Er lässt sich auf seine Beziehung mit einer Komparsin ein. Sie ist die ideale Partnerin. Sie spielt die meiste Zeit Leichen in Krimivorabendserien. Sie lebt, was sie arbeitet. Niemand liegt so gekonnt und abwesend herum. Gort-Tom nennt sie: “Meine schöne Leiche.” Gespräche sind der schönen Leiche ein Graus. Sie will herumliegen. Gort-Tom lässt sie.

Ein Brief von Prompt trifft ein, den Gort-Tom lange in der Hand hält. Sollte er ihn lesen? Besser nicht. Er wirft ihn bei Morgengrauen in einen Kanalschacht. Streicht sich eine Träne aus dem Gesicht.

Gort-Tom zweifelt. Ja, das tut er. Manchmal liest er heimlich das Feuilleton im Internet. Er wird zum Perlentauchersüchtigen. Die wichtigen Romane, wenn auch kaum mit Verkäufen gesegnet, werden vielleicht bleiben. Er dagegen wird ein Wind sein, der durch das Zimmer jagt. Ein Wind, der nach seinem Verschwinden von anderen Winden abgelöst werden wird. Ein Wind, der verschwindet.

Täglich sitzt er am Computer und schreibt. Von acht Uhr am Morgen bis siebzehn Uhr am Abend. Er wird zu einem Werktätigen des Schreibens. Die Sätze werden geschliffen, bis der Kern von ihnen bleibt. Die Leser wollen nicht überfordert werden. Er denkt hauptsächlich noch als Konsument.

Schließlich beendet er seinen ersten Roman nach drei Wochen harter Arbeit. Nebenher die Dialoge fürs Fernsehen.

Die schöne Leiche hat seinen Heiratsantrag angenommen. Er vermutet es. Sicher sein kann man sich bei ihr nie. Sie, die Rätselhafte, hat auf dem Bett gelegen und in die Luft gestarrt.

“Willst du?”

Die Leiche starrte in die Luft.

“Ja?”

In die Luft.

“Ich deute es mal als ein Ja, ja?”

In die Luft.

“Gut!”

10.

Zehn Jahre später. Tom Reis ist der KING OF COMEDY. Die Nummer Eins unter den Bestsellerautoren. Die schöne Leiche hat ihm sieben schweigende Kinder geboren. Seine Familie liegt die meiste Zeit über in ihren Betten. Die Kinder wollen alle ins Filmgeschäft. Als Leichen.

Reis hat sich eine Geliebte zugelegt.

Reis absolviert 360 Lesungen im Jahr. Er ist reich, unglücklich und auf dem Höhepunkt seines Schriftstellerdaseins, als er im Fernsehen einen Bericht über die Gruppe 47 sieht.

Tränen stehlen sich in seine Augen. Er, der längst nicht mehr raucht, der Tee trinkt, erinnert sich voller Wehmut daran, was er hatte werden wollen.

Alle hat er enttäuscht. Seine Mutter, seinen Vater, sich. Sich nicht! Oder doch?

Die Tränen laufen hemmungslos. Sie brechen aus ihm heraus, als wäre er eine Wolke. Er regnet in sein Wohnzimmer. Für Momente wünscht er sich, so weinen zu können, dass alles in seinen Tränen ersäuft. Eine Sintflut aus Tränen.

“Tom!”

Reis kann es zunächst nicht glauben. Seine Frau hat ihn angesprochen. Die Leiche kann reden. Unmöglich. Ein Wunder muss geschehen sein.

“Tom!”

Er wischt sich die Nässe aus dem Gesicht. Wie ein Schleier kleben die Tränen auf seinen Augäpfeln.

“Ja?”, sagt Reis. Er blickt sie hoffnungsfroh an. Das ist ein Zeichen. Eindeutig ein Zeichen.

“Könntest du woanders weinen?”, fragt sie.

“Wo … an …”, stottert Reis.

Hängenden Kopfes stemmt sich Reis aus seinem Schreibtischstuhl nach oben. Morgen wird er wieder los müssen. Seine Frau, die Kinder und die Geliebte lieben ihn nicht.

Er hat sein Leben in den Sand gesetzt. Hat alles falsch gemacht. Er ist ein erfolgreicher Loser. Einer von vielen.

Reis trottet ins Kinderzimmer und öffnet das Fenster, um zu springen.

Umständlich müht er sich aufs Fensterbrett und blickt in die Ferne. Die Stadt liegt wie ein elektrischer Sternenhimmel vor ihm.

Reis erinnert sich an ein Gespräch mit Professor Prompt.

“Was machen Schriftsteller, mein Junge?”

“Sie schreiben.”

“Nein, Gort, das kommt nachher. Sie träumen. Sie erfinden. Sie spielen ein Stück, das aus ihnen wächst. Sie improvisieren.”

Reis, der seinen Namen innerlich abschüttelt, steigt vom Fensterbrett.

Ich muss mich erfinden, denkt Gort. Ich werde improvisieren. Kein Zwang mehr, sondern ein Leben im Spiel. Ich werde die schöne Leiche und die schönen Leichenkinder verlassen, um mein Leben zu spielen.

Und ich werde NUR noch schreiben, wenn es im Spiel geschieht.

Diese großen Gedanken verwirren Gort. Er macht einen ausladenden Schritt und erwischt aus Versehen mit dem rechten Fuß das Skateboard.

Wie ein Artist überschlägt er sich und landet auf dem Rücken, nicht ohne sich vorher den Kopf am Schreibtisch gestoßen zu haben.

Gort ist augenblicklich tot.

Auf der Suche …

Wie man hört (man muss sich nur flach auf den Boden legen und das Ohr so lange gegen die Dielenbretter pressen, bis es rot ist und schmerzt), ist es möglich, mit Stammtischen Geld zu verdienen, so dem Stammtisch der Stammtischgruppe Fulda/Ziehers Süd, die ihr Stammtischgebrabbel jedem ernsthaft interessierten ehemaligen Bestsellerautor anbieten, der bereit ist, ihnen sein Gehör zu schenken.

“Es wird Zeit, dass unsere frauenfeindlichen, schwulenfeindlichen, ausländerfeindlichen, sorgsam gehegt und gepflegten Statements endlich Eingang in den Kanon der Sachbuchliteratur finden”, erklärte der Stammtischsprecher Peter Müller nach seinem achtundachtzigsten Bier. “Jetzt suchen wir nach einem facebooksüchtigen, deutschnational gesinnten Überzeugungstäter mit Migrationshintergrund, damit unsere Thesen nicht zu schnell unter den Stammtisch gekehrt werden. Bewerbungen mit einem Facebookprofil sowie einer vorzuzeigenden Kanone, mit der man auf Spatzen schießen könne, seien jederzeit erwünscht. Der zukünftige potentielle Hassprediger müsse sich aber beeilen, schließlich sei der Markt allmählich “abgehasst”.

Bewerbungen mit aussagekräftigem Fahndungsfoto bitte an den Stammtisch “Zum lustigen Führer”, Kiosk Heiler in Fulda/Ziehers Süd. Man dankt.

Feldbibliothekar Nudelhuber

Der Soldat wollte gerade anlegen, da erschien neben ihm die Gestalt des Feldbibliothekars Alfred Nudelhuber.
“Was wollen Sie, Nudelhuber?”
“Ich hätte hier eine wunderbare Ausgabe von Goethes Gedichten.”
“Sie sehen doch, dass wir uns mitten in einem Gefecht befinden.”
“Die Gedichte könnten Ihnen eine kommende Waffenruhe versüßen.”
Eine Kugel streifte des Soldaten Schulter. “Ich bin getroffen”, ächzte er und fiel nach hinten in den Schlamm.
“Vielleicht jetzt?”, fragte Nudelhuber, der sich über ihn beugte. “Ich müsste Ihnen allerdings einen Leihausweis ausstellen, sollten Sie über einen solchen noch nicht verfügen.”

Aus “Feldbibliothekar Nudelhuber”, Roman, vergriffen

Sherlock Holmes

Eines Tages sagte Holmes: “Es regnet!”
“Wie kommen Sie darauf?”
Er zeigte auf die Scheibe, auf die Tropfen, die sich an sie klammerten, dahinter eine Welt, auf die Regenfäden niedergingen.
Seine logischen Rückschlüsse überraschten mich immer wieder.

Aus “Sherlock Holmes und das Rätsel der dunklen Wolken”, Roman

Holmes liebte Ostern. Er liebte es, in seinem Sessel zu sitzen, um von dort all die Eier, die ich erst noch verstecken würde, durch reines Nachdenken aufzuspüren.
“In der chinesischen Vase befindet sich ein grünes Ei”, sagte Holmes und lächelte mich überlegen an.
Ich stand auf, ließ das Ei aus meinem Ärmel in die Vase gleiten, um es im nächsten Moment hervorzuzaubern.
“Fast! Es ist gelb”, sagte ich. “Wie machen Sie das nur, Holmes?”
Holmes lehnte sich zurück, schien aber auch ein wenig enttäuscht, immerhin hatte sich sein unbestechlicher Geist in der Farbe des Eis geirrt.
“Die nächsten Eier”, überlegte er, “befinden sich zwischen den Sofakissen. Ein rotes und ein blaues.”
Ich stand auf, um ihn seine Eier finden zu lassen, auch wenn die Farben wieder nicht zutreffen würden. Zumindest war Holmes zufrieden, und mir rettete es den Tag, der nicht von seiner schlechten Laune zerschossen wurde.

Aus “Sherlock Holmes und die Osterhasenbande”, Roman

Und mit mir kamen die Tränen – Supergedichte I

tränen

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Loch mit Kopf

Eine kopflose Geschichte

Winzer ist ein Kaffeetrinker. Ein Kaffeesäufer der schlimmsten Sorte. Er ist auch ein Krimiautor. Ein erfolgloser. Er sitzt in seiner Wohnung und bekommt Hartz IV. Und das ihm, der den Nobelpreis bekommen müsste.

“Ach, das Leben ist hart.”

Kaffee hat er auch keinen mehr. Das Geld ist alle. NADA. NOTHING. Geld ist aus. Hartz IV. Das hört sich für die Leute gut an. Rumsitzen und kassieren. Unsinn! Papperlapapp.

Und jetzt? Jetzt muss Winzer wieder los. Er zieht sich seine schwarzen Klamotten an. Ninja-Style. Nimmt sein Küchenmesser und zieht los, um sich die Taschen zu füllen. Sein illegaler Nebenerwerb: Mord- und Totschlag.

Um den Nachbar vorzugaukeln, er habe die Wohnung nicht verlassen, seilt er sich ab. Direkt vom Balkongeländer. Mit seinem Betttuch. Er wohnt im Erdgeschoss. Keine wirkliche Mutprobe.

Unten sondiert er das Gebiet. Auf dem Spielplatz treiben sich ein paar Kids herum. Die haben meistens Geld, das sie anderen Kids in der Schule abnehmen. Schutzgelder. Drogengelder. Er tut was Gutes, wenn er sie abzieht.

Er macht eine Rolle vorwärts und landet im Gebüsch neben dem Spielplatz. Mit einem HA! springt er hervor. Sie sind nicht überrascht. OH NEIN! Sie sind nicht mal ansatzweise verängstigt.

“Ich will euer Geld!”, fordert Winzer.

Sie hören etwas von Silo. Silo ist ein bekannter Rapper aus der Gegend, der es ins Rampenlicht geschafft hat. Einer, der aus dem Ghetto an die Spitze der Albumcharts katapultierte wurde. Die Kids ziehen ihre Waffen. Jeder von ihnen hat eine Waffe. Selbst die ganz Kleinen. Sie halten ihm ihre Schießeisen unter die Nasen und fordern die Klamotten und das Messer.  Winzer kann es nicht fassen. Nicht glauben. Und das ihm. Alles läuft schief.

ALLES!

Er zieht sich zähneknirschend aus und übergibt das Messer. Die Kids lassen Gnade vor Recht ergehen und erklären ihn zu ihrem Gefangenen. Sie sagen ihm, wer sie sind. Die KIDS DES TODES. Sie haben das Viertel im Griff. Normalerweise müsste er jetzt sterben. Aber sie seien heute gut drauf, erklären sie. Er dürfe überleben. Was er so mache und so?

Krimiautor, sagt Winzer.

Sie lachen sich über die Antwort kaputt. Sie schütteln sich. Wiegen sich wie kleine Apfelbäumchen im Wind. Ein Künstler also. Solche gebe es hier im Viertel nur. Alles Schriftsteller, Maler, Models.

Sie könnten einen Hofnarr gebrauchen. Einen Diener.

Winter meint, er könne nicht. Er habe noch was vor. Später käme FRAUENRAUSCH im Fernsehen. Und DEUTSCHLAND SUCHT DEN SUPERDEPP. Da könne er nichts verpassen. Das würde man ihm als Bildungslücke auslegen, sagt Winzer und schiebt seinen nackten Arsch langsam nach hinten.

Er solle bleiben, wo er ist.

Die KIDS DES TODES beratschlagen, schließlich schieben sie ihn vor sich her.

Da rüber!

Wohin?

Die KIDS DES TODES haben eine Höhle gegraben. Unterirdisch. Alles sehr eng. Feucht. Man kommt kaum rein.

“So wünscht du es dir doch”, lacht eine, die die anderen Lady C nennen. Alles besser als Chantale, wie sie wirklich heißt.

Winzer muss sich in das Loch zwängen. Er bekommt kaum Luft. Sie schmieren ihn mit Vaseline ein. Zwängen und ächzen, bis er schließlich feststeckt. Winzer bekommt Atemnot. Panik. Überall sind Würmer. Er kann nichts sehen. Hier kann man nicht leben. Zurück! Er strampelt, bis sein Kopf wieder aus dem Loch guckt.

“Das geht nicht”, sagt er.

Die KIDS DES TODES sind schon lange fort. Sie haben die Höhle aufgegeben. Die Lust haben sie auch verloren. Soll der doch in dem Loch bleiben.

Und Winzer bleibt. Das Unglaubliche geschieht. Niemand befreit ihn. Er bettelt. Fleht, aber niemand will ihm aus dem Loch helfen.

Besser so, denken die Leute im Viertel. Jetzt haben wir eine Attraktion.

Die Besucher kommen von nah und fern. Aus Japan. Sogar welche aus Sylt. In diesem Viertel, sagen sie, da wächst einer aus dem Boden.

Gierig umringen ihn die Touristen. Die KIDS DES TODES kassieren die Eintrittsgelder. Acht Euro die Karte. Das geht doch. Was stellt ihr euch so an? Nur acht Euro und ihr könnt den Mann bewundern, der aus dem Boden wächst. Nicht mehr lange, so kündigen die KIDS DES TODES an, dann wird er geerntet.

“Geerntet?”, fragt ein Journalist entsetzt.

“Klar”, sagt Lady C. “Kopf schmeckt besonders gut, wenn man ihn im Schnellkochtopf zubereitet.”

Die Politik schaltet sich ein. So ginge das nicht. Man müsse ein Kommission einsetzen, die überprüfen müsse, um es sich um ein Gewächs oder einen Menschen handelt, erst danach könne man entscheiden.

Winzer weiß von dem all nichts. Er fühlt sich wohler denn je. Er ist ein Star. Wenn er jetzt einen Krimi veröffentlichen würde, er würde sich wie verrückt verkaufen. Ein Hit, ein Bestseller, geschrieben von dem Mann, der aus der Erde wächst. Dem Baummenschen. Dem Strauchlebewesen. Der Kartoffelnase.

Nach ein paar Wochen verliebt sich Winzer sogar in eine kleine Frau aus dem Nachbarviertel, die ihn täglich mit Marzipan füttert. Er ahnt nicht, dass sie ihn füttert, weil sie zu denen gehört, die ihn später, wenn er geerntet wurde, essen will.

Wie so ein Kopf wohl schmeckt?, fragt sie sich.

Es gibt aber auch Kräfte, die ihn befreien wollen. Menschen, die sich für die Rechte von Köpfen einsetzen. Und eines Nachts kommen sie, um ihn zu befreien. Sie fahren schweres Gerät auf. In einem Schubkarren: Hacken und Schaufeln. Winzer bekommt zunächst nichts mit, so fest schläft er. Ihm träumte gerade von einem Fußballfeld. In der Mitte statt eines Balles sein Kopf. Anpfiff. Einer der Spieler stürmt auf ihn zu, holt aus, tritt zu und …

Winzer erwacht. Was ist denn hier los. Schweiß, Nacht, Erde. Bitte sehr, ich erwarte eine Erklärung.

Nichts da. Die Befreiungsorganisation FREIE KÖPFE hat keine Zeit, sich auf Diskussionen mit ihrem Zielobjekt einzulassen. Später kann man reden. Später auf der DÜSSELDORF, dem größten Ökoaktivistenkahn der Menschheitsgeschichte. Die DÜSSELDORF hat schon alle Meere der Welt befahren. Man hat Delphine, Wale, Seesterne, Rochen gerettet. Sie alle konnten sich nicht äußern, ob sie überhaupt gerettet werden wollten. Dieses Mal ist es anders. Winzer wird sich äußern können. Er wird seinen Dank direkt in die Kameras hauchen können. Die Kameras, die alles einfangen werden. Jede kleinste Regung. Jede Träne.

Die KIDS DES TODES werden außer sich sein. Sie werden toben. Wie konnte man ihnen ihren Kopf entführen, wo er schon für viel Geld an Gourmets aus aller Welt verkauft war.

Sogar Jaques Pepin wollte kommen. Pepin, der 1976 siebzehn Meerjungfrauen, eingelegt in Meerwasser, angelegt an Flußkrebse, verspeiste. Pepin gilt als Sinnbild des französischen Gourmets, der sich nicht auf Kartoffeln oder Brot stürzt, sondern dem gerade das Beste gut genug ist. Wie damals, als er Rasenstücke in Salbeisoße aß, nicht irgendwelche Rasenstücke, sondern Rasenstücke aus dem Rasen des amerikanischen Präsidenten. Frisch aus der Wiese vor dem Weißen Haus geschnitten und nur wenige Meter entfernt zubereitet. Pepin verputzte ganze siebzehn Quadratmeter. Die Presse jubelte, während Pepin die Schusswunde versorgen ließ, die der SECRET SERVICE ihm als Dessert verpasst hatte.

Winzer lässt seinen Blick schweifen. Verzweiflung in den Augen. Die Wachen, die die KIDS DES TODES aufgestellt hatten, enthauptet.

“Wie konntet ihr das tun?”, schreit Winzer.

“Für die Sache der Freiheit”, sagt die Bordgynäkologin Dr. Reifenbach.

“Ihr Monster!”

“Nein, wir sind keine Monster. Das sind die Monster. Man hat sie ausgestellt. Und in wenigen Tagen wollte man sie ernten und verspeisen.”

Unsinn. Was reden die da?

Die Organisation FREIE KÖPFE hat ihn ausgegraben.

“Stehen Sie auf”, sagt Doktor Reifenbach.

Winzer versucht es. Er versucht es wirklich. Er kann es nicht. Spürt weder in den Händen noch Füßen etwas.

“Der Rollstuhl!”

Der Ruf nach einem Rollstuhl wird weitergetragen. Von Mund zu Mund wird er getragen.

“Was ist mit mir?”, fragt Winzer.

“Alles abgestorben”, antwortet Reifenbach. “Wir werden Ihnen den Kopf abnehmen müssen und ihn an ein Computersystem anschließen müssen. Ein kompliziertes Verfahren, wie man es aus FUTURAMA kennt. Ihr Kopf wird unter einer Glasglocke landen.”

Man hebt Winzer in den Rollstuhl, der nicht glauben kann, was er eben gehört hat.

“Sie meinen, so wie in der Zeichentrickserie?”

“Unsere besten Erfindungen stammen aus Zeichentrickfilmen.”

“Und haben sie das schon mal gemacht.”

Frauen und Männer in Ärztekitteln stehen um ihn herum.

“Was hat er gefragt?”

“Er will wissen, ob wir schon mal einen Kopf entfernt haben.”

Gekicher. Dann schieben sie ihn rasch zum LKW KÖLN, dem größten Ökoaktivistenlastkraftwagen der Welt.

Die DÜSSELDORF hebt und senkt sich. Stürmische See. Meterhohe Wellen. Die DÜSSELDORF wird seit Wochen von einem Boot der KIDS DES TODES verfolgt, die die Herausgabe ihres zu früh geernteten Kopfes fordern.

Winzers Kopf wurde abgetrennt, um ihn zu retten. Er wurde an einen Computer angeschlossen.

“Ich starre seit Tagen auf dieses Bild eines Schiffes in Seenot”, beschwert Winzer sich.

Elvira Reifenbach kann es nicht mehr hören. Winzer geht ihr bereits jetzt unsagbar auf die Nerven. Auf die Nerven, die Nerven, und das SOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO unsagbar. Nerven, Nerven. Sie zwinkert nervös mit dem linken Auge.

“Meine Stirn juckt!”, schreit Winzer. “Ich will sie gekratzt bekommen.”

Die Gynäkologin beugt sich zu dem Kopf. “In der Erde dort in Ihrem Viertel, da haben Sie sich doch auch nicht dauernd beschwert.”

“Dort war ich ein verfluchter Star”, sagt Winzer. “Hier stehe ich in einer Kajüte rum. Ich werde nur manchmal vom Kapitän geholt, um ihm bei seinem Sex zuzusehen.”

“Das streitet der Kapitän ab!”

“Er treibt es mit einem Loch im Schrank.”

Dr. Reifenbach will das nicht hören. Sie ist hier, um sich für die Rechte bedrohter Arten einzusetzen. Für das Gute. Da kann sie es gar nicht gebrauchen, wenn das Befreite ständig meckert.

“So können wir ihn nicht der Presse vorführen”, sagt Elvira später beim Abendessen.

Sie blinzelt dem Bordmacho Don Lillo zu, der sich nachher in ihrem Bett einzufinden hat. Sie will sich ablenken. Will den Kopf vom Kopf frei bekommen.

“Und was machen wir mit ihm?”

Die entscheidende Frage, auf die momentan niemand eine Antwort hat.

Wochen, Monate. Der Kopf wird von Hand zu Hand gereicht. Er will sich nicht vor der Presse bedanken. Man droht ihm damit, ihn abzunabeln. Raus mit den Kabeln. Offline. Es fruchtet nicht. Winzer will, dass man ihn in seine Wohnung zurückbringt, am liebsten ins Loch. Dort gehört er hin. Dort war er wer.

DAS GEWÄCHS!

Elvira Reifenbach spricht mit Engelszungen auf ihn ein. Sie redet sich die Zunge wund. Leckt aufreizend über das Glas. Verspricht, dass er sie mit der Zunge befriedigen darf, wenn er aller Welt erzählt, was für großartige Freiheitskämpfer ihn da vor, sie muss nachzählen, drei Jahren befreit haben.

Drei Jahre? Winzer schluckt. Er hat die Faxen dicke. Er spuckt, obwohl er gar keine Spucke mehr hat. Ich denke, als bin ich. Nach dem Prinzip funktioniert er. Oder das, was von ihm übrig ist.

In einer stillen Nacht auf dem offenen Meer, kommt es über ihn. Er beginnt hemmungslos zu weinen, bis er Geräusche hört. Seine Lider zucken. Schüsse sind zu hören. Bomben detonieren. Schließlich wird seine Tür in die Kajüte gepustet. Haarscharf an seinem Kopf vorbei.

Die KIDS DES TODES stürmen hinein, mitten unter ihnen Jaques Pepin, der eine Latz trägt. In seinen Händen Messer und Gabel.

“Da seid ihr ja endlich”, schreit Winzer begeistert.

Die KIDS DES TODES rappen etwas von Silo, bevor sie ihn in einen Sack stopfen.

Und ab!

Wo bin ich? Teller. Besteck. Kerzenständer. Oh, das ist aber ein fein gedeckter Tisch. Und alle sind sie da. Die KIDS DES TODES. Und der Mann mit dem Latz. Auch die Frau, die mich gefüttert hat. Meine große Liebe. Warum kann ich nicht reden? Ach, wegen des Apfels in meinem Mund. Tut gar nicht weh. Ich kann mich sogar aus meinem Kopf befreien. Da! Ich schwebe über dem Tisch. Dort unten bin ich. Allen läuft das Wasser im Mund zusammen. Hm, ich sehe verflucht lecker aus. Ja, was machen sie denn jetzt? Sie schneiden mich an. Mein Ohr. Nicht schlimm. Ich empfinde keinen Hass. Da ist so viel Liebe. Und wenn sie mich unbedingt essen wollen, dann sollen sie das tun. Ich werde jetzt auf diese Licht dort drüben zufliegen, ja, weiter, hin zum Licht. Und rein ins Licht und …

Lars Antichrist

Lars will es. Unbedingt. Er will die Erde unterjochen. Will sie bluten sehen. Er will der Antichrist sein. Nicht irgendein Antichrist, sondern der Antichrist schlechthin. Das muss doch möglich sein. Berufswünsche sind dazu da, um sie sich zu erfüllen – wenn möglich. Heinz, sein dämlich grinsender atheistischer Schulfreund, hat ihm erzählt, es gebe keinen Gott, und somit auch keine Hölle – und keinen Teufel. Unsinn! Für diese Frechheit hat ihm Lars die Zähne ausgeschlagen. Nicht einen, nicht zwei, sondern alle siebzehn, die Heinz noch im Mund hatte. Und dann hat er ihn noch gewarnt, ja nichts zu verraten, sonst seien seine Eltern und seine Schwestern auch noch dran. Das Böse schläft nie, sagte Lars. Es bekommt alles mit.

Lars geht danach nach Hause, ein Zuhause, dass ständig auf Achse ist, weil seine Eltern im Bankräubergewerbe sind. Bankräuber. Das ist ein guter und ehrlicher Beruf, sagt sein Vater und hebt den kleinen Lars auf den Arm. Wenn du mal groß bist, wirst du auch Bankräuber. Gut und ehrlich sind Worte, die Lars krank machen. Lars schüttelt innerlich den Kopf. Aber jetzt nicht auffallen. Nur nicht auffallen. Wenn die Zeit gekommen ist, wird er sich Aleister nennen und eine Menge Kinder dem Fürsten der Finsternis opfern.

Die Eltern packen den kleinen Lars in seinen Kinderzimmerkäfig und schleppen ihn nach unten. Hinein in den LKW. Und ab geht es zum nächsten Wohnort.  Unterwegs, weil es sich anbietet, überfallen sie gleich noch drei Banken. Läuft alles gut. Bis auf die vier Toten. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Sagt der Vater. Und der muss es schließlich wissen, sonst wäre er kein Vater geworden.

Lars malt derweil umgedrehte Kreuze in seinen Sabber. Das ist eine Unart von ihm, überall malt er diese umgedrehten Kreuze hin. Als sie mal bei Oma waren, hatte er sich einen Stift genommen. Die ganze Wohnung hatte er mit den Kreuzen verziert. Als Oma ihn auf sein ungezogenes Verhalten ansprach, verstellte er seine Stimme und krächzte: “Hier spricht Satan, du Hure. Du wirst bald verrecken. Und dann wirst du hier unten bei uns Schwänze schlecken.” Die Oma riss die Augen auf, stammelte etwas von “Unglaublich!” und “Was?” und verstarb an Ort und Stelle. Lars bekreuzigte sich umgekehrt, gedachte des großen Aleister Crowley und buchte Oma als Opfer an den Fürsten ab. Dann bekam er Hunger, weil er sich aber noch nichts alleine zubereiten konnte, musste er warten, bis seine Eltern die Leiche fanden.

Die neue Wohngegend ist schrecklich. Lars hasst sie. Teufel, wie er sie hasst. Lauter Einfamilienhäuser. Frauen, die früh aufstehen und grüßen. Ein grünes Haus, ein gelbes, ein rotes, ein pinkfarbenes. Die ersten Tage ist Lars krank. Er übergibt sich. Wie seine Lieblingsschauspielerin Linda Blair in seinem Lieblingsfilm “Der Exorzist”. Um ihn zu beruhigen, legen die Eltern die DVD ein. Sein Blick verzerrt sich. Ein diabolisches Grinsen umspielt seinen Mund. Es geht ihm Szene für Szene besser. Um sich von den Strapazen der Krankheit zu erholen, streunt er durch die Gegend. Er entführt, foltert und tötet diverse Katzen.

Man müsste hier ein Massaker anrichten, tagträumt Lars, als ihm ein Junge mit einem seligen Gesichtsausdruck entgegentritt. Der Junge heißt Waldemar und ist ein Christenkind. Ein Anhänger Gottes.

“Oh, bist du neu hier?”, fragt Waldemar und meint, Schwefelgeruch wahrzunehmen.

“Fick dich!”, grunzt Lars.

Hm, überlegt Waldemar, als ein Christenmensch sollte ich gehorchen. Ich will diesen jungen Mann ja glücklich machen. Aber wie soll ich das machen? Mich selber ficken? Geht das überhaupt?

“Hör zu, mein Bruder”, sagt Waldemar. “Gern will ich dir deinen Wunsch erfüllen, aber lass uns zuvor beten!”

Lars beschließt, das Spiel, alle Dämonen mögen ihm verzeihen, mitzuspielen, nur um zu sehen, was passiert. Waldemar fällt mit einem “Auaschönistdas” auf die Knie und betet das Vater-unser. Lars bewegt die Lippen. Die Sekunden des Gebets sind der reinste Himmel für ihn. Es ist schön. Beinahe muss er sich wieder übergeben.

“Und jetzt fick dich!”

Waldemar wird rot im Gesicht. Versprochen ist versprochen. Und der Herrgott sieht alles. Aber Unzucht, auch mit sich selbst, ist eine Sünde. Er könnte sich umbringen. Auch das eine weitere Sünde. Er steckt in einer echten Klemme.

“Und wenn ich es nicht kann?”, fragt Waldemar.

“Dann würde ich dich als einen unfreundlichen Menschen bezeichnen.”

“Hm.” Waldemar schüttelt den Kopf und geht nach Hause. Hinein in sein Zimmer, er packt seine Bibel ein, ein paar Unterhosen zum Wechseln und zieht sich ins Unterholz zurück. Dort sitzt er. Ein Einsiedler. Einer, der die Menschen hinter sich gelassen hat, bis die Eltern zum Essen rufen. Gehorchen muss er. Also gehorcht er.

Und wieder ziehen Lars und seine Eltern um. Die Jahre verstreichen. Lars ist inzwischen sieben Jahre. Sieben ist eine Zahl, die er hasst. Fragt ihn jemand, behauptet er 666 Jahre zu sein. Er sei das Große Tier. Basta! Außerdem will er nicht mehr Aleister heißen, sondern Damien.

Zeit für seine erste Blackmetalband. Sie nennen sich “Frau Hölle”.  “Frau Hölle” wollen mit ihrer Musik Schmerz erzeugen. Sie wollen quälen. Zunächst probieren sie ihre Songs an Tieren aus. Die meisten verenden nach wenigen Sekunden. Hunderte von Hamstern. Später Katzen. Hunde. Keines der Tiere überlebt ihr Intro. Sie reißen die Augen auf. Fallen zur Seite. Mit heraushängender Zunge. Lars ist mit dem Resultat zufrieden. So können sie auf Tournee gehen. Sie nennen es nicht so. Sie nennen es Amoklauf. Jürgen, der Gitarrist, organisiert einen Kleinbus. Sie schminken sich weiß, schmieren sich mit Schweineblut ein und fahren los. Lars spürt, dass sein Leben allmählich seinen Sinn verliert. Darum geht es. Keinen Sinn finden. Oder, ist einer da, ihn zu verlieren.

Sie halten auf einem Marktplatz. Bauen ihre Verstärker auf, bitten um Strom, den man ihnen verweigert. Sie würden nicht vertrauensselig genug aussehen. Nicht vertrauensselig? Pah! Lars und Jürgen besorgen sich in der Nacht illegal Strom und spielen ihr erstes Todeskonzert. Punkt Mitternacht. Es ist ein Blutbad. Sie metzeln die Kleinstadt nieder. Kinder, alte Menschen, keiner überlebt. Jetzt hat er es geschafft. Lars ist zu einem Flüchtling geworden. Er hat sich endgültig von seinen Eltern abgenabelt, die wenige Tage nach diesem Ereignis bei einer Schießerei mit der Polizei ums Leben kommen. Lars trauert nicht. Höllensöhne trauern nie.

Nach den Kleinstädten, kommen die Großstädte. Lars Antichrist, so haben ihn die Zeitungen getauft. Er ist fünfzehn und verlässt eines Nachts heimlich den Tourbus, um nach Alexandria auszuwandern. Die Band war der Anfang. Aber sie kann mehr. Er weiß es. In Alexandria mietet er sich in einem Hotel ein und beschwört einen Dämon namens Labrador.

Labrador diktiert ihm das “Textbuch des Todes und der Pein”. Darin enthalten, alle Texte, die “Frau Hölle” grunzen müssen, um die Herrscharen der Hölle auf die Erde hinauf zu rufen. Schwitzend, an Verstopfung leidend, schreibt Lars Antichrist das “Textbuch des Todes und der Pein” auf dem Klo nieder. Nach vier Stunden ist es vollbracht. Lars zieht sich an, spielt einen Song leise auf seiner Wandergitarre und verlässt ein Alexandria, in dem niemand mehr lebt. Leichenberge säumen seinen Weg. Er läuft an Blutflüssen entlang. Seine Rückreise bildet eine Schneise der Verwüstung.

“Frau Hölle” treffen sich an einer Bushaltestelle am Rand von Köln. Sie beten ein Vater-unser rückwärts, bespucken Oblaten, feiern hinter dem Bushäuschen eine schwarze Messe samt Jungfrauenschändung und gehen dann auf Amoklauf. Auf ihren T-Shirts stehen alle Städte, in denen sie töten werden.

Die Todeskraft der neuen Texte ist so stark, dass sie keinen Strom mehr brauchen. Sie müssen nur daran denken, den einen oder anderen Song zu spielen, schon töten sie alles Leben im Umkreis von mehreren hundert Kilometern. Gleichzeitig tauchen die ersten Dämonen auf der Erde auf, darunter auch Labrador, der sich “Frau Hölle” als Rowdy anschließt. Gerade mal sechszehn Jahre, fühlt sich Lars am Ziel. Die Welt wurde Satan unterworfen.

“Frau Hölle” werden zu DER BAND der kommenden Epoche. Kein Todesfall, bei dem sie nicht spielen. Satan höchstpersönlich ernennt sie zur “verfickt schlechtesten Band aller Zeiten”. Um auch den Rest des Universums zu unterwerfen, lässt Satan Raumschiffe für den nächsten Amoklauf von “Frau Hölle” bauen. Alles läuft gut, bis die ersten Angriffswellen Gottes das Höllenreich erschüttern. Man setzt Engelschöre ein, später Schlager. Die himmlischen Scharen machen nächtlich Land gut. Gott werde sich die Erde zurückholen. Lars und seine Bandkollegen geben alles. Die noch existierenden Kirchen werden zu Trutzburgen des Widerstands. Satan weist die Priester darauf hin, wem sie ewige Gefolgschaft geschworen haben. Nicht Gott, sondern ihm. Der Vatikan bekennt sich, schon seit Jahrhunderten heimlich für Satan zu arbeiten.

Lars kümmer das wenig. Er ist siebzehn und krank. Blutkrebs, stellen ein paar lachende Dämonen fest.

“Was kann man da machen?”, fragt Lars.

Wieder lachen die Dämonen. Was man da machen kann? Machen kann? Sie feixen und verabschieden ihn. Das Böse kenne kein Mitleid.

Lars ist zum ersten Mal verzweifelt. Er, der sich ein Leben lang für die Sache des Bösen aufgeopfert hat, wird aufgegeben, liegengelassen, niemand will sich um ihn kümmern. Seine Bandkollegen tauschen ihn aus.

In seiner letzten Nacht erscheint Lars ein Engel, der verflucht nach dem Kerl in der Wohnsiedlung damals aussieht. Wie war sein Name? Waldemar?

“Ich bin der Engel Waldemar”, sagt die Gestalt. “Ich bin mächtig. Ich kann mich sogar selber ficken.”

Lars muss vor Lachen Blut erbrechen.

“Und kann du mich retten?”, fragt Lars.

“Ja”, sagt der Engel.

“Dann tu es”, herrscht Lars ihn an.

“Ja”, sagt der Engel Waldemar. “Hiermit …” Waldemar bricht ab.

“Was ist los?”, fragt Lars.

“Ich muss weg”, sagt Waldemar. “Gott hat zum Essen gerufen. Und er wird saulieb, wenn man nicht auf ihn hört. Saulieb ist nicht schön, glaub mir.”

“Rette mich erst”, bettelt Lars.

“Nein, ich muss. Wenn dir langweilig ist, fick dich einfach selbst”, rät der sich entfernende, sich dabei selbst penetrierende Engel Waldemar.

Lars liegt da und stirbt. Er denkt an sein Leben zurück. Im Grunde hat er alles erreicht, was ein junger Mann erreichen kann. Er wird sicherlich einen guten Platz in der Hölle bekommen. Viel Feuer und Schmerz, besser wird man es nicht haben können. Schade nur, dass man ihm seinen Einsatz nicht mehr gedankt hat. Aber so ist das eben mit den heutigen Unternehmen. Kein Rückhalt für die Belegschaft. Lars schließt die Augen und schläft ein.

Als er aufwacht, ist es sieben Uhr am Morgen. Seine Eltern leben noch. Er ist gefesselt.

“Wo bin ich hier?”, fragt Lars.

Sein Vater beugt sich mit einem freundlichen Lächeln über ihn. “In der Hölle, mein Sohn!”

Aus dem Radio sickert leise ein Lied. “Ein bisschen Frieden” von Nicole.

Sein Vater streichelt ihn.

“Hör auf damit!”, giftet Lars.

“Nein”, flüstert sein Vater.

Mehr und mehr gutaussehende Wesen drängen ins Zimmer und streicheln ihn. Sie sagen, Lars wäre ja ein so toller Junge. Soooooooo toll!

“Die Hölle”, sagt sein Vater leise. “Willkommen in der Hölle!”

Lars Antichrist beißt die Zähne zusammen. Diese eine kleine Ewigkeit, verfickt noch mal, die wird er auch durchstehen, und wenn die vorbei ist, dann gnade ihnen Gott. Dieses Mal wird er für die Sache des Guten kämpfen. Und das wird für niemand gut ausgehen. Mit diesem Gedanken lässt Lars es geschehen. Alles, auch das sie ihn gerade loben.

“Mein kleiner Liebling!”

Lars schreit innerlich auf!

Coppo_di_Marcovaldo,_Hell

Traumtagebuch mit Hoden

“Ernst von Fleischl kam schon wieder vorbei. “Freud”, sagte er, “ich brauche mehr Cocain.” Versprach es ihm widerwillig. Meine Vorräte befinden sich unter einem großen Stein am Bahnhof. Verabredete mich mit von Fleischl dort, dessen linkes Augenlid unablässig zuckte. Das Lid, erklärte ich, könne er mit einem Faustschlag kurieren lassen. Weberthal in der Innenstadt habe sich auf Faustschläge ohne Anästhesie spezialisiert. Von Fleischl bedankte sich, auch für meine Untersuchungen am Aal-Hoden, die ich durch tagelanges Kneten dazu animieren konnte, ein eigenes Hirn zu entwickeln. (Bei den meisten Männern scheint mir diese besondere Mutation schon längst vollzogen.) Werde wohl nicht am Bahnhof erscheinen, weil ich die gesamten Cocain-Vorräte für die Behandlung meiner Nebenhöhlenentzündung benötigte, die sich bereits wieder bemerkbar macht. Sollte mich in den nächsten Wochen dringend um meine Angst vor Türklinken kümmern. Vermutlich handelt es sich dabei um die Urangst des Mannes vor Türen mit Penis. Dies ist aber nur eine vorläufige Vermutung. Ziehe mich jetzt zum Aal-Hoden-Kneten zurück, das mich doch sichtbar entspannt.”

Aus “Traumtagebuch mit Hoden” von Sigmund Freud, nie erschienen

Aus meinem Tagebuch

8. April 2014

Ich habe die ganze Nacht an einer Kurzgeschichte gearbeitet, deren Sinn sich mir nicht recht erschließen will. Was will ich damit sagen? Wütend stampfte ich auf, bis meine Kinder weinend erwachten. “Das ist doch nur Papa”, erklärte meine Frau ihnen. “Er arbeitet an einer Kurzgeschichte.” Das beruhigte die Kinder. “Ach so”, seufzten sie erleichtert auf. Jetzt liege ich müde und erschöpft auf dem Hund vor dem Kamin. Neben mir die Geschichte, die keinen Sinn ergibt. “Lies!”, hatte ich den Hund angebettelt. “Lies!” Aber auch er verweigerte sich. Ich bin so unglücklich. Oh weh! Würde ich meine eigene Geschichte nur verstehen, ich wäre ein glücklicher Mensch, der bereit wäre, sich an den Frühstückstisch zu setzen. So aber schlafe ich aus Trotz auf dem Hund, bis alle aus dem Haus sind.

9. April 2014

Es ist traurig. Der Hund ist tot. Als ich mich gestern Abend erhob, um mich bei ihm zu bedanken, dass er so geduldig als mein Lager gedient hatte, rührte er sich nicht mehr. Alle Versuche, ihn wiederzubeleben, scheiterten. Ich zerrte ihn über seine Lieblingsstrecke durchs Viertel. Aber nichts. Nicht einmal ein kurzer Atemzug. “Oh!”, klagte ich. “Der Hund ist von uns gegangen.” Die Kinder waren minutenlang untröstlich. Wir bestatteten das arme Tier später im Garten einer uns unbekannten Familie. “Wir werden einen neuen kaufen”, versprach ich den Kindern. “Aber, Papa”, sagten sie, “wir wollen Herr Rodenbach.” – “Gut, gut”, sagte ich. “Wir werden ihn finden. Seelen wandern. Nun müssen wir uns auf die Suche nach dem Hundekörper machen, in den Herr Rodenbach nach seinem Ableben eingefahren ist.”- “Juchhu!” Die Freude der Kinder war unbeschreiblich, selbst dann noch, als ich ihnen erklärte, dass Herr Rodenbach vermutlich Besitz vom dicken Leib unseres Nachbarn genommen habe. Ein Spaß. Haha! Nun soll ich ihn entführen. “Nein, nein, nur ein Spaß, wirklich.” Die Kinder sind von der Idee, unseren Nachbarn Gassi zu führen, besessen. Ich hätte das nicht sagen sollen. Kinder sind einfach zu gutgläubig.

Ich habe eine Mail unflätigen Inhalts erhalten. Man lehnte eine meiner Geschichten, die ich selbst nicht verstehe, ab. “Sieh mal!”, rief ich meiner Frau zu, die gerade Gulasch kochte. – “Was?” – “Sie haben meine Geschichte, die ich selbst nicht verstehe, abgelehnt.” Erzürnt bis über beide Ohren stürmte meine Frau heran. “Dieses Miststück!”, schimpfte meine Frau über die Absenderin der Mail. – “Zähme dich nicht!” – “Unkrautjätendes Ungetüm!” – “Ja, ja!”, feuerte ich sie an. “Wir dürfen uns das nicht gefallen lassen.” – “Niemals!” – “Lass uns unzüchtig Liebe machen, direkt hier im Angesicht ihrer Mail.” Und so geschah es. Wir liebten uns umständlich auf der rechten Stuhllehne. “Sieh hin, Bitch”, forderte meine Frau die Mail auf. “Sieh und lerne!” Wollüstig glitt der Nachmittag in den Abend.

Abenteuer auf Teneriffa

Ein Fall für Kommissar Zufall

Als Kind träumte ich oft von Teneriffa, und dies, obwohl ich die Insel nur aus dem Fernsehen kannte. Ich saß in einem der zahllosen schäbigen teneriffianischen Restaurants, die Pustekuchen anboten. Pustekuchen, so dachte ich lange, sei die typische Speise dieser weltberühmten Packeisinsel. Erst später sollte ich erfahren, dass ich falsch geträumt hatte. (Falsch zu träumen, entwickelte sich zu einer meiner jugendlichen Traumata.) Typisch war nicht Pustekuchen, sondern Robbenkloppersalat. Man muss junge Robben siebzehn Minuten windelweich kloppen, mit einem Teppichklopper oder einem Klopper, den man sich von einer der Schulen für Halbstarke besorgt. Anschließend zieht man die Windeln mit einem Abzieher ab. Danach muss man das Ganze noch mit Himbeermoschusochsenbalsamicoessig abschmecken. Kühl servieren.

Teneriffa zählt zu den weltweit größten Inseln mit einem riesigen Gesamtumfang. Es leben dort schätzungsweise 1 Milliarde Leute, die sich hauptsächlich vom Fischfang und dem Tourismus ernähren. Doch weiter im ereignisreichen Verlauf dieser mordsmäßig guten Erzählung. Teneriffa wurde im Jahr 1967 von dem spanischen Immobilienmakler Jose Cortez für seine Schwester gebaut, die sich seit ihrer Pubertät in den Ardennen nichts sehnlicher als eine eigene Insel gewünscht hatte.

Genug der Fakten. Steigen wir in das mit Action randvoll gefüllte Becken der Geschehnisse.

Mein Name ist Kommissar Zufall. Ich bin Privatdetektiv. Nicht nur irgendein Detektiv, sondern der beste Detektiv, den ich kenne. Merken Sie sich meinen Namen! Kommissar Zufall. (Ich werde Sie bei Gelegenheit abfragen!) Ich verdanke meinen Vornamen einer Laune von Mutter Zufall, die, als sie mit mir hochschwanger (sie war wirklich sehr hochschwanger!) war, vor dem Fernseher einen Krimi sah, in dem ein Kommissar einen Wagen vorfahren ließ. Das gefiel ihr so sehr, dass sie dachte, Kommissar sei der richtige Name für einen zukünftigen Kommissar. Leider wurde nichts aus ihrem Berufswunsch für mich. Ich entschied mich anders und gründete die Detektei Kommissar Zufall.

Als Kind löste ich bereits eine Menge Fälle, so den Fall der Berliner Mauer, den ich im Fernsehen verfolgte. Ich klärte meine Familie darüber auf, dass der Fall gelöst sei, weil es zukünftig keine Mauer mehr gebe. Sie konnten es nicht glauben. Meine Mutter weinte sogar, weil sie Verwandtschaft im Osten hatte, die sie – so hatte sie gehofft – nie wieder sehen würde. Falsch gedacht!

Um mich zu trainieren, saß ich die ganze Zeit über am Fenster und beobachtete mit meiner Oma die Straße. Was da alles los war! Wir notierten alles. Zahllose Autonummern. Wir kamen mit dem Notieren gar nicht hinterher, weil wir an einer stark befahrenen Kreuzung wohnten. Unaufhörlich kamen Autos und Menschen vorüber. Es war zum Lachen schön. Und so saßen wir da. Meine Oma und ich. Lauthals lachend, und notierend.

Davon will ich heute nicht berichten, sondern von einem meiner letzten Fälle, der mich nach Teneriffa führte, jener wunderbar mysteriösen Insel, die die meiste Zeit kaum zu erreichen ist, weil sie eingeschneit ist. Ich hatte den Auftrag erhalten, ein paar Tage vor Ort zu recherchieren. Leider hatte ich kurz nach meiner Ankunft vergessen, worüber.

Ich war mit einem Billigflieger geflogen. Es war eine stürmische Überfahrt, die mein Nervenkostüm arg strapazierte. Ich hatte den Notausgang geöffnet und übergab mich unaufhörlich. Gezeter und Gemecker der anderen Fluggäste, dass es fürchterlich ziehen würde. Ich ließ mich davon nicht aus der Ruhe bringen. Ich war viel zu sehr mit mir und meinem Körper beschäftigt, den ich normalerweise in einem Fuldaer Fitnessclub stählte. Ich hatte eine Dauerkarte, die es mir erlaubte, Tag und Nacht Gewichte zu stemmen. Ich liebte mich und meine Muskeln, die ich gerne auch zum Vergnügen junger Damen in Bewegung brachte. Man jauchzte und wollte sie anfassen, wogegen ich nichts hatte. Gar nichts. Immerhin war ich stolz auf meinen gebildeten Körper.

Nachdem ich mich ausgekotzt hatte, setzte ich mich in meinen zu engen Sessel zurück, der nicht einmal eine Massagevorrichtung besaß.

Nach etwa siebzehn Stunden kamen wir an.

Schneewehen schlugen mir entgegen. Der Geruch von gebratenen Schlittenhunden. Einheimische in Pelzmänteln rannten aufgeregt über die Start- und Landebahn und verstauten unsere Koffer in riesigen Schlittenbussen, die uns zu unseren Hotels bringen sollten. Wir waren alle in einem anderen untergebracht. Teneriffa verfügt über so viele Hotels, dass eine Zählung an der hohen Anzahl scheiterte. Ein Leben würde nicht ausreichen, sie alle zu erfassen. Ich wurde ins Golden Holden gebracht, benannt nach dem amerikanischen Schauspieler William Holden, glaube ich. Die an der Rezeption wussten von meiner Ankunft. Nette Leute in der Landestracht, die einen Eisbären bei der Jagd zeigt.

Da saß ich also. Deutschlands berühmtester Detektiv, gestrandet auf der Insel des Eises und des Schnees. Ich wählte die Nummer vom Zimmerservice und ließ mir ein typisches einheimisches Gericht bringen. Teuer, aber wenn ich schon mal hier war, wollte ich auch das Gericht, das aus einem Richter und elf Geschworenen bestand. Wo war der zwölfte? Ich mokierte und man ließ etwas im Preis nach. Nachher schlief ich seelenruhig, fast wie ein teneriffianisches Robbenbaby, bevor es von bösartigen Robbenbabyjägern erlegt wird. Selbst im Schlaf schwollen meine Muskeln ab und an bzw. an und ab.

Als ich am nächsten Tag erwachte, waren die Schneestürme, von denen sie im Fernsehen berichtet hatten, eingetroffen. Ich saß aufrecht im Bett und dachte an meine Oma, auch überlegte ich fieberhaft, warum man mich überhaupt hierher geschickt hatte. Um mich von meinen überfallartigen Gedanken abzulenken, machte ich ein paar Kniebeugen, außerdem stemmte ich die Kommode, in der meine Socken untergebracht waren. Training beruhigt mich.

Plötzlich ertönte ein Schuss. Mein Blick sauste aufgeregt wie eine Biene durchs Zimmer. Wo ein Schuss ertönt war, befand sich auch eine Waffe und ein Schütze. Das könnte ein weiterer Fall für Kommissar Zufall sein.

Um mich auf den Fall vorzubereiten, schaltete ich den Fernseher an und suchte nach einer Detektivserie. Da! Ich war auf dem Kanal gelandet, der 24 Stunden in der Woche Magnum zeigte. Gierig starrte ich auf den Bart von Tom Selleck. Wie er sich wieder mit dem Mann stritt, der die Hunde abrichtete, wenn Sie wissen, wen ich meine. Herrlich! Ich knetete das Kissen, bis es die Form eines Herzens hatte. Ich liege lieber in einem liebevoll zubereiteten Kissen. Den Schuss hatte ich nicht vergessen, natürlich nicht, dafür bin ich selbst viel zu viel Detektiv, als dass ich ein Verbrechen ungesühnt lassen könnte.

Jemand hatte an meine Tür geklopft! Ich musste eingeschlafen sein, mindestens 24 Stunden, den es lief keine Folge von Magnum mehr. Scheiße. Jetzt hatte ich die Auflösung verpasst. Ich mühte mich mühevoll aus dem Bett. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Außerdem schüttelte ich erst die Decke auf, das hatten mir meine Eltern beigebracht. Die Erziehung hängt in einem drin. Die kann man nicht so einfach abschütteln. Rasch noch das Kissen geknetet, dieses Mal zu einem Frosch, der kurz vor der Verwandlung in einen Prinzen stand, und schon spurtete ich die vier Meter zur Tür. Enthusiastisch riss ich sie aus ihren Angeln. (Es war eine der typischen teneriffianischen Türen, die an Angelruten befestigt war. Fremde Länder, fremde Sitten. Obwohl das kein Land war, sondern eine Insel. Egal.) Ich trat gewichtigen Schrittes auf den Flur hinaus. Niemand zu sehen. Frechheit. So lange hatte ich für das Bett ja nun auch wieder nicht gebraucht. Diese Inländer bzw. Ininsulaner hatten die Geduld eben nicht mit der Muttermilch eingesogen, wie ich es getan hatte.

Geduld war mein zweiter Vorname. Kommissar Geduld Zufall. Die meisten Leute hielten es für einen schlechten Scherz, wenn ich sie über meine Namen in Kenntnis setzte. Nein. Es lag wohl daran, dass meine Eltern Hippies gewesen waren. Freie Wesen, die in einem Wohnwagen durch die Lande zogen, bevor sie in jener Wohnung, an der von mir bereits erwähnten befahrenen Kreuzung, ihren Hauptwohnsitz einrichteten. Vielleicht weil Oma nicht mehr konnte. Ständig nackt, das war für alte Frau von über 80 nichts mehr.

Ich wollte und konnte diesen klopfenden Zwischenfall nicht auf mir sitzen lassen. Außerdem wartete der Fall des Schusses noch auf mich. Rasch zog ich meinen Bademantel über, den ich für solche Gelegenheiten dabei habe. Ich klopfte an einigen Türen, um Befragungen, die mir nötig erschienen, durchzuführen. Bei der ersten Tür, öffnete mir eine nackte Frau, die mich an Oma erinnerte, nur fünfzig Jahre jünger. Ich wollte wissen, was sie hier mache. Außerdem verlangte ich ihren Ausweise. Ich ermahnte sie, dass sie sich mal was anziehen sollte, immerhin befanden wir uns auf der Insel des Packeises. Hier hatte man sich schnell einen Schnupfen geholt.

An der dritten Türe verließ mich die Lust. Ich wanderte in mein Zimmer zurück und konnte gerade noch sehen, wie unten ein Gast von der Polizei auf einem Hundeschlitten verstaut wurde. Aha, der Schütze, schoss es mir ungestüm und wortgewaltig durch mein Hirn.

Um mich zu besänftigen, machte ich abermals den Fernseher an. Die Nachrichten liefen gerade und der Sprecher berichtete, dass Kommissar Zufall einen der meistgesuchtesten Täter der Eisinsel Teneriffa der Polizei zugeführt hatte. Kommissar Zufall! Das war doch ich. Ich konnte es nicht glauben. Da hatten meine zähen Befragungen an den Hotelzimmertüren also doch zum Erfolg geführt.

Ich griff zum Telefon und rief meinen Freund Tannhäuser in Frankfurt an. Ohne viel Umschweife schilderte ich ihm, dass ich, kaum auf Teneriffa angekommen, und nachdem ich das Landesgericht gekostet hatte, obwohl Gerichte nicht mein Fall waren, einen Fall um einen Schützen gelöst hätte, der aus unerfindlichen Gründen im Hotel geschossen hatte. Tannhäuser lobte mich mehrmals aufgeregt, bis ich ihn darauf hinwies, dass Schleimereien an mir abprallten. Aufgelegt. Mit einer charmanten Bewegung, die ihresgleichen im internationalen Detektivwesen sucht, knallte ich den Hörer auf die Gabel, die noch vom späten Frühstück übrig war. Diese Unordnung erinnerte mich an meine Hippieeltern, denen es ein Gräuel war, wenn man aufräumte. Sie mokierten sich ständig über mein Zimmer, wenn wieder mal alles übersichtlich im Schrank verstaut war. Mama meinte, sie hätte als Mutter versagt, was ich so nicht durchgehen lassen konnte. Ich bat sie meist nach solchen Ausbrüchen zu einem Gespräch, dass leider fruchtlos verlief, da meine Mutter sich in Erziehungsfragen nicht von einem Fünfjährigen beraten lassen wollte.

Da der Fall gelöst war, konnte ich wieder abreisen. Dieses Bild stand mir klar vor Augen. Ich packte rasch ein paar Unterhosen, die der Gast vor mir vergessen haben musste, und verabschiedete mich mit dem Hinweis, dass ich jederzeit bereit wäre, in und um Teneriffa herum, dem Verbrechen Einhalt zu gebieten.

Der Schneeschlittenbus hatte Verspätung, die ich damit zubrachte, einige Schneehaufen zu fotografieren. Auch die Häuser der Einwohner, die zur Gänze aus Schnee gemacht waren, mussten gebannt werden. Da würde sich Tannhäuser aber freuen. Die Fotos könnten auch ans Detektivmagazin Spanner gesandt werden. Die waren immer froh, wenn sie eine Story über mich bringen konnten. Kommissar Zufall löst schon wieder einen Fall. Ich sah die Schlagzeile bereits vor mir. Da! Der Bus zum Flughafen. Vermummte Frauen drängelten sich vor. Das konnte so nicht sein. Wo blieb denn da die Gastfreundschaft? Ich zerrte eine dicke Person zurück und verwies ihre Nase an einen Schneehaufen. Hiebe nach rechts und links, und schon hatte ich mir einen Platz ergattert. Ging doch, wenn alle sich bemühten.

Mehr gibt es nicht zu erzählen. Tannhäuser holte mich vom Flughafen ab, weil er so eingeschneit war, dass monatelang kein Flieger starten sollte. Wir fuhren mit seinem Schneemobil direkt von Teneriffa nach Frankfurt. Unterwegs löste ich noch ein paar Fälle, unter anderem in Städten wie Beirut, die mir aber wegen ihres Straßenlärms den letzten Schlaf raubten.

Ich muss zugeben, Teneriffa hing mir lange nach. Selten hatte ein Fall mich so aufgewühlt, aber zum Glück hatte mein Unterbewusstsein den Fall wieder einmal ohne mein eigentliches Zutun lösen können.

Ich bin der geborene Detektiv.

In Frankfurt war alles wie immer. Ich wohnte ja seit Jahren in Fulda, hatte aber in der Bundeshauptstadt eine Zweitwohnung, direkt neben dem Bundeskanzlerinnenamt. Ich wollte mich gerade in die Wanne legen, als das Telefon läutete. Es war der Außenminister, der einen Auftrag für mich in Dublin, der Stadt der Wasserkanäle, hatte.

Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Rezept Robbenkloppersalat:

- junge Robben genau siebzehn Minuten windelweich kloppen

- anschließend zieht man die Windeln mit einem Abzieher ab

- danach mit Himbeermoschusochsenbalsamicoessig abschmecken

- kühl servieren

Deutschland hirnlos – Der irre Kult um mich, meinen Geldbeutel und mich

“Erwachte heute mit keinem Ständer. Blickte aus dem Fenster. Immer noch nicht mein altes Deutschland. Meine Visage ist auch noch dieselbe. Keine Pickel, wie ich mir das seit Jahren so sehnlich wünsche. Daran ist Grün-Rot schuld. Und die Windkraftenergie. Wenn ich durch die Straßen schlendere, fühle ich mich wie im Orient. Überall verschleierte Frauen. Niemand spricht deutsch. Ach, stimmt, ich bin ja seit gestern in Anatolien. Denen werde ich schon noch beibringen, wie man sich in meinem Deutschland zu benehmen hat. Drehe jetzt erst mal eine Runde auf meinem Dreirad, um nach einer Imbissbude zu suchen.”

Aus dem öffentlichen Tagebuch des Kifi Pitschi “Deutschland hirnlos – Der irre Kult um mich, meinen Geldbeutel und mich”