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Mittwoch

22. Mai 2013

Regen zieht über die Villa, eine Armee kleiner Tropfen, die, die Zähne zusammengebissen, todesmutig aus einer geöffneten dunklen Wolke springen. Was wird man den Tropfen über uns erzählt haben? Wie sollen wir sein? Wie stellen sich die Tropfen ihren Feind vor?

Im Fernsehen haben sie von den Ausbildungscamps der Tropfen berichtet, ich habe es gesehen. Ihre stummen Märsche in die Helikopter, ihre verbissenen Gesichter, die von Hass und Entschlossenheit erzählen.

Wie konnte es zu diesem Krieg zwischen Menschen und Wassertropfen kommen? Ich kann mich kaum noch an die Anfänge erinnern.

Wir haben sie ausgenutzt. Das ist das Problem. Wir haben sie gefördert, nur um sie zum Waschen und Trinken zu benutzen. So sollte man mit seinen Nachbarn nicht umgehen, und tut man es doch, muss man sich nicht wundern, wenn sie zu gewalttätigen Gegnern mutieren, zu einem Heer, dessen Angriffe die Villa bereits die ganze Nacht über erschüttern. Wie lange das Dach das aushalten wird? Ich kann es nicht sagen.

Zwischenzeitlich empfing ich Berichte, die von einem Meer feindlicher Truppen berichten, die nur darauf warten, ihren Einsatzbefehl zu erhalten.

Die Familie ist in Alarmbereitschaft versetzt. Ich habe Föhne an die Dienerschaft ausgeben lassen, Verlängerungskabel wurden verlegt, um eindringende Tropfen auf der Stelle zu eliminieren. Sollen sie doch elendig verdunsten. Dies ist nicht mein Krieg. Sie haben sich dafür entschieden.

Die Nacht, das Dunkel, scheint ihr Verbündeter. Die Nacht legt ihren dunklen Mantel über das Land, erschwert die Sicht, und schützt so die Absprünge der Tropfen, deren Zahl in die Myriaden geht. Sie tippeln auf den Fensterscheiben umher, um mich auf diese Weise in den Wahnsinn zu treiben. Ihre Niederkunft erinnert an eine der göttlichen Plagen.

Und dann plötzlich – Ruhe, als wäre der Ansturm versiegt, der, ich bin mir sicher, keine Rast kennt, sondern nur Finten, die unseren endgültigen Untergang besiegeln sollen.

Die Frauen, dreihundert an der Zahl, sitzen bibbernd in einer Ecke des Grünen Salons. Ihre Zähne schlagen aufeinander.

Ich werde mich nicht aus meinem Haus vertreiben lassen, weder heute noch in Zukunft. Meine Flinte, ein umgebauter Staubsauger, giert nach dem Augenblick einer ersten Begegnung.

Äste knarren.

Was auch geschieht, ich werde mich und meine Familie zu verteidigen wissen.

Gott (Name geändert) stehe uns bei!

 

Dienstag II

21. Mai 2013

Alles, was ich tue, jede Handlung, hat einen tieferen Sinn. Es gibt in meinem Leben keine Banalitäten. Eben erst bückte ich mich und hob ein Papier vom Boden, da sprach mich meine Frau von der Seite mit den Worten an: “Wie tiefsinnig!”

Ja, da hat sie recht. Ich lade jede(n) und alles mit Bedeutung auf. Jede Zigarette ist ein Zug, der mich meinem Tod näher bringt, jeder Kaffee ein eventueller Schierlingsbecher, weiß ich doch nicht, wann und wo mich der Gifttod ereilen wird. Feinde gibt es genug. Ihre Namen sind bekannt und werden im “Buch der Feinde” alphabetisch geführt.

Sitze ich auf dem Klo, spüre ich die Kräfte der Unterirdischen, jene dämonischen Klauen, die tief aus der Schüssel nach mir greifen wollen. Essen ist für mich keine Nahrungsaufnahme, sondern eine linguistische Performanz, die den Sprechakt zum leeren Mundspiel erklärt. Andere trinken, aber ich schlürfe Richtung Endlichkeit. Ein Leben, das mit Bedeutung aufgeladen ist.

Entweichen mir, Sie werden mir dies drastische Beispiel verzeihen, Gase, furze ich nicht, sondern töne in den Raum, um so, angelehnt an die Theorien von Strecker und Cage, den Körper zum finalen Resonanzboden der Musik werden zu lassen.

Sie sehen also, Banalität ist mir ein Fremdwort. Und just in diesem Augenblick räuspere ich mich. Einige Anhänger meines Werks danken es mir mit tosendem Applaus und weisen mich auf den Hals als Sitz der Sprache hin, jenen Elfenbeinturm, der, der salomonischen Erotik von Kirchenfürsten entrissen, zum Sinnbild langweiliger Dichterlinge mutieren musste. Und eben genau darauf, man konnte mich überzeugen und ich zeige mich über mich entzückt, wies mein Räuspern hin.

Alltag als Arbeit am kulturellen Erbe! So banal kann ein tiefsinniges Leben sein.

Dienstag

21. Mai 2013

Ja, was soll ich dazu sagen? So ist das halt. Da! Da kommt der Morgen. Der kommt halt so um die Ecke. Quasi um die Ecke der Nacht. Nein? Ist das nicht richtig? Würden Sie da eher von einem Übergang reden? Von einem sanften Dahingleiten des Morgens. Einer Landung. Der Morgen landet also lautlos am … Morgen. Ja, aber das geht auch nicht. Der Morgen kann nicht auf sich selber landen. Das ist einfach gegen die Gesetze der Physik. Und wenn nicht gegen die, dann zumindest gegen die Gesetze der Philosophie. Der Morgen kann nicht auf dem Morgen landen. Das ist sprachlich unmöglich.

Auf jeden Fall ist der Morgen jetzt angebrochen. Nein. Der Tag ist angebrochen. Der Morgen hat erst begonnen, da kann er nicht schon kaputt sein.

Sie sehen schon, das ist kompliziert mit so einem Morgen. Da kann man nicht einfach sagen, der ist so und so. Da muss man eine gewisse Vorsicht walten lassen.

Die Sprache ist etwas, was man sehr ernst nehmen muss. Und wenn man jetzt sagt, dass der Morgen begonnen hat, stellt sich die Frage, womit er denn begonnen hat? Was macht denn so ein Morgen? Morgend der Morgen? Oder morgenz er? Morgt er sich? Nein, das habe ich noch nirgends gehört. Er ist mehr eine grobe Zeiteinheit, so wie eine grobe Mettwurst. Da wird die Zeit durch einen Sprachfleischwolf gepresst, und am Ende kommt grobe Zeit heraus. Der Morgen, der wäre so eine grobe Zeit. Oder der Vormittag, der auch.

Sie sehen schon, das ist alles sehr eigen. Aber die Leute, sie kennen ja die Leute, die machen sich da keine Gedanken darüber. Da wird gesagt, der Morgen habe begonnen, er sei angebrochen, er habe Gold im Mund … Ja, verfluchte Scheiße, was wollen sie mit dem armen Morgen denn noch alles anstellen? Das ist ja eine Art von Zustandsvergewaltigung mit den Mitteln der Sprache.

Da sehen Sie mal, wie es einem wie mir geht, der schon am frühen Morgen das Unbedenkbare bedenkt. Ja, wie soll es mir da schon gehen? Scheiße! Da hast du gleich keine Lust mehr auf den Morgen, wenn du dir derart viele Gedanken zu einem eigentlich belanglosen Wort machen sollst. Und warum mach ich das? Ja, was weiß ich denn? Irgendwie muss man ihn ja rumkriegen, den Morgen.

Montag II

20. Mai 2013

Ich war heute mit meiner Frau essen. Wir waren in unserem Lieblingsrestaurant, das über Tische und Stühle verfügt. Als ich den Laden betrat, erkannten die meisten Gäste mich sofort. Es entstand ein Riesentrubel. Alle wollten ein Autogramm. Ich liebe meine Fans, daher ließ ich es mir nicht nehmen, sie zu umarmen. Das ging so etwa zwei Stunden, bis uns unser Lieblingskellner Rodrigo (Name geändert) zu unserem Stammtisch führte, den man an einem überdimensionalen Aschenbecher mit der Aufschrift “Stammtisch Rohm” erkennt. Wir rauchten. Tranken Bier. Später lachten wir noch laut und dreckig. Ganz am Ende fluchten wir wie die Mähdrescher. Das sagt man hier in der Gegend so. Es ist eine der vielen Redensarten, die im übrigen Deutschland unbekannt sind. Eine andere lautet: Wie man liegt, so schläft man.

Nachdem wir uns satt getrunken hatten, bestellten wir ein Taxi, das uns zur Villa zurückbrachte.

Guten Abend, Welt!

Pfingstmontag

20. Mai 2013

Hm, das war ein wundervoller Schlaf.

Im Netz kursieren die ersten Rezensionen. Die Leute lieben mein Buch. Manche schreiben, dass sie es nicht verstanden hätten. Ja, das kann ich gut verstehen. Es ist heute noch ein Mysterium für mich. Ich nehme es manchmal in die Hand und lese darin, und dann denke ich, tja, wie habe ich das denn gemeint? Das ist alles schon sehr merkwürdig. Andere stören sich daran, dass es nur 133 Seiten hat. Um sicher zu sein, dass sie sich nicht irren, haben ich die Seiten noch einmal nachgezählt. Und noch einmal. Tatsächlich! Nichts zu machen. Ich komme auf 133. Nur beim vierten Versuch kam ich auf 475 Seiten.

Eben ist meine Frau Sudmann (Name geändert) aufgestanden. Sie kam mit einem Weizenbier an mir vorüber. Wahnsinn, diese Frau trinkt bereits am frühen Morgen.

Die Leute außerhalb der Villa, die denken ja alle, der Rohm hat es geschafft. Das stimmt auch, aber eben nur bedingt. Hier geht ja auch immer mal etwas schief. Gestern, um mal ein Beispiel zu bringen, hat es geregnet. Das hat uns mehr als unglücklich gemacht. Ich konnte gar nicht verstehen, warum das ausgerechnet mir passierte. Hätte es nicht ein paar Kilometer weiter bei meinem Nachbar regnen können. Der ist Lehrer und hätte es verdient. Vielleicht hat es dort auch geschüttet, was weiß ich denn. Ich kann gar nicht so weit gucken, nur wenn ich oben auf dem Dach mit meinem Superteleskop Franz (Name geändert) liege, um meinen Nachbarn und seine Frau beim Sex zu beobachten. Seine Frau ist ebenfalls Lehrerin. Sie liegt den ganzen Tag auf der Terrasse und sonnt sich. Die Schüler scheinen einen immensen Wert auf einen gleichmäßig gebräunten Body zu legen. Der Bräunungsgrad, den ein Lehrer erreicht, scheint wichtig für sein Fortkommen im pädagogischen Betrieb zu sein.

Früher, so zu meiner Jugendzeit, war das alles anders. Wir hatten nichts. Nicht mal einen Lehrer. Sie versprachen uns, wenn wir fleißig lernen würden, dann käme ganz von allein ein Lehrer. Aber es kam nie einer. Ich hab mir die Abiturprüfung selbst abgenommen, habe mir verflixt schwierige Fragen gestellt, die ich fast alle nicht beantworten konnte. Ich bin beim ersten Mal durchgerasselt. Natürlich habe ich es später mit Auszeichnung bestanden. Die Abi-Party gab es auch nicht, weil wir (s.o.) nichts hatten, also auch keine Party. Wir hätten uns eine stehlen müssen, aber so kurz nach dem Krieg wollten wir das nicht riskieren. Die richteten Leute am Straßengraben hin, einfach so. Sie untersuchten dich. Und wenn sie keine Krankheit fanden, suchten sie weiter, bis sie z.B. eine Party aus deinem Haar wühlten. Da hattest du die Scheiße. “Wollte ich nicht”, stammelten die meisten, nutzte aber auch nichts. – “So, du wolltest also eine Party schmuggeln”, sagte der zuständige Polizeikommissar. So war das damals: 1988.

Ich erzähle das heute noch gerne meinen Kindern, damit sie wissen, wie gut sie es haben. “Ihr habt alles”, sage ich. “Wir hatten nichts.”

Sie sehen mich ganz belämmert an.

Pfingstmontag!

Guten Morgen, Welt!

Ein lockerer Abend vor dem Fernseher

19. Mai 2013

Ich bin ein verflucht ausgekochtes Schlitzohr. Wenn die Leute, denen ich im Hausflur oder auf der Straße begegne, mich sehen, denken sie: Gott, was für eine arme alte Frau. Das ist mein Trick. Das Alter.

Gestern bin ich achtzig geworden. Okay, das mit dem Laufen klappt nicht mehr so gut wie früher. Scheiß doch der Hund drauf. Ich bin eine der gefährlichsten Frauen des letzten und dieses Jahrhunderts, da kann noch kommen was will.

Ich sitze gerade vor dem Fernseher. Nur Schrott. Bauern suchen Frauen. Umschalten. Da kocht einer. Netter Bursche. Den würde ich nicht von der Bettkante schubsen.

Ich nehme einen Schluck von meinem Bier. Kalt. Ich spucke es angewidert aus. So kann ich es nicht trinken. Ich wickele Socken um die Flasche. So kaltes Bier verträgt mein Magen nicht mehr.

Ich lege die Füße auf den Rücken von meinem Hund Gisbert, der vor dreißig Jahren gestorben ist. Habe ihn mir ausstopfen lassen, und jetzt steht er hier rum und versüßt mir die Abendstunden. Manchmal beuge ich mich zu ihm runter und kraule ihn hinter den Ohren. Es ist, als würde er noch leben. Ich bin mir sicher, dass er nachts, wenn ich schlafe, durch die Wohnung stromert. Er schnuppert alles ab. Morgens finde ich seine Hinterlassenschaften. Kot und Urin in jeder dritten Ecke. Aber ich kann ihn einfach nicht schlagen, er ist doch mein kleiner Liebling.

Ich habe ihn von einem meiner Exmänner, die ich meistens umlegen musste, geschenkt bekommen. Er war Boxer und versuchte mich zu schlagen, da verpasste ich ihm einen Schuss aus meiner Glock. Peng! Er verteilte sein Hirn über die neue Wohnzimmercouch. Ja, macht man denn so etwas? Nein, sage ich. Also habe ich ihm noch ein paar Tritte verpasst. Anschließend habe ich ihn in der Badewanne zersägt und in Müllbeutel gestopft, die ich in einem nahegelegenen Wald verscharrte. Es tut mir nicht leid, wenn Sie das wissen wollen. Warum sollte es das tun? Er war ein Schwein. Ein Mann weniger tut keinem weh. Es gibt eh viel zu viele von ihnen. Wenn nur der verfluchte Sex nicht wäre. Immer nur Dildo hält man auf Dauer nicht aus.

Umschalten. Noch mehr Scheiße. Sie berichten über diesen kleingewachsenen Diktator, der Nord-Korea unter seiner Knute hält. Bei mir hätte der keine Chance. Ich würde ihn nicht mal ranlassen. Er hat mit Sicherheit einen mikroskopisch kleinen Schwanz. Und deshalb, aus diesem Minderwertigkeitskomplex, unterdrückt er auch alle. Die Sorte kenne ich. Müller, unser Hausmeister, ist auch so einer. Der würde sich in Nord-Korea auch wunderbar wohl fühlen. Würde die ganzen Nord-Koreaner anmaulen, wenn sie einen Papierschnipsel verlieren. Wenn der Müller könnte, wie er wollte, würde es hier im Haus Massenerschießungen geben. Es würde schon längst keine Mieter mehr geben. Nicht einen. Der hätte sie alle an die Wand im Keller stellen lassen und dann …

Lassen wir das! Die Kopfschmerzen bringen mich um. Ich hätte gestern nicht so überschwänglich feiern sollen. Das habe ich jetzt davon. Aber die Stripper, die ich mir kommen ließ, waren einsame Spitze. Diese Körper. Da ist mir ganz anders geworden. Den einen von ihnen, der sich Abel nannte, habe ich gleich hier neben dem Hund vernascht. Gut, dass der Hund tot ist, so kann er nicht schlecht über mich denken. Auf der anderen Seite … Ich glaube, es wäre mir egal.


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