Sherlock Holmes

Eines Tages sagte Holmes: “Es regnet!”
“Wie kommen Sie darauf?”
Er zeigte auf die Scheibe, auf die Tropfen, die sich an sie klammerten, dahinter eine Welt, auf die Regenfäden niedergingen.
Seine logischen Rückschlüsse überraschten mich immer wieder.

Aus “Sherlock Holmes und das Rätsel der dunklen Wolken”, Roman

Holmes liebte Ostern. Er liebte es, in seinem Sessel zu sitzen, um von dort all die Eier, die ich erst noch verstecken würde, durch reines Nachdenken aufzuspüren.
“In der chinesischen Vase befindet sich ein grünes Ei”, sagte Holmes und lächelte mich überlegen an.
Ich stand auf, ließ das Ei aus meinem Ärmel in die Vase gleiten, um es im nächsten Moment hervorzuzaubern.
“Fast! Es ist gelb”, sagte ich. “Wie machen Sie das nur, Holmes?”
Holmes lehnte sich zurück, schien aber auch ein wenig enttäuscht, immerhin hatte sich sein unbestechlicher Geist in der Farbe des Eis geirrt.
“Die nächsten Eier”, überlegte er, “befinden sich zwischen den Sofakissen. Ein rotes und ein blaues.”
Ich stand auf, um ihn seine Eier finden zu lassen, auch wenn die Farben wieder nicht zutreffen würden. Zumindest war Holmes zufrieden, und mir rettete es den Tag, der nicht von seiner schlechten Laune zerschossen wurde.

Aus “Sherlock Holmes und die Osterhasenbande”, Roman

Und mit mir kamen die Tränen – Supergedichte I

tränen

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Loch mit Kopf

Eine kopflose Geschichte

Winzer ist ein Kaffeetrinker. Ein Kaffeesäufer der schlimmsten Sorte. Er ist auch ein Krimiautor. Ein erfolgloser. Er sitzt in seiner Wohnung und bekommt Hartz IV. Und das ihm, der den Nobelpreis bekommen müsste.

“Ach, das Leben ist hart.”

Kaffee hat er auch keinen mehr. Das Geld ist alle. NADA. NOTHING. Geld ist aus. Hartz IV. Das hört sich für die Leute gut an. Rumsitzen und kassieren. Unsinn! Papperlapapp.

Und jetzt? Jetzt muss Winzer wieder los. Er zieht sich seine schwarzen Klamotten an. Ninja-Style. Nimmt sein Küchenmesser und zieht los, um sich die Taschen zu füllen. Sein illegaler Nebenerwerb: Mord- und Totschlag.

Um den Nachbar vorzugaukeln, er habe die Wohnung nicht verlassen, seilt er sich ab. Direkt vom Balkongeländer. Mit seinem Betttuch. Er wohnt im Erdgeschoss. Keine wirkliche Mutprobe.

Unten sondiert er das Gebiet. Auf dem Spielplatz treiben sich ein paar Kids herum. Die haben meistens Geld, das sie anderen Kids in der Schule abnehmen. Schutzgelder. Drogengelder. Er tut was Gutes, wenn er sie abzieht.

Er macht eine Rolle vorwärts und landet im Gebüsch neben dem Spielplatz. Mit einem HA! springt er hervor. Sie sind nicht überrascht. OH NEIN! Sie sind nicht mal ansatzweise verängstigt.

“Ich will euer Geld!”, fordert Winzer.

Sie hören etwas von Silo. Silo ist ein bekannter Rapper aus der Gegend, der es ins Rampenlicht geschafft hat. Einer, der aus dem Ghetto an die Spitze der Albumcharts katapultierte wurde. Die Kids ziehen ihre Waffen. Jeder von ihnen hat eine Waffe. Selbst die ganz Kleinen. Sie halten ihm ihre Schießeisen unter die Nasen und fordern die Klamotten und das Messer.  Winzer kann es nicht fassen. Nicht glauben. Und das ihm. Alles läuft schief.

ALLES!

Er zieht sich zähneknirschend aus und übergibt das Messer. Die Kids lassen Gnade vor Recht ergehen und erklären ihn zu ihrem Gefangenen. Sie sagen ihm, wer sie sind. Die KIDS DES TODES. Sie haben das Viertel im Griff. Normalerweise müsste er jetzt sterben. Aber sie seien heute gut drauf, erklären sie. Er dürfe überleben. Was er so mache und so?

Krimiautor, sagt Winzer.

Sie lachen sich über die Antwort kaputt. Sie schütteln sich. Wiegen sich wie kleine Apfelbäumchen im Wind. Ein Künstler also. Solche gebe es hier im Viertel nur. Alles Schriftsteller, Maler, Models.

Sie könnten einen Hofnarr gebrauchen. Einen Diener.

Winter meint, er könne nicht. Er habe noch was vor. Später käme FRAUENRAUSCH im Fernsehen. Und DEUTSCHLAND SUCHT DEN SUPERDEPP. Da könne er nichts verpassen. Das würde man ihm als Bildungslücke auslegen, sagt Winzer und schiebt seinen nackten Arsch langsam nach hinten.

Er solle bleiben, wo er ist.

Die KIDS DES TODES beratschlagen, schließlich schieben sie ihn vor sich her.

Da rüber!

Wohin?

Die KIDS DES TODES haben eine Höhle gegraben. Unterirdisch. Alles sehr eng. Feucht. Man kommt kaum rein.

“So wünscht du es dir doch”, lacht eine, die die anderen Lady C nennen. Alles besser als Chantale, wie sie wirklich heißt.

Winzer muss sich in das Loch zwängen. Er bekommt kaum Luft. Sie schmieren ihn mit Vaseline ein. Zwängen und ächzen, bis er schließlich feststeckt. Winzer bekommt Atemnot. Panik. Überall sind Würmer. Er kann nichts sehen. Hier kann man nicht leben. Zurück! Er strampelt, bis sein Kopf wieder aus dem Loch guckt.

“Das geht nicht”, sagt er.

Die KIDS DES TODES sind schon lange fort. Sie haben die Höhle aufgegeben. Die Lust haben sie auch verloren. Soll der doch in dem Loch bleiben.

Und Winzer bleibt. Das Unglaubliche geschieht. Niemand befreit ihn. Er bettelt. Fleht, aber niemand will ihm aus dem Loch helfen.

Besser so, denken die Leute im Viertel. Jetzt haben wir eine Attraktion.

Die Besucher kommen von nah und fern. Aus Japan. Sogar welche aus Sylt. In diesem Viertel, sagen sie, da wächst einer aus dem Boden.

Gierig umringen ihn die Touristen. Die KIDS DES TODES kassieren die Eintrittsgelder. Acht Euro die Karte. Das geht doch. Was stellt ihr euch so an? Nur acht Euro und ihr könnt den Mann bewundern, der aus dem Boden wächst. Nicht mehr lange, so kündigen die KIDS DES TODES an, dann wird er geerntet.

“Geerntet?”, fragt ein Journalist entsetzt.

“Klar”, sagt Lady C. “Kopf schmeckt besonders gut, wenn man ihn im Schnellkochtopf zubereitet.”

Die Politik schaltet sich ein. So ginge das nicht. Man müsse ein Kommission einsetzen, die überprüfen müsse, um es sich um ein Gewächs oder einen Menschen handelt, erst danach könne man entscheiden.

Winzer weiß von dem all nichts. Er fühlt sich wohler denn je. Er ist ein Star. Wenn er jetzt einen Krimi veröffentlichen würde, er würde sich wie verrückt verkaufen. Ein Hit, ein Bestseller, geschrieben von dem Mann, der aus der Erde wächst. Dem Baummenschen. Dem Strauchlebewesen. Der Kartoffelnase.

Nach ein paar Wochen verliebt sich Winzer sogar in eine kleine Frau aus dem Nachbarviertel, die ihn täglich mit Marzipan füttert. Er ahnt nicht, dass sie ihn füttert, weil sie zu denen gehört, die ihn später, wenn er geerntet wurde, essen will.

Wie so ein Kopf wohl schmeckt?, fragt sie sich.

Es gibt aber auch Kräfte, die ihn befreien wollen. Menschen, die sich für die Rechte von Köpfen einsetzen. Und eines Nachts kommen sie, um ihn zu befreien. Sie fahren schweres Gerät auf. In einem Schubkarren: Hacken und Schaufeln. Winzer bekommt zunächst nichts mit, so fest schläft er. Ihm träumte gerade von einem Fußballfeld. In der Mitte statt eines Balles sein Kopf. Anpfiff. Einer der Spieler stürmt auf ihn zu, holt aus, tritt zu und …

Winzer erwacht. Was ist denn hier los. Schweiß, Nacht, Erde. Bitte sehr, ich erwarte eine Erklärung.

Nichts da. Die Befreiungsorganisation FREIE KÖPFE hat keine Zeit, sich auf Diskussionen mit ihrem Zielobjekt einzulassen. Später kann man reden. Später auf der DÜSSELDORF, dem größten Ökoaktivistenkahn der Menschheitsgeschichte. Die DÜSSELDORF hat schon alle Meere der Welt befahren. Man hat Delphine, Wale, Seesterne, Rochen gerettet. Sie alle konnten sich nicht äußern, ob sie überhaupt gerettet werden wollten. Dieses Mal ist es anders. Winzer wird sich äußern können. Er wird seinen Dank direkt in die Kameras hauchen können. Die Kameras, die alles einfangen werden. Jede kleinste Regung. Jede Träne.

Die KIDS DES TODES werden außer sich sein. Sie werden toben. Wie konnte man ihnen ihren Kopf entführen, wo er schon für viel Geld an Gourmets aus aller Welt verkauft war.

Sogar Jaques Pepin wollte kommen. Pepin, der 1976 siebzehn Meerjungfrauen, eingelegt in Meerwasser, angelegt an Flußkrebse, verspeiste. Pepin gilt als Sinnbild des französischen Gourmets, der sich nicht auf Kartoffeln oder Brot stürzt, sondern dem gerade das Beste gut genug ist. Wie damals, als er Rasenstücke in Salbeisoße aß, nicht irgendwelche Rasenstücke, sondern Rasenstücke aus dem Rasen des amerikanischen Präsidenten. Frisch aus der Wiese vor dem Weißen Haus geschnitten und nur wenige Meter entfernt zubereitet. Pepin verputzte ganze siebzehn Quadratmeter. Die Presse jubelte, während Pepin die Schusswunde versorgen ließ, die der SECRET SERVICE ihm als Dessert verpasst hatte.

Winzer lässt seinen Blick schweifen. Verzweiflung in den Augen. Die Wachen, die die KIDS DES TODES aufgestellt hatten, enthauptet.

“Wie konntet ihr das tun?”, schreit Winzer.

“Für die Sache der Freiheit”, sagt die Bordgynäkologin Dr. Reifenbach.

“Ihr Monster!”

“Nein, wir sind keine Monster. Das sind die Monster. Man hat sie ausgestellt. Und in wenigen Tagen wollte man sie ernten und verspeisen.”

Unsinn. Was reden die da?

Die Organisation FREIE KÖPFE hat ihn ausgegraben.

“Stehen Sie auf”, sagt Doktor Reifenbach.

Winzer versucht es. Er versucht es wirklich. Er kann es nicht. Spürt weder in den Händen noch Füßen etwas.

“Der Rollstuhl!”

Der Ruf nach einem Rollstuhl wird weitergetragen. Von Mund zu Mund wird er getragen.

“Was ist mit mir?”, fragt Winzer.

“Alles abgestorben”, antwortet Reifenbach. “Wir werden Ihnen den Kopf abnehmen müssen und ihn an ein Computersystem anschließen müssen. Ein kompliziertes Verfahren, wie man es aus FUTURAMA kennt. Ihr Kopf wird unter einer Glasglocke landen.”

Man hebt Winzer in den Rollstuhl, der nicht glauben kann, was er eben gehört hat.

“Sie meinen, so wie in der Zeichentrickserie?”

“Unsere besten Erfindungen stammen aus Zeichentrickfilmen.”

“Und haben sie das schon mal gemacht.”

Frauen und Männer in Ärztekitteln stehen um ihn herum.

“Was hat er gefragt?”

“Er will wissen, ob wir schon mal einen Kopf entfernt haben.”

Gekicher. Dann schieben sie ihn rasch zum LKW KÖLN, dem größten Ökoaktivistenlastkraftwagen der Welt.

Die DÜSSELDORF hebt und senkt sich. Stürmische See. Meterhohe Wellen. Die DÜSSELDORF wird seit Wochen von einem Boot der KIDS DES TODES verfolgt, die die Herausgabe ihres zu früh geernteten Kopfes fordern.

Winzers Kopf wurde abgetrennt, um ihn zu retten. Er wurde an einen Computer angeschlossen.

“Ich starre seit Tagen auf dieses Bild eines Schiffes in Seenot”, beschwert Winzer sich.

Elvira Reifenbach kann es nicht mehr hören. Winzer geht ihr bereits jetzt unsagbar auf die Nerven. Auf die Nerven, die Nerven, und das SOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO unsagbar. Nerven, Nerven. Sie zwinkert nervös mit dem linken Auge.

“Meine Stirn juckt!”, schreit Winzer. “Ich will sie gekratzt bekommen.”

Die Gynäkologin beugt sich zu dem Kopf. “In der Erde dort in Ihrem Viertel, da haben Sie sich doch auch nicht dauernd beschwert.”

“Dort war ich ein verfluchter Star”, sagt Winzer. “Hier stehe ich in einer Kajüte rum. Ich werde nur manchmal vom Kapitän geholt, um ihm bei seinem Sex zuzusehen.”

“Das streitet der Kapitän ab!”

“Er treibt es mit einem Loch im Schrank.”

Dr. Reifenbach will das nicht hören. Sie ist hier, um sich für die Rechte bedrohter Arten einzusetzen. Für das Gute. Da kann sie es gar nicht gebrauchen, wenn das Befreite ständig meckert.

“So können wir ihn nicht der Presse vorführen”, sagt Elvira später beim Abendessen.

Sie blinzelt dem Bordmacho Don Lillo zu, der sich nachher in ihrem Bett einzufinden hat. Sie will sich ablenken. Will den Kopf vom Kopf frei bekommen.

“Und was machen wir mit ihm?”

Die entscheidende Frage, auf die momentan niemand eine Antwort hat.

Wochen, Monate. Der Kopf wird von Hand zu Hand gereicht. Er will sich nicht vor der Presse bedanken. Man droht ihm damit, ihn abzunabeln. Raus mit den Kabeln. Offline. Es fruchtet nicht. Winzer will, dass man ihn in seine Wohnung zurückbringt, am liebsten ins Loch. Dort gehört er hin. Dort war er wer.

DAS GEWÄCHS!

Elvira Reifenbach spricht mit Engelszungen auf ihn ein. Sie redet sich die Zunge wund. Leckt aufreizend über das Glas. Verspricht, dass er sie mit der Zunge befriedigen darf, wenn er aller Welt erzählt, was für großartige Freiheitskämpfer ihn da vor, sie muss nachzählen, drei Jahren befreit haben.

Drei Jahre? Winzer schluckt. Er hat die Faxen dicke. Er spuckt, obwohl er gar keine Spucke mehr hat. Ich denke, als bin ich. Nach dem Prinzip funktioniert er. Oder das, was von ihm übrig ist.

In einer stillen Nacht auf dem offenen Meer, kommt es über ihn. Er beginnt hemmungslos zu weinen, bis er Geräusche hört. Seine Lider zucken. Schüsse sind zu hören. Bomben detonieren. Schließlich wird seine Tür in die Kajüte gepustet. Haarscharf an seinem Kopf vorbei.

Die KIDS DES TODES stürmen hinein, mitten unter ihnen Jaques Pepin, der eine Latz trägt. In seinen Händen Messer und Gabel.

“Da seid ihr ja endlich”, schreit Winzer begeistert.

Die KIDS DES TODES rappen etwas von Silo, bevor sie ihn in einen Sack stopfen.

Und ab!

Wo bin ich? Teller. Besteck. Kerzenständer. Oh, das ist aber ein fein gedeckter Tisch. Und alle sind sie da. Die KIDS DES TODES. Und der Mann mit dem Latz. Auch die Frau, die mich gefüttert hat. Meine große Liebe. Warum kann ich nicht reden? Ach, wegen des Apfels in meinem Mund. Tut gar nicht weh. Ich kann mich sogar aus meinem Kopf befreien. Da! Ich schwebe über dem Tisch. Dort unten bin ich. Allen läuft das Wasser im Mund zusammen. Hm, ich sehe verflucht lecker aus. Ja, was machen sie denn jetzt? Sie schneiden mich an. Mein Ohr. Nicht schlimm. Ich empfinde keinen Hass. Da ist so viel Liebe. Und wenn sie mich unbedingt essen wollen, dann sollen sie das tun. Ich werde jetzt auf diese Licht dort drüben zufliegen, ja, weiter, hin zum Licht. Und rein ins Licht und …

Lars Antichrist

Lars will es. Unbedingt. Er will die Erde unterjochen. Will sie bluten sehen. Er will der Antichrist sein. Nicht irgendein Antichrist, sondern der Antichrist schlechthin. Das muss doch möglich sein. Berufswünsche sind dazu da, um sie sich zu erfüllen – wenn möglich. Heinz, sein dämlich grinsender atheistischer Schulfreund, hat ihm erzählt, es gebe keinen Gott, und somit auch keine Hölle – und keinen Teufel. Unsinn! Für diese Frechheit hat ihm Lars die Zähne ausgeschlagen. Nicht einen, nicht zwei, sondern alle siebzehn, die Heinz noch im Mund hatte. Und dann hat er ihn noch gewarnt, ja nichts zu verraten, sonst seien seine Eltern und seine Schwestern auch noch dran. Das Böse schläft nie, sagte Lars. Es bekommt alles mit.

Lars geht danach nach Hause, ein Zuhause, dass ständig auf Achse ist, weil seine Eltern im Bankräubergewerbe sind. Bankräuber. Das ist ein guter und ehrlicher Beruf, sagt sein Vater und hebt den kleinen Lars auf den Arm. Wenn du mal groß bist, wirst du auch Bankräuber. Gut und ehrlich sind Worte, die Lars krank machen. Lars schüttelt innerlich den Kopf. Aber jetzt nicht auffallen. Nur nicht auffallen. Wenn die Zeit gekommen ist, wird er sich Aleister nennen und eine Menge Kinder dem Fürsten der Finsternis opfern.

Die Eltern packen den kleinen Lars in seinen Kinderzimmerkäfig und schleppen ihn nach unten. Hinein in den LKW. Und ab geht es zum nächsten Wohnort.  Unterwegs, weil es sich anbietet, überfallen sie gleich noch drei Banken. Läuft alles gut. Bis auf die vier Toten. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Sagt der Vater. Und der muss es schließlich wissen, sonst wäre er kein Vater geworden.

Lars malt derweil umgedrehte Kreuze in seinen Sabber. Das ist eine Unart von ihm, überall malt er diese umgedrehten Kreuze hin. Als sie mal bei Oma waren, hatte er sich einen Stift genommen. Die ganze Wohnung hatte er mit den Kreuzen verziert. Als Oma ihn auf sein ungezogenes Verhalten ansprach, verstellte er seine Stimme und krächzte: “Hier spricht Satan, du Hure. Du wirst bald verrecken. Und dann wirst du hier unten bei uns Schwänze schlecken.” Die Oma riss die Augen auf, stammelte etwas von “Unglaublich!” und “Was?” und verstarb an Ort und Stelle. Lars bekreuzigte sich umgekehrt, gedachte des großen Aleister Crowley und buchte Oma als Opfer an den Fürsten ab. Dann bekam er Hunger, weil er sich aber noch nichts alleine zubereiten konnte, musste er warten, bis seine Eltern die Leiche fanden.

Die neue Wohngegend ist schrecklich. Lars hasst sie. Teufel, wie er sie hasst. Lauter Einfamilienhäuser. Frauen, die früh aufstehen und grüßen. Ein grünes Haus, ein gelbes, ein rotes, ein pinkfarbenes. Die ersten Tage ist Lars krank. Er übergibt sich. Wie seine Lieblingsschauspielerin Linda Blair in seinem Lieblingsfilm “Der Exorzist”. Um ihn zu beruhigen, legen die Eltern die DVD ein. Sein Blick verzerrt sich. Ein diabolisches Grinsen umspielt seinen Mund. Es geht ihm Szene für Szene besser. Um sich von den Strapazen der Krankheit zu erholen, streunt er durch die Gegend. Er entführt, foltert und tötet diverse Katzen.

Man müsste hier ein Massaker anrichten, tagträumt Lars, als ihm ein Junge mit einem seligen Gesichtsausdruck entgegentritt. Der Junge heißt Waldemar und ist ein Christenkind. Ein Anhänger Gottes.

“Oh, bist du neu hier?”, fragt Waldemar und meint, Schwefelgeruch wahrzunehmen.

“Fick dich!”, grunzt Lars.

Hm, überlegt Waldemar, als ein Christenmensch sollte ich gehorchen. Ich will diesen jungen Mann ja glücklich machen. Aber wie soll ich das machen? Mich selber ficken? Geht das überhaupt?

“Hör zu, mein Bruder”, sagt Waldemar. “Gern will ich dir deinen Wunsch erfüllen, aber lass uns zuvor beten!”

Lars beschließt, das Spiel, alle Dämonen mögen ihm verzeihen, mitzuspielen, nur um zu sehen, was passiert. Waldemar fällt mit einem “Auaschönistdas” auf die Knie und betet das Vater-unser. Lars bewegt die Lippen. Die Sekunden des Gebets sind der reinste Himmel für ihn. Es ist schön. Beinahe muss er sich wieder übergeben.

“Und jetzt fick dich!”

Waldemar wird rot im Gesicht. Versprochen ist versprochen. Und der Herrgott sieht alles. Aber Unzucht, auch mit sich selbst, ist eine Sünde. Er könnte sich umbringen. Auch das eine weitere Sünde. Er steckt in einer echten Klemme.

“Und wenn ich es nicht kann?”, fragt Waldemar.

“Dann würde ich dich als einen unfreundlichen Menschen bezeichnen.”

“Hm.” Waldemar schüttelt den Kopf und geht nach Hause. Hinein in sein Zimmer, er packt seine Bibel ein, ein paar Unterhosen zum Wechseln und zieht sich ins Unterholz zurück. Dort sitzt er. Ein Einsiedler. Einer, der die Menschen hinter sich gelassen hat, bis die Eltern zum Essen rufen. Gehorchen muss er. Also gehorcht er.

Und wieder ziehen Lars und seine Eltern um. Die Jahre verstreichen. Lars ist inzwischen sieben Jahre. Sieben ist eine Zahl, die er hasst. Fragt ihn jemand, behauptet er 666 Jahre zu sein. Er sei das Große Tier. Basta! Außerdem will er nicht mehr Aleister heißen, sondern Damien.

Zeit für seine erste Blackmetalband. Sie nennen sich “Frau Hölle”.  “Frau Hölle” wollen mit ihrer Musik Schmerz erzeugen. Sie wollen quälen. Zunächst probieren sie ihre Songs an Tieren aus. Die meisten verenden nach wenigen Sekunden. Hunderte von Hamstern. Später Katzen. Hunde. Keines der Tiere überlebt ihr Intro. Sie reißen die Augen auf. Fallen zur Seite. Mit heraushängender Zunge. Lars ist mit dem Resultat zufrieden. So können sie auf Tournee gehen. Sie nennen es nicht so. Sie nennen es Amoklauf. Jürgen, der Gitarrist, organisiert einen Kleinbus. Sie schminken sich weiß, schmieren sich mit Schweineblut ein und fahren los. Lars spürt, dass sein Leben allmählich seinen Sinn verliert. Darum geht es. Keinen Sinn finden. Oder, ist einer da, ihn zu verlieren.

Sie halten auf einem Marktplatz. Bauen ihre Verstärker auf, bitten um Strom, den man ihnen verweigert. Sie würden nicht vertrauensselig genug aussehen. Nicht vertrauensselig? Pah! Lars und Jürgen besorgen sich in der Nacht illegal Strom und spielen ihr erstes Todeskonzert. Punkt Mitternacht. Es ist ein Blutbad. Sie metzeln die Kleinstadt nieder. Kinder, alte Menschen, keiner überlebt. Jetzt hat er es geschafft. Lars ist zu einem Flüchtling geworden. Er hat sich endgültig von seinen Eltern abgenabelt, die wenige Tage nach diesem Ereignis bei einer Schießerei mit der Polizei ums Leben kommen. Lars trauert nicht. Höllensöhne trauern nie.

Nach den Kleinstädten, kommen die Großstädte. Lars Antichrist, so haben ihn die Zeitungen getauft. Er ist fünfzehn und verlässt eines Nachts heimlich den Tourbus, um nach Alexandria auszuwandern. Die Band war der Anfang. Aber sie kann mehr. Er weiß es. In Alexandria mietet er sich in einem Hotel ein und beschwört einen Dämon namens Labrador.

Labrador diktiert ihm das “Textbuch des Todes und der Pein”. Darin enthalten, alle Texte, die “Frau Hölle” grunzen müssen, um die Herrscharen der Hölle auf die Erde hinauf zu rufen. Schwitzend, an Verstopfung leidend, schreibt Lars Antichrist das “Textbuch des Todes und der Pein” auf dem Klo nieder. Nach vier Stunden ist es vollbracht. Lars zieht sich an, spielt einen Song leise auf seiner Wandergitarre und verlässt ein Alexandria, in dem niemand mehr lebt. Leichenberge säumen seinen Weg. Er läuft an Blutflüssen entlang. Seine Rückreise bildet eine Schneise der Verwüstung.

“Frau Hölle” treffen sich an einer Bushaltestelle am Rand von Köln. Sie beten ein Vater-unser rückwärts, bespucken Oblaten, feiern hinter dem Bushäuschen eine schwarze Messe samt Jungfrauenschändung und gehen dann auf Amoklauf. Auf ihren T-Shirts stehen alle Städte, in denen sie töten werden.

Die Todeskraft der neuen Texte ist so stark, dass sie keinen Strom mehr brauchen. Sie müssen nur daran denken, den einen oder anderen Song zu spielen, schon töten sie alles Leben im Umkreis von mehreren hundert Kilometern. Gleichzeitig tauchen die ersten Dämonen auf der Erde auf, darunter auch Labrador, der sich “Frau Hölle” als Rowdy anschließt. Gerade mal sechszehn Jahre, fühlt sich Lars am Ziel. Die Welt wurde Satan unterworfen.

“Frau Hölle” werden zu DER BAND der kommenden Epoche. Kein Todesfall, bei dem sie nicht spielen. Satan höchstpersönlich ernennt sie zur “verfickt schlechtesten Band aller Zeiten”. Um auch den Rest des Universums zu unterwerfen, lässt Satan Raumschiffe für den nächsten Amoklauf von “Frau Hölle” bauen. Alles läuft gut, bis die ersten Angriffswellen Gottes das Höllenreich erschüttern. Man setzt Engelschöre ein, später Schlager. Die himmlischen Scharen machen nächtlich Land gut. Gott werde sich die Erde zurückholen. Lars und seine Bandkollegen geben alles. Die noch existierenden Kirchen werden zu Trutzburgen des Widerstands. Satan weist die Priester darauf hin, wem sie ewige Gefolgschaft geschworen haben. Nicht Gott, sondern ihm. Der Vatikan bekennt sich, schon seit Jahrhunderten heimlich für Satan zu arbeiten.

Lars kümmer das wenig. Er ist siebzehn und krank. Blutkrebs, stellen ein paar lachende Dämonen fest.

“Was kann man da machen?”, fragt Lars.

Wieder lachen die Dämonen. Was man da machen kann? Machen kann? Sie feixen und verabschieden ihn. Das Böse kenne kein Mitleid.

Lars ist zum ersten Mal verzweifelt. Er, der sich ein Leben lang für die Sache des Bösen aufgeopfert hat, wird aufgegeben, liegengelassen, niemand will sich um ihn kümmern. Seine Bandkollegen tauschen ihn aus.

In seiner letzten Nacht erscheint Lars ein Engel, der verflucht nach dem Kerl in der Wohnsiedlung damals aussieht. Wie war sein Name? Waldemar?

“Ich bin der Engel Waldemar”, sagt die Gestalt. “Ich bin mächtig. Ich kann mich sogar selber ficken.”

Lars muss vor Lachen Blut erbrechen.

“Und kann du mich retten?”, fragt Lars.

“Ja”, sagt der Engel.

“Dann tu es”, herrscht Lars ihn an.

“Ja”, sagt der Engel Waldemar. “Hiermit …” Waldemar bricht ab.

“Was ist los?”, fragt Lars.

“Ich muss weg”, sagt Waldemar. “Gott hat zum Essen gerufen. Und er wird saulieb, wenn man nicht auf ihn hört. Saulieb ist nicht schön, glaub mir.”

“Rette mich erst”, bettelt Lars.

“Nein, ich muss. Wenn dir langweilig ist, fick dich einfach selbst”, rät der sich entfernende, sich dabei selbst penetrierende Engel Waldemar.

Lars liegt da und stirbt. Er denkt an sein Leben zurück. Im Grunde hat er alles erreicht, was ein junger Mann erreichen kann. Er wird sicherlich einen guten Platz in der Hölle bekommen. Viel Feuer und Schmerz, besser wird man es nicht haben können. Schade nur, dass man ihm seinen Einsatz nicht mehr gedankt hat. Aber so ist das eben mit den heutigen Unternehmen. Kein Rückhalt für die Belegschaft. Lars schließt die Augen und schläft ein.

Als er aufwacht, ist es sieben Uhr am Morgen. Seine Eltern leben noch. Er ist gefesselt.

“Wo bin ich hier?”, fragt Lars.

Sein Vater beugt sich mit einem freundlichen Lächeln über ihn. “In der Hölle, mein Sohn!”

Aus dem Radio sickert leise ein Lied. “Ein bisschen Frieden” von Nicole.

Sein Vater streichelt ihn.

“Hör auf damit!”, giftet Lars.

“Nein”, flüstert sein Vater.

Mehr und mehr gutaussehende Wesen drängen ins Zimmer und streicheln ihn. Sie sagen, Lars wäre ja ein so toller Junge. Soooooooo toll!

“Die Hölle”, sagt sein Vater leise. “Willkommen in der Hölle!”

Lars Antichrist beißt die Zähne zusammen. Diese eine kleine Ewigkeit, verfickt noch mal, die wird er auch durchstehen, und wenn die vorbei ist, dann gnade ihnen Gott. Dieses Mal wird er für die Sache des Guten kämpfen. Und das wird für niemand gut ausgehen. Mit diesem Gedanken lässt Lars es geschehen. Alles, auch das sie ihn gerade loben.

“Mein kleiner Liebling!”

Lars schreit innerlich auf!

Coppo_di_Marcovaldo,_Hell

Traumtagebuch mit Hoden

“Ernst von Fleischl kam schon wieder vorbei. “Freud”, sagte er, “ich brauche mehr Cocain.” Versprach es ihm widerwillig. Meine Vorräte befinden sich unter einem großen Stein am Bahnhof. Verabredete mich mit von Fleischl dort, dessen linkes Augenlid unablässig zuckte. Das Lid, erklärte ich, könne er mit einem Faustschlag kurieren lassen. Weberthal in der Innenstadt habe sich auf Faustschläge ohne Anästhesie spezialisiert. Von Fleischl bedankte sich, auch für meine Untersuchungen am Aal-Hoden, die ich durch tagelanges Kneten dazu animieren konnte, ein eigenes Hirn zu entwickeln. (Bei den meisten Männern scheint mir diese besondere Mutation schon längst vollzogen.) Werde wohl nicht am Bahnhof erscheinen, weil ich die gesamten Cocain-Vorräte für die Behandlung meiner Nebenhöhlenentzündung benötigte, die sich bereits wieder bemerkbar macht. Sollte mich in den nächsten Wochen dringend um meine Angst vor Türklinken kümmern. Vermutlich handelt es sich dabei um die Urangst des Mannes vor Türen mit Penis. Dies ist aber nur eine vorläufige Vermutung. Ziehe mich jetzt zum Aal-Hoden-Kneten zurück, das mich doch sichtbar entspannt.”

Aus “Traumtagebuch mit Hoden” von Sigmund Freud, nie erschienen

Aus meinem Tagebuch

8. April 2014

Ich habe die ganze Nacht an einer Kurzgeschichte gearbeitet, deren Sinn sich mir nicht recht erschließen will. Was will ich damit sagen? Wütend stampfte ich auf, bis meine Kinder weinend erwachten. “Das ist doch nur Papa”, erklärte meine Frau ihnen. “Er arbeitet an einer Kurzgeschichte.” Das beruhigte die Kinder. “Ach so”, seufzten sie erleichtert auf. Jetzt liege ich müde und erschöpft auf dem Hund vor dem Kamin. Neben mir die Geschichte, die keinen Sinn ergibt. “Lies!”, hatte ich den Hund angebettelt. “Lies!” Aber auch er verweigerte sich. Ich bin so unglücklich. Oh weh! Würde ich meine eigene Geschichte nur verstehen, ich wäre ein glücklicher Mensch, der bereit wäre, sich an den Frühstückstisch zu setzen. So aber schlafe ich aus Trotz auf dem Hund, bis alle aus dem Haus sind.

9. April 2014

Es ist traurig. Der Hund ist tot. Als ich mich gestern Abend erhob, um mich bei ihm zu bedanken, dass er so geduldig als mein Lager gedient hatte, rührte er sich nicht mehr. Alle Versuche, ihn wiederzubeleben, scheiterten. Ich zerrte ihn über seine Lieblingsstrecke durchs Viertel. Aber nichts. Nicht einmal ein kurzer Atemzug. “Oh!”, klagte ich. “Der Hund ist von uns gegangen.” Die Kinder waren minutenlang untröstlich. Wir bestatteten das arme Tier später im Garten einer uns unbekannten Familie. “Wir werden einen neuen kaufen”, versprach ich den Kindern. “Aber, Papa”, sagten sie, “wir wollen Herr Rodenbach.” – “Gut, gut”, sagte ich. “Wir werden ihn finden. Seelen wandern. Nun müssen wir uns auf die Suche nach dem Hundekörper machen, in den Herr Rodenbach nach seinem Ableben eingefahren ist.”- “Juchhu!” Die Freude der Kinder war unbeschreiblich, selbst dann noch, als ich ihnen erklärte, dass Herr Rodenbach vermutlich Besitz vom dicken Leib unseres Nachbarn genommen habe. Ein Spaß. Haha! Nun soll ich ihn entführen. “Nein, nein, nur ein Spaß, wirklich.” Die Kinder sind von der Idee, unseren Nachbarn Gassi zu führen, besessen. Ich hätte das nicht sagen sollen. Kinder sind einfach zu gutgläubig.

Ich habe eine Mail unflätigen Inhalts erhalten. Man lehnte eine meiner Geschichten, die ich selbst nicht verstehe, ab. “Sieh mal!”, rief ich meiner Frau zu, die gerade Gulasch kochte. – “Was?” – “Sie haben meine Geschichte, die ich selbst nicht verstehe, abgelehnt.” Erzürnt bis über beide Ohren stürmte meine Frau heran. “Dieses Miststück!”, schimpfte meine Frau über die Absenderin der Mail. – “Zähme dich nicht!” – “Unkrautjätendes Ungetüm!” – “Ja, ja!”, feuerte ich sie an. “Wir dürfen uns das nicht gefallen lassen.” – “Niemals!” – “Lass uns unzüchtig Liebe machen, direkt hier im Angesicht ihrer Mail.” Und so geschah es. Wir liebten uns umständlich auf der rechten Stuhllehne. “Sieh hin, Bitch”, forderte meine Frau die Mail auf. “Sieh und lerne!” Wollüstig glitt der Nachmittag in den Abend.

Abenteuer auf Teneriffa

Ein Fall für Kommissar Zufall

Als Kind träumte ich oft von Teneriffa, und dies, obwohl ich die Insel nur aus dem Fernsehen kannte. Ich saß in einem der zahllosen schäbigen teneriffianischen Restaurants, die Pustekuchen anboten. Pustekuchen, so dachte ich lange, sei die typische Speise dieser weltberühmten Packeisinsel. Erst später sollte ich erfahren, dass ich falsch geträumt hatte. (Falsch zu träumen, entwickelte sich zu einer meiner jugendlichen Traumata.) Typisch war nicht Pustekuchen, sondern Robbenkloppersalat. Man muss junge Robben siebzehn Minuten windelweich kloppen, mit einem Teppichklopper oder einem Klopper, den man sich von einer der Schulen für Halbstarke besorgt. Anschließend zieht man die Windeln mit einem Abzieher ab. Danach muss man das Ganze noch mit Himbeermoschusochsenbalsamicoessig abschmecken. Kühl servieren.

Teneriffa zählt zu den weltweit größten Inseln mit einem riesigen Gesamtumfang. Es leben dort schätzungsweise 1 Milliarde Leute, die sich hauptsächlich vom Fischfang und dem Tourismus ernähren. Doch weiter im ereignisreichen Verlauf dieser mordsmäßig guten Erzählung. Teneriffa wurde im Jahr 1967 von dem spanischen Immobilienmakler Jose Cortez für seine Schwester gebaut, die sich seit ihrer Pubertät in den Ardennen nichts sehnlicher als eine eigene Insel gewünscht hatte.

Genug der Fakten. Steigen wir in das mit Action randvoll gefüllte Becken der Geschehnisse.

Mein Name ist Kommissar Zufall. Ich bin Privatdetektiv. Nicht nur irgendein Detektiv, sondern der beste Detektiv, den ich kenne. Merken Sie sich meinen Namen! Kommissar Zufall. (Ich werde Sie bei Gelegenheit abfragen!) Ich verdanke meinen Vornamen einer Laune von Mutter Zufall, die, als sie mit mir hochschwanger (sie war wirklich sehr hochschwanger!) war, vor dem Fernseher einen Krimi sah, in dem ein Kommissar einen Wagen vorfahren ließ. Das gefiel ihr so sehr, dass sie dachte, Kommissar sei der richtige Name für einen zukünftigen Kommissar. Leider wurde nichts aus ihrem Berufswunsch für mich. Ich entschied mich anders und gründete die Detektei Kommissar Zufall.

Als Kind löste ich bereits eine Menge Fälle, so den Fall der Berliner Mauer, den ich im Fernsehen verfolgte. Ich klärte meine Familie darüber auf, dass der Fall gelöst sei, weil es zukünftig keine Mauer mehr gebe. Sie konnten es nicht glauben. Meine Mutter weinte sogar, weil sie Verwandtschaft im Osten hatte, die sie – so hatte sie gehofft – nie wieder sehen würde. Falsch gedacht!

Um mich zu trainieren, saß ich die ganze Zeit über am Fenster und beobachtete mit meiner Oma die Straße. Was da alles los war! Wir notierten alles. Zahllose Autonummern. Wir kamen mit dem Notieren gar nicht hinterher, weil wir an einer stark befahrenen Kreuzung wohnten. Unaufhörlich kamen Autos und Menschen vorüber. Es war zum Lachen schön. Und so saßen wir da. Meine Oma und ich. Lauthals lachend, und notierend.

Davon will ich heute nicht berichten, sondern von einem meiner letzten Fälle, der mich nach Teneriffa führte, jener wunderbar mysteriösen Insel, die die meiste Zeit kaum zu erreichen ist, weil sie eingeschneit ist. Ich hatte den Auftrag erhalten, ein paar Tage vor Ort zu recherchieren. Leider hatte ich kurz nach meiner Ankunft vergessen, worüber.

Ich war mit einem Billigflieger geflogen. Es war eine stürmische Überfahrt, die mein Nervenkostüm arg strapazierte. Ich hatte den Notausgang geöffnet und übergab mich unaufhörlich. Gezeter und Gemecker der anderen Fluggäste, dass es fürchterlich ziehen würde. Ich ließ mich davon nicht aus der Ruhe bringen. Ich war viel zu sehr mit mir und meinem Körper beschäftigt, den ich normalerweise in einem Fuldaer Fitnessclub stählte. Ich hatte eine Dauerkarte, die es mir erlaubte, Tag und Nacht Gewichte zu stemmen. Ich liebte mich und meine Muskeln, die ich gerne auch zum Vergnügen junger Damen in Bewegung brachte. Man jauchzte und wollte sie anfassen, wogegen ich nichts hatte. Gar nichts. Immerhin war ich stolz auf meinen gebildeten Körper.

Nachdem ich mich ausgekotzt hatte, setzte ich mich in meinen zu engen Sessel zurück, der nicht einmal eine Massagevorrichtung besaß.

Nach etwa siebzehn Stunden kamen wir an.

Schneewehen schlugen mir entgegen. Der Geruch von gebratenen Schlittenhunden. Einheimische in Pelzmänteln rannten aufgeregt über die Start- und Landebahn und verstauten unsere Koffer in riesigen Schlittenbussen, die uns zu unseren Hotels bringen sollten. Wir waren alle in einem anderen untergebracht. Teneriffa verfügt über so viele Hotels, dass eine Zählung an der hohen Anzahl scheiterte. Ein Leben würde nicht ausreichen, sie alle zu erfassen. Ich wurde ins Golden Holden gebracht, benannt nach dem amerikanischen Schauspieler William Holden, glaube ich. Die an der Rezeption wussten von meiner Ankunft. Nette Leute in der Landestracht, die einen Eisbären bei der Jagd zeigt.

Da saß ich also. Deutschlands berühmtester Detektiv, gestrandet auf der Insel des Eises und des Schnees. Ich wählte die Nummer vom Zimmerservice und ließ mir ein typisches einheimisches Gericht bringen. Teuer, aber wenn ich schon mal hier war, wollte ich auch das Gericht, das aus einem Richter und elf Geschworenen bestand. Wo war der zwölfte? Ich mokierte und man ließ etwas im Preis nach. Nachher schlief ich seelenruhig, fast wie ein teneriffianisches Robbenbaby, bevor es von bösartigen Robbenbabyjägern erlegt wird. Selbst im Schlaf schwollen meine Muskeln ab und an bzw. an und ab.

Als ich am nächsten Tag erwachte, waren die Schneestürme, von denen sie im Fernsehen berichtet hatten, eingetroffen. Ich saß aufrecht im Bett und dachte an meine Oma, auch überlegte ich fieberhaft, warum man mich überhaupt hierher geschickt hatte. Um mich von meinen überfallartigen Gedanken abzulenken, machte ich ein paar Kniebeugen, außerdem stemmte ich die Kommode, in der meine Socken untergebracht waren. Training beruhigt mich.

Plötzlich ertönte ein Schuss. Mein Blick sauste aufgeregt wie eine Biene durchs Zimmer. Wo ein Schuss ertönt war, befand sich auch eine Waffe und ein Schütze. Das könnte ein weiterer Fall für Kommissar Zufall sein.

Um mich auf den Fall vorzubereiten, schaltete ich den Fernseher an und suchte nach einer Detektivserie. Da! Ich war auf dem Kanal gelandet, der 24 Stunden in der Woche Magnum zeigte. Gierig starrte ich auf den Bart von Tom Selleck. Wie er sich wieder mit dem Mann stritt, der die Hunde abrichtete, wenn Sie wissen, wen ich meine. Herrlich! Ich knetete das Kissen, bis es die Form eines Herzens hatte. Ich liege lieber in einem liebevoll zubereiteten Kissen. Den Schuss hatte ich nicht vergessen, natürlich nicht, dafür bin ich selbst viel zu viel Detektiv, als dass ich ein Verbrechen ungesühnt lassen könnte.

Jemand hatte an meine Tür geklopft! Ich musste eingeschlafen sein, mindestens 24 Stunden, den es lief keine Folge von Magnum mehr. Scheiße. Jetzt hatte ich die Auflösung verpasst. Ich mühte mich mühevoll aus dem Bett. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Außerdem schüttelte ich erst die Decke auf, das hatten mir meine Eltern beigebracht. Die Erziehung hängt in einem drin. Die kann man nicht so einfach abschütteln. Rasch noch das Kissen geknetet, dieses Mal zu einem Frosch, der kurz vor der Verwandlung in einen Prinzen stand, und schon spurtete ich die vier Meter zur Tür. Enthusiastisch riss ich sie aus ihren Angeln. (Es war eine der typischen teneriffianischen Türen, die an Angelruten befestigt war. Fremde Länder, fremde Sitten. Obwohl das kein Land war, sondern eine Insel. Egal.) Ich trat gewichtigen Schrittes auf den Flur hinaus. Niemand zu sehen. Frechheit. So lange hatte ich für das Bett ja nun auch wieder nicht gebraucht. Diese Inländer bzw. Ininsulaner hatten die Geduld eben nicht mit der Muttermilch eingesogen, wie ich es getan hatte.

Geduld war mein zweiter Vorname. Kommissar Geduld Zufall. Die meisten Leute hielten es für einen schlechten Scherz, wenn ich sie über meine Namen in Kenntnis setzte. Nein. Es lag wohl daran, dass meine Eltern Hippies gewesen waren. Freie Wesen, die in einem Wohnwagen durch die Lande zogen, bevor sie in jener Wohnung, an der von mir bereits erwähnten befahrenen Kreuzung, ihren Hauptwohnsitz einrichteten. Vielleicht weil Oma nicht mehr konnte. Ständig nackt, das war für alte Frau von über 80 nichts mehr.

Ich wollte und konnte diesen klopfenden Zwischenfall nicht auf mir sitzen lassen. Außerdem wartete der Fall des Schusses noch auf mich. Rasch zog ich meinen Bademantel über, den ich für solche Gelegenheiten dabei habe. Ich klopfte an einigen Türen, um Befragungen, die mir nötig erschienen, durchzuführen. Bei der ersten Tür, öffnete mir eine nackte Frau, die mich an Oma erinnerte, nur fünfzig Jahre jünger. Ich wollte wissen, was sie hier mache. Außerdem verlangte ich ihren Ausweise. Ich ermahnte sie, dass sie sich mal was anziehen sollte, immerhin befanden wir uns auf der Insel des Packeises. Hier hatte man sich schnell einen Schnupfen geholt.

An der dritten Türe verließ mich die Lust. Ich wanderte in mein Zimmer zurück und konnte gerade noch sehen, wie unten ein Gast von der Polizei auf einem Hundeschlitten verstaut wurde. Aha, der Schütze, schoss es mir ungestüm und wortgewaltig durch mein Hirn.

Um mich zu besänftigen, machte ich abermals den Fernseher an. Die Nachrichten liefen gerade und der Sprecher berichtete, dass Kommissar Zufall einen der meistgesuchtesten Täter der Eisinsel Teneriffa der Polizei zugeführt hatte. Kommissar Zufall! Das war doch ich. Ich konnte es nicht glauben. Da hatten meine zähen Befragungen an den Hotelzimmertüren also doch zum Erfolg geführt.

Ich griff zum Telefon und rief meinen Freund Tannhäuser in Frankfurt an. Ohne viel Umschweife schilderte ich ihm, dass ich, kaum auf Teneriffa angekommen, und nachdem ich das Landesgericht gekostet hatte, obwohl Gerichte nicht mein Fall waren, einen Fall um einen Schützen gelöst hätte, der aus unerfindlichen Gründen im Hotel geschossen hatte. Tannhäuser lobte mich mehrmals aufgeregt, bis ich ihn darauf hinwies, dass Schleimereien an mir abprallten. Aufgelegt. Mit einer charmanten Bewegung, die ihresgleichen im internationalen Detektivwesen sucht, knallte ich den Hörer auf die Gabel, die noch vom späten Frühstück übrig war. Diese Unordnung erinnerte mich an meine Hippieeltern, denen es ein Gräuel war, wenn man aufräumte. Sie mokierten sich ständig über mein Zimmer, wenn wieder mal alles übersichtlich im Schrank verstaut war. Mama meinte, sie hätte als Mutter versagt, was ich so nicht durchgehen lassen konnte. Ich bat sie meist nach solchen Ausbrüchen zu einem Gespräch, dass leider fruchtlos verlief, da meine Mutter sich in Erziehungsfragen nicht von einem Fünfjährigen beraten lassen wollte.

Da der Fall gelöst war, konnte ich wieder abreisen. Dieses Bild stand mir klar vor Augen. Ich packte rasch ein paar Unterhosen, die der Gast vor mir vergessen haben musste, und verabschiedete mich mit dem Hinweis, dass ich jederzeit bereit wäre, in und um Teneriffa herum, dem Verbrechen Einhalt zu gebieten.

Der Schneeschlittenbus hatte Verspätung, die ich damit zubrachte, einige Schneehaufen zu fotografieren. Auch die Häuser der Einwohner, die zur Gänze aus Schnee gemacht waren, mussten gebannt werden. Da würde sich Tannhäuser aber freuen. Die Fotos könnten auch ans Detektivmagazin Spanner gesandt werden. Die waren immer froh, wenn sie eine Story über mich bringen konnten. Kommissar Zufall löst schon wieder einen Fall. Ich sah die Schlagzeile bereits vor mir. Da! Der Bus zum Flughafen. Vermummte Frauen drängelten sich vor. Das konnte so nicht sein. Wo blieb denn da die Gastfreundschaft? Ich zerrte eine dicke Person zurück und verwies ihre Nase an einen Schneehaufen. Hiebe nach rechts und links, und schon hatte ich mir einen Platz ergattert. Ging doch, wenn alle sich bemühten.

Mehr gibt es nicht zu erzählen. Tannhäuser holte mich vom Flughafen ab, weil er so eingeschneit war, dass monatelang kein Flieger starten sollte. Wir fuhren mit seinem Schneemobil direkt von Teneriffa nach Frankfurt. Unterwegs löste ich noch ein paar Fälle, unter anderem in Städten wie Beirut, die mir aber wegen ihres Straßenlärms den letzten Schlaf raubten.

Ich muss zugeben, Teneriffa hing mir lange nach. Selten hatte ein Fall mich so aufgewühlt, aber zum Glück hatte mein Unterbewusstsein den Fall wieder einmal ohne mein eigentliches Zutun lösen können.

Ich bin der geborene Detektiv.

In Frankfurt war alles wie immer. Ich wohnte ja seit Jahren in Fulda, hatte aber in der Bundeshauptstadt eine Zweitwohnung, direkt neben dem Bundeskanzlerinnenamt. Ich wollte mich gerade in die Wanne legen, als das Telefon läutete. Es war der Außenminister, der einen Auftrag für mich in Dublin, der Stadt der Wasserkanäle, hatte.

Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Rezept Robbenkloppersalat:

- junge Robben genau siebzehn Minuten windelweich kloppen

- anschließend zieht man die Windeln mit einem Abzieher ab

- danach mit Himbeermoschusochsenbalsamicoessig abschmecken

- kühl servieren

Deutschland hirnlos – Der irre Kult um mich, meinen Geldbeutel und mich

“Erwachte heute mit keinem Ständer. Blickte aus dem Fenster. Immer noch nicht mein altes Deutschland. Meine Visage ist auch noch dieselbe. Keine Pickel, wie ich mir das seit Jahren so sehnlich wünsche. Daran ist Grün-Rot schuld. Und die Windkraftenergie. Wenn ich durch die Straßen schlendere, fühle ich mich wie im Orient. Überall verschleierte Frauen. Niemand spricht deutsch. Ach, stimmt, ich bin ja seit gestern in Anatolien. Denen werde ich schon noch beibringen, wie man sich in meinem Deutschland zu benehmen hat. Drehe jetzt erst mal eine Runde auf meinem Dreirad, um nach einer Imbissbude zu suchen.”

Aus dem öffentlichen Tagebuch des Kifi Pitschi “Deutschland hirnlos – Der irre Kult um mich, meinen Geldbeutel und mich”

Die kalten Finger des Herrn Tod

“Kaum hatte ich mich damit arrangiert, dass wir künftig zu dritt auf dem Karren leben würden, fand ich eines Morgens einen Zettel von Nadja. Sie schrieb: Lieber Dimitri, die Zeiten waren hart, aber du nicht, deshalb bin ich mit dem Gevatter Tod auf und davon. Er will mir so viel zeigen, auch wenn er beruflich stark eingebunden ist. Ich bin jetzt auch tot. Das erleichtert unser Zusammenleben. Tot ist wunderschön. Ich kann dir diesen Zustand nur empfehlen. Du frierst nicht mehr, lachst nicht mehr. Du musst auch keine Wäsche mehr aufhängen. Wenn ich länger darüber nachdenken, muss ich feststellen, dass du wohl schon seit deiner Geburt tot bist. Lustig, was? Lass dich von Arkadi durchs Leben tragen. Gehabt euch wohl. Deine Nadja.”

Aus “Die kalten Finger des Herrn Tod”, Tagebücher des Dimitri Verscenko

Im Afrika des Weltalls

James Tiptree junior war seiner Zeit voraus. Nicht die schlechteste Voraussetzung, schreibt man Science-Fiction. Tiptree hieß im bürgerlichen Leben Alice B. Sheldon, eine Frau, die sich, um aus ihrer Haut zu schlüpfen, einen Avatar zulegte, dem sie den Namen einer Marmelade, eben Tiptree, gab.
Die SF jener Jahre war männlich dominiert, wenn auch im Aufbruch begriffen, was einer Gattung, die von Sternenfahrten und Entdeckungsreisen berichtet, ein Grundgesetz sein sollte. Aufbruch muss eine ihrer Fundamente sein, so wie alle wichtigen SF-Romane auch nie von der Zukunft, sondern stets und immer von uns im Allgemeinen wie im Besonderen erzählen.

Das Fremde ist das Großthema des Avatar Tiptree. Fremd irrt sie als Frau durch eine von Männern dominierte Welt, schwirrt sie durch ein Weltall aus Aliens, die auf Rennplätzen und Häfen arbeiten, so wie die Außerirdischen oder Menschen in Tiptrees Kurzgeschichten und Erzählungen, die ein Leben lang die ihr genehmsten Formen blieben, auch wenn der Ruhm sie dazu zwingen wollte, einen Roman auszustoßen.

Alice B. Sheldon wurde am 24. August 1915 in Chicago, Illinois als Tochter von Mary Hastings Bradley und Herbert Bradley geboren. Durch die Reisen mit ihren Eltern nach Afrika, Indien und Asien wurde Alice früh mit dem Thema ihrer späteren literarischen Suchbewegungen konfrontiert: dem Fremden. Alles fand sie hier vor: Das Entdecken des Andersartigen, das Verstehen und Missverstehen, und in deren Gefolge, Unwägbarkeit und Tod.

Eine frühe Ehe mit einer byronschen Dichtergestalt, dem Schriftsteller William Davey, zeigte ihr die Grenzen auf, die zwischen Mann und Frau lagen, die Gewalt, die unvermittelt in ein Klima der Kultur einbrechen kann. Nach sechs Jahren ließ sie sich scheiden und heiratete Huntington Sheldon, der den zweithöchsten Rang bei der europäischen Sektion des damaligen US-amerikanischen Geheimdienstes bekleidete.

Erst spät, 1952, schlüpfte Sheldon in die Rolle des SF-Autoren James Tiptree junior, der ihr die Möglichkeit bot, aus ihrem gewohnten Lebens- und Körperumfeld zu fliehen, um als Mann zu einer Ausdrucksstärke zu finden, die bis dahin den Frauen nicht zugänglich schien, weil nicht schick, nicht erwünscht, weil nicht im Machtinteresse einer von Männern dominierten Welt.
Der bekannte SF-Autor Robert Silverberg war sich sicher, dass die maskuline Schreibe Tiptrees nicht von einer Frau stammen konnte.

Der Septime-Verlag hat nun Band 4 “(Doktor Ain”) seiner “Erzählungen in 7 Bänden” herausgebracht. Wunderlich mutet es an, in einer Zeit, die, wie kaum eine vor ihr, der Schnelligkeit und dem Konsum huldigt, einen Reigen von Büchern erscheinen zu lassen, die neben den üblichen Genrefanverdächtigen nach einer Leserschaft fahnden, die es sich gefallen lässt, Herz und Hirn bei der Lektüre lodern zu lassen. Umso heftiger muss der Applaus derer ausfallen, die diese Verlagsarbeit schriftlich oder mündlich zur Kenntnis nehmen.

“Doktor Ain” offeriert die frühen humorvollen Geschichten von Tiptree, die stets im Afrika des Weltalls operieren, in einer Sprache, die – melodiös knapp – genau darum weiß, wie Sound erzeugt werden muss. Die Taktschläge der Trommeln in der inneren Nacht Tiptrees geben ihr den Rhythmus vor, in dem sie uns in den Strudel von Ereignissen reißt, die nie erklärt werden müssen, denn Fremdheit soll dem Leser (k)ein Fremdwort bleiben. So tastet man sich lesend in den Dschungel des Dargestellten, umschwirrt von seltsam anmutenden Wortwespen, deren Körper den Wörtern unserer Welt zu gleichen scheinen.

In der Erzählung “Geburt eines Handlungsreisenden” berichtet Tiptree von dem Zollbeamten einer interplanetarischen Verladestation, der zu surrealen Entscheidungen gezwungen ist, die über Krieg oder Frieden in einer weitentfernten Galaxie entscheiden können.
Tiptree verschiebt den ihr bekannten Alltag auf eine Ebene, die die Absurditäten unseres eigenen Lebens erst offensichtlich machen. Weit daneben geschrieben, um zu treffen.
Die Geschichten “Hilfe” und “Mutter kommt nach Hause”, gespickt mit Erfahrungen aus Sheldons eigenem Lebenskosmos, erzählt von einem CIA-Büro, das eigens für den Fall einer Landung von Außerirdischen gegründet, plötzlich mit einer solchen Ankunft konfrontiert wird. Auch hier zerrt Tiptree die Wirklichkeit ins fiktive Geschehen, seziert sie den “Kalten Krieg” ebenso wie den Umgang mit den Afroamerikanern, die dereinst aus Afrika verschleppt wurden. Realismus im Kleid der überbordenden Fantasie, um Literatur als einen Avatar zu benutzen, der es einem ermöglicht, das Unaussprechliche mit den Mitteln der Sprache sichtbar zu machen.

Schließlich (unter anderen) noch die titelgebende Story “Doktor Ain”, in der es um nichts geringeres wie den Weltuntergang geht. Sheldon schrieb während der Arbeit an einen Freund, sie sei deprimiert über die Umwelt gewesen, säße jetzt aber an einer Story “über einen Mann, der ALLE umbringt, danach werde ich mich besser fühlen.” Literatur als Rauschmittel und Eigentherapie.
Weit daneben geschrieben, um zu treffen. Im Notfall sich selbst.

Am Ende blieb Sheldon die selbstbestimmte Autorin, die den letzten Punkt ihrer Lebensgeschichte durch einen Selbstmord setzte.
Wirklichkeit kann das sein, was wir wirken lassen. Literatur kann uns ein Boot sein, um die Flüsse des Afrika in uns und um uns herum zu erfahren. Bei Tiptree waren es keine Boote, sondern Raumschiffe.

ain

James Tiptree junior, Doktor Ain, Septime Verlag, geb. mit Schutzumschlag, Lesebändchen, 12,5×19,5, 472 Seiten, Preis: € 23,30 [D], € 23,90 [A], ISBN: 978-3-902711-23-6

 

Jobs (II)

Verlierer

Anton, 52 Jahre, Verlierer von Beruf: “Ah, nein, nein, nein. Machen Sie das nicht. Angefangen hat es bei mir mit meinem Onkel, der bereits mit 16 als Verlierer nach Paris ist. Und das, obwohl er die Sprache gar nicht konnte. “Nicht weiter schlimm, Anton”, hat er gesagt. “Beim Verlieren musst du nicht sprechen. Du bekommst z.B. eine linke Socke und die verlierst du dann. Kurze Arbeitszeiten. Besser geht es nicht.” So wurde ich staatlich geprüfter Verlierer. Jahrelang verlor ich Kleinigkeiten, später stieg ich auf, verdingte mich an kriegstreibende Länder, zog ins Gebiet des Gegners, damit der seinen Krieg verlor. Ach, was ich nicht alles verloren habe: Wahlen, Gesichter, so viel. Aber glücklich, nein, glücklich bin ich nicht geworden.”

Hitler-Vergleich

Alfred, 62 Jahre, Hitler-Vergleich von Beruf: “Das ist doch scheiße. Das muss man doch mal so deutlich sagen dürfen. Lass mich, Eva Maria. Eva Maria ist meine Frau. Wo war ich? Beim Arbeitsamt. Diese Arschlöcher. Ist doch wahr! Die haben gesagt: Werden Sie Hitler-Vergleich. Den braucht man immer. Und was habe ich jetzt davon? Ich habe alle meine Freunde verloren. Auf der Straße, da spuckt man mich an, wenn mich erkennt. Nein, Hitler-Vergleich, das ist das Allerletzte. Hitler-Vergleich, pah, dann lieber arbeitslos.”