Die Verwendung des Schweizer Käses in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

Das überfällt dich. Plötzlich. Du kannst es ja gar nicht aufhalten. Es tritt aus dem Regen oder dem Schnee mit einer geladenen Waffe vor dich. Hände hoch! Rühr dich nicht! Es drängt dich in deine Wohnung. In dein Haus, wenn du eins hast. Hier in der Gegend gibt es viele Leute (man muss sie Leute nennen, weil sie sich selbst Leute nennen, sie nennen sich nie Menschen), die ein Eigenheim besitzen. Es sind große Eigenheime, deren Schatten einen verschlucken können. Monatelang kann man in so einem Schatten laufen, aber man findet nicht mehr raus. Man fragt sich, ob es so etwas wie eine Sonne überhaupt noch gibt.

Ich schweife ab.

Es ging um das, was dich überfällt, wenn du gerade gut drauf bist. Das Schreiben läuft. Du bist wie eine Maschine. Jeder Buchstabe, jeder Satz sitzt. Alle sind sie Treffer in deinem eigenen Körper. Du bist schon ganz hohl davon. Durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Das würdest du nie schreiben, weil sich das nicht gehört. Das Bild mit dem Schweizer Käse konnte man schon öfter lesen. Den Lesern muss von diesem abgegriffenen Bild schon ganz schlecht sein. Sie können es nicht mehr sehen. Keine brennenden Horizonte. Und keine Schweizer Käse.

Der Überfall dient nur dazu, dich am Schreiben zu hindern. Es ist eine Schreibkrise, die da mit einer Strumpfmaske vor dir steht.

Stell dich nicht so an, würde sie am liebsten sagen. Ich bin doch keine Staatskrise. Auch keine Ehekrise. Oder eine Arbeitsmarktkrise. Ich bin nur eine einfache Schreibkrise.

Du kannst sie nicht gebrauchen, das willst du ihr klar machen, während sie dich an den Stuhl fesselt. Sie knebelt dich nicht, weil du von ihr erzählen sollst. Aber mit Schreiben ist nichts.

Und dann sitzt sie auf deinem Schreibtisch und beobachtet dich.

Wie überlistet man sie? Wie brät man ihr eins über und kommt sauber aus der Sache raus? Du müsstest sie später auch verschwinden lassen. Du könntest ihren Körper zerlegen. Mit einer Säge? Du hast doch überhaupt keine.

Was für ein schäbiges Arschloch, denkst du. Stürmt hier rein, so kurz vor dem Weltuntergang und bedroht mich und zwingt mich, nichts über sie oder den Weltuntergang zu schreiben.

Während sich die Krise in der Küche einen Salat und später noch einen Drink zubereitet, durchdenkst du die Angelegenheit wieder und wieder, bis dir schließlich die rettende Idee kommt.

Du beugst dich mit der Nase über die Tastatur (wie konnte diese dämliche Krise dich nur direkt vor deinem Schreibtisch absetzen) und tippst mit der Nasenspitze die ersten Worte einer neuen Erzählung, bis dir einfällt, dass du überhaupt keine Zeit zu verlieren hast. Es muss schneller gehen. Muss eine Notiz werden, die du in deinem Blog sofort veröffentlichen kannst.

Und während deine Nase große Weltliteratur hackt, krümmt sich die Krise bereits auf dem Küchenboden. So wird es was. So kriegst du sie klein.

Sie röchelt. Du hebst den Kopf und liest leise: “Das überfällt dich. Plötzlich. Du kannst es ja gar nicht aufhalten. Es tritt aus dem Regen oder dem Schnee mit einer geladenen Waffe vor dich. Hände hoch! Rühr dich nicht! Es drängt dich in deine Wohnung.”

Wort für Wort stirbt die Krise ein wenig mehr. Sie ist schon ganz hohl, sie sieht – um es wieder mal einzubauen – bereits wie ein Schweizer Käse aus.

 

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