Wenn man den Tag so ruhig und unbesonnen in seinem Wohnzimmer ablegen durfte, fällt es schwer, ihn noch einmal überzustreifen, nur weil es die Etikette des Jahreswechsels verlangt. Was für ein Theater um einen Satz neuer Monate, die in einem Jahr eh wieder abgelebt sind. Man sollte nicht auf die Zeit bauen, sondern auf den, der sie pflegt. Es kommt eben auf den richtigen Umgang mit ihr an, man muss sie zu leben wissen. Dann erspart man sich auch diese ständigen Jahreswechsel.
Archiv für Dezember 2012
Zum Jahreswechsel
31. Dezember 2012Wie man im Datenstrom ersaufen sollte
31. Dezember 2012Wenn ich in meinem Bett liege, den Kopf sanft gebettet, vor mir mein Kindle, kommt es mir so vor, als wäre ich von ein paar dreisten Science-Fiction-Filmen eingeholt worden. Was vor wenigen Jahren noch undenkbar schien, ist nun zu einem Stück Realität geworden. Die Zukunft lebt jetzt, sie tobt sich aus. Das Leben verflüssigt sich. Nicht mehr lange, dann wird alles mit allem vernetzt sein, während ich als Fliege und Spinne gleichzeitig in diesem Gespinst hocke. Alles ist möglich.
Es könnte sein, dass man eine Kopie von mir erschafft. Vielleicht ist es auch schon längst geschehen. Nicht ich schreibe meine Geschichten, es könnte mein anderes Ich sein, das sie in den Morgenstunden in die Tastatur klappert. Alles sehr verwirrend.
Der (heißt es der oder doch das?) Kindle löst die gedruckten Bücher nicht ab, nicht für mich, er ist eine Erweiterung, gedacht für all die Gebrauchstexte, die ich nicht mehr als einmal lesen werde. (Die Welt ist voller Gebrauchstexte, Verbrauchstexte, die ich weitaus mehr liebe als jene Texte, die scheinbar für die Ewigkeit geschrieben wurden. Ewigkeitstexte müssen eine besondere Konsistenz aufweisen, einen stählernen Wortbau, der sie für die Reise, die nie enden soll, wappnet. Verbrauchsliteratur will gelebt, will weggelesen, will zerlesen werden. Sie ist so lebendig wie die Literatur, die ich mir wünsche. Vielleicht mag ich deshalb die US-amerikanischen Schriftsteller so sehr, weil ihre Schreibweise mich an die Kinderautoren erinnert, die ich gegenwärtig verschlinge (Ende, Dahl, Lindgren). Sie erzählen auf eine herrlich altmodische Lagerfeuerart ihre Geschichten, ohne mir dabei beständig zublinzeln zu müssen, wie es die Ewigkeitsautoren ja gerne tun. Ihr Blinzeln soll heißen: Na, habe ich das nicht gut gemacht. Da staunst du, was? Hier, dieser Satz ging über sieben Seiten, er ist berechnet worden.)
Ich mag die gute neue Zeit, die im Internet entsteht, die alles in eine Bewegung versetzt, in einen langen Strom, der unablässig in alle Richtungen fließt. Dieser Strom spült Dinge an mein Land, die ich auflese, um sie später wieder dem Wasser anzuvertrauen. Das Netz ist ein Gewässer, in dem noch jeder umkommen wird, man muss nur wissen, wie man sich töten lässt. Mein Ich ist ein Kunstprodukt, das bei Facebook Dinge mag, die es gar nicht mag, denn wenn ich mich strömen lasse, wenn ich selbst zu einem literarischen Fluss werde, überrolle ich irgendwann die Firmen mit meinen Informationen, die keinen Pfifferling wert sind.
Jetzt ist mein Kaffee kalt geworden, und dabei wollte ich längst an meinen neuen Roman arbeiten – Mensch, Rohm, reiß dich zusammen!
Was bleibt, ist Ihnen, liebe Leser:innen (auf meinen Lesungen sind hauptsächlich Frauen; Frauen sind es, die lesen, allein schon deshalb muss man sie lieben, auch wenn ich nur meine liebe, die großartige A) ein glückliches 2013 zu wünschen. Wir lesen uns im nächsten Jahr, das ja bereits mit seinem Kopf zwischen Tür und Rahmen steckt. Vielleicht lesen wir uns auch früher, weil mir irgendeine Unsinnigkeit eingefallen ist, die ich meinem Notizbuch unbedingt anvertrauen musste.
Notiz zu MOONRISE KINGDOM
30. Dezember 2012MOONRISE KINGDOM ist ein Film, der mich ausgesperrt hat. Seine Bilder, die wie mit dem Lineal gezogen wirken, gingen an mir vorüber, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Das ist beim Betrachten eines Films nicht sein Fehler. Ich hätte vermutlich genauer hinsehen müssen. So ist nichts aus uns geworden.
Dabei hatte ich mir vorgenommen, mich zu bemühen, weil ich ganz wild darauf war, einen wunderbaren Film zu sehen, einen, der mich verwirrt, betört, der die Haare nach hinten wirft, um den Ansatz einer Glatze zu offenbaren. Dieser war ein Kinderkarussell, auf das ich an diesem Tag nicht steigen wollte. Schade.
Neben dem Leben leben
30. Dezember 2012Man kann doch nicht den ganzen Tag vertrödeln und verschreiben, man muss doch auch mal leben (wo habe ich das nur gehört oder gelesen?). Ganz klar, denke ich mir, da hat jemand recht, dagegen kann man nichts sagen, und dann denke ich gegen das Denken an, denke, muss man denn wirklich leben, um gelebt zu haben, reicht es nicht aus, geträumt zu haben, sich einen Hügel angesehen zu haben, einen Regentropfen auf einem Geländer, um zu sagen, ich habe auch gelebt, irgendwie, mehr nebenher, nicht so großspurig, nicht mit großen Schritten, dafür in vielen kleinen Augenblicken, die am Ende vielleicht wie ein Leben aussehen werden, wie ein großflächiges Lebensmeer, eines, das kaum von den anderen zu unterscheiden ist. Neben dem Leben leben, das ist es.
Rückkehr von den Toten
30. Dezember 2012Die Frau, die unter uns wohnt, ist nicht gestorben. Alle dachten es, eine Nachbarin, dann noch eine Freundin oder Bekannte, ich weiß nicht, wer die Dame war, und ein Herr, der mit ihr gekommen war.
“Sie hat den Schlüssel stecken, antwortet nicht. Wir haben angerufen, so oft schon, aber sie rührt sich nicht.”
Und wieder wurde geklopft und gerüttelt, wurde nach der vermeintlich bereits Verstorbenen gerufen. Noch ein Anruf, und noch einer, so schnell kann man ja nicht aufgeben, auch wenn man vor der Tür bereits über die Beerdigung spricht, solange, bis die Tote die Tür plötzlich öffnet, lebendig wie eh und je, und sich wundert, was der ganze Auflauf soll. Bei solch einem Theater, erklärt sie ungerührt, könne man nicht schlafen, nicht einmal sie.
Provinz
30. Dezember 2012A und ich (und unsere Kinder) sitzen ja hier in der Provinz fest, und deshalb kann ich mir die meisten Filme, die mich interessieren, erst ansehen, wenn sie als DVD erscheinen. Wir müssten sonst nach Frankfurt fahren, aber dafür sind wir zu bequem, zu eigenbrötlerisch, zu besessen von unserer Wohnungshöhle, die wir nur verlassen, um in der Umgebung zu jagen. Daher kann ich mir erst heute MOONRISE KINGDOM ansehen. Und ein paar Folgen WALKING DEAD warten auch noch, auch einige Fragen, die ich beantworten soll; eine erste keucht in meinem Maileingang und bettelt um Beantwortung. Ich will sie nicht mit ein paar schnellen Worten abspeisen, also muss sie warten, während ich darüber nachdenke, was ich zu ihr sagen werde.




