Archiv für November 2012

Schatten

30. November 2012

Gernsehen 28.11.12 083

Wenn es mich überkommt, dann singe ich meine Erzählungen zur Melodie von Helge Schneiders “Katzeklo”. Wie man an der jungen Dame vorne sehen kann, goutiert man meine Darbietung mit dem Abschatten der Augen. (In Fulda ist dies die höchste Form der Beifallsbekundung.)

Über meine Missgeburten

30. November 2012

Lese ich in meinen eigenen Texten, blicke ich ihnen ins Gesicht, später, nach einem Tag, einer Woche, dann wundere ich mich manchmal. Komm mal her, sage ich zu dem einen oder anderen von ihnen, betaste seine Stirn, die aufgebläht wirkt, die Augen, die zu klein, nichts sehen können, die nahezu in seinem unförmigen Kopf verschwinden, die von ihm verschluckt werden, als würde er sich ihrer schämen.

Hässliche Textkinder tummeln sich zuhauf in meinem Haus. Sie sabbern und können nicht richtig sprechen. Ihre Gliedmaßen sind gebrochen, wirken verrenkt. Meine Natur hat es nicht gut mit ihnen gemeint. Sie sind die Früchte eines schnellen Schreibficks. Nach einer Schwangerschaftszeit von etwas zwanzig Minuten wurden sie von meinen Fingern in die Tastatur gepresst. Ein rasches Überlesen, dann wird die Nabelschnur zerschnitten. Die Copyandpasteamme trägt sie ins Säuglingszimmer meines Notizbuches. Dort wachsen sie auf, unbeachtet von mir, der ich längst andere Kinder zeuge. Kind auf Kind entsteht so, also auch die hässlichen Bälger. Hin und wieder verirrt sich eines von ihnen in meinem Blick, irrt umher, erkennt mich, will mich ansprechen, der es mustert, von oben bis unten, sich wundernd, wie mir derlei Geschöpf aus dem Füller laufen konnte.

Aber keines von ihnen wird abgetrieben oder später ersäuft, niemals. Sie sind auf der Welt und dürfen leben, auch wenn sie alleine durchkommen müssen, wenn sie sich durchschlagen müssen, irgendwie.

Und umso öfter ich sie betrachte, meine missgestalteten Texte, desto mehr Freude bereiten sie mir. Eben weil sie nicht geraten sind, wohnt ihnen ein ganz besonderes Geheimnis inne. Etwas, das man nicht verstehen kann. Nicht restlos deuten. Ihre Augen sind schwarze Seen, die weder Tiefe noch Leben erahnen lassen, sonder nur eine Dunkelheit, die kein Licht einlässt. Alles und jeden sperren sie aus, meine behinderten Textkinder, die kaum stehen können, geschweige denn einen graden Satz zuwege bringen. Sie wohnen in sich, bleiben tief in ihrem Selbst. Dort harren sie der Welt, die sie nicht verstehen. Kein Gespräch entsteht. Der Leser bleibt außen vor. Ein Zaungast, der in einen Zoo blickt, der mit Freaks bald überlaufen wird.

Ich werde mich nicht um all meine Missgeburten kümmern können, aber ich werde keines von ihnen, tippt es mich zaghaft an, zupft es mich am Ärmel, von mir stoßen. Ich werde es in den Arm nehmen und wiegen, werde ihm ein Schlaflied summen. Und dann werde ich an ihm riechen, werde ich es fühlen; abtasten werde ich es, werde wissen, dass es eines meiner zahlreichen Textkinder ist.

Es gehört zu mir, weil ich es zeugte. Es ist einzigartig. Das sollte es nie vergessen.

Warnung vor der Warnung

30. November 2012

Eine Warnung

Es sind die Warnungen, die sich verkleiden und abhalten wollen. Sie schlüpfen in die verschiedensten Rollen, füllen alles aus. Hören Sie lieber nicht zu! Lauschen Sie ihnen nicht! Denken Sie nicht darüber nach! Die Warnungen beugen sich mit einem Lächeln zu unseren Köpfen hinunter und flüstern. Niemand, der sie aus der Ferne sieht, würde vermuten, dass sie tun, was sie tun. Meist sind die Warnungen noch mit etwas anderem beschäftigt. Mit unterrichten. Mit regieren. Mit dem Setzen von Steinen. Normal wirken sie, unscheinbar. Sie führen Leben, die wie Tropfen im Gesellschaftsmeer aufgehen, die darin verschwinden. Sie sind das Meer. Behaupten es von sich. Deshalb, weil sie die große Wassermasse zu vertreten meinen, warnen sie ja auch. Sie beobachten unablässig. Das Beobachten ist ihnen kein beobachten, sondern ein hinsehen. Wie sollten sie wegsehen, so argumentieren sie, wo die Augen doch auf die Dinge fallen. Die Ohren auch. Alles an ihnen fällt nicht auf, aber auf die Gegebenheiten, um sie bald schon mit einem Warnschild zu besetzen. Da die Warner vor allem warnen, warnen sie auch vor Warnschildern. (Dieses und jenes könne nicht sein, es ginge nicht an. Wo käme man denn hin, wenn Brachland zur Verbotszone würde, und dies nur eines Warnschilds wegen.) Sie warnen davor, sich vor der Warnung abschrecken zu lassen, denn die Warnung ist dem Warner kein Beruf. Sie ist seine Lebensaufgabe, sein Steckenpferd, seine Leidenschaft, sein Leben. Der Warner atmet die Warnung. Sie fliegt aus seinem Mund, nicht, weil sie einen Sinn ergeben,  sondern weil sie ausgesprochen werden muss. Was bliebe vom Warner übrig, könne er nicht mehr warnen? Nichts! (So sieht es der Warner und warnt davor.) Ein Kellner, ein Lehrer, ein Politiker, ein Schriftsteller. Er wäre nur einer von vielen. Ein Opfer. Er weiß es. Was mit ihm geschehen könnte, dürfte er nicht mehr warnen, liegt ihm klar auf der Hand. Es ist ihm eine Warnung, die er so nicht stehen lassen kann.

Gewarnt sollte man sein, wenn man auf Menschen trifft, die einen warnen wollen.

Auch Kindesmissbrauch muss hier zur Anzeige gebracht werden

29. November 2012

Eine Anklage

Das Leben führt Klage, die Literatur hätte es beschrieben. Abgeschrieben habe es. Das käme einer Todeserklärung gleich. Derart verkäme die Literatur zum Totenschein. So könne, so dürfe man nicht mit ihm umgehen, nicht mit ihm: dem Leben.

Das Gegenteil des Todes wäre es. Eine Gegenerklärung zum Tod. Totenscheine seien da überflüssig. Und somit auch die gesamte  Literatur. Ein Widerruf sei nötig. Sei zu erwarten. Das Leben verlange ihn. In schriftlicher Form habe selbiger zu erfolgen. Erzählen solle sie, beschreiben und berichten, wie und wann es zum Abschreiben gekommen sei. Denn wenn, so wie gesichtet, die Literatur das Leben abgeschrieben habe, dann läge der Verdacht des Betruges nahe. Es könne eine Klassenkonferenz einberufen werden. Die Literatur würde wiederholt werden müssen, denn so könne man die vorliegende Arbeit nicht anerkennen. Dies alles sei kein Kavaliersdelikt. Ein Delikt in jedem Fall. Ein Verbrechen. Ein Klassenbucheintrag müsse folgen, wenn nicht gar ein Verweis.

Das Leben will es sich nicht länger gefallen lassen, Objekt der Literatur zu sein. Wie käme man sich denn da vor? Wie ein Gebrauchsgegenstand, ein Ding, das von jedermannfrau beschrieben werden darf. Eine Vergewaltigung sei es. Ein Missbrauch im Hinterzimmer der Zeit, die, so das Leben, auch bereits über eine Klage nachdenke, da sie, so höre man, zu oft schon von der Literatur ins Seitenbett gezerrt worden sei.

Und die Zeit, so das Leben weiter, sei noch minderjährig, bei der kleinen Menge an Jahren, die sie auf dem Kinderbuckel habe, müsse man hier, das Leben ziert sich einen kleinen Augenblick, das Wort Pädophilie ins Feld führen.

Wie man hört, sind alle Klagen beim Obersten Gedichthof eingereicht worden.

Den Dingen eine Geschichte schenken

29. November 2012

Die Dinge, die hinter mir liegen, verschwinden im Abendrot. Sie liegen auf einer Bank, vergessen, während ich auf der Pritsche eines Lastwagens sitze und mir den Kopf halte, durch die Nacht brausend, dem Morgen entgegen. Wind schlägt mir, der ich der Abwechslung wegen manchmal stehe, ins Gesicht, ein Wind, der von vorne kommt, aus der Zukunft, in die wir rasen. Straße ist ein Stück Zeit. Autos sind Zeitmaschinen. Ich holpere über die Zeit, werde von der Maschine, die jede Zeitunebenheit zur Kenntnis nimmt, die sie aufnimmt und weiterleitet, durchgeschüttelt. Die Zeitmaschine,  auf deren Pritsche ich lebe, ist alt. Der Rost hat sich in sie verbissen wie ein stürmischer Liebhaber, der seine Geliebte zum Fressen gern hat. Müllreste (dies könnte ein ehemaliger Müllwagen sein) verkümmern in den Ecken. Dort, eine Brotscheibe ohne Belag, die aussieht, als wäre sie vom Teller ihres Besitzers gerissen worden, einfach so, man mag sich gar nicht vorstellen, was geschah. Vielleicht wurde er verhaftet, vielleicht traf ihn der Tod, bevor er sein Frühstück angehen konnte. In der Zeitmaschine finden sich allerlei Dinge, die ich nicht gebrauchen kann, die aber etwas mit ihren Vorbesitzern zu tun haben müssen, und die mir etwas erzählen wollen, dass ich nicht verstehe. Zu abstrakt sind ihre Geschichten. Ein Gürtel liegt dort. Ein halbe Packung Tempos. Ein Buch ohne Titel und Inhalt. (Ja, es sind tatsächlich leere Seiten, drum stecke ich das Buch ein, in der Hoffnung, bald noch einen Stift ergattern zu können, um die Seiten bei Gelegenheit zu füllen. Ich könnte aus dem Buch ohne Inhalt ein Notizbuch machen. Ein Notizbuch wäre eine feine Sache, denke ich, denn dann fänden all die Gedanken und all die Sachen, die ich hier hinten auf der Pritsche dieses Zeitmaschinenlastwagens noch finde oder bereits geortet habe, ein neues Zuhause. Ich könnte den Dingen, die scheinbar keine Geschichte haben, eine Geschichte schenken.)

Der Wagen donnert weiter, direkt in den neuen Tag hinein, immer weiter Richtung Zukunft. Ich halte mir weiterhin den Kopf und genieße die aufkommende Morgenbrise.

Alles Lüge

28. November 2012

Ein Vorstellungsgespräch mit dem Selbst

Jetzt regiert wieder die Vorstellung über die Vorstellung. Ich stelle mir vor, was alles geschehen könnte, aber noch nicht passiert ist. Ungeschehenes wird in den Kopf fantasiert, wird in ihm produziert. Ein kleines Filmstudio wird im Hirn errichtet. Das Grau dort oben wird mit Tischen und Stühlen bestückt. Scheinwerfer werden errichtet. Kameras aufgestellt. Schaufensterpuppen auf Stühlen platziert. Kerzen werden entzündet. Alles andere wird verdrängt. Die Vorstellung über die Vorstellung füllt alles aus. Sie verdrängt die Restgedanken, die sich in den Keller zurückziehen, die im Unterbewusstsein hocken, bis der Fliegerangriff der momentan herrschenden Vorstellung vorüber ist. Gewaltsam schreitet sie. Nimmt Platz an einem Tisch und liest das bereits Geschriebene. Merkwürdig leise ist sie, die herrschende Vorstellung. Anderes hätte man von einem Diktator erwartet. Vielleicht tut er aber auch bewusst, was er tut. Angst will er mir einjagen, will sie in meiner Vorstellung detonieren lassen, um so die Realität, die der Vorstellung auf dem Fuße folgt, zu verwüsten. Die Fantasie müht sich darum, die realen Vorgänge bereits jetzt zu ordnen. Nicht zu meinen Gunsten, wie ich vermute. Auch dies nur eine weitere Vorstellung, eine Wahnbildvorstellung, die mir etwas einreden will, von dem ich nicht weiß, ob es so oder so (oder ganz anders) ist (oder werden wird). Die Wahnvorstellung ist meine Lieblingsvorstellung, weil sie der Fantasie Flügel verleiht. (Achtung: Eben saßen Sie einer versteckten Werbung auf!) Ist die Wahnvorstellung erst aktiviert, ist alles zu spät. Sie galoppiert mit meinen Kopfgegebenheiten auf und davon. Meist ist sie in der Ferne noch wahrzunehmen. Um sie zu deuten, sie zu interpretieren, bedienen ich mich einer weiteren Vorstellung. (Was für ein Vorstellungsalat!) Ich stelle mir dann also vor, was die Wahnvorstellung sich vorstellen könnte. Wirrwarr entsteht, den ich aufschreibe, so wie in diesem Fall. (Dies ist ein Notizzettel. Hier darf es stehen.)

Nichts ist wirklich, weil da Gedanken sind, die sich Gedanken über Gedanken machen, so wie an diesem Morgen, da ich mir meine Abendvorstellung bereits am frühen Morgen vorstelle. Nichts wird so kommen, wie es von mir in den Kopf gestellt wurde.

Es wird meine Nachstellung sein, die das Geschehene nachspielt, um feststellen zu müssen, dass auch meine Erinnerung ein Lügenbaron ist, der mich am eigenen Schopf aus dem Sumpf der Vergangenheit ans Fantasielicht zieht.

Alles Lüge, aber dies zumindest scheint mir wahr zu sein.


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 52 Followern an